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La festa è finita

Homo sapiens?

Womöglich wird es so einen Herbst nicht mehr oft geben
Community-Beitrag von Michil Costa23.10.2021
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Apocalisse, Luca Signorelli, Duomo di Orvieto
Apocalisse, Luca Signorelli, Duomo di Orvieto, particolare, per Luca Signorelli

Womöglich wird es so einen Herbst nicht mehr oft geben, mit den Lärchen, die sich in den schönsten Gelb-, Orange- und Feuerrottönen färben, dort oben unter dem Col Alt, wo ich so gern hinaufgehe und die älteste Lärche umarme. Und dann wird Schluss sein. Vielleicht trifft ein Asteroid unseren Planeten, doch das wird später sein. Vielleicht sterben wir alle an neuen, noch gefährlicheren Viren, doch auch das wird nicht sofort geschehen. Nein, trotz der Weissagungen der Maya wird 2021 nicht das Ende der Welt sein. Selbst NASA-Wissenschaftler diskutieren über unser Ende und vergleichen es mit dem der Venus, die vom Treibhauseffekt zerstört wurde. All das bereitet mir keine großen Sorgen, ebenso wenig wie die Impfgegner mit ihrem grenzenlosen, egoistischen und narzisstischen Egoismus, die uns mit ihren lächerlichen Impftheorien auf die Nerven gehen, mit ihrer Paranoia, ihrem Verschwörungsgemunkel. Ich mache mir keinen großen Gedanken über ihr Unwissen, über ihr bösartiges Knurren, als wären sie tollwütige Hunde, die einer Beute an die Kehle gehen wollen, die sie auf den Flüchtlingsbooten im Mittelmeer ausgemacht haben wollen. Ich würde sogar über sie lachen, wenn da nicht diese Vermischung mit dem politischen Extremismus wäre, die diese Menschen zu brutalen, zu allem bereite Schlägern macht. Bereit auch dazu, sich in organisierte Gewalttäter zu verwandeln und sich zum Marsch auf Rom zu sammeln – dies dann in Gesellschaft echter organisierter Gewalttäter und mit der Billigung und Unterstützung führender Politiker auf nationaler Ebene, denen nichts Besseres einfällt, als ins Feuer der Unzufriedenheit und der Verzweiflung zu blasen.

Das sind alles keine Banalitäten, ganz im Gegenteil. Allerdings ist die Bedeutung dieser Gefahren relativ, wenn wir sie mit der Frage vergleichen, wann und wie die Welt untergehen wird. Weder Impfgegner noch Faschisten werden die Erde implodieren lassen, auch digitale Kriege oder der Kulturen-Clash schaffen das nicht. Doch die von Menschen bewohnte Welt, so wie wir sie verstehen, wird noch vor der Einführung eines sinnvollen Bürgereinkommens oder der Pflicht zum regelmäßigen Nachweis des ökologischen Fußabdrucks zu existieren aufhören. Zum ersten Mal in meinem Leben ergreift mich eine Angst, die ich nur mit Mühe unter Kontrolle bekomme. Ich wette einen guten Vernatsch, dass in den nächsten zehn Jahren (dabei haben wir laut der Climate Clock von Rom sogar nur noch knapp sechs Jahre zur Verfügung, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen) extrem drastische Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn wir nicht jetzt sofort damit anfangen, etwas zu ändern. Ich will wirklich nicht mehr hören, dass erst die öffentliche Meinung sensibilisiert werden müsse, dass wir eine Kulturrevolution von unten bräuchten – dazu haben wir viel zu wenig Zeit. Daran glaube ich nicht mehr. Wir haben nur noch die Politik; andere Mittel stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Die Politik ist es, die den Einsatz von Pestiziden verbieten muss, selbst um den Preis, dass wir uns danach nicht mehr in blitzblanken Äpfeln spiegeln können. Die Politik muss dem Autoverkehr einen Riegel vorschieben, wenigstens in den besonders sensiblen Regionen muss sie das tun. Die Politik muss den Tourismus kontingentieren. Doch in all diesen Umweltthemen ist unsere Provinz bislang grandios gescheitert. Eine kurzsichtige Politikerkaste – nur scheinbar kurzsichtig, denn so blind kann man ja gar nicht sein, um nicht zu sehen, worauf wir zurasen – reißt uns direkt in den Abgrund. Und natürlich wird es dann unsere Schuld gewesen sein, weil wir immer wieder Politiker wählen, die tun, was Politiker bei uns seit Jahrzehnten tun – höchst bescheidene Regierungsarbeit, die sich nicht im Geringsten um die anderen schert, die die Zustimmung der Bürger mit Demagogik sucht, den Rosenkranz schwenkt, Banalitäten verkauft und sich mit dem Teufel verbündet.

