Gasslitter, Stefan
SIAG AG
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Informatik

„Wir müssen weg vom Schrebergarten“

Der Direktor der Südtiroler Informatik AG, Stefan Gasslitter, über öffentliche Verwaltung, die inklusive Digitalisierung, die Gefahr von Hackerangriffen und die Politik.
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Salto.bz: Herr Gasslitter, Sie wurden erst vor kurzem als Direktor der Südtirol Informatik AG (SIAG) für weitere vier Jahre wiederbestätigt. Vor vier Jahren bei Ihrer Berufung hat es eine lange Polemik gegeben, weil Ihnen angeblich die Voraussetzungen für diese Führungsposition fehlen. Ist diese Kritik verhallt?
 
Stefan Gasslitter: Natürlich ist diese Verlängerung meines Führungsauftrages auch für mich eine gewisse Bestätigung. Es ist für mich eine supertolle Aufgabe für die nächsten vier Jahre. Von der damaligen Kritik habe ich nichts mehr gehört. Es scheint also kein Problem mehr zu sein. Die Menschen und mein Umfeld haben sich an mich gewöhnt.
 
Das heißt: Die Politik und die Landesverwaltung sind zufrieden mit Ihrer Arbeit?
 
Ich gehe davon aus und hoffe es.
 
Die SIAG hat seit vielen Jahren aber eher einen zweifelhaften Ruf?
 
Wir kämpfen weiterhin, diesen Ruf zu verbessern, was aber alles andere als einfach ist. Wir machen als Unternehmen sicher viele gute Dinge und die Informatik AG hat in vielen Bereichen wirklich sehr große Kompetenzen. Aber es menschelt und wir sind sicher nicht perfekt. Es gibt also noch zu viel zu tun. Mein und unsere Ziel ist es, in den nächsten vier Jahren die beste Inhouse-Gesellschaft Italiens zu werden.
 
Im Bereich der Landesinformatik gibt es drei verschiedene Player. Die Informatikabteilung des Landes, die SIAG und die Landesgesellschaft Infranet AG. Diese drei Unternehmen machen teilweise dasselbe und niemand versteht genau, wer für was zuständig ist?
 
Es gibt nicht nur diese drei Akteure, sondern auch noch einige andere öffentliche Betriebe, die in diesem Bereich operieren. Hier wäre ein strategischer Eingriff von oben, von der Politik bzw. von der Landesverwaltung natürlich sinnvoll, um den Bereich neu zu strukturieren. Auch weil die Herausforderungen sich geändert und die Aufgaben deutlich zugenommen haben. Gerade deshalb wäre es wünschenswert, dass es hier zu einer klaren strategischen Neuausrichtung kommt.
Es gibt seit Jahren ein gewisses Kompetenz-Gerangel, weil die Zuständigkeiten einfach nicht klar definiert sind.
Warum braucht es aber die Informatikabteilung des Landes und parallel dazu die Informatik AG? Wäre es nicht sinnvoller, diese beiden Akteure in einem Unternehmen zu bündeln?
 
Ich halte das Vier-Augen-Prinzip grundsätzlich für gut und sinnvoll, wenn dieses Prinzip konsequent durchgeführt wird. Leider ist das aber nicht der Fall. Dass es neben der SIAG AG auch eine ausführende Abteilung gibt, ist gut. Aber es braucht darüber eine klare Governance. Hier fehlt es. Es gibt seit Jahren ein gewisses Kompetenz-Gerangel, weil die Zuständigkeiten einfach nicht klar definiert sind. Auch deshalb braucht es eine strategische Neuaufstellung der Kompetenzen.
 
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SIAG-Sitz in Bozen Süd: "Es braucht eine strategische Neuaufstellung der Kompetenzen."
 
 
Sie sagen: Man muss diese Zweigleisigkeit überdenken?
 
Es geht um weit mehr. Die Digitalisierung muss man bereichsübergreifend sehen. Man muss schauen, was macht die Sanität, was machen die Gesellschaften des Landes, was machen die Gemeinden. Hier hat jeder noch seinen eigenen Schrebergarten. Genau das ist aber nicht zielführend.
 
Die Infranet AG, die das Südtiroler Glasfaser auf- und ausbauen soll, ist ein völliger Rohrkrepierer? Finanziell ein Fass ohne Boden, kommt diese Landesgesellschaft kaum weiter.
 
Die Infranet ist in einer ganz schwierigen Position. Zum einen bewegt sie ich in einem hoch regulierten Markt und zum anderen gab es in den letzten Jahren immer wieder Wechsel und Änderungen. Dieses viele Hin und Her hat dem Unternehmen sicher nicht gutgetan.
 
