Ingo Dejaco

Der ehemalige Kino-Saal im Astra.

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Brixen

So viel Platz darf sein

Im ehemaligen Astra-Kino in Brixen soll ein Zentrum für junge Kultur entstehen. Damit "vielfach Verkanntes" sichtbar und möglich gemacht wird.
Von
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Lisa Maria Gasser23.04.2016
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Man nehme: ein aufgelassenes Kino, eine engagierte Gruppe junger Menschen, eine gehörige Portion Kreativität, und? Mehr braucht es eigentlich nicht, um Neues zu schaffen. Wie das Beispiel von Brixen zeigt. Im Herbst soll mit der Realisierung eines bislang einzigartigen Projekts in der Bischofsstadt begonnen werden. Es geht um das Ex-Astra. Genauer gesagt, um das Gebäude mit der rötlichen Fassade, das an der Kreuzung zwischen Rom- und Dantestraße steht. Derzeit ungenutzt. In den 1930er Jahren von den Faschisten zur “körperlichen und moralischen Ertüchtigung der italienischen Jugend” erbaut, lange Zeit als Kino genutzt, soll die Struktur nun einem neuen Zweck zugeführt werden. Ein “Zentrum für junge Kultur” soll entstehen. Und zur Heimstätte von neuen, alternativen und informellen Initiativen im Bereich Musik, Kunst, Theater, Film, Literatur… werden.


Dem Verkannten zu Anerkennung verhelfen

Die Idee dazu wurde vor sieben Jahren geboren. Bereits 2009 machte man sich in Brixen Gedanken, wie und vor allem wo man junge, alternative Kultur sichtbar beziehungsweise überhaupt erst möglich machen könnte. Denn auch an Brixen zieht der Kampf um Anerkennung und Freiräume an der jungen und alternativen Kulturszene nicht spurlos vorbei. Es ist kein Geheimnis, dass die Bischofsstadt boomt. “Das Spektrum junger kreativer Kulturschaffender ist breit an Disziplinen: traditionell stark im musikalischen Bereich, innovativ im Theater und lebhaft bei neuen Kultursparten wie dem Poetry Slam und einigen anderen.” So bringen es die Mitglieder jener Arbeitsgruppe auf den Punkt, die sich seit mittlerweile mehreren Jahren mit der Überlegung beschäftigt, einen geeigneten Raum für diese “vielfach verkannte” pulsierende junge Kultur zu finden.

Außenansicht. Foto: Facebook/ASTRA - Zentrum für junge Kultur

“Heute ist der ‘Underground’ längst akzeptiert und die Vielfalt der Kulturangebote als Reichtum zwar anerkannt; die für die Ausübung junger Kultur benötigten Freiräume hingegen werden der jungen Kultur (zu) oft allerdings nicht anerkannt”, haben die Initiatoren, die sich für das Astra als neues Zentrum für junge Kultur stark machen, beobachtet. 2014 kam dann zum ersten Mal die Vision vom ‘neuen’ Astra auf, nachdem junge Leute nach der Stilllegung des Kino-Betriebs begonnen hatten, vereinzelt Veranstaltungen dort zu organisieren.


So viel braucht es nicht

Raus aus den Nischen – hinein in das Zentrum der Stadt und das tägliche gesellschaftliche Leben. Und zugleich die junge Brixner Kultur, die aus Mangel an Alternativen, häufig ins nahe gelegene Bruneck oder nach Bozen ausweicht und sich in Studentenstädten wie Innsbruck, Wien, Bologna, Padova und Verona formiert, wieder ‘nach Hause’ holen. So lautet die Devise. Einer, der von Anfang an dabei ist, die Idee also von unten mit nach oben getragen hat, ist Ingo Dejaco. Heute sitzt er im Brixner Gemeinderat. In Bürgermeister Peter Brunner hat er und seine Mitstreiter einen Stadtverwalter gefunden, der “sofort dabei” war, als es 2015 darum ging, das Vorprojekt für das ‘neue’ Astra auszuarbeiten. Der Kino-Betrieb steht nun lange genug still, jetzt soll die Struktur zu neuem Leben erwachen und mit solchem erfüllt werden.

