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Sturzflüge
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Im Sturzflug

Im März 1982 erschien die erste Nummer der Kulturzeitschrift "Sturzflüge", im Juli 2004 kam die letzte Nummer heraus. Ein Buch zeigt nun den Zeitraum dazwischen.
Von
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Renate Mumelter22.11.2021
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22 Jahre und 53 Nummern

(März/April 1982 – Juli 2004)
Vor vierzig Jahren, im März 1982, erschien die Nullnummer der Sturzflüge. Die Zeitschrift überlebte bis Juli 2004. Die Geschichte der Sturzflüge dauerte zweiundzwanzig Jahre, und sie ist trotz dieser Kontinuität sehr bewegt. Das Konzept änderte sich im Lauf der Jahre immer wieder, die Köpfe auch, und die technischen Voraussetzungen sowieso. Geändert hat sich auch die politische Situation im Land, Schwerpunkte haben sich verschoben.
Zweisprachige Publikationen sind heute keine Sensation mehr, der Wunsch nach Internationalität ist allgegenwärtig, die Suche nach neuen Formen des Journalismus dauert an. Design und Grafik haben sich entwickelt. Die Aufarbeitung der Südtiroler Geschichte ist nicht mehr so tabu wie damals, und die Situation der literarisch Produzierenden hat sich etwas verbessert – hier ginge aber noch mehr.

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Festhalten, was war
Zum Vierzigjährigen lag es nahe, über eine Publikation nachzudenken, die zurückblickt. Material war da, die Menschen auch, ein paar Gespräche, ein Konzept, etwas Bildmaterial. 
Ganz so einfach wurde es dann aber doch nicht. Corona war da und erschwerte die Recherchen. Auch waren nicht alle der insgesamt 53 Nummern zugänglich. Die Landesbibliothek Friedrich Teßmann hatte sie zwar digitalisiert, aber diese digitalisierte Fassung war nicht greifbar. Nur über mehrere ehemalige Redaktionsmitglieder gelang es dann doch noch, alle erschienenen Nummern zusammenzubekommen … um anschließend festzustellen, dass Georg Engls Frau Juliane sämtliche Nummern fein säuberlich geordnet im Keller aufbewahrt hat.

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Trügerische Erinnerungen
Der verlässlichste Sturzflüge-Zeitzeuge lebt nicht mehr. Georg Engl, der die Zeitschrift all die Jahre hindurch begleitet hat, starb 2011. Er war einer der Initiatoren dieser etwas anderen Kulturzeitschrift, einer ihrer Motoren und als Setzer auch ganz praktisch Sturzflüge-Macher. Die Zeitschrift wurde nämlich vom Satzstudio Graphic Line hergestellt, das Georg Engl, Dominikus Andergassen und David Casagranda gegründet hatten.
Dominikus Andergassen arbeitet heute für den Verlag, der diese Publikation herausgibt. Er war damals für die grafische Gestaltung zuständig und ist es auch bei dieser Publikation. David Casagranda war in erster Linie für die Repros zuständig, und er war Redaktionsmitglied wie Engl und Andergassen. Ich selbst war in den Anfangsjahren auch in der Redaktion. Wir alle haben Erinnerungen, wie all jene, die hier zu Wort kommen. Das Interessante daran ist, dass diese Erinnerungen voneinander abweichen, sie verblassen unterschiedlich, auch meine Erinnerungen können trügerisch sein.
„Ich weiß eigentlich nichts mehr von dieser Zeit“ war häufig die erste Antwort von Zeitzeugînnen. Das Interesse, sich zu erinnern, war nicht sehr ausgeprägt, daher war auch „Tut mir leid, ich hab dich ganz vergessen“ eine häufige Antwort.
Diese Publikation speist sich von diesen trügerischen Erinnerungen, von persönlichen Erfahrungen und vom Wunsch festzuhalten, was war.

PS: Ohne die intensive suchende, inhaltliche und gestalterische Mitarbeit von Dominikus Andergassen wäre diese Publikation um vieles ärmer oder gar nicht auf der Welt.