Die sogenannte letzte Meile scheint beim Glasfasernetz in Südtirol eine Art Everest zu sein?
 
Das ist in der Tat so. Ich wohne in Bozen und dort, wo ich wohne, bekomme ich auch keine Glasfaser. Sie müssen denken: in der Landeshauptstadt. Aber die Investitionen zur Realisierung der letzten Meile sind sehr hoch und es ist immer noch nicht klar, wer macht sie, wie wird sie gemacht und welche Plan gibt es landesweit. Hier gibt es einiges nachzuholen.
 
Ein Versagen der Politik?
 
(lacht) Lassen Sie mich so antworten: In den vergangenen Jahren war das Breitband eine Kompetenz von Landesrat Thomas Widmann und mit seinem Ausscheiden ist der Bereich jetzt auf den Landeshauptmann übergegangen. Ich habe große Hoffnungen, dass diese Dinge jetzt endlich geregelt werden.
 
Dabei wirft man Arno Kompatscher immer wieder Entscheidungsschwäche vor?
 
Das kann ich nicht sagen. Ich habe im Landeshauptmann immer einen Gesprächspartner gefunden, der extrem schnell versteht, die Sachverhalte unmittelbar aufnimmt und auch Entscheidungen trifft. In jenen Fragen, die mich und uns betreffen, kann ich jedenfalls nicht behaupten, dass er entscheidungsschwach ist. Für mich ist er die beste Wahl.
 
Gasslitter, Stefan
SIAG-Direktor Stefan Gasslitter: "Ich halte das Vier-Augen-Prinzip grundsätzlich für gut und sinnvoll, wenn dieses Prinzip konsequent durchgeführt wird."
 
 
Sie haben die Südtiroler Sanität angesprochen. Das dortige IT-System ist eine Never-Ending-Skandal-Story?
 
(Atmet durch) Das Problem dort ist eine Organisations- und nicht eine IT-Frage. Der Zustand der Informatik ist immer nur ein Spiegelbild des Zustandes des Unternehmens oder der Organisation. Auf beiden Seiten muss viel gearbeitet werden. Die IT-Abteilung in der Sanität hat unzählige Probleme. Es gibt vieles neu zu machen und noch mehr aus der Vergangenheit aufzuräumen. Aber dazu braucht man die Unterstützung aus der Organisation. Aus der Führungsebene. Nur dann kann man diese Problem wirklich lösen. Wenn oben nicht zusammengearbeitet wird, kommt man nicht weiter.
Der Zustand der Informatik ist immer nur ein Spiegelbild des Zustandes des Unternehmens oder der Organisation.
Die galoppierende Informatisierung unserer Gesellschaft bringt vielfältige Probleme mit sich. Die Volksanwältin hat in ihrem Bericht im Landtag Alarm geschlagen, dass vor allem alte Menschen mit dieser Technik überfordert sind.
 
Das ist ein wichtiger Punkt, der stimmt. Es muss deshalb unser ganz großes Anliegen sein, eine inklusive Digitalisierung umzusetzen. In der Frage der Umsetzung gibt es dazu verschiedene Ansichten. Aber die Grundrichtung ist klar: Wir dürfen niemanden hinten lassen. Es gibt die technischen Möglichkeiten und die konkreten Vorschläge, um Südtirol inklusiv zu digitalisieren. Digitalisierung ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern ein gesamt-gesellschaftlicher Diskurs, der gemacht werden muss. Dabei geht es nicht nur um die öffentliche Verwaltung. Alle müssen ihren Beitrag dazu leisten. Auch die Privatunternehmen und die Bürgerinnen und Bürger.
 
Wäre es nicht das einfachste, wenn die öffentliche Hand sogenannte "IT-Badanti" den Menschen zur Verfügung stellen würde?
 
Das gibt es bereits. Die Landesverwaltung hat mit der Lepida, der Inhouse-Gesellschaft der Region Emilia Romagna, einen deutschsprachigen SPID entwickelt, der in den Gemeinden ausgestellt werden kann. Das langfristige Ziel: Erhält ein Bürger oder eine Bürgerin in Zukunft eine neue Identitätskarte, bekommt er/sie auch den SPID. Von diesem Ziel dürften wir nicht mehr weit entfernt sein. Auch diese Entwicklung war und ist ein persönliches Anliegen von Kompatscher. Der Landeshauptmann hat mehrmals darauf gedrängt, dass das umgesetzt wird.
 