So soll das Astra in Zukunft aussehen. Grafik: MoDus Architects

Die künftigen Nutzer, sprich junge erwachsene Kulturschaffende, werden von der Arbeitsgruppe um Ingo Dejaco in den Planungsprozess eingebunden. Ende März wurde ein halbtägiger Workshop organisiert, zu dem Vertreter aller kulturellen Sparten – Film, Theater, den verschiedenen Musikszenen, Kunst – geladen waren. “Dabei wurde die Vision entwickelt, dass nur die allernotwendigsten Sanierungsarbeiten am Astra vorgenommen werden sollen”, berichtet Dejaco. Denn die Struktur soll so flexibel wie möglich genutzt werden können und allen, die sie nutzen wollen, den nötigen Freiraum bieten.

“Während sich traditionelle und erprobte Kulturträger ihren ‘Raum’ weitgehend gesichert haben (ohne deren Aktivitäten in irgendeiner Weise schmälern zu wollen), leiden neue und informelle Kulturformen und -sparten häufig in besonderem Maße an bürokratischen Auflagen und nicht verfügbaren Freiräumen.”


Alternativ – autonom – Astra

Kein Jugendzentrum, sondern ein niederschwelliger Treff- und Vernetzungspunkt für die unterschiedlichsten (kulturellen) Eigeninitiativen, das soll das Astra werden. Auch sieht man sich selbst nicht als Konkurrenz für die etablierte Kultur- und Veranstaltungsangebot. “Solche Kritik ist deplatziert, das Astra ist eine reine Bereicherung für die Brixner Szene”, betont Ingo Dejaco. Gerade weil es eben jener, jungen, alternativen Kultur einen Raum gibt, die ihn bislang nicht hatte. “So in etwa nach dem Vorbild des Ost West Club in Meran”, erklärt Dejaco. Noch gilt es, die Frage zu klären, wer die Struktur nach der Fertigstellung – voraussichtlich Ende 2017, Anfang 2018 – führen wird. Dabei ist ein kleiner Glaubenskrieg entbrannt. Mancher Stadtpolitiker würde die Führung gern den Jugendzentren übertragen. Doch das dürfte nicht im Sinne der Astra-Visionäre sein. “Ja, das ist eine heikle Frage”, bestätigt Dejaco, “das künftige Zentrum muss nämlich eine gewisse Autonomie behalten, daher stellen wir uns eine Führung auf breiter Ebene vor”.

“Alternativo Lungo”, so lautete die erste von Astra 2.0 im Ex-Astra organisierte Abendveranstaltung am Freitag, 15. April. Foto: astra.bz.it

In Frage käme auch der erst vor wenigen Monaten ins Leben gerufene Kulturverein Astra 2.0. Dessen Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, Konzerte, Ausstellungen, Workshops, Diskussionsabende und weitere Veranstaltungen zu organisieren – auch im Ex-Astra-Kino. “Die Lösung der Führungs-Frage wird in einem partizipativen Prozess gefunden werden”, verspricht Ingo Dejaco. Er ist inzwischen offiziell von Bürgermeister Brunner als Beauftragter für das Astra erkoren worden. Die Gemeinde hat auch bereits Gelder für die anfallenden Sanierungsarbeiten, darunter das Dach und das Fundament, eingeplant. Insgesamt rechnet man mit Gesamtkosten von 2,4 Millionen Euro. Eine Investition, die zwischen Gemeinde Brixen und dem Land Südtirol aufgeteilt wird. Und sich angesichts der zu erwartenden Früchte, die die Initiative tragen wird, durchaus lohnen dürfte.

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Kommentare

Bild des Benutzers Thomas Kobler
Thomas Kobler 23.04.2016, 14:38
Es freut uns sehr, wenn der ost west club mittlerweile für andere junge Kulturprojekte als Vorbild dient. Wir wünschen den Brixnern viel Erfolg!
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