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Reportage

„Ich hatte Angst, mir passiere Böses"

Nigerianische Mädchen werden durch Androhung von Voodoo-Flüchen in Europa zwangsprostituiert. Es gibt aber Hoffnung auf ein Ende dieser Praktik. Ein Opfer erzählt
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Wir treffen uns in einem Café der Bozner Altstadt. Shanon* und die Mitarbeiterin eines Südtiroler Vereins zum Schutz von Opfern sexueller Ausbeutung sitzen bereits am Tisch. Die Sozialarbeiterin wirkt ruhig, im Projekt ihres Vereins begegnet sie täglich Opfern von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Sie weiß daher mit der Situation umzugehen. Shanon hingegen ist aufgeregt, ihre Augen sind leicht gerötet. Sie redet nicht jeden Tag über ihre Vergangenheit und schon gar nicht mit Jemandem von der Zeitung. Am Anfang fällt es ihr deshalb schwer, zu erzählen, sie sagt, es sei zu persönlich. Auf die Frage, warum sie dem Gespräch zugestimmt hätte und bereit gewesen wäre, sich mit mir zu treffen, tritt plötzlich Entschlossenheit in ihre Augen: „Ich wollte den Menschen zeigen, dass wir nicht alle böse sind. Viele denken, wenn sie eine schwarze Person sehen, sie sei kriminell. Ich wollte zeigen, dass es nicht so ist. Es gibt überall gute und böse Menschen. Aber nur weil einer etwas Böses tut, heißt es nicht, dass alle Menschen aus diesem Land genauso sind.“Als hätte sie sich an ihre soziale Pflicht erinnert, der Gesellschaft zu helfen, bestimmte Dinge besser zu verstehen, und Vorurteile abzubauen, fängt sie an, ihre Geschichte mit uns zu teilen...

 

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Shanon: sieben Jahre lang war sie Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Heute hat sie ihr Leben wieder selbst in die Hand genommen.

 

Shanon wird in Benin City geboren, einer Stadt im Bundesstaat Edo, im Süden von Nigeria. Als sie 16 ist, stirbt ihre Mutter. Mit ihrer jüngeren Schwester zieht sie deshalb zu ihrer Tante. Während ihrer Schulzeit arbeitet die junge Shanon nebenher eine Weile für die Gemeinde, zur Erhebung der Einwohnerzahlen. „Einige Schüler wurden angestellt, die Menschen von Benin zu zählen. Ich musste dafür von Haus zu Haus gehen und die Leute fragen, wie viele Kinder sie haben, wer noch alles in dem Haus wohnt und so weiter. Die Zahlen schrieben wir dann auf und meldeten sie der Gemeinde,“ erzählt Shanon.

Nach ihrem Abschluss nimmt das Schicksal der jungen Nigerianerin eine unerwartete Wende. Eine Frau aus der Nachbarschaft kommt auf sie zu und macht ihr ein Angebot, das sie nicht abschlagen kann. „Die Frau meinte, sie könne mir helfen, nach Europa zu kommen, und dort Arbeit zu finden und Geld zu verdienen,“erzählt Shanon. Sie beschließt daher, ihr Glück zu versuchen, und nach Italien zu gehen, mit der Hoffnung auf eine Arbeit, eine Wohnung, eine Zukunft. 2006 erreicht Shanon Turin. Sie ist damals gerade 20 Jahre alt. „Als ich hier ankam, merkte ich, dass es nicht so war, wie die ‚Madame‘ in Nigeria es mir versprochen hatte.“ Eigentlich will Shanon sofort weg aus dieser Situation, in der man sie zwingt, auf die Straße zu gehen, um für Geld mit Männern zu schlafen. Doch es ist für das junge Mädchen zu spät, denn ein böser Voodoo-Zauber, und der Schwur, den sie dabei leisten musste, haben sie an ihr Schicksal gekettet. 

