Rote Schuhe
Jörg Oschmann
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Risikogruppe Frau

Die unsichtbare Pandemie: toxische Männlichkeit.
Kolumne von
Bild des Benutzers Stefanie Arend
Stefanie Arend26.04.2020
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Ich höre gerade meine 70s Playlist und Jimmy Hendrix singt davon, dass irgendein Joe unterwegs ist, um seine Frau zu erschießen, weil er sie mit einem anderen Mann erwischt hat, als ich die Schlagzeile von einem Frauenmord in der Lombardei sehe. Ein Mann erschießt seine Freundin im Schlaf. Der Grund: Eifersucht. Kein Aufschrei, keine Empörung. Logisch überschattet gerade die Corona-Pandemie alles, aber dass es schon seit Jahren eine andere Pandemie gibt, die Frauen tötet, interessiert mal wieder fast keinen. Dabei stelle ich makaber fest, dass zumindest in unserer Popkultur selbstverständlich über die Ermordung, Vergewaltigung und Erniedrigung von Frauen gesungen und gedichtet wird. Künstlerische Freiheit ist wichtig, aber es gibt auch Grenzen. Weil leider wird dieses Stilmittel zu oft zur Realität für die Hälfte unserer Gesellschaft.

Männer bringen ihre Partnerinnen um, überall auf der Welt. Es reicht auch nicht mehr, von Einzelfällen mit psychischen Erkrankungen zu reden. Wir haben ein Problem mit toxischer Männlichkeit, die zu häuslicher und sexualisierter Gewalt gegnüber Frauen führt und es schon viel zu lange unterschätzt. Daran ist jetzt nicht die Popkultur schuld, sie spiegelt dies nur wieder. Das fängt unter anderem schon bei unserer Kommunikation an. Kleine Jungs loben wir dafür, was sie doch für Charmeure sind, wenn sie Frauen anlächeln und schon richtig gut „flirten“ können. Mädchen hingegen reden wir ein, dass Jungs sie hauen, weil sie nicht wissen, wie sie sonst ihre Gefühle der Zuneigung ausdrücken sollen. Das passiert automatisch und ist gut gemeint. Auch ich habe das schon zu meiner Nichte gesagt, nachdem sie traurig war, weil ein Junge, den sie mag, sie gehauen hat. Mit diesen Floskeln sind wir selber aufgewachsen, das entschuldigt aber nicht sie nicht zu hinterfragen. Hilfe, da ist sie wieder, diese nervige Political Correctness. Aber Sprache ist das wichtigste Instrument um die Welt zu erklären, zu begreifen und eben auch zu verändern. Warum weisen wir Mädchen darauf hin, beim Ausgehen nicht so viel zu trinken, damit sie nicht vergewaltigt werden, anstatt Jungs aufzuklären, dass zu viel Alkohol sie dazu bringt die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr Herr der Lage zu sein? Warum müssen sich Mädchen und Frauen immer noch anhören, sie seien zu freizügig angezogen und brauchen sich dann nicht wundern, begrapscht zu werden, anstatt dass wir den Jungs und Männern aufzeigen, dass der weibliche Körper nicht exklusiv für ihre Lustbefriedigung zur Verfügung steht? Warum bewerben wir Autoreifen immer noch mit halb nackten Frauen? Warum werden Jungs immer noch als Mädchen beschimpft, wenn sie etwas nicht können oder Gefühle zeigen? Männer sind die Weiberhelden, Frauen die Schlampen und so weiter. Einzelne Beispiele, die sicher nicht der Komplexität des Problems der toxischen Männlichkeit gerecht werden – und ja, Männer leiden auch darunter –, aber sie veranschaulichen, wer in unserer Gesellschaft dominieren soll und wer dominiert werden soll und wir wissen alle, für wen das schlechter ausgeht.

Ich wünschte, die Zahlen zu Frauenmorden und sexualisierter Gewalt und die Präventionsvorschläge würden endlich genauso ernst genommen werden wie aktuell die zur Corona-Pandemie. Dann müsste ich mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machen, dass es für eine meiner drei kleinen Nichten gerade statistisch gesehen sehr wahrscheinlich ist, später einmal davon betroffen zu sein.

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Kommentare

Bild des Benutzers Karl Trojer
Karl Trojer 25.05.2020, 19:39

Ich kann Ihren Begriff "toxische Männlichkeit" sehr wohl verstehen und als Mann auch teilen. Es erscheit mir dazu als wesentlich, endlich mit der jahrtausendealten Dominaz des Patriarchats aufzuräumen. Das müsste am effizientsten bei den Religionen beginnen. Unsere europäischen Demokratien haben die Gleichheit von Frau und Mann in ihren Verfassungen zwar niedergeschrieben, umgesetzt haben wir diese gleichen Rechte und gleichen Chancen aber noch nicht. Selbst in Opern wird die Eifersucht besungen ... dabei ist diese nur Ausdruck von Habgier und Dummheit, gepaart mit einem missverstandenen Selbstwert. Ich wünsche mir sehr, dass diese "Gleichheit" ehestens alltäglich wird, es würde davon auch die Lebensqualität von uns Männern sehr gewinnen .....

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