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Die Idee lag in der Luft

„Ich bin eigentlich der Urheber der Idee der Sturzflüge“, sagt Günther Vanzo. „Der Impuls für die Nullnummer kam von Georg Engl“, glaubt David Casagranda zu wissen und ergänzt: „Möglicherweise waren noch andere SAV-Leute gedankliche Väter bzw. Mütter der Kulturzeitschrift. „Der damalige SAV-Vorsitzende Gerhard Mumelter verschiebt den Fokus Richtung Graphic Line; er weist auf die „unbeschränkten Möglichkeiten“ der Graphic Line um Georg Engl, Dominikus Andergassen und David Casagranda hin. Entstanden sind die Sturzflüge 1982 jedenfalls aus dem Zusammenspiel all dieser Faktoren, dem Bedürfnis nach einer offeneren Kulturszene, dem technischen Wandel, der so langsam begann, und vor allem der unbändigen Energie jener jungen Menschen (vor allem Männer), die neue Signale setzen wollten.

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Wenn alles zusammenpasst
SK, SAV, Graphic Line

Ein erster Impuls für eine neue Kulturzeitschrift war aus Schlanders gekommen. Rasch traf er auf andere, ähnliche Impulse. In Südtirols Jugend herrschte Aufbruchsstimmung. In Schlanders war seit 1976 die Kulturzeitschrift Arunda daheim. Der Schlanderser Günther Vanzo wollte ¬gemeinsam mit Markus Costazza „eine Alternative zur Arunda“ machen. „Wir wollten einfach die Lebendigkeit, die in Südtirol aufgekeimt ist, widerspiegeln.“ Er habe nichts anfangen können mit einer Publikation wie der Arunda, die „nur die große anerkannte Kultur frequentiert. Mir ist etwas Experimentelles notwendig erschienen.“ Vanzo und Costazza suchten gemeinsam mit dem Naturnser Peter Prossliner nach Gleichgesinnten. Die fanden sie im Südtiroler Kulturzentrum (SK). Das hatte eine sehr aktive Zweigstelle in Schlanders, die Schlanderser Gemeindereferentin soll das SK damals als „Sammelbecken linksextremer Kräfte“ bezeichnet haben.
Für die künftige Kulturzeitschrift sollte das SK als Herausgeber zeichnen. Eine solche Herausgeberschaft war für die Abwicklung aller bürokratischen Aufgaben nötig. Dominikus Andergassen erwies sich als idealer Ansprechpartner, er war Sekretär des SK und Mitbegründer der Graphic Line.

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Da sich die Zeitschrift mit der neuen Literatur in Südtirol beschäftigen wollte, war es sinnvoll, die erst 1981 gegründete Südtiroler Autorenvereinigung SAV mit ins Boot zu holen. Anders als der Arbeitskreis für Literatur im Südtiroler Künstlerbund war die Südtiroler Autorenvereinigung allem Neuen gegenüber aufgeschlossen, und vor allem wollte sie nicht nur schöngeistig aktiv sein. Die gewerkschaftlichen Interessen der Autorinnen und Autoren mussten politisch vertreten werden. Wieder half eine Personalunion weiter. Georg Engl, einer der Mitbegründer der Graphic Line, war auch SAV-Mitglied. Der damalige SAV-Vorsitzende Gerhard Mumelter war sofort mit dabei. Er hatte einige Jahre vorher (1970) die erste Anthologie neue literatur aus südtirol im Skolast-Verlag veröffentlicht. In der neuen SAV gab es „viel Lust auf Neues“, wie Mumelter heute sagt.
Das Sturzflüge-Abenteuer konnte beginnen.

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„Wir treten in Konkurrenz“
Der Anspruch, es anders und besser zu machen

„Wir treten in Konkurrenz zu allen anderen Kulturzeitschriften, die es gibt“, kündigten die Sturzflüge im Editorial zur Nullnummer an. Die Sturzflüge landeten 1982 in einer Medienlandschaft, die in eine italienische und eine deutsche zerfiel. Kulturzeitschriften veröffentlichten Essays, kurze literarische Texte, landeskundliche und landesgeschichtliche Artikel, ab und zu etwas über bildende Kunst; Reportagen fanden in Kulturzeitschriften keinen Platz, die grafischen Konzepte waren verhalten.

