Kultur | Salto Afternoon

„…schnarchen, dass es kein Ende nahm“

Pietro Spadaro/Debora Orsini ist 18, genderfluid und konnte die italienischen U20 Meisterschaften für sich entscheiden. Am Samstag ist er/sie Special Guest des WAAG Slam.
Pietro Spadaro/ Debora Orsini
Foto: Luca De Benedetti
Nach dem im Winter, kurz vor Weihnachten, erfolgten Auftakt des neuen, aktiv zweisprachigen Formats,  kehrt man mit dem Waag Slam #2 in den Keller des Bozner Waaghaus zurück und bittet diesmal um eine Blume am Eingang, statt, wie noch im Dezember, um eine Orange. Der Termin ist der Samstag, 25. März, 20 Uhr. Mit dabei ist erstmals ein Special Guest, der diesmal auf die Namen Pietro Spadaro und Debora Orsini hört. Auf spezielle Pronomen legt der Senkrechtstarter, welcher in Luxemburg zur Welt kam, später nach Belgien zog und seit dem 12. Lebensjahr in Italien lebt, keinen Wert wird mir vorab versichert.
 
Sie halten aktuell den U20 Titel im Poetry Slam in Italien, haben vor Kurzem mit dem Schreiben begonnen. Wer oder was hat Sie zum Poetry Slam gebracht?
 
Pietro Spadaro / Debora Orsini: Ich habe wirklich erst vor ganz Kurzem begonnen. Auf die Welt des Poetry Slam bin ich, würde ich sagen, durch Zufall gestoßen: Eine Lehrerin von mir hat eines der Gedichte, die ich geschrieben habe gehört und meinte, dass ein Gedicht wie dieses schöner gesprochen als gelesen sei. Sie meinte, eine ehemalige Schülerin von ihr würde in Bologna Poetry Slam machen und gab mir ihre Nummer. Ich habe also meinen ersten Poetry Slam am Istituto tecnico industriale Aldini Valeriani in Bologna gemacht und ich habe gewonnen. Am Nachmittag des selben Tages habe ich, als meinen zweiten Poetry Slam, bei den nationalen U20 Meisterschaften teilgenommen und auch dort gewonnen. Das war ein Flash.
 
Sie haben also gleich vorweg schöne Erfahrungen gesammelt. In der Zwischenzeit haben Sie vielleicht auch Misserfolge erlebt. Wenn ja, wie erging es Ihnen mit jenen?
 
Nach Bologna habe ich an weiteren Slams teilgenommen und tatsächlich hatte ich auch Erfahrungen, die nicht so schön waren. Ich erinnere mich an einmal, als ich hundemüde nach einem Schultag am Abend in Rom ankam und noch in der selben Nacht mit einem Flixbus nach Rimini zurück musste. An dem Abend erhielt ich Bewertungen bei denen ich mich fragte, wie es möglich sei, dass ein Gedicht von mir mit 4,5 oder 5 von 10 Punkten bewertet wird. Ich hatte damit gerechnet mehr bei mir selbst zu bleiben, aber es war ein wenig als ob eine Welt für mich zusammen bricht. Aber im Allgemeinen geht es gut, ich will mich nicht beklagen.
 
In eurer Region seid ihr wahrscheinlich von Dichtern umgeben, ohne dass euch das klar ist.
 
Ihre Gedichte sind früh mit dem Format Poetry Slam konfrontiert worden. Schreiben Sie auch anders für die Bühne oder wären das die Texte, welche Sie ohnehin schreiben würden?
 
Ich habe hauptsächlich immer sehr kurze und damit nicht für den Poetry Slam geeignete Gedichte geschrieben. Ganz von selbst sind meine Gedichte länger geworden und genau deswegen riet mir meine Lehrerin an Poetry Slams teilzunehmen. Momentan trenne ich mein Schreiben für Poetry Slam von jenem, was ich für mich schreibe… Wenn ich ein Gedicht für mich oder einen mir nahe stehenden Menschen schreibe, dann schreibe ich es kürzer, dichter. Wenn ich für Poetry Slam schreibe, dann ziele ich auf Effizienz ab, wenn ich den Text laut vortrage.
 
