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salto Gespräch

“Wir leben in der Bronx”

Beim Blick in den Himmel gerät David Gruber ins Schwärmen. “Wir sind das Bewusstsein-Werden des Universums”, philosophiert der Astrophysiker.
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Er denkt in Dimensionen, die für die meisten unvorstellbar sind. David Gruber und die Astronomie – es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber wer dem Astrophysiker heute zuhört, spürt: Da haben sich zwei gefunden.

salto.bz: Herr Gruber, Sie waren einer der wenigen Europäer, die die totale Sonnenfinsternis in den USA live miterlebt haben. Was haben Sie zu berichten?
David Gruber: Meine Reise in die USA war nur ein Kurztrip. Es war eine sehr anstrengende, aber beeindruckende und lehrreiche Woche. Die Anreise war mühsam, von Bozen nach München, von dort nach Atlanta und weiter nach Denver, von wo aus ich mit dem Auto nach Casper, Wyoming gefahren bin. Dort war ich andauernd eingespannt, habe mehrere Vorträge gehalten – und am Montag, 21. August war dann die Sonnenfinsternis. Zeit, den Yellowstone National Park oder sonstige Sehenswürdigkeiten zu besuchen, war leider keine.

Wie haben Sie den 21. August erlebt?
Gemeinsam mit den Angestellten des Planetariums in Casper. Ich habe sie unterstützt und Informationen an die Zuschauer verteilt. Es war meine erste totale Sonnenfinsternis und ich war unheimlich aufgeregt. Es war wie das Warten auf Weihnachten als Kind. Ich habe bewusst keine Fotos gemacht. Kein Bild oder Video kann das festhalten, was ich erlebt habe. Es ist nicht nur das Ereignis am Himmel, sondern es passiert viel mehr: Es wird nicht nur dunkel, sondern auch kühler. Bei uns ist die Temperatur um 10 Grad zurückgegangen. Die Farben in der Umgebung verändern sich, plötzlich gibt es kein saftiges Grün oder knalliges Rot mehr – alles nimmt einen Grauton an, weil die Sonne nicht mehr richtig beleuchtet. Und dann die ganzen Menschen… Monatelanges Warten für diesen einen Moment…

… hat sich ausgezahlt?
Um 11.43 Uhr Lokalzeit hat die Sonnenfinsternis stattgefunden. Ich wusste, was passieren wird – der Mond schiebt sich vor die Sonne usw. –, aber diesen Moment mitzuerleben war ganz etwas anderes. Ich habe eine Audioaufnahme gemacht und die Reaktion der Menschen festgehalten. Viele sind ja um die halbe Welt gereist, um ein paar Minuten Sonnenfinsternis zu erleben. Alle waren wegen demselben Ereignis da und es entstand ein richtiges Gemeinschaftsgefühl. Es war wirklich beeindruckend. Und dass wir so etwas überhaupt erleben können, ist ein gewaltiger kosmischer Zufall.

 

Ich war immer schon ein großer Science-Fiction-Fan – als Kind habe ich heimlich beim Nachbarn Star Wars geguckt.

 

Inwiefern?
Die Sonne ist 400 Mal größer als der Mond, aber auch 400 Mal weiter von der Erde entfernt. Beide Himmelskörper scheinen von der Erde aus gleich groß. Im Jahr entfernt sich der Mond 4 Zentimeter von der Erde, das heißt, in ein paar Milliarden Jahren werden wir auf der Erde keine totale Finsternis mehr erleben können. Wir leben in einem kosmisch günstigen Zeitalter, so etwas zu erleben. Um zu vergegenwärtigen, wie krass zufällig eine totale Sonnenfinsternis ist, mache ich immer diesen – etwas übertriebenen – Vergleich: Wenn es irgendwo intelligente Außerirdische gibt, werden sie nur deshalb als Touristen auf die Erde kommen, um eine Sonnenfinsternis zu erleben. Weil dieses Ereignis so selten ist! Ich würde es jedem empfehlen, das selbst einmal zu erleben.

Wann wird es die Gelegenheit dazu geben?
Bei uns, also in Südtirol, erst 2081. Aber in Spanien zum Beispiel gibt es am 12. August 2026 eine totale Sonnenfinsternis. Man sollte sich das wirklich nicht entgehen lassen!

