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Beeindruckende Chronik verheerender Skandale

Das neue Buch von Christoph Franceschini ist gut recherchiert, flüssig geschrieben und für Südtirol wichtig. Aber es kann nur ein Anfang sein.
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Das vor kurzem in der Edition RAETIA erschienene Buch "Bankomat - Die Millionenverluste der Südtiroler Sparkasse" von Christoph Franceschini liest sich tatsächlich wie ein Krimi, der Stil ist trotz der dichten und komplexen Materie flüssig und das Buch leicht lesbar - zweifelsohne ein großes Verdienst des Autors.

Akribisch zeichnet Franceschini wichtige Etappen der Sparkassenentwicklung der letzten Jahre auf und reiht eine beeindruckende Zahl von Fakten und Informationen aneinander, ohne dass dabei der rote Faden - das Interesse der Öffentlichkeit und der Anleger - verlorengeht.

Wie bei der Präsentation des Buches am 12. Dezember im Hotel Laurin in Bozen betont, enthält sich Franceschini weitest gehend persönlicher oder allgemeiner Wertungen und überlässt es den LeserInnen, Schlüsse aus der Faktenlage zu ziehen.

Das ist korrekt, professionell und redlich. Gleichzeitig entsteht dadurch aber die Gefahr, dass das Kapitel "Sparkasse" durch die sehr gute Aufarbeitung durch den Autor in den Augen der Öffentlichkeit als abgehandelt wahrgenommen wird und dass zur Tagesordnung übergegangen wird, ohne die prominenten Akteure der aufgezeigten Skandalserie nachhaltig zur Verantwortung zu ziehen.

Allzu leicht könnte auch der resignative Eindruck entstehen, in Südtirol "sei es nun halt mal so" und ein paar gute Nachrichten in DER Zeitung könnten sich schnell zu willkommenen Katalysatoren für eine Schwamm-drüber-Mentalität auswachsen. Immer wieder gelingt es in unserem Landl unter Hinweis auf schlimme Missstände im Süden und Bedrohungen aller Art für die Insel der Seligen eine Art Bunkermentalität zu erzeugen, die von den Fehltritten der "eigenen Leute" ablenkt.

Dabei geht es bei den vielen und teilweise hanebüchenen Fehltritten bei der Führung der Sparkasse keineswegs um Lappalien.

Was im Buch trotz immer wieder auftauchenden Anklängen zu kurz kommt - und darin sollte zumindest auch eine der Konsequenzen aus der Aufarbeitung liegen - ist die unselige Verquickung zwischen Clans, Schlaumeiern, Wirtschaft, wichtigen Medienhäusern und der Politik.

Wie schon im wichtigen und lesenswerten Buch "SELfservice" über den SEL-Skandal orte ich im Buch über die Sparkassen-Skandale eine auffällige Schonung der Rolle und der Person von Luis Durnwalder. Ich akzeptiere nur sehr ungern, dass der einst all- und übermächtige Landesvater, der alles über alle wusste und der sich in dieser Rolle sonnte und die Geschicke des Landes über 30 Jahre lang an führender Stelle bestimmte, plötzlich überall nur mehr zu Randfigur heruntergeschrieben wird. Das ist nicht fair gegenüber jenen, die durch Kritik und Offenheit in der Ära Durnwalder nicht selten erhebliche Nachteile hinzunehmen hatten.

Christoph Franceschini und die mutige Edition RAETIA haben sich zweifelsohne um Südtirol sehr verdient gemacht. Nun liegt es aber an der Südtiroler Gesellschaft, die Aufarbeitung dieser und anderer Fehlentwicklungen voranzutreiben und die Voraussetzungen zu verbessern, dass sich solche Mischungen aus Kungelei, Unvermögen, Großmannssucht, Arroganz und Sendungsbewußtsein wie sie bei den Sparkassenskandalen an die Öffentlichkeit kommen, nicht so leicht wiederholen können.

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Kommentare

Bild des Benutzers Sebastian Felderer
Bravo Markus! Habe das Buch auch so erlebt und auch gelegentlich kommentiert. Dein Beitrag trifft die Qualitäten des Autors punktgenau und auch die Rückschlüsse auf das "System Südtirol" teile ich voll und ganz. Danke Markus für diese Einschätzung.
Bild des Benutzers kurt duschek
Habe das Buch "Vatikan AG" von Gianluigi Nuzzi gelesen und anschließend "Bankomat" von Christoph Franceschini. Wir sind natürlich nur ein kleines Land Südtirol, aber im System gibt es eigentlich keinen Unterschied zum kleinen Vatikan. Beides sind "Aktiengesellschaften" die in Teilbereichen außer Kontrolle geraten sind. Den mutigen Aufklärern und ihren Verlagen sei gedankt.
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