Wir haben die Pflicht, jemanden zu wählen, der sich, aus Berufung oder Überzeugung, wirklich grün fühlt. Der noch daran glaubt, dass unsere Erde eine bessere Bestimmung haben kann, der den Strom an Dummheiten eindämmen will, der sich über unsere Gesellschaft ergießt und der der arroganten Vorherrschaft des Menschen über die Natur den Kampf ansagt. Auf der Uhr, die die Zeit bis zur großen Umweltkatastrophe misst, ist es wenige Sekunden vor zwölf. Und wenn es zwölf geschlagen haben wird? Dann werden wir alle zwangsläufig Fahrrad fahren müssen, weil wir das Auto nicht mehr benützen dürfen. Müssen uns von Insekten ernähren, weil wir kein Fleisch mehr essen dürfen. Müssen den Fernseher abends um zehn ausschalten, weil zu viel Energie noch durch Kohle erzeugt wird. All die schönen Hotelpools werden dann nicht mehr geheizt werden können und Flugreisen werden verboten. Das Ganze nennt sich Öko-Diktatur und zeichnet sich wie jede Diktatur durch Unterdrückung und Tristesse aus. Muss ich Wissenschaftler sein, um das zu begreifen? Nein, es reicht, wenn ich der Wissenschaft vertraue. Male ich die Zukunft zu schwarz? Nein, im Gegenteil, ich hoffe ja, dass sich die Wissenschaftler täuschen. Allerdings ist meine Hoffnung klein.

Doch jetzt kommt die gute Nachricht: Auch ohne uns Menschen wird die Erde weiter existieren. Meine geliebte Lärche dort oben am Col Alt wird dann halt von irgendeinem Orang-Utan umarmt. Irgendwann und irgendwo wird dann auch wieder ein menschliches Wesen auf die Welt kommen, das eine Seele besitzt. Es wird Großes entdecken, wird sich an der Schönheit von Natur und Kunst erfreuen, wird lieben – es wird in vielem so sein wie wir. Nur erheblich intelligenter. Weshalb es von seinen Politikern, anders als wir, maximale Seriosität verlangen wird. Irgendwann wird es von der Existenz vergangener Zivilisationen auf dieser Erde erfahren und sich über die Dummheit des homo sapiens halbtot lachen. Danach wird er ihn umtaufen.

Michil Costa

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Kommentare

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Thomas B. 14.11.2021, 12:26

„Weder Impfgegner noch Faschisten werden die Erde implodieren lassen“ – allein diese bildhafte Wortwahl lässt nichts Gutes ahnen. Einige Sätze ist es soweit: Das Unheil mit der Stunde des Klimas und: „Wir haben nur noch die Politik; andere Mittel stehen uns nicht mehr zur Verfügung.“ Das haben Sie ganz richtig erkannt! Das ist der Kern der derzeitigen Kulturrevolution, in der sich die westliche Kultur gegen ihren eigenen Wert wendet. So wie jene in China im vorigen Jahrhundert, die als blutiger Bürgerkrieg den Weg vom Konfuzianismus in den Kapital-Kommunismus nahm, mit all den gesellschaftlich-politischen Folgen, die Sie mit ihren Worten auch für uns Europäer beschreiben. Ein Unterschied gibt es freilich: Die Chinesen waren nie eroberisch und haben somit kein Problem mit Afrika, auch nicht mit ihren asiatischen Nachbarn. Sie wissen vielleicht, dass ein Menschenleben zu kurz ist, um derartiges Verhalten wiedergutzumachen.
Na denn: Vorwärts immer – rückwärts nimmer!

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Peter Gasser 14.11.2021, 12:32

Zitat:
"Die Chinesen waren nie eroberisch und haben somit kein Problem mit Afrika, auch nicht mit ihren asiatischen Nachbarn":
TIBET?
XINJIANG (Uiguren)?
Innere Mongolei (Mongolen)?
Shangai?
Afrika heute?
... da empfehle ich höflich, doch etwas tiefergreifend zu analysieren.

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Elisabeth Garber 14.11.2021, 14:00

Ein schöner und wahrhaftiger Text, Herr Costa!

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Meister Haus 14.11.2021, 17:29

Alle Menschen, die sich mit diesem Impfstoff nicht impfen lassen wollen sind "... lächerlich, egoistisch, narzistisch, unwissend, tollwütige Hunde, brutale, faschistische Schläger ..." Ach, Michil Costa, dies von einem Menschen wie Ihnen zu hören, der bei jeder Gelegenheit von der Bewahrung des Wahren, Guten, Schönen eintritt, schmerzt zutiefst. Was wurde mit uns Menschen bloß gemacht, was haben wir mit uns machen lassen?

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Peter Gasser 14.11.2021, 17:49

Ich finde dieses Zitat "... lächerlich, egoistisch, narzistisch, unwissend, tollwütige Hunde, brutale, faschistische Schläger ..." im Text von Michil Costa nicht.
Sie erfinden Zitate - das ist interessant und: verwerflich.

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