Eine andere schwierige Herausforderung ist die ansteigende Cyberkriminalität und die Zunahme der Hackerangriffe auch in Südtirol.
 
Ja, das ist ganz schlimm. Wir sehen das an unseren Analysen. Wir müssen täglich aufpassen, welche neuen Angriffsmethoden und -taktiken angewandt werden und welche Schutzmechanismen dagegen eingesetzt werden können. Hier besteht eine große Sensibilität in der Landesverwaltung. Wir sind die einzige Provinz oder Region Italiens, die Kurse für alle Mitarbeiter durchgeführt hat, um der Cyberkriminalität vorzubeugen.

Wie groß ist die Gefahr wirklich?
 
Riesengroß. Das Land Kärnten zum Beispiel ist seit drei Wochen teilweise gelähmt. Sie hatten einen Hackerangriff und sind dabei in große Schwierigkeiten geraten…
Die meisten Unternehmen in Südtirol schweigen über die Hackerangriffe und ziehen es vor, den Lösegeldforderungen nachzukommen. Laut Statistik wird in 75 Prozent der Fälle gezahlt.
In Südtirol könnte dasselbe passieren?
 
In Südtirol ist es sicher schon bei vielen Unternehmen passiert. Man schweigt aber dazu und zieht es vor, den Lösegeldforderungen nachzukommen. Laut Statistik wird in 75 Prozent der Fälle gezahlt. Das kann so aber nicht gut gehen. Den Lösegeldforderungen nachzukommen, ist kein gangbarer Weg. Erstens kann man nicht sicher sein, dass der Schlüssel, den man zur Wiederherstellung der Daten bekommt, wirklich funktioniert. Und zweitens leistet man mit dieser Haltung einem Verbrechen Vorschuss. Die Botschaft: Wunderbar, nehmt uns aus wie eine Weihnachtsgans, zu 75 Prozent zahlen wir.
 
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Computerhacker: "Wir haben rund 30.000 automatisierte Angriffe am Tag"
 
 
Sind Sie sicher, dass morgen nicht die Südtiroler Landesverwaltung durch Hacker lahmgelegt wird?

Wir sind gut aufgestellt. Aber es gibt keine absolute Sicherheit. Wir kämpfen jeden Tag. Es ist das Verdienst des ehemaligen Abteilungsdirektors Kurt Pöhl, dass er in der IT-Steuerung Landesverwaltung, Gemeinden, Region und Sanität zusammengebracht hat. In diesem Bereich arbeiten wir eng zusammen. Wir haben fünf gut ausgebildete Mitarbeiter, die die Anlagen täglich überwachen. Doch es gibt es keine Garantie. Es kann auch uns jederzeit etwas passieren.
 
Können Sie die Hackerangriffe auf die Landtagsverwaltung quantifizieren?
 
Wir haben rund 30.000 automatisierte Angriffe am Tag auf unsere Zugangstore zum Internet.
 
Auch die Ermittlungsbehörden greifen immer öfters auf den E-Mail-Verkehr der Landespolitiker und der Landesverwaltung zurück. Nehmen die entsprechenden Anfragen bei der SIAG zu?
 
Wir erleben eigentlich einen konstanten Fluss von Beschlagnahmedekreten, wo die Gerichtsbehörde E-Mail-Verkehr von Personen sicherstellen lässt. Es gibt anscheinend immer noch die weitverbreitete Meinung, dass man Dokumente unter den Tisch kehren kann, indem man E-Mails einfach löscht. Dass damit auch die Dokumente weg sind. Das ist völliger Humbug. Jedes Surfen im Internet, jedes E-Mail hinterlässt unlöschbare Spuren. Das müssen auch die Südtiroler endlich verstehen.
Es gibt anscheinend immer noch die weitverbreitete Meinung, dass man Dokumente unter den Tisch kehren kann, indem man E-Mails einfach löscht.
Sie sind vor knapp fünf Jahren von der Privatwirtschaft kommend als SIAG-Direktor in die Landesverwaltung eingestiegen. Bereuen Sie den Schritt manchmal?
 