Sie geraten geradezu ins Schwärmen! Vielleicht weil Ihnen, im Gegensatz zu Laien, bewusst ist, dass solche Ereignisse keinesfalls selbstverständlich sind?
Den Naturwissenschaftlern wird häufig unterstellt, der Natur die Romantik zu nehmen, weil wir alles analysieren und sezieren wollen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ich verstehe, was passiert, kann ich mich erstens darauf vorbereiten und zweitens kommt mir dabei keineswegs die Romantik abhanden. Die Sonnenfinsternis war ein wirklich überwältigendes Ereignis! Eigentlich habe ich sie fast noch mehr genießen können, weil ich wusste, was passiert und worauf ich achten muss. Ich kann verstehen, dass der Schrecken früher groß war, als plötzlich die Sonne verschwand. Man weiß bis kurz vor der Finsternis nicht, dass sie passieren wird. Bis etwa 10 Minuten vorher sieht man die Sonne hell scheinen und auf einmal ist sie weg. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen ausrasteten.

 

Wir selbst sind, so pflege ich zu sagen, in der Bronx der Milchstraße daheim, einem unwichtigen Vorort der Milchstraße.

 

Auch heute ist eine Sonnenfinsternis längst nicht für alle “nur” ein Naturschauspiel. Es gibt Menschen, für die sie den Weltuntergangs ankündigt oder eine göttliche Strafe darstellt. In den USA wurden Spekulationen laut, ob die Sonnenfinsternis auf den Aufstieg oder das Ende von Präsident Donald Trump hinweisen könnte. Wie erklären Sie sich diese wenig wissenschaftlichen Interpretationen eines wissenschaftlichen Phänomens?
Verschwörungstheoretiker gibt es nach wie vor. Erinnern wir uns an 2012 und den Weltuntergang, der bevorstehen sollte, weil der Maya-Kalender in jenem Jahr endete. Dann gibt es den angeblichen Planeten Nibiru, der auf Kollisionskurs mit der Erde sein soll… Historisch betrachtet ist eine Sonnenfinsternis ein derart beängstigendes Phänomen, dass immer wieder verschiedene Erklärungen gefunden wurden. In China wurde das Ereignis als Drache beschrieben, der die Sonne verschlingt und wieder ausspeit. Noch ein historisches Beispiel: Christoph Kolumbus missbrauchte sein Wissen um die Vorgänge bei einer Mondfinsternis, um die Bewohner von Jamaika zu bewegen, ihn und seine Mannschaft weiter mit Essen und Trinken zu versorgen. Er drohte, dass sein christlicher Gott den Mond verschwinden lassen würde, sollten sich die Inselbewohner weigern. Die glaubten ihm nicht, doch als dann die Mondfinsternis eintrat, flehten sie Kolumbus an, den Mond wieder freizugeben.

Worauf wollen Sie hinaus?
Der Himmel, der uns statisch und gleichbleibend vorkommt, ist alles andere als das. Jede Veränderung, über die man nichts wusste, hat im Laufe der Zeit immer für Katastrophen gesorgt. Nächstes Beispiel: Hale-Bopp, der Schweifstern, der 1997 über viele Wochen am Himmel zu sehen war. “Der Komet des Jahrhunderts” nannten wir ihn. Kometen kündigten seit jeher Kriege, Katastrophen und Hungersnöte an. Und selbst 1997 gab es noch eine Sekte, die “Heaven’s Gate”-Sekte, die Massensuizid begangen hat. Der Himmel war, vor allem früher, der Sitz der Götter – und wenn sich etwas veränderte, war das ein ganz schlechtes Omen.

Neben der Angst aus Unwissenheit hat der Himmel seit jeher auch fasziniert und neugierig gemacht. Nicht umsonst ist die Astronomie eine der ältesten Wissenschaften der Welt.
Dafür gibt es eine recht einfache Erklärung: Die Astronomie war der erste Zeitgeber und Kalendermacher der Menschen. Es war wichtig, zu wissen, wann ich aussäen muss, wann der Nil überschwemmt wird, wann ich ernten kann, wann Stürme kommen. Allein schon das Wort “Mond” ist bedeutungsschwer. Es ist indogermanisch und kommt von “schreiten” oder “messen”. Man hatte die Beobachtung gemacht, dass es von einem Vollmond zum nächsten ziemlich genau 30 Tage dauert – ein Monat. Früher gab es einen lunaren Kalender, weil es leicht war, den Mond zu beobachten und er sehr regelmäßig und zuverlässig wanderte. Die Erklärung für diesen konstanten Ablauf: Es müssen die Götter sein. Beim Blick in den Himmel war also nicht nur Angst dabei, sondern vielmehr Ehrfurcht.