Denken Sie, dass Sie, als Person die nicht in Italien geboren wurde, sondern hier her zog einen anderen Zugang zur Italienischen Sprache hatten? Oder sehen Sie Italienisch als Ihre Muttersprache an?
 
Meine Muttersprache ist das Französische. Ab der Grundschule habe ich hauptsächlich Französisch gesprochen und nur zuhause Italienisch. Als ich in Italien ankam hatte ich einige kleinere Schwierigkeiten mit der Sprache, etwa den Konjunktiv und die doppelten Konsonanten, die für mich undurchsichtig waren. Das war für mich aber eine große Hilfe, weil ich eine Arbeit an der Sprache habe, die meine Mitschüler nicht gemacht haben, weil es ihre Muttersprache ist. Das ist allen Zweisprachigen gemein. In eurer Region seid ihr wahrscheinlich von Dichtern umgeben, ohne dass euch das klar ist.
 
 
Welches sind Ihre Hauptthemen in der Lyrik?
 
In Gedichten gefällt es mir von Dummheiten zu schreiben. Ich bin niemand, der sich mit Politik oder wichtigen Themen befasst. Nein, das bin ich nicht. Ich bin jemand, der sich mit dem befasst, was in seinem Leben passiert, was ich sehe und höre, was ich spüre und was mir gefällt oder nicht gefällt. Ich erinnere mich, dass mich ein Slammer aus Cesena, Gnigne, genial nannte, weil ich bei den Staatsmeisterschaften in Florenz, zwischen all den engagierten Texten über Feminismus, Migration oder Krieg auf die Bühne ging, nichts sagte und anfing zu schnarchen. Ihm hat dieser starke Kontrast zu den anderen Texten und Gedichten sehr gut gefallen, dabei war das nicht einmal beabsichtig. Aber das zeigt: Man kann auch Erfolg haben, ohne politisch zu sein.
 
Schreibt man ein Gedicht über ein Thema, so misst man diesem automatisch Wichtigkeit zu und ich möchte meine Gedichte mühelos und leicht halten.
 
Wenn Sie also wie Sie selbst sagen, „Dummheiten“ behandeln, befassen Sie sich in Ihren Texten auch mit Ihrer eigenen Geschlechter-Identität oder wäre das Thema zu intelligent?
 
Ich bin genderfluid. Mein Geschlecht ist männlich, hat aber nichts mit dem Bild aus Geschichtsbüchern und Männerzeitschriften zu tun. Ich bin freier als das. Ich bin nicht transgender, aber ich bin freier als jene Männer, die ihre Männlichkeit unter Beweis stellen müssen und männliche Pronomen brauchen und die sich auf eine gewisse Weise kleiden und sprechen müssen. Das bringe ich nicht in meine Texte ein, weil ich es als so befreiend erlebe, dass ich es nicht in Verse fassen muss. Schreibt man ein Gedicht über ein Thema, so misst man diesem automatisch Wichtigkeit zu und ich möchte meine Gedichte mühelos und leicht halten. Vielleicht kann man das eine oder andere Liebesgedicht schreiben, aber auch das ist fast schon zu viel.
 
Welches war dann die größte „Dummheit“, der Sie ein Gedicht gewidmet haben?
 
Die größte „Dummheit“ war wahrscheinlich jene, die ich zu den Staatsmeisterschaften mitgebracht habe und die man, denke ich, auch in Bozen hören wird. Ich war bei einer Freundin, wir waren von einer Feier zurück gekommen und gingen schlafen. Meine Freundin fing an zu schnarchen und zu schnarchen, dass es kein Ende nahm. Ich stand auf, griff mir einen Stift und sagte mir: „Das ist ein Gedicht.“ Ich dachte, es würde ein Wort da und dort brauchen, aber es waren wenige. Ich habe also einige Worte zwischen einen Schnarcher und den nächsten gesetzt. Das war das banalste, aber trotzdem schwierig zu schreiben und in die Verse eines Gedichts zu formen.