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v.l.: Georg Simeoni (AVS), Hanspeter Niederkofler (Qnex), Josef Oberhofer (Heimatpflegeverband), Klauspeter Dissinger (Dachverband für Natur- und Umweltschutz)

Flughafen

Der Flughafen – eine Glaubensfrage?

Die Flughafengegner haben eine Studie zur angepeilten besseren Erreichbarkeit präsentiert: "Selbst für uns überraschende Ergebnisse". Not amused ist Otmar Michaeler.
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Seit einem Vierteljahrhundert kämpft man im Heimatpflegeverband gegen den Ausbau des Flughafens in Bozen. Und seit einem Vierteljahrhundert “liegen dieselben Themen am Tisch”, sagt Geschäftsführer Josef Oberhofer. Nichtsdestotrotz ist man des Kämpfens nicht müde geworden. Auch, weil die althergebrachten Argumente der Befürworter wie Glaubenssätze “nie hinterfragt worden sind”. Dazu zähle unter anderem die Erreichbarkeit, von der immer wieder die Rede sei, so die Flughafengegner. Sie haben am Freitag Vormittag eine Studie präsentiert, die “das Märchen von Erreichbarkeit und Tourismus-Schub” entzaubern soll. “Weder vorgefertigte Meinungen noch Dogmen, sondern Daten und Fakten” bildeten die Grundlage der Analyse, so die Anti-Flughafen-Front. “Reine Behauptungen” kontert ABD-Präsident Otmar Michaeler.

Gar nicht so schlimm?

Im Vorfeld der Volksbefragung am 12. Juni haben die Flughafengegner des Heimatpflegeverbands, vom Alpenverein Südtirol (AVS) und vom Dachverband für Natur- und Umweltschutz das Entwicklungskonzept der Flughafenbetreibergesellschaft ABD, das der Befragung in zwei Wochen zugrunde liegt, unter die Lupe genommen. Oder besser gesagt, unter die Lupe nehmen lassen. Mobilitätsexperten von Qnex, einem Unternehmen, das seit dem Jahr 2000 Beratungen und Dienstleistungen für den öffentlichen Verkehr anbietet, haben eine Studie angefertigt, in der sie die größere Erreichbarkeit, die ein ausgebauter Flughafen für Südtirol garantieren solle, untersucht haben. “Die Ergebnisse waren für uns selbst überraschend”, erklärt Oberhofer. Was genau in der Studie festgestellt wurde, führte Hanspeter Niederkofler von Qnex am Freitag Vormittag aus.

“Die ‘Erreichbarkeit’ ist inzwischen zu einem Reizwort verkommen. Es hat den Anschein, als komme man heute nicht nach Südtirol hin und weg”, meinte der Moblitätsfachmann eingangs. Er selbst sei in seiner Studie zu einem ganz anderen Schluss gelangt: “Man kommt sehr wohl überall hin, und man kommt sehr weit.” Auf einer Grafik haben die Qnex-Mitarbeiter festgehalten, wie lange man aktuell von Bozen per Bahn, Auto und Direktflügen von den nahe gelegenen Flughafen in eine Auswahl europäischer Städte braucht. Die Schlüsse, zu der die Studie kommt:

  • der Alpenraum, Norditalien und Süddeutschland sind auf Straße und Schiene am schnellsten und einfachsten zu erreichen
  • nach Rom ist die Bahn mit viereinhalb Stunden Fahrtzeit inzwischen konkurrenzlos schnell
  • für weiter entfernte Ziele gibt es eine große Auswahl an direkten Linienflügen von den Flughäfen in der näheren Umgebung zur Verfügung, wodurch die meisten europäischen Großstädte von Bozen aus in fünf bis acht Stunden erreichbar sind

“Da kann man von keinem Erreichbarkeits-Notstand sprechen”, folgern die Flughafengegner von AVS, Heimatpflegeverband und Dachverband. Nichtsdestotrotz wollten sie wissen, was sich ändern würde, wenn in Bozen der Linienflugbetrieb aufgenommen werden würde.

Nicht überzeugt vom Schub

Im Flughafenkonzept von ABD und Landesregierung sind zwischen vier und sechs Destinationen vorgesehen, die ganzjährig angeflogen werden sollen. Die meisten allerdings nur ein bis zwei Mal wöchentlich. Bis auf Rom, das mehrmals täglich angeflogen werden soll und daher als einzige Destination “für Anschlussflüge in Frage” komme, so die Ausgangslage. “Aber ist man damit schneller als mit einem Direktflug von einem der umliegenden Flughäfen?” ist die Frage, die sich die Qnex-Mitarbeiter gestellt haben. Sie haben nachgerechnet: Selbst bei der “sehr optimistischen” Annahme, dass alle Anschlussflüge in Rom mit nur 70 Minuten Umsteigezeit zu erreichen wären, ergebe sich “in den meisten Fällen längere Gesamtreisezeiten”.