David Gruber

In bester Gesellschaft: “Ich würde gerne wissen, ob es außerirdisches Leben gibt”

Heute braucht es keinen Gott mehr, um das All und den Himmel zu erklären?
Dank neuer Technologien wie Galileo Galileis Teleskop wurden der Kosmos und seine Phänomene langsam entmystifiziert. Heute können die Abläufe sehr gut erklärt und verstanden werden – nicht mehr auf Basis einer Gottheit, sondern weil wir die naturwissenschaftliche Gesetze und Hintergründe kennen.

Dennoch dauerte es lange, bis das Bewusstsein da war, dass die Erde und mit ihr die Menschheit Teil etwas Größeren sind. Denken wir daran, dass die Kirche mehr als 300 Jahre brauchte, um Galileo Galilei im Jahre 1992 schließlich zu rehabilitieren…
Die Astronomie war seit Anbeginn auch dazu da, das Weltbild der Menschen zu überdenken. Gestartet sind wir mit der Ansicht, die Erde befinde sich im Zentrum des Universums und alles dreht sich um die sie. Plötzlich kommt Galilei und sagt: Stimmt nicht – ich habe etwas gefunden, was um den Jupiter kreist. Mit der Entdeckung der Jupiter-Monde kam die Erkenntnis, dass die Sonne im Zentrum des Systems ist. Plötzlich heißt es wieder: Das stimmt auch nicht – die Sonne umkreist mit anderen Sternen die Milchstraße. Doch auch die Wichtigkeit der Milchstraße ist inzwischen relativiert. Es gibt andere Milchstraßen, die größer sind.

Was sagt uns das?
Die Astronomie ist eine Disziplin, die uns unsere Position im Kosmos vergegenwärtigt. Wir haben uns wichtig gefühlt, aber so wichtig waren wir nie. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Nun gut, aus biblisch-katholischer Sicht kann das jemand schon glauben. Aber aus der Perspektive des Weltalls sind wir unwichtiger als wir glauben zu sein. Auch wenn wir nicht nichts sind – denn wir sind ja am Leben.

 

Die Astronomie war seit Anbeginn dazu da, das Weltbild der Menschen zu überdenken.

 

Viele erklären sich unser Dasein durch eine göttliche Fügung. Glauben Sie an Gott?
Ich selbst bin katholisch aufgewachsen, das schon. Als Naturwissenschaftler ist die Herangehensweise an die Natur aber anders. Wenn ich eine Behauptung aufstelle, brauche ich in der Regel Beweise. Je außergewöhnlicher eine Behauptung, umso außergewöhnlicher muss der Beweis sein. Dass es außerhalb des Universums einen Gott gibt, ist eine Behauptung. Die Beweise, die für seine Existenz bis dato erbracht worden sind, reichen mir nicht, um diese Hypothese glauben zu können. In diesem Sinne bin ich Agnostiker und sage: Solange es keine besseren Beweise gibt, ist die Behauptung, es gibt einen Gott, eine Behauptung wie jede andere auch. Früher, um eine Erklärung für den Urknall zu finden, habe ich lange gesagt, ok, vielleicht war das Gott. Aber das ist das “Gott der Lücken”-Argument. Na gut, wir wissen bis heute nicht, wie das Weltall entstanden ist. Aber das bedeutet nicht, dass wir es für immer nicht wissen werden. Einen Gott als Lückenbüsser für unsere aktuellen Problematiken herzunehmen, nur weil wir sie nicht verstehen, war für einen Gott immer sehr schlimm.

Wie meinen Sie das?
Als man nicht verstand, wie Blitz und Donner entstehen, war es eben Zeus. Je mehr wir wissen, desto weiter wird ein Gott zurückgedrängt. Ich finde das “Gott der Lücken”-Argument nicht gut und für mich persönlich ist eine Gottesgläubigkeit nicht gerechtfertigt. Jeder kann glauben, was er will, solange er die Freiheiten des anderen nicht beeinträchtigt. Religion sollte Privatsache sein und im öffentlichen Raum keinen Platz haben.

