Festival
Gabriel Höllrigl
Advertisement
Advertisement
Festival

„Eine Insel im Alltag“

Ein Jahr ohne Festivals. Ein Stimmungsbild.
Von
Bild des Benutzers Pico Bello
Pico Bello25.03.2021
Advertisement

Seit nun über einem Jahr finden keine Festivals und größeren Konzerte statt. Wie geht es den jungen Leuten damit? Vier junge Südtiroler*innen schildern ihre Eindrücke.

 

Alexander Pomella
Für Alexander Pomella fühlt sich ein Sommer ohne Festivals nicht wie Sommer an.

 

Alexander „Pomme“ Pomella treibt es über die Landesgrenzen hinaus, um seinen Durst nach Festivals zu stillen.

Was bedeuten Festivals für dich?

Alexander Pomella: Als Berufstätiger empfinde ich Festivals als perfekten Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag. Einfach mal Kopf ausschalten und die „Sau“ rauslassen. Zudem sind Festivals ein idealer Treffpunkt für Gleichgesinnte. Man trifft auf Bekannte, die man sonst wohl aus den Augen verlieren würde oder lernt Menschen kennen, die aus anderen Orten oder sogar Ländern kommen.

Auch das gemeinsame Feiern gehört zum Leben.

Hat dir vorigen Sommer ohne Festivals etwas gefehlt?

Und wie! Es fehlt einfach das gewisse Etwas an den Wochenenden. Zeltplatz, Partys, Festivals gehören für mich seit mittlerweile fast 20 Jahren zum Sommer und auch zum Leben.

Große Festivals wird es bis zum Sommer 2022 nicht geben. Glaubst du, die Branche leidet langfristig unter dem Stillstand?

Die aktuelle Lage ist sicherlich hart und einige wird es schwer treffen. Aber ich denke, dass sich, soweit irgendwie möglich, keiner unterkriegen lässt. Die meisten Personen brennen leidenschaftlich dafür und sehen oft eine Lebensaufgabe darin. Ich hoffe, dass sich die meisten denken „Jetzt erst recht“! Denn auch das gemeinsame Feiern gehört zum Leben. Trotzdem sollte es mehr Unterstützung geben, denn Festivals gehören zur Kultur und sind somit auch Teil unserer Gesellschaft und unseres Lebens.

 

Martin Mayr
Martin Mayr während eines Auftritts.

 

Martin Mayr ist mit Festivals bestens vertraut: Als leidenschaftlichen Festivalbesucher, als Bandmitglied von „Dead Like Juliet“ und als Live-Tontechniker.

Was ist das Besondere an einem Festival?

Martin Mayr: Die Atmosphäre ist einzigartig. Die Besucher schlafen im Zelt, nehmen das Proviant selbst mit und genießen die Tage gemeinsam mit Freunden unter freiem Himmel. Zudem kommt man mit vielen Menschen in Kontakt, die gleiche Vorlieben haben.

Seit bald über einem Jahr finden keine Veranstaltungen dieser Art mehr statt.

Ich habe Festivals „gelebt“ und seit zehn Jahren so ziemlich jedes in Südtirol besucht, vom Vinschgau bis ins Pustertal. Auch mit der Band hatten wir große Pläne für den Sommer 2020, aus denen leider nichts wurde. Es war ein gemütlicher Sommer, aber die Höhepunkte haben gefehlt. Normalerweise bedeutet Sommer für mich Festivals, Konzerte und OpenAir`s.

Als Mitglied einer Band trifft dich der Stillstand auch aus einem anderen Aspekt.

Normalerweise hatten wir ungefähr 60 Konzerte im Jahr und sind mit unserem Band-Bus bis Russland und Schweden gefahren. Den Stillstand spüren wir auch finanziell, denn neben Streaming-Einnahmen sind Konzerte unsere Haupteinnahmequelle. Wir mussten daher auch privates Geld in die Band investieren, damit sich das Projekt fortsetzt.

Den Stillstand spüren wir auch finanziell.

Wie nimmst du die Stimmung in der Szene wahr?

Generell, würde ich sagen, erdrückend. Von den Leuten, die hauptberuflich im Eventsektor tätig sind, mussten bestimmt viele in andere Branchen abwandern. Durch die Band sind wir europaweit mit Festivalorganisatoren in Kontakt, wir bekommen Anfragen für das Jahr 2022 und oft sogar für 2023. Drei Jahre ohne Konzerte und Festivals sind ein großer Einschnitt und werden Spuren hinterlassen. Es bleibt offen, ob die Leute danach noch motiviert sind, große Events zu organisieren. Der Arbeitsaufwand dahinter ist enorm. Auch Jugendlichen, die zwischen 16 und 18 Jahre alt und mitten in der Phase des Entdeckens sind, werden die Jahre fehlen. Aber ich bleibe optimistisch und hoffe stark, dass es bald wieder möglich sein wird, Konzerte zu geben und zu besuchen.

