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Gabriela Petrovic
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Kollaboration

„Kein Tabu über Wachstum nachzudenken“

Peter Paul Kainrath vom Wert der Cooperation gerade in schwierigen Zeiten, von Wachstum und wechselndem Publikum und neuen Herausforderungen im Kulturbetrieb.
Von
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Michael Denzer24.11.2022
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Herr Kainrath, was beim kürzlich erschienen Interview mit Maestro Battistelli hervorsticht, ist sein Glaube an Kollaborationen. Ist das in der Welt der Klassik, der neuen, sowie zeitgenössischen Musik heute besonders wichtig, oder war es das schon immer?
 
Peter Paul Kainrath: Es war immer schon wichtig, aber in einem Moment in dem sich die Publikumsstruktur so verändert und auch der Rechtfertigungsdruck sich erhöht, warum öffentliches Geld in Kultur fließen soll, ist es besonders wichtig. Welche Rolle kann Kultur in einem Moment spielen in dem die gesamten gesellschaftlichen Herausforderungen so groß sind? Die existierenden Einheiten von Kulturproduktion und Kulturveranstaltungen muss man in ein größeres Bild einpflegen. Das bedeutet zunächst einmal ein Bewusstsein dafür zu haben, was der oder die jeweils andere macht, dann auch das Suchen nach Synergien.
Ich glaube auch in der Kultur darf es kein Tabu sein über Wachstum nachzudenken, aber Wachstum in der Kultur bedeutet vor allem mehr Qualität. In Zeiten, zum Glück, noch nicht eingeschränkter Mittel - aber, wie gesagt, der Druck zur Rechtfertigung nimmt zu - kann man über Kollaborationen weiterhin groß, oder vielleicht sogar größer denken. Das ist eine der größten Gefahren, wenn man sich in einem Moment großer Herausforderungen befindet und die Kultur dann gegen unter anderem sozialen Herausforderungen ausgespielt wird, bereits als Vorleistung in ein kleineres Denken zu gehen. Im Gegenteil: Heute mehr denn je muss man in der Kultur groß und neu denken, und, wenn es um zeitgenössische Kultur geht, voraus denken. Vor diesem Hintergrund ist, was Maestro Battistelli festgehalten hat nur zu unterschreiben.
Hier kann ich anmerken - und ich hoffe, dass es so verstanden wurde - dass Transart immer schon eine Plattform der Cooperation war. Heute ist es uns fast ein Selbstverständliches, dass das Museion, die Vereinigten Bühnen Bozen, ar/ge Kunst ab und zu, das Südtiroler Bildungszentrum, das Haydn-Orchester, Kunst Meran… immer wieder auf dieser Plattform Transart anzutreffen sind. Wir sind alle interessiert vor und für ein möglichst großes Publikum Dinge in die Welt zu setzen, die wir als Einzelakteure nicht im Stande wären umzusetzen.
 
So wie es in Mailand das MiTo, das Milano-Torino, aus zwei Festivals heraus gebildet gibt, könnten wir uns zumindest perspektivisch an die MeBo anlehnen, Meran Bozen.
 
Sie sind in Südtirol auch als künstlerischer Leiter der Ferruccio Busoni - Gustav Mahler Stiftung anzutreffen. Nun stellt sich die Frage, ob Kollaboration im Bereich Klassik ebenso viel Sinn ergibt. Muss das auch für das Bolzano Festival Bozen angedacht werden? Wenn ja, mit wem? Können das auch gleichgesinnten Institutionen sein, wenn man etwa nach Meran blickt?
 