Hält man sich die Dimensionen des Alls vor Augen, stellt sich unweigerlich die Frage: Sind wir alleine?
Diese Frage kommt immer irgendwann (lacht). Meine Antwort: Wir wissen es noch nicht. De facto ist es im Moment eine Frage des Glaubens. Was wir hingegen herausgefunden haben: Die Elemente, aus denen wir bestehen, gibt es im gesamten Universum. Warum? Weil die Sterne diese Elemente machen.

Wir waren einmal ein Stern?
Sozusagen. Und weil es Sterne im gesamten Weltall gibt, sind die Grundbausteine des Lebens überall vorhanden. Darüber hinaus haben wir vor 25 Jahren herausgefunden, dass nicht nur unsere Sonne Planeten hat, sondern andere Sonnen und Sterne auch. Das heißt, die Orte, an denen es Leben geben kann, sind vorhanden. Und die einfachsten Bausteine komplexen Lebens, die Moleküle, hat man auch schon anderswo gefunden. Was wir bis heute aber nicht wissen ist, wie Leben entstanden ist. Es könnte schon sein, dass es auf der Erde eine solch seltene Anordnung kosmischer Zufälle gegeben hat, dass wir sagen können, wir sind einzigartig.

 

Weder Worte noch Bilder können eine Sonnenfinsternis beschreiben. Man muss sie selbst erleben, um ihre Faszination zu verstehen. Plötzlich war da ein Loch im Himmel. Dort, wo die Sonne war, war ein Loch.

 

Glauben Sie das?
Nein. Ich sage, dass es Leben wahrscheinlich überall im Weltall gibt. Eine andere Frage ist, ob es sich dabei um intelligentes Leben handelt.  Ist Intelligenz etwas, das sich zwangsläufig durch Evolution entwickelt oder war unsere Intelligenz ein unglaublicher Zufall? Betrachtet man die Geschichte des Lebens auf der Erde, sieht man: Einzeller, also einfache Lebensformen, haben sich nach der Entstehung der Erde sehr bald entwickelt. Für komplexes Leben hat es lange gedauert. Die Frage ist: Ist es wirklich so unwahrscheinlich, dass es nur ein Mal und nur auf einem Planeten so komplexes Leben gibt? Ich sage: Nein. Allein schon aufgrund der großen Anzahl an Sternen und Planeten, muss ich eher davon ausgehen, dass das Weltall voll von Leben ist. Das Leben auf der Erde ist sich im Laufe der Evolution so entstanden. Auf einem weit entfernten Planeten kann das Leben aber komplett anders funktionieren. So unvorstellbar anders, dass wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können, wie diese Außerirdischen ausschauen.

Anders als E.T.?
Ich finde Filme über Außerirdische immer witzlos, weil sie immer so humanoid dargestellt werden. Im Naturmuseum gab es einmal einen Pfeilschwanzkrebs zu sehen, ein Tier, das so außerirdisch ausschaut, dass man sich etwas Außerirdischeres kaum vorstellen kann – und doch sind wir mit diesem Krebs verwandt. Alles Leben auf der Erde ist miteinander verwandt, weil wir auf viele Milliarden Jahre zurück gerechnet alle einen gemeinsamen Vorfahren haben. Alle Lebewesen – egal ob Pflanze, Frucht, Tier oder Mensch – basieren auf der so genannten Desoxyribonukleinsäure, der DNS. Diese Blaupause des Lebens ist in allen Lebensformen enthalten und zwar in der Art, dass 50 Prozent der DNS einer Banane mit der DNS eines Menschen identisch ist. Ich sage immer: Wir sind Verwandte der Bananen. Das ist niemandem so richtig bewusst.

