Schwarzviolete Akelei
Naturmuseum Südtirol
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Zoom #6

Im Namen der Pflanze

Das Naturmuseum geht in einem Forschungsprojekt der Frage nach, welche Namen Pflanzen im Südtiroler Dialekt haben.
Von
Bild des Benutzers Elisabeth Stampfer
Elisabeth Stampfer27.06.2020
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Wie jeder von uns einen Namen hat, so tragen auch Pflanzen einen Namen. Und nicht nur einen, meist verfügen Pflanzen über den lateinischen Namen, einen oder mehrere deutsche Büchernamen und Vernakularnamen, also mundartliche oder dialektale Namen. Aber der Reihe nach:

Die wissenschaftlichen, lateinischen Pflanzennamen sind ein wichtiger Schlüssel zu unserem Wissen über die Pflanzenwelt. Sie garantieren, dass es weltweit einen verbindlichen und gültigen Namen für eine Pflanzenart gibt. Informationen über eine Pflanze lassen sich in den Büchern nur dann sammeln und finden, wenn man für ein und dieselbe Art einen weltweit gültigen Namen hat. Bereits seit dem 16. Jahrhundert sind auch deutsche Pflanzennamen bekannt, etwa für Arzneipflanzen wie Kamille, Arnika und Linde oder Nahrungspflanzen wie die Bohne. Diese deutschen Büchernamen sind seit dem 19. Jahrhundert auch in der Fachbotanik verbreitet. Seither findet sich in der Fachliteratur neben dem lateinischen Namen auch diese deutsche Entsprechung. Neben diesen fachsprachlichen Namen gibt es auch Vernakularnamen. Es sind dialektale und mundartliche Bezeichnungen für Pflanzen und Pflanzenarten. Die unterschiedlichen Bezeichnungen lassen interessante Rückschlüsse auf die Kenntnisse über einzelne Pflanzen in unterschiedlichen Gebieten zu und geben Hinweise auf deren Verbreitung und Nutzung. Nicht zuletzt sind die Vernakularnamen ein wichtiges Kulturgut.

Oxalis Acetosella
Der Wald-Sauerklee (lat. Oxalis acetosella) wird in Mals bspw. Fiaberklea, in Innichen Himmlsprot, in Bozen Kuckucksprot und in Laag bei Neumarkt Pan de cuco genannt. | © Naturmuseum Südtirol

 

Deshalb hat das Naturmuseum Südtirol ein Forschungsprojekt gestartet, bei dem die aktuell und historisch verwendeten mundartlichen Bezeichnungen für Pflanzen systematisch erhoben und dokumentiert werden. „Als Museum,“ so Thomas Wilhalm, der wissenschaftliche Leiter des Forschungsprojektes, „dokumentieren wir nicht nur, welche Pflanzen wo wachsen, welche Bestände sich verändert haben oder gefährdet sind. Für uns ist es auch wichtig zu wissen, wie die Pflanzen bezeichnet werden. Schließlich haben wir als Museum ja die Aufgabe Kulturgut für kommende Generationen zu bewahren.“

 

Am Beispiel der Roten Johannisbeere macht Thomas Wilhalm die Bedeutung des Projektes fest. Die lateinische Bezeichnung für die wegen ihrer Früchte beliebten Pflanze ist Ribes rubrum, ihr deutscher Büchername „Rote Johannisbeere“. In Österreich und Südtirol wird sie gerne auch als Rote Ribisel bezeichnet, wobei das nicht ein dialektaler Name ist, wie ihn Wilhalm und sein Team, der Sprachwissenschaftler Johannes Ortner und die Botanikerin Angelika Ruele, im aktuellen Forschungsbericht suchen. Denn, so Wilhalm, „Ribisel versteht man von Tirol bis nach Wien.“ Spannender und relevant für das Forschungsprojekt sind lokalspezifische Bezeichnungen. So heißen die Johannisbeeren im Obervinschgau etwa „Tsaufen“, in Schlanders „Sontahonsbeer“ weil sie Ende Juni, also zum St. Johannestag reif ist. Doch wie wird sie in Astfeld, Brixen oder Salurn bezeichnet? „Wir wollen verstehen, für welche Pflanzen es überhaupt Dialektnamen gibt“, so Wilhalm.

Von den 2.500 höheren Pflanzenarten im Land, geht der Botaniker aus, gibt es für etwa 500 einen eigenen Namen im Dialekt und das lässt interessante Rückschlüsse zu. „Einen Namen haben nur jene Pflanzen, die unterschieden werden können und die relevant sind, also Kulturpflanzen, Nahrungspflanzen, Pflanzen mit Heilwirkung, Unkraut oder besonders giftige Pflanzen. Spannend ist es vor allem, die regionalen Unterschiede zu sehen.“

Polygala Chamaebuxus
Frauenschiedlar (Sarntal), Holzhackerlen (Pustertal), Honigkampelen (Andrian), Woldmyrte (Meransen) oder Schmeckale (Toblach): Die Buchs-Kreuzblume (lat. Polygala chamebuxus) hat viele Namen. | © Naturmuseum Südtirol

 

Das Projekt verfolgt methodisch drei Ansätze: die Auswertung bereits bestehender Informationen (Literatur, Flurnamendatenbank), Feldforschung mit lokalen Gewährsleuten und die Befragung der Bevölkerung (Citizen Science). In den Gemeindeblättern und anderen lokalen Medien wird abwechselnd das Foto einer Pflanze gezeigt und die Bevölkerung ist aufgefordert, per Mail den jeweiligen lokalen Dialektnamen dieser Pflanze mitzuteilen. „Es gibt eine rege Teilnahme“, freut sich Thomas Wilhalm, „bis Ende 2021 läuft das Projekt, dann sollen alle Vernakularnamen im Portal florafauna.it gesammelt und präsentiert werden.“

Zoom | Eine salto.bz-Reihe über Wissenschaft und Forschung.

Realisiert in Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum Südtirol.

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