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FAMILIEN

Zukunft vergessen

Wir wollen die Zukunft der Wirtschaft unbedingt retten, aber was ist mit der Zukunft unserer Kinder, haben wir die vergessen?
Community-Beitrag von Elide Mussner Pizzinini25.05.2020
Bild des Benutzers Elide Mussner Pizzinini
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“Mama, wir müssen nicht mehr in die Schule!”, ich kann mich noch gut erinnern, als mein Sohn Anfang März ganz aufgeregt nach Hause kam. “Was?!”, ich war paff und ziemlich verwundert, bis ich dann verstand, ok, passt, in Ordnung. Ist wahrscheinlich besser so im Moment; ein Moment, der aber immer noch andauert. Hat da jemand etwa unsere Kinder vergessen?

Von Anfang an war dieser Paradox eindeutig: auf der einen Seite die Kinder zu Hause, von einem Tag auf den anderen, ohne genauere Hinweise, ohne Perspektive, ganz alleine, auf der anderen die Wirtschaft auf Hochtouren, Hotels, Bars, Geschäfte, Skilifte, Besucher aus aller Welt gingen ein und aus. Es dauerte lange, bis man zur Vernunft kam und endlich auch den Tourismus und die Wirtschaft heruntergefahren wurde. Kurz darauf kam dann der offizielle staatliche Lockdown. Gut also, alle waren wir nun im gleichen Boot für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung.

 

Aber kommen wir zu uns heute. Fast drei Monate lang schon, sind unsere aller Kinder zu Hause. All ihre sozialen Kontakte hat man ihnen genommen, das Recht auf Bildung ist  bis auf ein paar Übungen, die sie zuhause, selbstständig auszuführen haben, reduziert worden. Sie sind allein und wehrlos, und viele Eltern mit ihnen, aber niemand scheint sich recht darum kümmern zu wollen.

Der Tourismus muss wieder hochgefahren werden! Die Betriebe müssen um ihre Existenz bangen! Wir müssen der Wirtschaft helfen, Milliarden von Euro zur Verfügung stellen! Es geht doch um Geld und schließlich kommt man durch Geld zu Geld, das ist eine alte Geschichte. Die italienische Phase 2 war uns Südtirolern zu schwach, zu wenig mutig, zu ungerecht, also hat man sich eingesetzt, wie man das von uns Südtirolern kennt, ohne Furcht und für das Gemeinwohl unseres Landes. Finde ich gut und richtig. Aber: unsere Kinder?! Die sind immer noch zu Hause. Unsere Familien? Die sind noch immer am Limit des Kollaps. Unsere Frauen und Mütter? Die sind noch immer zum Homeoffice verbannt und seit Monaten im Spagat zwischen Kinderbetreuung, Arbeit und Haushalt. Dieses Bild der Frau zu Hause, klingt in meinen Ohren zwar extrem konservativ, aber es ist nun mal wirklich so: diejenigen, die nun wieder mal zurückstecken müssen um Haus und Hof zu retten, sind wir Frauen. Wie die Süddeutsche Zeitung vor kurzem titelte: Wenn nicht alle mitmachen, bleibt eine Dumme übrig.

Wo sind die mutigen Männer, die sich für die Zukunft Südtirols einsetzen wollten? Wo die Frauen sind, frage ich mich schon lange, mit nur 9 Frauen und 26 Männern im Landtag ist es doch gar nicht mehr die Frage wert. Aber: haben wir denn wirklich unsere Kinder vergessen?

don_chisciotte_della_mancia_salvador_dali.jpg
don_chisciotte_della_mancia_salvador_dali.jpg, per Salvador Dalì

Bildung und Kultur werden in unserer Gesellschaft fast schon als Luxus gesehen, in jenem Sinne, dass es sie doch nicht unbedingt braucht, sie sind in solch schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ja schon fast überflüssig. Die Frage ist legitim: was wird aus unserer Zukunft, wenn unser Bildungssystem jahrzehntelang immer weiter abgebaut und vernachlässigt wird? Lasst es mich euch sagen: die ständigen wirtschaftlich optimierten Gedanken haben uns zu Trotteln gemacht. Vor lauter daran zu denken, unsere Wirtschaft zu retten, die Tourismusindustrie auszubauen, Südtirol als Business-Standort international appetitlich zu gestalten, haben wir unsere Zukunft vergessen. Und unsere Zukunft sind nun mal unsere Kinder. Punkt.

 

Man kann Restaurants besuchen, in der Bar Kaffee trinken, man kann in die Geschäfte, die Hotels sperren der Reihe nach auf, man kann jetzt auch ins Fitness-Center zum Schwitzen gehen und in die Kirche zum Beten. Man kann sich am Spielplatz treffen und den ganzen Nachmittag lang zusammen spielen, immer mit Maske natürlich. Aber in die Schule? Nein, in die Schule kann man immer noch nicht. Man hat sich zwar zum guten Gewissen bekannt, in dem man einen Notdienst organisiert hat - bei uns im Dorf dürfen zur Zeit 4 Schüler und 2 Kindergartenkinder unterrichtet werden - aber von Recht auf Bildung ist das schon Lichtjahre entfernt. Als mein Sohn erfuhr, dass er heuer nicht mehr in den Kindergarten gehen darf, da hat er wässrige Augen bekommen. “Wieso die Einen schon und ich nicht? Haben die ein Glück!”

 

Wieso regen sich die Eltern nicht endlich mal auf und machen einen Aufstand? Die haben gar keine Zeit dazu, sie müssen sich ja um die Zukunft unseres Landes kümmern! Da bleibt wenig Zeit zur Revolution. Wir sollten aber alle zusammen, mit Kind und Kegel zum Magnago-Platz marschieren und nicht kapitulieren bis man in unserem Land nicht endlich wieder zur Vernunft kommt. Von Italien verlange ich das schon gar nicht mehr, aber von uns Südtirolern schon.

 

Und ich kann mich einfach nur ständig Fragen: haben wir wirklich unsere Kinder vergessen?

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Kommentare

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 25.05.2020, 20:01

Als Österreicher kann ich nicht beurteilen, wo Südtirol durch die italienische gesetzgebung Grenzen gesetzt sind. Ich kann nur auf die Praxis in Ö. verweisen:
- Kinder berufstätiger Eltern konnten weiterhin in Schule und Kindergarten die dortige Betreuung in Anspruch nehmen.
- keine Maskenpflicht während der Schulstunden (Schulbetrieb in Ö. läuft wieder)
Die Verfolgung der erkannten Cluster hat ergeben, dass nur sehr wenige Kinder infiziert wurden und dies häuslich erfolgte, nicht aber in Schule oder Kindergarten.

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Karl Trojer 11.06.2020, 18:54

Kinder sind das wertvollste Gut einer Gesellschaft ! Meines Erachtens könnten ab sofort Kinderhorte, Kindergärten und Schulen den normalen Betrieb wieder aufnehmen. Auch die üblichen Ferienveranstaltungen für Kinder und Jugendliche sollten uneingeschränkt wieder abgehalten werden. Kinder im Dorf mit Garten haben´s da noch leichter als Kinder, die in einer kleinen Stadtwohnung mit dem Ausgeschlossensein zurechtkommen müssen. Ein Handeln in diesem Sinne erscheint mir auch zur Entlastung der Mütter und "Hausfrauen" dringend notwendig.

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