Außerirdisches Leben könnte hingegen ganz anders entstanden sein?
In Filmen werden Außerirdische deshalb humanoid dargestellt, damit wir uns emotional mit ihnen verbinden können. Stellen Sie sich vor, Sie würden einen geleeartigen Blob am Bildschirm sehen – das würde doch ein bisschen komisch ausschauen, oder? Aber in der Realität könnte es diesen Blob schon geben. Wenn wir einmal auf Außerirdische treffen werden, werden wir vielleicht gar nicht verstehen, dass das, was wir sehen, am Leben ist. Weil es wahrscheinlich komplett außerhalb unserer Vorstellungskraft liegt. Bereits auf der Erde gibt es Spezies an Lebensformen, deren Aussehen wir nicht kennen – wie sollen wir uns da etwas, das sich unabhängig von uns entwickelt, vorstellen können? Außerirdische sind ein spannendes Thema, aber natürlich sehr spekulativ und ich hoffe, dass unsere Generation noch zumindest bestätigt bekommt, dass sich Leben nicht nur auf der Erde entwickelt hat.

 

Wenn wir Glück haben, leben wir 100 Jahre. Für einen Stern ist das gar nichts.

 

Wie sind Sie überhaupt zur Wissenschaft, zur Astronomie gekommen?
Die Astronomie war nicht meine erste Liebe, es war ein längeres Hin und Her.

Wann hat es gefunkt?
Jeder Grundschüler ist von der Astronomie fasziniert, es gibt keinen, den sie nicht interessiert. Bei mir war es genauso. Irgendwann schenkten mir meine Eltern ein Teleskop, mit dem wir nach Jenesien gefahren sind. Dort habe ich Hale-Bopp beobachtet. Dann, in der 5. Klasse Oberschule, hatten wir ein halbes Jahr lang Astronomie im Unterricht. Meine Fantasie wurde wieder angeregt und die alten Fragen tauchten wieder auf: Was wäre, wenn wir wirklich zum Mars fliegen könnten? Gibt es Außerirdische? Auch für meine Facharbeit zur Matura habe ich ein astronomisches Thema gewählt. Aber dann war’s das für mich auch schon wieder. Ich wollte Politikwissenschaften und Geschichte studieren, in Wien. An der Universität bekam ich einen Studienführer, den ich alphabetisch durchstöbert habe: Afrikanistik, Arabistik – und dann: Astronomie! Ich bin aus allen Wolken gefallen als ich gesehen habe, dass man das studieren kann. Und so habe ich mich eingeschrieben.

Wie sind Sie von Wien in Gummer gelandet?
Nach dem Studium in Wien bin ich nach München. Dort habe ich promoviert. Die Rückkehr nach Südtirol war – wieder – ein Zufall. Ich hatte mir immer schon gedacht, es wäre toll, wenn es in Südtirol ein Planetarium geben würde. Als ich hörte, dass eines entstehen soll, habe ich das Projekt von der Grundsteinlegung an mitverfolgt. Nach Abschluss des Studiums in München wusste ich nicht genau, was tun. Meine Frau war zum ersten Mal schwanger – und eine Arbeit in der Forschung ist sehr familienunfreundlich. In der Regel muss man sich alle zwei Jahre um eine neue Stelle kümmern, die wahrscheinlich nicht immer am selben Ort ist. Trotzdem, in die Forschung gehen wäre der Weg des geringsten Widerstandes gewesen. Denn irgendetwas findet man immer.

Sie aber hat es hierher gezogen?
Als das Planetarium 2013 fertig gestellt war, habe ich mich nach einer Stelle erkundigt. Ich war sehr hartnäckig, habe immer wieder nachgefragt. So lange, bis ich irgendwann zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde (lacht). Die Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Mir gefällt Südtirol, ich bin selbst in Bozen geboren und aufgewachsen. Die Stelle im Planetarium zu bekommen war wie ein Lottogewinn: Ein unbefristeter Vertrag, wie ich ihn habe, ist für einen Astronomen oder Astrophysiker heutzutage absolut nicht selbstverständlich. Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß.

 

Die Astronomie hat unsere Wichtigkeit relativiert.