Viele denken, wenn sie eine schwarze Person sehen, sie sei kriminell. Ich wollte zeigen, dass es nicht so ist. Es gibt überall gute und böse Menschen

Shanon fällt es nicht leicht zu erzählen, bei unangenehmen Fragen stockt sie, und lacht verlegen. Sie wirkt wie ein starker Mensch, der eine Schwere in sich verhüllt, die er nicht nach außen tragen will. Trotz ihrer Vergangenheit strahlt die Frau eine positive Energie aus, die es ihr wahrscheinlich ermöglicht hat, diese Zeit zu überstehen und von vorne zu beginnen. Trotzdem wird Shanon von Angst begleitet. Angst, gefunden zu werden von der Madame und wieder zurück in ihre alte Hölle zu müssen. Aus diesem Grund will Shanon nicht zu viel preisgeben aus der Zeit ihrer Ausbeutung und den Moment, als alles begann.

Aus Medien ist jedoch einiges bekannt von dieser Voodoo Praktik, die in Nigeria Juju genannt wird. 2018 erschien der Film Joy von der österreichischen Filmemacherin Sudabeh Mortezai. Er behandelt das Thema des organisierten Menschenhandels in Nigeria und erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Joy, das Opfer solcher sexuellen Ausbeutung wurde. Der Film beginnt mit dem Juju-Ritual, das von nigerianischen Priestern ausgeführt wird. Diese bekommen Geld dafür, und nutzen ihre Machtposition daher aus. Das Mädchen muss dabei einen toten Hahn über ihren Kopf schwingen, der Priester schneidet ihr eine Haarsträhne ab, und murmelt einige Zaubersprüche vor sich hin. Die junge Frau ist somit an ihr Versprechen gebunden, für die Madame, so nennen die Mädchen ihre Schlepperin, die sie nach Europa gebracht hat, zu arbeiten, um mit dem verdienten Geld ihre Schulden abzubezahlen. Macht sie es nicht, sorgt der Juju-Zauber dafür, dass ihr und ihrer Familie Schlimmes wiederfährt. Der Glaube an diese Voodo-praktiken ist weit verbreitet in manchen Gebieten von Nigeria, die Mädchen nehmen ihren Schwur daher sehr ernst, und trauen sich nicht, ihren Schleppern zu wiedersprechen oder sich an die Polizei zu wenden. Die Reise nach Europa ist teuer, viele Mädchen sind daher gezwungen, jahrelang auf den Straßenstrich zu gehen, um das Geld dafür mit Zinsen an ihre Madame abzubezahlen. 

 

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Ausschnitt aus dem Film Joy: jährlich werden zwischen 4000 und 6000 Frauen zur sexuellen Ausbeutung nach Westeuropa geschleppt. Italien ist das Land mit den meisten nigerianischen Zwangsprostituierten, Screenshot YouTube

 

Nach Schätzung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 werden jährlich zwischen 4000 und 6000 Frauen zur sexuellen Ausbeutung nach Westeuropa geschleppt. Italien gilt als das Land mit der höchsten Anzahl an nigerianischen Zwangsprostituierten, insgesamt sind laut Schätzungen ca. 8.000-10.000 auf dem Straßenstrich in Italien tätig. Der Film gibt einen guten Einblick in das Schicksal dieser Mädchen, und erhielt dafür zahlreiche internationale Auszeichnungen. Der Film handelt von einer erfundenen Geschichte, doch gehört sie zur traurigen Realität etlicher nigerianischer Frauen, und so auch zur Vergangenheit von Shanon. 

Der Glaube an diese Voodo-praktiken ist weit verbreitet, die Mädchen nehmen ihren Schwur daher sehr ernst, und trauen sich nicht, ihren Schleppern zu wiedersprechen oder sich an die Polizei zu wenden

„Ich musste tun, was die Madame befahl“, erzählt Shanon, „ansonsten wäre mir etwas Böses passiert, ich habe doch den Schwur geleistet. Ich fragte jeden Tag: ‚Wann ist es endlich vorbei? Wie lange muss ich noch hier arbeiten, um dir das Geld zurück zu zahlen?‘ Sie antwortete: ‚Ich sage dir, wann du gehen kannst. Das wirst du aber erst, sobald deine Haare anfangen, grau zu werden.‘ Ich dachte, ich komme nie weg aus dieser Situation. Also beschloss ich, zu fliehen.“