Ja und Nein. Ich habe das große Glück, dass man mich wirklich vor eine herausfordernde Aufgabe gestellt hat, und ich gebe alles, um diese Aufgabe zu meistern. Was die Südtirol Informatik AG macht, das ist hochkomplex. Wenn wir unsere Hausaufgaben nicht richtig machen, dann funktionieren weder die Krankenhäuser noch die Schulen oder die Gemeinden. Abgesehen von der gesamten Landesverwaltung. Hier hat die SIAG eine zentrale Rolle. Was ich aber aus der Privatwirtschaft schon vermisse, ist die Tatsache, dass es dort irgendwann den Unternehmer gibt, der das letzte Wort hat. In der öffentlichen Verwaltung hingegen wird sehr viel auf Konsens gearbeitet und gemacht. Konsens ist grundsätzlich gut, aber oft hat er auch den negativen Aspekt, dass die Projekte um der allgemeinen Zustimmung willen zu lange dauern und deutlich an Qualität verlieren. Das ist für mich ein Wermutstropfen. Ich würde mir schnellere Entscheidungen und weniger Rücksicht auf gewisse Befindlichkeiten wünschen.
In der öffentlichen Verwaltung hingegen wird sehr viel auf Konsens gearbeitet. Dabei verlieren viele Projekte an Qualität.
 
Böse Zungen behaupten, dass Sie bei Ihrem Antritt in der SIAG eine Flurbereinigung durchgeführt und alle Kritiker entlassen haben?
 
Es hat einen großen Umschwung gegeben. Natürlich habe ich einen neuen Stil hineingebracht. Und jene, die mit diesem Führungsstil nicht einverstanden waren, die haben gekündigt. Es ist keiner oder keine entlassen worden. Kritik ist für mich sehr wichtig. Ich fördere sie intern auch. Meine Türen stehen für jeden Mitarbeiter offen.
 
Was wird für Sie die größte Herausforderung in den nächsten vier Jahren sein?
 
In meinem Bereich ist die größte Herausforderung, dass wir als Gesellschaft das Verständnis entwickeln, dass die Digitalisierung uns alle betrifft. Vom Neugeborenen bis zum Opa. Dass wir uns hier breit genug aufstellen und empfänglich sind für die Neuerungen, die auf uns zukommen werden. Denn sonst riskieren wir, dass wir überrollt werden. Dann werden wir die Veränderungen nicht mehr mitgestalten können, sondern wir werden von ihnen erdrückt werden.

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Kommentare

Bild des Benutzers Anonymous Südtirol
Anonymous Südtirol 30.06.2022, 08:15

Ein völlig verzerrtes und falsches Bild wird hier abgegeben.

Herr Gasslitter, ohne Uni-Abschluss und ohne ernstzunehmende informationstechnische Fachkenntnisse, ist in erster Linie ein überbezahlter Beamter (2021: €179000) der für seine Wutanfälle und seine schlechten Manieren allgemein bekannt ist. Die Stelle als Generaldirektor hat er, weil er immer und immer zuverlässig genau das tut, was ihm von oben befohlen wird. Nicht mal Englisch sprechen oder lesen kann er.

Herr Gasslitters "Führungsstil" besteht hauptsächlich aus Schikanen und massiven Einsatz von Disziplinarverfahren. Wohl der Grund warum so viele Leute die SIAG verlassen haben, immer noch verlassen und keiner dort arbeiten will.

Salto sollte sich mal umhören wie Herr Gasslitter und sein Kumpan Herr Pöhl die Informatik in Südtirol kaputtgefahren haben, wie unfassbar schlecht dabei die Mitarbeiter behandelt wurden und vor allem wie viel Geld die mangelnde Fachkenntnis und Kompetenz beider Herren dem Land gekostet hat. Wurde alles unter den Tisch gekehrt obwohl die Landesregierung sehr wohl Bescheid wusste und weiß.

Gäbe es in der SIAG nicht ein halbes Dutzend Leute die sich mit Informationstechnik auskennen, die wissen was sie tun und die Herrn Gasslitter immer wieder den Ar** retten, stünde es schlecht um die SIAG und noch schlechter um den Herrn der so gerne groß redet und trotzdem immer kleiner wird.

Bild des Benutzers karin zingerle
karin zingerle 30.06.2022, 17:10

Sehr geehrte/r Frau/Herr Anonymous Südtirol,
lade Sie recht herzlich zu einem persönlichen, konstruktiven Gespräch in die Südtiroler Informatik AG ein, bei welchem wir gerne über die im Kommentar genannten Themen/Bereiche sprechen und Einblick in die Südtiroler Informatik AG gewähren können. Als Verantwortliche des Bereiches HR & Organisationsentwicklung erwarte ich gerne Ihre Kontaktaufnahme. Sie erreichen mich persönlich unter karin.zingerle@siag.it oder gerne auch über die zentrale Telefonnummer des Unternehmens 0471/566000.

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