 

Wie sieht Ihre Arbeit aus? Was machen Sie?
Alles. Zum einen die Vermittlung der Astronomie, wo ich mich theoretisch gut auskenne und zum anderen auch Tätigkeiten, um das Planetarium als Struktur weiterzubringen – wir sind ja nur zwei Vollzeitangestellte.
Ich entwerfe Vorführungen für die Besucher, im heurigen Sommer war ich beim Spacecamp dabei, bei dem Grundschüler eine Woche lang Gelegenheit hatten, alles über Astronomie zu erfahren. Unterm Jahr kommen viele Schulklassen und wir bieten Fortbildungen für Lehrer. Ein Teil meiner Arbeit ist Eventmanagement. Dazu kommt Pressemitteilungen schreiben, soziale Netzwerke betreuen, im Shop aushelfen. Grob gesagt, wir sind dafür zuständig, dass am und im Planetarium alles funktioniert. Es ist nicht immer leicht, denn selbst komme ich ja nicht aus dem Marketing. Aber man lernt. Mir gefällt meine Arbeit, es gibt immer wieder Neues.

Auch am Himmel gibt es immer wieder Neues, der Kosmos verändert sich ständig, neue Entdeckungen werden gemacht, unbekannte Phänomene beobachtet. Langweilig wird es nie?
Richtig. Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, aber zugleich gibt es klassische Themen, die immer mehr anziehend sein werden als andere. Wie Außerirdische. Aber die hatten wir bereits.

Und sonst?
Schwarze Löcher ziehen immer. Andere Sachen hingegen, die für mich interessant sind, begeistern andere weniger. Da gilt es, Wege zu finden, damit Themen für andere auch interessant werden.

 

Manche haben geglaubt, die Erde stünde auf dem Panzer einer Schildkröte, die wiederum auf einem Elefanten steht. Diese Behauptung ist für mich gleichwertig wie jene, die sagt, es gibt einen weißbärtigen Gestalt, die die Geschicke der Erde kontrolliert.

 

Gibt es eine Frage aus der Astronomie, die Sie gern beantwortet haben möchten?
Das wäre tatsächlich die Frage: Sind wir alleine? Also ich möchte zumindest erfahren, ob es noch irgendwo Leben gibt, unabhängig davon, ob es einfaches oder komplexes Leben ist. Das würde ich schon noch gerne wissen.

Wie lange, denken Sie, müssen wir auf die Antwort warten?
Das ist keine Frage, bei der wir gestern noch keine Antwort hatten und morgen wissen wir es. Meiner Meinung nach wird das graduell passieren: Zuerst werden wir etwas entdecken, wo wir anfangs nicht wissen, was es ist. Dann werden wir im Laufe der Zeit versuchen, natürliche Hypothesen auszuschließen, bis zuletzt die eine übrig bleibt: Es ist sehr wahrscheinlich, dass es etwas Außerirdisches ist. Ich hoffe, das noch mitzuerleben.

Stellen wir uns den Moment vor…
Was das in der Gesellschaft bewirken wird, kann man sich wahrscheinlich nicht wirklich vorstellen. Das Ganze ist noch derart hypothetisch, dass die Veränderungen, die es in uns hervorruft, wenn es so weit ist, gar nicht abzuschätzen sind.

Haben Sie nach der totalen Sonnenfinsternis alles gesehen, was es am Himmel zu sehen gibt?
Die Astronomie ist voller seltener Ereignisse. Eines, das ich gerne sehen würde, ist die Explosion eines Sterns, einer Supernova. Sterne leben nicht ewig, manche große Sterne explodieren. Es gibt einige Kandidaten in unmittelbarer Nähe, die zwar weit genug von der Erde entfernt sind, damit uns bei einer Explosion nichts passieren würde.

Aber?
Das Spannende ist: Wenn sie explodieren, werden sie ganz hell, heller als der Vollmond. Und das für ein paar Wochen. Dann wird der Stern immer schwächer und verschwindet schließlich. Solche Ereignisse sind sehr selten von der Erde aus zu beobachten. Die letzte helle Explosion gab es, soweit ich mich erinnere, im Jahr 1054. Die nächste steht uns unmittelbar bevor.

David Gruber
Rocket Man David Gruber: “Obwohl wir kosmische Eintagsfliegen sind, sollten wir es genießen, da zu sein.

Was heißt “unmittelbar” aus dem Mund eines Astrophysikers?
Innerhalb der nächsten 200.000 Jahre. Es könnte heute Abend soweit sein, aber es kann auch irgendwann passieren. Ein solch nahe Explosion findet nicht einmal in einem Menschenleben, sondern einmal alle Jahrtausende statt. Ein sehr spezielles Ereignis.