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Die Medienlandschaft
Beherrscht wurde das Mediengeschehen zu Beginn der 1980er-Jahre von Printmedien. Publikationen zum Thema Kultur im weitesten Sinn gab es zwar, deren Vielfalt blieb aber sehr überschaubar. Noch überschaubarer war die Vielfalt der Tagespresse. Zwei Tageszeitungen beherrschten seit der Nachkriegszeit den Markt, Dolomiten auf der deutschen und Alto Adige auf der italienischen Seite, im Alto Adige gab es intern ein oppositionelles Deutsches Blatt.
In den ersten Jahren der aufkeimenden Gegenkultur in Südtirol war die zweisprachige Zeitung die brücke erschienen (1967–1969), die sich als Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur verstand.

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Die erste zweisprachige Zeitung mit fortschrittlichem Anspruch erschien 1978 als Südtiroler Volkszeitung (14-tägig). Sie wurde Anfang Jänner 1981 eingestellt und Ende Jänner 1981 durch die zweisprachige Wochenzeitung Tandem ersetzt. Die Entstehungsgeschichte der Sturzflüge hat mit diesen beiden Zeitungen und deren Ende zu tun.
Die Wochenzeitschrift FF gab es erst seit 1980. Sie war zunächst als Fernsehzeitschrift gegründet worden.
Ausschließlich mit Kultur beschäftigte sich Der Schlern, der seit seiner Gründung 1920 stark der Landeskunde verpflichtet war.
Im später aufmüpfigen Skolast der Südtiroler Hochschülerschaft fanden Kultur und Literatur zwischendurch auch ihren Platz. Die erste Skolast-Nummer war im Februar 1956 als Mitteilungsblatt Der fahrende Skolast erschienen. 1970 gab es im Skolast-Verlag die Anthologie neue literatur aus südtirol von Gerhard Mumelter als Sondernummer.
Die Kulturzeitschrift Arunda gab seit 1976 monothematische Nummern zu ganz verschiedenen Themen heraus.
Nur ein Jahr älter als die Sturzflüge war die Distel. Sie befasste sich mit Kultur und Literatur, blieb aber inhaltlich und sprachlich in traditionellen Bahnen. Sie war im Umfeld des Bozner Franziskanergymnasiums und des Arbeitskreises für Literatur im Südtiroler Künstlerbund entstanden.

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In Tirol gab es seit 1967 die Kulturzeitschrift Das Fenster, die von 1971 an auch Südtirolerînnen die Möglichkeit bot, literarische Texte zu veröffentlichen. Ebenfalls in Tirol erschien zwischen 1978 und 1981 der Föhn. Zeitschrift fürs Tiroler Volk, der sich auch mit Literatur und Kultur befasste. Viele Südtirolerînnen fanden hier eine Möglichkeit zur Veröffentlichung, auch und gerade wenn es um weniger konforme Themen ging.
Auf italienischer Seite gab es seit 1959 die Kulturzeitschrift Il Cristallo. Sie führte ein Eigenleben, abgeschottet von der deutschen Kulturwelt. Die Welten waren streng getrennt, ganz nach dem berühmt-berüchtigten Credo des damaligen Kulturlandesrates Anton Zelger: „Je klarer wir trennen, desto besser verstehen wir uns.“ In umgekehrter Richtung galt dasselbe. In der deutschen Kulturwelt Südtirols nahm niemand Kenntnis von Il Cristallo.
Überlebt haben von den Kulturzeitschriften Il Cristallo (nach einer Pause und geglückter Wiederbelebung), der Skolast (nicht unbedingt aber auch als Kulturzeitschrift), die Arunda und die Distel, letztere allerdings mit diversen Namenswechseln.

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Ein Überblick

Der Schlern 1.1.1920–1.7.2016
Skolast Februar 1956 bis heute 
Il Cristallo 1959 gegründet über Alto Adige Cultura von Giuseppe Negri und anderen. Wiederbelebung nach einer längeren Pause (2013–14)
Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift 1967–2001
die brücke 1967–1969
Arunda seit 1976 (älteste Kulturzeitschrift Südtirols)
Föhn. Zeitschrift fürs Tiroler Volk 1978–1981
Distel 1981–1986, 1986–1989 mit Zusatz Zeitschrift für Kultur und aktuelle Fragen, 1990–1997 Zusatz Kulturelemente, ab 1997 Kulturelemente. Zeitschrift für aktuelle Fragen
Südtiroler Volkszeitung 1978–1980, am 16. Jänner 1981 letzte Nummer
Tandem 30.1.1981–18.6.1983, Monats-Tandem 1.4.1983–1.1.1985
Sturzflüge 1982–2004

