Wolf
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Wolf

Mensch, Wolf und Tier

Der Mensch ist gut. Der Wolf ist gut. Den Tieren geht es schlecht.
Community-Beitrag von Lukas Gutmorgeth26.07.2019
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Die Menschen im 21. Jahrhundert gehen extrem widersprüchlich mit Tieren um. Das eine ist gefürchtet, das andere wird gestreichelt und das dritte landet auf dem Teller. Warum behandeln wir Wolf, Katze und Schwein so unterschiedlich? Ist unser derzeitiges Verhalten gegenüber Tieren überhaupt rational begründbar, oder ist es gar Teil unserer menschlichen Natur?

Der Mensch

Thomas Hobbes (1588-1679), ein englischer Philosoph, ist davon überzeugt, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Wobei Wolf für ein blutrünstiges, brutales und egoistisches Raubtier steht. Um den Menschen vor sich selbst zu schützen, brauche es einen starken Herrscher an der Spitze des Staates. Die Menschen treten Teile ihrer Freiheit ab und bekommen dafür mehr Sicherheit. Mit einem starken Staat, der für Sicherheit sorgt, können dann sogar egoistische Raubtiere, wie der Mensch, friedlich nebeneinander koexistieren.

Mit seiner Theorie hätte Hobbes durchaus recht, wenn die Evolution des Menschen rein auf das Überleben des am besten angepassten Individuum hinausliefe. Denn nur der Stärkste setzt sich durch und kann seine Gene weitergeben. Krieg, Mord und Egoismus sind Mittel dafür. Wer die Natur des Menschen darauf beschränkt, muss die Welt um sich herum ausblenden. Der Nachbar der Essen vorbeibringt, die ältere Dame, die einen anlächelt, der junge Mann, der Ihnen freundlich den Weg zum nächsten Supermarkt beschreibt und der Soldat, der sich für einen Kameraden opfert, hätten in einer egoistischen Welt keinen Platz. Wo liegt also der Fehler dieses Menschenbildes?

Der Mensch überlebte in der Natur nicht als Individuum, sondern in der Gruppe. Anders gesagt: Das egoistische Handeln innerhalb einer Gruppe, gefährdet das Überleben aller. Angenommen wir leben im Regenwald als Teil einer indigenen Gruppe von maximal hundert Personen. Abgeschnitten von der modernen, westlichen und industriellen Gesellschaft. Die Arbeit wird geteilt und Ihre Aufgabe ist es, Körbe zu flechten. Sie weigern sich aber zu arbeiten.  Das führt dazu, dass keine Körber mehr zum Transportieren der Nahrungsmittel, Baumaterialien und Heilpflanzen vorhanden sind. Kurz gesagt - Die Gruppe wird geschwächt und hat, im Vergleich zu anderen Gruppen, eine geringere Überlebenschance. Trotzdem wird die Gruppe Sie nicht ausschließen, weil Ihre engen Freunde und Verwandten, das nicht zulassen würden. Sie würden also auf Kosten der Anderen leben. Gruppen mit vielen egoistischen Individuen sterben aus, wo hingegen altruistische Gruppen überleben. Der Mensch ist nach dieser Theorie also kein brutaler Egoist, sondern innerhalb der Gruppe ein Altruist.

Wie sieht es aber mit dem Wolf aus?

Der Wolf

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wenn das oben genannte Menschenbild angewendet wird. Der Wolf lebt nämlich, ähnlich wie wir einmal gelebt haben, in kleinen Gruppen. Er ist ein Familientier, kümmert sich um seinen Nachwuchs, teilt die Nahrung mit anderen und arbeitet für die Gemeinschaft. Man könnte also sagen, dass man einem Wolf, der mit einer guten Flasche südtiroler Rotwein an Großmutters Tür klopft, unbedingt aufmachen sollte. In der Realität aber wird das nie passieren. Nicht etwa, weil der Wolf südtiroler Weine nicht schätzt, sondern weil er grundsätzlich ein scheues Tier ist, das den Menschen meidet.

Ängste schüren bringt leider mehr Wählerstimmen, als aufzuklären.