Für viele war auch der Asteroid Florence, der am 1. September in sieben Millionen Kilometer Entfernung an der Erde vorbeigeflogen ist, ein außergewöhnliches Ereignis. War Florence wirklich so spektakulär?
Außergewöhnlich war einzig seine Größe. Ein Brocken so groß wie der Mont Blanc ist eher selten. Abgesehen davon war der Asteroid gar nicht einmal so nahe. Am 12. Oktober wird ein anderer Asteroid viel näher an der Erde vorbei rasen: 44.000 Kilometer. Das ist um einiges näher, auch wenn er um ein Vielfaches kleiner ist als Florence. Vonseiten der Medien wurde bei Florence viel Sensationalismus an den Tag gelegt. Grundsätzlich glaube ich, dass wir tief in uns drin immer noch Angst haben, dass es uns einmal gleich ergehen wird, wie den Dinosauriern – und stellen uns das Katastrophenszenario vor: Ein Meteorit, der einschlägt und alles Leben auf der Erde auslöscht. Das macht schon Angst und natürlich interessieren sich die Menschen dafür, weil wir wissen, dass es vor 66 Millionen Jahren schon einmal einen solchen globalen Killer gegeben hat. Die Frage ist nicht, ob es noch einmal passiert, sondern wann.

 

Wie stelle ich etwas dar, von dem ich nicht weiß, was es ist, sondern nur, dass es es gibt? Das ist eine Herausforderung in meiner Arbeit.

 

Beruhigend hört sich das nicht an...
Tatsache ist, das Weltall ist voll von solchem Zeugs, das uns durchaus gefährlich werden kann. Florence gehörte zur Kategorie “potenziell gefährliche Asteroiden”, die im Laufe von Jahrhunderten, Jahrtausenden oder gar Jahrzehntausenden die Erde irgendwann einmal treffen können. Das ist es, was die Menschen immer wieder zum Nachdenken bringt.

Man wird sich bewusst, wie ausgeliefert und unwichtig die Erde und ihre Bewohner dem Kosmos sind? Auf einen Schlag könnte alles vorbei sein?
Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass man die Zeit, die man auf der Erde hat, genießen sollte. Man fühlt sich oft so unwichtig – die Erde ist so klein und es gibt so viele Planeten –, aber überlegen Sie: Wir machen uns über diese Dinge Gedanken. Wir sind ein Produkt der Evolution des gesamten Universums und wir machen uns über die Evolution des Universums Gedanken. Wir sind das Bewusstsein-Werden des Universums selbst. Ich pflege stets zu sagen: Wir sind nicht nur im Universum drin, sondern das Universum ist auch in uns drin. Wir brauchen uns gar nicht so klein fühlen. Denn obwohl wir klein, obwohl wir kosmische Eintagsfliegen sind, wir sind trotzdem da. Und wir sollten es genießen, da zu sein.

Da” sein – reicht Ihnen das?
Wir sind klein, die Erde ist ein Staubkorn und wir riskieren, dass es uns einmal nicht mehr gibt. Aber wir hätten auch die Möglichkeiten, dagegen etwas zu unternehmen. Wenn wir in die Raumfahrt investieren, schaffen wir es vielleicht irgendwann, zu einer interplanetaren, und wer weiß, in einigen Millionen Jahren, zu einer interstellaren Spezies zu werden. Wir könnten versuchen, das Weltall zu erobern. Im Sinne einer friedlichen Eroberung – nicht wie bei Star Wars.

 

 

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Kommentare

Bild des Benutzers milf

David Gruber macht ausgezeichnete Arbeit in Gummer. Vielen Dank dafür!

Bild des Benutzers Chris Mair

Sehr schoener Artikel, sehr interessantes Interview!
Gut gemacht, Salto.

Nur eine Kleinigkeit gaeb's zu korrigieren:

"[...] Asteroid Florence, der am 1. September in sieben Kilometer Entfernung an der Erde vorbeigeflogen ist [..]"

Zum Glueck waren das ein paar Nullen mehr... ;)

-- Chris.

+1-11
Bild des Benutzers Lisa Maria Gasser

Da ist wohl ein Wort in den Weiten des Alls verloren gegangen. Natürlich waren es sieben MILLIONEN Kilometer. Danke für den Hinweis!

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