 

MSHRM
Dominik Bruczynski spielt Drum and Bass und Psytrance.

 

Dominik Bruczynski ist als DJ unter dem Künstlernamen MSHRM bekannt und tritt in Clubs, auf OpenAir`s, auf Festivals und bei Rave`s auf.

Was ist ein Festival für dich?

Dominik Bruczynski: Ein Festival empfinde ich als parallelen Ort zum Alltag. Ein Ort, wo für einige Tage nur im Moment gelebt wird und die Außenwelt nicht existiert.

Wie war das Jahr für dich, als DJ, ohne Möglichkeit vor Leuten in großem Rahmen zu spielen?

Mir fehlen die Höhepunkte im Alltag, auf die man sich hin freuen kann. Auch finanziell habe ich kleine Einbußen. Das Geld, das ich mir durch Auftritte dazuverdient habe, fehlt am Ende des Monats. Aber mehr als alles andere, vermisse ich den psychischen Ausgleich. Meine Auftritte waren für mich auch Therapiesitzungen, wo ich alle angestauten Emotionen loswerden konnte. Meine Produktivität ist während des Lockdowns gestiegen, was sicher damit zusammenhängt, dass ich so viel Zeit zu Hause verbracht habe. Mir fehlen aber die Reaktionen des Publikums auf meine Musik.

Ich vermisse den psychischen Ausgleich.

Denkst du, dass die derzeitige Situation langfristig Auswirkungen auf die Branche hat?

Ich glaube, das ist personenabhängig. Einige werden das Interesse verlieren, aber ich glaube der Großteil wartet nur darauf, dass alles endlich wieder los geht. Ich sehe die momentane Zeit als Phase der Produktion und werde, sobald möglich, mit Leidenschaft, Motivation und Freude zurückkommen.

 

Karoline Irschara
Karoline Irschara fehlt Kultur sehr.

 

Karoline Irschara war in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Kollektiven der pmk (Plattform für mobile Kulturinitiativen) in Innsbruck tätig und hat mehrere kleinere Konzertreihen mitorganisiert.

Welche Gefühle und Gedanken verknüpfst du mit Festivals?

Karoline Irschara: Ich verbinde mit Festivals sehr viele positive Gefühle und Erfahrungen. Durch das kulturelle Zusammentreffen entstehen neue Sichtweisen und interessante Kontakte. Ich kenne die Szene als Zuhörerin sowie als Organisatorin kleinerer Konzertreihen. Als Organisatorin steckt man viel Leidenschaft und Zeit in ein Projekt. Umso schöner ist es am Ende zu sehen, dass man vielen Freude und eine gute Zeit bereiten konnte. Für mich sind Konzerte und Festivals wie eine Insel im Alltag.

Wie beurteilst du die Situation der Branche momentan?

Generell hat man das Gefühl, dass Kultur nicht als wichtig erachtet wird. Und wenn von Kultur gesprochen wird, dann meist von spezifischen Formen. Dabei wird oft vergessen, dass Kultur viel umfangreicher ist. Festivals und alternativere Konzerte werden dabei eher einer Subkultur zugeordnet. Man merkt an den Maßnahmen, dass und wie Prioritäten gesetzt werden.

Die Verhältnismäßigkeit zwischen den Maßnahmen ist für mich nicht immer nachvollziehbar.

Der Kultursektor pocht schon länger auf geregelte Öffnungen.

Die Leute im Kultursektor wollen Sachen organisieren, sie sind kreativ geworden und haben Konzepte entwickelt wie zum Beispiel verpflichtende Eintrittstests. Aber ich habe das Gefühl, alle Konzepte werden pauschal abgelehnt. Die Verhältnismäßigkeit zwischen den Maßnahmen ist für mich nicht immer nachvollziehbar.

Glaubst du die Branche wird langfristig unter dem Stillstand leiden?

Viele Menschen haben keine Wahl und müssen sich gezwungenermaßen einen neuen Job suchen, die Förderungen halten sich in Grenzen, die Ablehnung alternativer Vorschläge demotiviert viele und sorgt für Unmut. Andererseits denke ich, dass sobald die Situation überstanden ist, ein neuer Aufschwung kommt und die Motivation rasch wieder aufflammt.

Am meisten vermisse ich die Unbeschwertheit. 

Was fehlt dir persönlich?

Endlich verstehen wir, wie wichtig Kultur für die Psyche ist. Ich sehne mich danach, Neues zu entdecken. Es ist schön, wenn Leute für eine Leidenschaft brennen. Musik verbindet und fördert den Austausch. Musik führt zu kultureller Bereicherung. Am meisten vermisse ich die Unbeschwertheit. 

Advertisement
Advertisement
Advertisement
Advertisement
Advertisement