Natürlich ist es schlimm, wenn ein Wolf Nutztiere reist. Natürlich entsteht ein erheblicher Schaden für den betroffenen Bauern und natürlich kann man sich darüber aufregen. Die Angst vorm Wolf wird aber niemanden helfen! Weltweit gibt es nur sehr wenige Angriffe von Wölfen auf den Menschen und noch weniger enden tödlich. Jedes Auto, jedes Familienmitglied und jede herabfallende Kokosnuss, sind für den Menschen statistisch gesehen gefährlicher als der Wolf. Ein aufgeklärter und rationaler Mensch sollte Autos mehr fürchten als Wölfe. Das ist aber nicht der Fall, denn sowohl unsere historisch gewachsene Kultur, als auch die derzeitige Politik, redet vom bösen Wolf. Ängste schüren bringt leider mehr Wählerstimmen, als aufzuklären.

Gleichzeitig wird das Thema Wolf extrem hochgepusht. Besser wäre es gegen unsere Leistungsgesellschaft, die hierzulande für zahlreiche Selbstmorde verantwortlich ist, oder unseren Umgang mit der Natur und die daraus resultierende Umweltkatastrophe, oder bessere Bedingungen in der Massentierhaltung, oder eben für mehr Sicherheit auf den Straßen zu protestieren, als gegen den Wolf. Versteht mich nicht falsch, der Umgang mit dem Wolf ist ein ernstzunehmendes Thema, das natürlich seine Berechtigung in der Öffentlichkeit hat. Aber es nimmt viel zu viel Platz ein. Wichtigere Diskussionen, über einen gesellschaftlichen Wandel, den wir dringend bräuchten, werden vernachlässigt.

Der Mensch ist gut, der Wolf ist gut und die Politik schlecht. Naja, so einfach ist es dann auch nicht, denn die Politik und das gesellschaftliche System sind vom Menschen geschaffen worden. Der Mensch handelt also nicht immer gut. Er konstruiert den Wolf, die Katze und das Schwein und gibt ihnen eine Bedeutung. Vor dem einen fürchten wir uns, das andere lieben wir und das dritte ist uns gleichgültig.

Das Tier

Richard David Precht schreibt in seinem Buch „Tiere denken“, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt: „Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden." Anders gesagt: Der Mensch und das was der Mensch Tiere nennt. Dadurch wird eine Distanz konstruiert, die dazu führt, dass sich der Mensch als etwas Anderes, etwas Besonders sieht. Dass der Mensch ein Tier ist, wird gerne vergessen. Kritiker würden jetzt sagen, natürlich sind wir etwas Besonderes. Wir sind schließlich die einzige Spezies die spricht, die Werkzeuge benützt und die Kunst schafft. Wir sind doch die intelligenteste aller Spezies.

Wir haben vielleicht die detaillierteste Sprache, aber auch Tiere kommunizieren miteinander. Einige sogar in einer Art und Weiße wie wir es nie können werden. Tintenfische etwa kommunizieren mithilfe von Farbwechsel ihrer Haut. Mit einer dunklen bzw. schwarzen Farbe demonstriert der Tintenfisch seine Stärke. Aber verwenden sie auch Werkzeuge? Tintenfische stapeln zum Beispiel Kokosnussschalen unter Wasser und bauen sich dadurch Verstecke. Zugegeben, das ist strenggenommen wahrscheinlich kein Werkzeug, aber ein Beweis für die hohe Intelligenz von Tintenfischen. Aber klüger wie wir sind sie deshalb noch lange nicht! Wenn man mit einem, vom Menschen kreierten Test misst, ob eine Spezies intelligenter ist als der Mensch, dann wird der Mensch immer gewinnen. Denn es wird vorausgesetzt, dass der Mensch das intelligenteste Tier ist und erst dann gemessen. Anders gesagt: Das was der Mensch gut kann, ist intelligent und das Andere eben nicht. Kraken etwa haben neun Gehirne, die miteinander verbunden sind und es dem Tier ermöglichen, jeden der acht Tentakeln unabhängig voneinander zu bewegen. Dass sie trotz ihrer hohen Intelligenz, nicht die Technologien entwickelt haben wie wir, hängt vielleicht mehr von der Kultur, als von der Natur ab. Kraken leben nämlich nur zwei bis drei Jahre und sind Einzelgänger. Das macht die Entwicklung und die Weitergabe einer Kultur de facto unmöglich. Der Mensch ist also nicht unbedingt was Besonderes. Er fühlt und denkt nicht grundsätzlich anders als andere Tiere.

Der Wolf ist ein Jäger, aber der Mensch ist ein Mörder.