Sieben Jahre später schafft es Shanon, ihrer Gefangenschaft zu entkommen. „Ich wollte einfach nur mehr weg. So weit wie möglich. Ich dachte, wenn ich in Italien bleibe, findet sie mich. Deshalb habe ich entschlossen, nach Deutschland zu fliehen,“ erzählt die junge Frau. Doch durch Zufall, oder vielleicht war es diesmal ein guter Voodoo-Zauber, landet Shanon in Bozen. Ihr Geld reicht nicht für das Zugticket nach München aus. Der Fahrkartenkontrolleur kommt zufälligerweise in Bozen vorbei, Shanon schafft es nicht rechtzeitig, sich im Bad zu verstecken. Ohne Papiere, ohne Zugticket wird sie aus der Bahn geworfen und befindet sich nun in der Südtiroler Hauptstadt. „Ich hatte nichts. Kein Geld, keine Adresse. Ich ging also zu dem Bahnhofspark, wo ich andere Afrikaner sah, und bat sie um Hilfe. Einer nahm mich zu sich auf, und am nächsten Tag brachte er mich zu einem Haus. Er sagte zu mir: ‘Hierhin gehen viele Frauen, die Probleme haben.‘ Es war aber schon abends und niemand war dort. Er beherbergte mich also eine zweite Nacht und brachte mich am nächsten Morgen ganz früh nochmal zu dem Haus.“ So kommt Shanon in die Obhut des sozialen Vereins in Südtirol.

Es scheint, als würde die Zwangsprostitution in Benin-City jetzt nicht mehr so einfach funktionieren. Unser König, der Oba von Benin, hat einen Beschluss erlassen, der diese Voodoo-Rituale verbietet

Heute ist Shanon guter Dinge, sie will ihr Leben in den Griff bekommen. Seit fünf Jahren ist sie nun ihrer Ausbeutung entkommen. Sie arbeitet in Teilzeit als Reinigungskraft, und lebt in einer Wohngemeinschaft in Bozen, gemeinsam mit anderen Mädchen, die von den Sozialarbeitern des Vereins betreut werden. Der schönste Moment war für die junge Nigerianerin, als sie endlich ihre Aufenthaltsgenehmigung für Italien erhielt. Den Mann ihres Lebens hat sie auch schon gefunden. 

Und selbst für ihre Heimat und andere nigerianische Frauen kann Shanon neue Hoffnung schöpfen: „Es scheint, als würde die Zwangsprostitution in Benin-City jetzt nicht mehr so einfach funktionieren. Unser König, der Oba von Benin, hat einen Beschluss erlassen, der diese Voodoo-Rituale verbietet. Darin hat er außerdem dafür gesorgt, dass die Voodoo-Flüche sich nicht mehr gegen die Mädchen richten, sondern alles Böse den Madames wiederfährt, die uns verkaufen. Die Madames haben jetzt alle Angst davor, und Keine macht es mehr,“ erzählt Shanon. Zurück in ihre Heimatwill sie aber nicht. „Das nigerianische Essen fehlt mir schon sehr,“ lacht Shanon,„ansonsten aber nichts. Es gibt bei uns immer noch nicht wirklich Strom. Man hat vielleicht ein, zwei Stunden am Tag Licht. Als ich vor zwei Jahren auf Besuch zurückfuhr, dachte ich, es hätte sich geändert. Aber es ist immer noch so.“

Für ihre eigene Zukunft wünscht sie sich einen Vollzeitjob, zwei Kinder sowie eine eigene Wohnung. „Zwei Kinder sind eine gute Zahl, mehr will ich nicht. Ich bin ja auch schon über 30,“ lacht Shanon. Eine Arbeit, die ihr gefallen würde, wäre Krankenpflegerin oder an der Kasse im Supermarkt. Träume, die ihr früher unmöglich und weit weg erschienen, sind heute für Shanon in greifbarer Nähe, denn sie kann ihr Leben, nach sieben Jahren Gefangenschaft, nun wieder selbst in die Hand nehmen. 

 

*Name von der Redaktion geändert

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