Shutdown Italien
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Corona-Turbulenzen

Italien wird heruntergefahren

Alle nicht lebensnotwendigen Produktionsaktivitäten werden eingeschränkt.
Kolumne von
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Gerhard Mumelter22.03.2020
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Spät, aber doch: Nach 5000 Toten hat sich Italiens Regierung endlich entschlossen, alle nicht lebensnotwendigen Produktionsaktivitäten einzustellen. In einer Ansprache an die Nation verwies Premier Giuseppe Conte auf die "crisi più grave dalla seconda guerra mondiale". Supermärkte, Banken, Post, Apotheken und und alle lebensnotwendigen Einrichtungen bleiben geöffnet. "Sono misure severe, ma non abbiamo alternative. Solo così possiamo tutelare noi stessi ed i nostri familiari. Rallentiamo il nostro motore produttivo, ma non lo fermiamo."  
 
Vor allem Regionen, Gemeinden und Gewerkschaften hatten Druck auf die Regierung ausgeübt und eine entsprechende Entscheidung gefordert. Die dramatische Verbreitung des Corona-Virus war in den vergangenen Wochen weitgehend auf die Disziplinlosigkeit der Bevölkerung zurückzuführen. Als die Ansteckungsgefahr längst bekannt war, sassen Gruppen junger Leute sorglos beim gewohnten Aperitif an Mailands navigli zusammen und die Bars waren bis Mitternacht voll. Als die Erklärung der Lombardei zum Sperrgebiet durchsickerte, konnten Tausende in Mailand lebende Süditaliener ungehindert Züge und Busse stürmen, um in ihre Heimatregionen zurückzukehren. Dort haben viele bereits ihre Familienangehörigen angesteckt. Gemeinsame Abendessen und und Fussballspiele unter Jugendlichen sind dort an der Tagesordnung und die Zahl der Anzeigen häuft sich.
 
Als grösste Illusion hat sich freilich die Hoffnung entpuppt, man könne im Dreieck Mailand, Brescia und Bergamo, einem der grössten Industriegebiete Europas trotz Coronavirus einfach weiterarbeiten wie bisher. Dort war die Zahl der Toten so hoch wie nirgends sonst in Italien und die Leichen der Opfer mussten im Schatten der Dunkelheit in Krematorien anderer Provinzen gebracht werden.
Völlig unangemessen war hingegen der Tonfall, mit dem Premier Giuseppe Conte aus dem rechten Lager angegriffen wurde. Giorgia Meloni: "Conte dimostra di non essere in grado di gestire l´emergenza. Sono intollerabili i metodi di comunicazione da regime totalitario utilizzati dal governo."
 
Die krassesten Fehltritte im Zusammenhang mit der Pandemie aber leistete sich Lega-Chef Matteo Salvini, der seine Meinung gleich mehrmals wechselte. Am 21. Februar forderte er nach ersten Warnungen von Wissenschaftlern zur Schliessung von Betrieben und Geschäften auf: "Ascoltiamo la Comunità scientifica: blindiamo, sigilliamo i nostri confini! È meglio controllare adesso che piangere dopo." Am 24. Februar rief Salvini zum Gegenteil auf: "Riaprire tutto quello che si può riaprire." Am 10. März folgte eine neue Mahnung: "Esco preoccupato dalla'incontro con il governo. Abbiamo chiesto misure forti drastiche subito: chiudere tutto adesso per ripartire sani. Fermi tutti ! Per i giorni necessari mettiamo in sicurezza la salute di 60 milioni di italiani. Chiudere prima che sia tardi." Am Wochenende forderte Salvini eine Audienz beim Staatspräsidenten: "Chiediamo ufficialmente di essere convocati."
Sergio Mattarella hat indessen keine Mühe, den richtigen Ton zu finden. In einem Schreiben an seinen deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier äussert er die Hoffnung, "che l'esperienza che per prima l'Italia si è trovata a sviluppare per contrastare il contagio possa  risultare utile per tutta l'Europa e a livello globale".

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Kommentare

Bild des Benutzers Rufer Peter (gesperrt)
Rufer Peter (gesperrt) 22.03.2020, 17:10

Die Wirtschaft wird sich nach diesem Problem neu sortieren müssen. Auch diverse Massnahmen in den Bereichen Produktion bestimmter Güter, deren Verfügungsmöglichkeiten, und künftiger Sicherheitsvorsorge müssen auch neu geregelt werden. Nachdem in dem Fall aber alle wichtigen Industrieländer mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, kommen bisher solide aufgestellte Staaten wieder schneller in die Spur. Deshalb wird Österreich und Deutschland auch mit ihrem Sozial- Ausbildungs- und Kapitalsystem zwar im internationalen Vergleich nicht ohne Blessuren wegkommen, werden sich aber verhältnismässig schnell wieder erholen. Nur, wie lange die Krise andauert und wer auch hier tatsächlich abstürzt, ist derzeit eben nicht abschätzbar.

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