Sein Handeln aber unterscheidet sich. Der Mensch ist eines der wenigen Tiere, dass seinen Lebensraum nachhaltig ausbeutet und zerstört. Wir sind es, die verantwortlich für die Klimakrise sind, die Meere überfischen, Ressourcen verbrauchen und Tiere auf die grausamste nur erdenkliche Art und Weise behandeln. Jährlich ist der Mensch für das Aussterben von weit über 10.000 Tierarten verantwortlich. Allein in Deutschland tötet der Mensch pro Jahr 58 Millionen Schweine, 630 Millionen Hühner und weit über 3 Millionen Rinder. 58 Millionen Schweine werden auf engsten Raum gezüchtet, können sich oft nicht bewegen, werden gemästet, müssen Tag für Tag leiden und werden dann qualvoll zum Schlachter transportiert und dort, wenn sie Glück haben, schnell getötet. Wenn sie nicht sofort sterben, hängen sie kopfüber und schreien um ihr Leben, während sie langsam ausbluten.

Kein Mensch, kann diese Art von Tierhaltung nur ansatzweise gutheißen. Wenn jetzt jemand denkt, dass der Metzger oder der Supermarkt um die Ecke kein Fleisch aus Massentierhaltung verkauft, dem sei gesagt das ca. 98% des Fleisches aus Massentierhaltung stammt. Aber viele der Schweine, für den südtiroler Speck, kommen doch bestimmt von kleinen Bergbauernbetrieben… Nein, tun sie leider nicht! Das niedrige Bedürfnis, „Genuss auf Fleisch“, wird für einen viel zu hohen Preis gestillt. Wir konsumieren so viel Fleisch, Milch, Käse, Sahne, Eier und Fisch, dass die Massentierhaltung schlicht und einfach notwendig geworden ist. Der Wolf ist ein Jäger, aber der Mensch ist ein Mörder.

Während wir einerseits unsere Haustiere lieben, gehen wir grausam mit unseren Nutztieren um. Die Katze wird liebevoll gestreichelt, gefüttert und selbstverständlich wird mit ihr gespielt. Das Schwein hingegen wird qualvoll auf engsten Raum gezwängt, mit Antibiotika vollgestopft und nach kürzester Lebenszeit geschlachtet. Einen rationalen Grund dafür, warum uns das eine moralisch gesehen wichtiger ist als das andere, gibt es nicht. Wir wissen, dass sowohl Schweine als auch Katzen Schmerz empfinden, ähnlich wie wir. Aber mit der Zeit hat es sich normalisiert, dass die Katze nicht auf einem Quadratmeter gehalten, gequält und gemästet wird. Beim Schwein ist das aber kein Problem. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden Ihren Hund oder Ihre Katze für ihr ganzes Leben in einem Käfig einsperren, bis sie das gewünschte Gewicht erreicht haben, um sie dann zum Schlachter zu bringen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ihr Haustier vor ihnen auf dem Teller landet, nur weil Ihnen ihr Fleisch so gut schmeckt?

Vermutlich nicht sonderlich gut, denn der Hund ist mit Ihnen durch dick und dünn gegangen und auch wenn sie manchmal nervt, lieben Sie ihre Katze über alles. Sie ist eben eine Persönlichkeit mit Charakter. Aber wieso soll das das Schwein nicht sein? Der Grund weshalb wir nicht Schweine streicheln und Katzen essen ist banal. Katzen sind Fleischfresser und deshalb ökonomisch nicht so rentabel wie Schweine. Man müsste also eine Menge Bohnen, Getreide und Gemüse anbauen, damit die Schweine füttern, die Schweine schlachten und damit die Katzen füttern. Dabei kommt am Ende viel weniger Fleisch raus, als wenn man nur die Schweine füttert und diese anschließend schlachtet. Übrigens das ökonomisch rentabelste wäre, wenn wir ganz auf Fleisch verzichten würden. So würde weitaus am wenigsten Ackerfläche verbraucht werden.

Was ist nun das Fazit? Der Mensch ist eigentlich gut, wir glauben aber, dass wir egoistisch sind, weil wir es so gewohnt sind. Der Mensch ist eigentlich gut, behandelt Tiere aber schlecht, weil wir es so gewohnt sind. Der Wolf ist eigentlich gut, wird aber vom Menschen als brutales Raubtier dargestellt, weil wir es so gewohnt sind. Vielleicht wäre es an der Zeit unsere Gewohnheiten zu ändern, sonst wird der Mensch den Tieren nie ein Wolf.

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