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Berge und Natur

Spezialisten in der Wand

Pflanzen als Überlebenskünstler in Fels- und Schuttslebensräumen
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Text: Judith Egger

Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein Südtirol
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Der erfahrene Bergsteiger weiß, wie schnell sich das Wetter im Gebirge ändern und es auch im Hochsommer zu Temperaturstürzen kommen kann. Hochgebirgspflanzen müssen für jeden Fall gerüstet sein: Ob extreme Sonneneinstrahlung, starker Wind, geringer Nährstoffgehalt, dünnere Luft mit weniger verfügbarem Sauerstoff und Kohlendioxid oder extreme Temperaturschwankungen – sie haben sich daran bestens angepasst.Schutt und Fels sind Lebensräume der Extreme und bieten Platz für genügsame Spezialisten, denen Wanderer und Kletterer auf ihren Touren gleichermaßen begegnen können.

Die Schutthalden der Dolomiten

Die gewaltigen Schutthalden unter den steilen Wänden der Dolomiten sind prägend für das Landschaftsbild. Ihre Entstehung verdanken sie den physikalischen Prozessen der Frostsprengung. Sobald Wasser in die kleinen Felsritzen eindringt und gefriert, entfaltet es durch seine Ausdehnung während der Eisbildung eine starke Sprengwirkung. Die Schutthalden der Dolomiten bestehen meist aus recht scharfkantigen Felsbrocken, die durch die Schwerkraft sortiert werden. Auch in vom Urgestein dominierten Gebieten gibt es Schutthalden: Sie bestehen meist aus gröberen Blöcken, umgeben von Feinschutt. Das Material ist dort häufig durch die Einwirkung der Gletscher etwas abgerundet.

Ständig in Bewegung

Der Felsschutt ist zunächst noch ein sehr unruhiger Lebensraum, der seinen Bewohnern deshalb einiges an Flexibilität abverlangt: Neben der ständigen Bewegung des Untergrundes sind die geringe Wasserverfügbarkeit und die vorherrschenden Temperaturextreme die größten Herausforderungen. An der Intensität des Pflanzenbewuchses erkennt man, ob der Schutt noch in Bewegung oder schon weitgehend zur Ruhe gekommen ist. Ein dichtes, weitverzweigtes Wurzelwerk ist notwendig, um den Pflanzen ausreichend Stabilität zu verleihen. Es dient außerdem der Beschaffung der lebensnotwendigen Nährstoffe, die aus den meist weit verstreut liegenden Feinerdeansammlungen gewonnen werden. Eine einzige Pflanze kann so die Feinerde auf der Fläche von mehreren Quadratmetern durchwurzeln (Bsp. Silberwurz). Abgestorbene Pflanzenteile am Grund der Triebe können mithelfen, das rasch abfließende Wasser kapillar festzuhalten.

Pioniere bilden ruhende Inseln

Die Erstbesiedler der Schuttlebensräume verfügen über sehr viel unterirdische Biomasse, die eine starke Verankerung im Boden ermöglicht und sie damit eine Verschüttung durch nachfließenden Schutt aushalten lässt. Schuttwanderer oder Schuttstrecker bilden eine sehr starke und reißfeste Pfahlwurzel mit langen Trieben, die sie durch die Steinschicht nach oben strecken. Wird ein Trieb abgerissen oder verschüttet, bewurzelt dieser innerhalb weniger Tage neu. Der Rhätische Alpenmohn ist eine Charakterart der Schuttfluren der Dolomiten. Er gehört zur Gruppe der schuttstauenden Pflanzen, die mithilfe ihres engmaschigen Wurzelwerks den Schutt festigen und zur Ruhe bringen. Manche Arten bilden dichte Polster. Feine Schuttteilchen werden regelrecht festgehalten. Dadurch kann es zu einer Anhäufung der Feinerde kommen, was den Boden für die Ansiedlung anspruchsvollerer Arten vorbereitet.

Wenig Konkurrenz: Leben in Felswänden

Der Fels bietet mit seinen Höhlen, Löchern und Rissen eine Vielzahl an Strukturen, in denen sich Pflanzen und Tiere ansiedeln können. Die extremen Temperaturschwankungen, die Ausgesetztheit gegenüber Wind und Wetter und der Wasser- und Nährstoffmangel führen zu wenig Konkurrenz um diese ökologischen Nischen. Die Bodenbildung ist meist minimal, sodass sich Felspflanzen als sehr genügsam erweisen müssen, um überleben zu können. Mit den härtesten Bedingungen kommen Flechten zurecht: Sie widerstehen Austrocknung und Frösten und benötigen nur wenig Humus. Sie sind damit Pioniere für die Feinerdebildung und ermöglichen die weitere Besiedlung des Felsens.

In Ritzen und Spalten mit ein wenig Feinerdeansammlung können schließlich Blütenpflanzen wachsen. Sie bilden häufig eine kugelförmige Gestalt aus – man spricht von Polsterpflanzen. Ihre Wuchsform bietet idealen Schutz vor Trockenheit und Temperaturschwankungen und stellt einen eigenen Mikrokosmos dar: Der Wasserverlust durch Verdunstung wird gering gehalten und die dichte Anordnung der Blätter schützt die Wurzeln vor dem Erfrieren. Der Nährstoffarmut der Umgebung begegnen diese Überlebenskünstler durch gezieltes Recycling. Abgestorbene Blätter im Inneren der Kugelform werden zersetzt und die freiwerdenden Nährstoffe für das weitere Wachstum verwendet.

Die starke Sonneneinstrahlung, der Wind und der generelle Wassermangel lässt die Felspflanzen Gefahr laufen, mehr Wasser zu verlieren, als sie gleichzeitig über ihre Wurzeln aufnehmen können. ManchePflanzen speichern deshalb in ihren dicken Blättern Wasser (Sukkulenz). Andere verkleinern durch Einrollen der Blätter nach unten ihre der Sonne ausgesetzte Blattoberfläche, bilden eine Wachsschicht auf den Blättern oder schützen sich durch Behaarung der Blätter vor der drohenden Austrocknung.

Bunt oder unscheinbar: Fortpflanzungsstrategien

Fortpflanzung ist überlebenswichtig: Da die Vegetationszeit in den alpinen Regionen nur sehr kurz ist, sind clevere Strategien gefragt. Als Erstes gilt es einen möglichst raschen Start hinzulegen. Ein Blühen kurz nach der Schneeschmelze ist deshalb möglich, weil der Startschuss mit der Bildung der Blütenanlagen bereits im Herbst erfolgt. Damit sind diese nach dem Ausapern sofort startklar.

Arten mit unscheinbaren Blüten werden eher durch den Wind bestäubt oder setzen auf Selbstbestäubung. Andere Pflanzen werben mit leuchtenden Farben um Bestäuber: Ob Fliegen, Hummeln, Bienen oder Schmetterlinge – in dieser Höhenlage ist der Blüte jeder Insektenbesuch willkommen. Hummeln fliegen beispielsweise bereits bei sehr niedrigen Temperaturen. Natürlich wird die Zahl der potenziellen Bestäuber mit der Höhe immer kleiner. Um die Chancen auf Fortpflanzung intakt zu halten, gibt es auch Pflanzen, die mehrere Strategien anwenden: Sie können sich sowohl geschlechtlich durch Fremd- oder Selbstbestäubung als auch ungeschlechtlich durch Bildung von Klonen fortpflanzen, die sich von der Mutterpflanze abtrennen. Ein Fortbestehen der genügsamen Spezialisten ist damit gesichert.

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