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Das Sturzflüge-Konzept
Vieles wollten die Sturzflüge anders machen. Sie wagten auch formal Experimente, benutzten häufig die konsequente Kleinschreibung, versuchten trotz beschränkter Mittel grafisch neue Akzente zu setzen. Außerdem war für die Literatur in jeder Nummer Platz vorgesehen.
Kopflastige Essays und Aufsätze waren zunächst kein Schwerpunkt. Bevorzugt wurden Reportagen in einem neuen, zeitgemäßen Stil. „Die Sturzflüge muss man auch in Eppan lesen können“, soll der Autor Kurt Lanthaler gesagt haben, wie Alex und Wolfgang Maier alias firma fridelin kolportieren. Gemeint war damit Lesbarkeit, ohne auf Niveau zu verzichten.
Vorbild der ersten Jahre war die Monatszeitschrift TransAtlantik, die 1980 nach einer Konzeption von Gaston Salvatore und Hans Magnus Enzensberger gegründet worden war. Enzensberger und Salvatore stiegen Ende Dezember 1982 aufgrund interner Konflikte mit dem Verlag aus dem TransAtlantik aus. Bis 1991 erschien die Zeitschrift weiter, allerdings nur alle drei Monate als Themenheft. Ein ähnliches Schicksal sollte viele Jahre später auch den Sturzflügen blühen.

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Sturzflüge – der Name
Eine der Fragen, die sich zuerst im Nebel der Erinnerung zu verlieren schienen, war jene nach dem Namen der Zeitschrift. Mit etwas Recherche allerdings konnte Peter Prossliner als Sturzflüge-Erfinder ermittelt werden. „Ich habe zwei Namen vorgeschlagen“, sagt er, „Sturzflüge und akrat. Die Wahl fiel dann rasch auf Sturzflüge.“ Peter Prossliner ist ein Karl-Valentin-Kenner und von ihm hatte er den Namen der Zeitschrift ausgeliehen. Das Editorial der Nullnummer erklärte den Namen unter Punkt 5.

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Über den Titel der Zeitschrift:
„Flieger: Das werden wir schon sehen, vielleicht sind Sie nocheinmal froh um solche Schaunummern. Wir wollten schon in ganz anderen Lokalen fliegen, da ists uns auch verboten worden!
Impresario: Kommen Sie, regen Sie sich nicht auf.
Flieger: Wir lassen uns das nicht gefallen, Sie sind auf uns nicht angewiesen, aber wir auf Sie, das müssen Sie sich merken!“1
(Schlußsätze aus dem Stück Sturzflüge im Zuschauerraum von Karl Valentin.)

In Valentins Stück geht es um einen, der im „Elektro-Liliput-Eindecker“ auch „im kleinsten Saal Rund- und Sturzflüge“ veranstaltet, an besagtem Abend aber nicht abhebt. Karl Valentin ist der Flieger, Liesl Karlstadt der Impresario, und beide sind nie um eine Antwort verlegen, wenn der Theaterdirektor seine Bedenken anmeldet.

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In der Nummer 1 der Sturzflüge lieferte Dominikus Andergassen dann auch noch einen Comic in der ad hoc erdachten Rubrik Dichter und Denker. Protagonist des Comics war Andergassen selbst. Für ihn, den Grafiker, reichten die Worte nicht aus, er wollte dem Begriff Sturzflüge visuell unter die Arme greifen, und deshalb ließ er im Comic die Gedanken hoch, die Schreibmaschine aber tief fliegen. „Die Wichtigkeit der Arbeitseinteilung bei der Produktion einer illustrierten Mitteilung“, schrieb er im erklärenden Nachsatz dazu.

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aus: Mumelter, Renate: Sturzflüge. Voli in picchiata. 1982–2004 – Eine Kulturzeitschrift: arm/unabhängig/innovativ/frech/italiano/ladino/etc., Edizioni alphabeta Verlag, Meran 2021 www.alphabeta.it/edizioni / books@alphabeta.it

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Per info & suggerimenti / Für weitere Fragen & Anregungen: books@salto.bz 

Con il supporto di / Mit der Unterstützung von Alte Mühle Meran/o.

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