Zur Detailansicht

“Das Bild, das sich ergibt, ist nicht überzeugend”, meint Hanspeter Niederkofler, “denn auch auf den Strecken, wo man schneller wäre, gibt es keine eklatanten Zeiteinsparungen”. Zudem gebe es in neun von zehn Fällen günstigere und bessere Alternativen als einen Flug von Bozen aus. Was zum nächsten Problem führe: “Wie will man das den Touristen, die man über den neu konzipierten Flughafen nach Bozen und Südtirol holen will, kommunizieren?” Niemand wolle zuerst nach Rom fliegen müssen, um dann von dort aus nach Südtirol zu gelangen, ist auch Klauspeter Dissinger vom Dachverband für Natur- und Umweltschutz überzeugt.

Neben der Erreichbarkeit wurden in der Qnex-Studie auch die effektiven Neukunden geschätzt, jene Zahl an Touristen, die nur nach Südtirol kommen würden, weil es den Flughafen Bozen gibt. Laut Studie würden es 2022 um die 24.000 Personen im Jahr sein. “Das wäre ein jährliches Plus von 0,3 Prozent bei den touristischen Ankünften”, so Dissinger – ein “ernüchterndes Ergebnis”. Der erwartete “Schub für den Tourismus” werde somit ausbleiben beziehungsweise sehr gering ausfallen.

Doch eine Glaubensfrage?

“Südtirol soll sich endlich den Luxus leisten, auf einen Flughafen zu verzichten.” Mit diesen Worten beendet Josef Oberhofer die Präsentation der Ergebnisse der Qnex-Studie am Freitag Vormittag. Anderswo hat man die Veranstaltung mit Argwohn beobachtet. “Fachleute aus dem Personennahverkehr haben sich heute als Flughafenexperten präsentiert, mit reinen Behauptungen. Das ist nicht zielführend für die sachliche Diskussion”, kommentiert ABD-Präsident Otmar Michaeler die Ereignisse. Er nennt zwar Ross und Reiter nicht, als er fortfährt: “In der Diskussion um die Zukunft des Regionalflughafens Bozen haben viele schon seit einiger Zeit die sachliche Ebene verlassen.” Doch betont Michaeler mit Nachdruck: “Wir arbeiten mit seriösen Studien und Expertisen und absoluten Fachleuten. Man darf uns ruhig glauben, dass wir wissen, was wir tun.” Doch dürfte das wohl auch bei der Gegnerfront der Fall sein, wie Andreas Pöder erinnert. Selbst Flughafengegner der ersten Stunde, stärkt der Landtagsabgeordnete der Bürgerunion Heimatschutzverband, AVS und Dachverband den Rücken: Die Gegner-Argumente basierten immerhin auf der langjährigen Erfahrung mit dem Bozner Flughafen. Und die seien zumeist negativ gewesen.

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Kommentare

Bild des Benutzers Martin Daniel
im Unterschied zu einigen Befürwortern haben die Gegner keine Interessenskonflikte wirtschaftlicher Natur
Bild des Benutzers Markus Gufler
Dafür haben sie erfahrenes Fachwissen über Produktivität und die wahre Herkunft des Steuerkuchens. Oder glaubt hier jemand dass Beamte, Doktoren und Sozialhilfeempfänger ein sich selbst tragendes Perpetuum mobile sind?
Bild des Benutzers F. T.
Glaub keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast, und glaub keiner Studie die Du selbst bezahlt hast. Das gilt für beide Seiten.
Bild des Benutzers Karina Binder
Mein Hausverstand ist jetzt auch ganz überrascht: Wie kann man Flugzeiten und Verbindungen ab Bozen berechnen, wenn es noch gar keinen Flugplan gibt? Ich krieg das für meine Reisepläne für nächstes Jahr noch nicht hin. Und die Erkenntnis "der Alpenraum, Norditalien und Süddeutschland sind auf Straße und Schiene am schnellsten und einfachsten zu erreichen" überrascht mich nun sehr, weil Qnex damit 100 % bestätigt, was die Befürworter des Flughafens eh seit langem sagen: Bisher kommen vor allem Menschen aus 500 bis 600 Kilometern Umkreis nach Südtirol, weil der Weg sonst zu anstrengend ist, egal ob mit Auto oder Bahn.
Bild des Benutzers Sigmund Kripp
man setzt eine plausible Flugzeit an und rechnet die optimale Umsteigezeit dazu. Das heisst aber noch lange nicht, dass es nachher so eine günstige Verbindung gibt! Anzi!
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