Bolzano Festival Bozen ist ja an sich schon das Resultat eines Cooperations-Gedankens und -willens: Das haben viele vielleicht vergessen, dass vor etwa 15 Jahren die Bestandteile, die heute ganz natürlich im Bolzano Festival Bozen das große Ganze bilden, für sich standen: Der Busoni-Wettbewerb war nur Wettbewerb und hat in seiner Reform ein Festival dazubekommen; Die Gustav Mahler Akademie war nur Akademie; Das Haydn-Orchester hat sein Sommerkonzert außerhalb jeglicher Koordination gespielt; Dann hatte die Gemeinde die zwei Jugendorchester in Residenz; Und dann gab es noch Antiqua, die alte Musik und die Streicher-Akademie… Jeder hat für sich gespielt und es gab öfters Fälle von Überschneidungen. All das findet seit Jahren in einer coordinierten, synchronisierten Form statt. Die Partner haben ihre Eigenständigkeit bewahrt, das geht bis hin zur grafischen Kenntlichmachung durch verschiedene Farben. Aber wir gewährleisten, dass wir die unterschiedlichen Interessen des Publikums im selben Gefäß abdecken.
Dieser Körper, der schon eine Art Meta-Körper ist kann jederzeit noch mit weiteren kooperieren. Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen mit Andreas Capello von den Meraner Musikwochen. Aus unterschiedlichsten Gründen hat sich da noch nichts konkret fassbares entwickelt, aber es liegt auf der Hand, dass das ein Potential ist. So wie es in Mailand das MiTo, das Milano-Torino, aus zwei Festivals heraus gebildet gibt, könnten wir uns zumindest perspektivisch an die MeBo anlehnen, Meran Bozen. Erste Versuche uns gegenseitig zu koordinieren und nicht zu überlagern gibt es jedenfalls, wie auch eine gute Gesprächsbasis. Das Potential ist groß.
Nicht zu vergessen, das Bolzano Festival Bozen hat, um den Radius weiter zu fassen, über die Gustav Mahler Akademie mit dem Original Klang Projekt eine sehr strukturierte Kollaboration mit dem Euregio Kulturzentrum Toblach begonnen, bei welcher wir gemeinsam mit den Entscheidungsträgern in Toblach den Willen haben, das auch auszubauen.
 
Eingangs haben Sie von einer Veränderung der Publikumsstruktur gesprochen, welche nehmen Sie da wahr?
 
Der Zuschnitt der Gesellschaft verändert sich ja, der migrantische Anteil nimmt eher zu, als dass er abnimmt und eine Verjüngung des Publikums ist stark notwendig. Wir müssen alle gemeinsam darüber nachdenken, wie wir Akademiker ansprechen, die nicht mehr selbstverständlich die Werte der so genannten „Kunstmusik“, der nicht kommerziellen Musik vermittelt bekommen haben; Wie sprechen wir die an? Da tut ein gemeinschaftliches Nachdenken sicher gut. Wenn ich lese, dass Batistelli im Salto-Interview darüber nachdenkt Straßenmusiker als Präludium ins Auditorium zu bringen, dann erkenne ich darin einen Willen mit allzu abgegriffenen Formaten brechen zu wollen und wieder eine Frische und Qualität der Überraschung in den Konzertbesuch einzubringen, um die es eben auch geht.
 
Giorgio Battistelli
Giorgio Battistelli: “Vorremo cioè creare degli spazi di introduzione ad alcuni concerti, raccogliendo musicisti di strada, veri mendicanti che stanno per strada, e portarli per alcuni minuti dentro il Teatro” | Foto: Othmar Seehauser
 
Kulturveranstalter müssen ganz konkret, physisch mehr arbeiten, um die Menschen über die Schwelle zu bekommen.
 
War das in der Kultur- und Medienlandschaft vielleicht seit lange Zeit ein Problem, dass sehr stark auf das Konzept eines Abonnements gesetzt wird und man damit immer das selbe Kernpublikum bedienen muss?
 
Das Abonnement hat einen sehr hohen Wert für jeden Kulturveranstalter, weil es die Dinge etwas planbarer macht. Wir wissen alle, das Abonnement ist unter die Räder der Pandemie gekommen und ist weiterhin unter den Rädern einer Wirtschaftskrise, die sehr viele Menschen spüren. Ein Abonnement ist an sich ja nichts anderes als eine Investition in ein kulturelles Ereignis, das in der Zukunft stattfindet und durch die Investition erhält man einen Rabat. Wenn ich aber nicht weiß, wie ich ans Ende des Monats komme, warum soll ich dann in ein kulturelles Ereignis investieren, das erst im Mai stattfindet? Ich verstehe den Kontext, durch den sich Abonnements heute schwerer verkaufen. Wir sind auch mehr gefordert: Kulturveranstalter müssen ganz konkret, physisch mehr arbeiten, um die Menschen über die Schwelle zu bekommen, damit sie sich diesen Werten und Inhalten überhaupt aussetzen. Wir müssen zu vielen Dingen - von der Preisstruktur bis zur Kommunikation - neue Überlegungen anstellen. Vor der Pandemie haben viele auf Ritualen ihre eigene Arbeit aufgebaut. Es war schick oder opportun als Bürger:in dieses Landes ein Abonnement für dieses und jenes zu haben. Das funktioniert nicht mehr und es genügt nicht, Plakate aufzuhängen und ein Inserat zu schalten. Das hat sich abgenutzt.
Da gilt es neue Formen finden, vielleicht Mischformen zwischen Konzerten, in einer kostenfreien Form, in Kontexten in denen es sich niemand erwartet. Das machen wir mit den „Konzerten im Hof“, mit dem Konservatorium. Auch das Geschenk des Haydn-Orchesters zusammen mit der Stadt Bozen im Semirurali Park, das immer ein großer Erfolg war, ist hier zu nennen. Es gilt also Mischformen zu finden, zwischen einem sehr niederschwelligen, kostenfreien und einem ordentlich zu bezahlendem Konzert. Der Kulturveranstalter muss - und ich bin mir bewusst, das klingt furchtbar plakativ - mehr noch in eine Dynamik des Verkaufens gehen. Er darf sich nicht schämen dafür und darf nicht glauben, dass er die Kunst dadurch verunreinigt. Er ist in die Pflicht genommen, für die eigenen Inhalte eine Strategie des Erzählens, der Faszination zu finden, weil er in Konkurrenz steht zu vielen anderen Inhalten in der Gesellschaft.
 
Jede wirtschaftliche Entscheidung in der Kultur hat eine sofortige Auswirkung auf den künstlerischen Inhalt.
 
Hatte man früher oft eine klare Trennung zwischen einer künstlerischen und wirtschaftlichen Leitung, ändert sich nun auch das Profil, das Führungskräfte erfüllen müssen?
 
Das hat mit Größe zu tun. Ab einer gewissen Größe macht eine Doppelspitze, wo der wirtschaftlich verantwortliche Teil nicht unbedingt eine künstlerische Kompetenz braucht, Sinn. Dennoch glaub ich, dass es am Ende in der Kultur neben diesem Wissen und dieser Passion für die Inhalte, auch die Fähigkeit braucht, diese in Zahlen zu übersetzen und diese Sprache sprechen zu können. Jede wirtschaftliche Entscheidung in der Kultur hat eine sofortige Auswirkung auf den künstlerischen Inhalt. Deswegen glaube ich, dass man das nicht so einfach entsorgen kann: Der Intendant des klassischen Zuschnitts weiß das. Es braucht einen gesamten Blick. Leider ist es so - und das hat mit zunehmender Bürokratie und zunehmenden Transparenz-Anforderungen, die an sich wichtig sind, aber wahnsinnig viel Energie absorbieren - dass der Anteil des rein künstlerischen Agieren des Intendanten oder Direktors zusehends zusammenschrumpft, während der andere Anteil größer wird. Wenn man diesen anderen Anteil aber einfach auslagert, um die Hoffnung pflegen zu können, am Morgen aufzustehen und sich von Früh bis Spät über die letzten Setzungen der zeitgenössischen Kunst, oder die großartigsten Interpretationen einer Beethoven Sonate den Kopf zerbrechen zu können, dann ist das höchstwahrscheinlich sehr naiv.
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Foto: Othmar Seehauser
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