Kultur | Salto Afternoon

Wenn Ordnungen sich auflösen

Autor Leo. F. Seidl über Gewissheiten, die sich immer schon in Auflösung befinden, die „German Angst“ vor Veränderung, über seine Romansujets und seine Residenz in Meran
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Foto: Leonhard F. Seidl

Salto Gastauftritt: Haimo Perkmann (Kulurelemente, Zeitschrift für Kultur und aktuelle Fragen) im Gespräch mit dem Schriftsteller Leonhard F. Seidl

Haimo Perkmann: Du warst 2016 „Writer in Residence“ in Meran, wo sich Südtiroler, Italiener, Ladiner und ausländische Staatsbürger den Wohnraum teilen. Merkt man der verschlafenen Kleinstadt diese Plurikulturalität an – sofern man während des Aufenthalts seine „Residenz“ überhaupt einmal verlässt?

Leonhard F. Seidl: Das absolut selbstverständliche Miteinander der italienischen und deutschen Sprache fand ich wunderbar. Noch wunderbarer hätte ich es gefunden, wenn ich mehr Italienisch gekonnt hätte. Da mich die Kollegin Sonja Steger und die Menschen im engagierten Meraner Ost-West-Club von Anbeginn an herzlich empfangen, in die Kulturszene und die gesellschaftspolitische Situation der Region eingeführt haben, hatte ich meist eineN Übersetzer*in zur Seite. Die Stadt ist wie eine Eintrittspforte in den Süden und hat mich mit ihren einerseits schneebedeckten Bergen und andererseits den Palmen, ein wenig an Marrakesch erinnert. Es waren sogar Afrikaner*innen da, vor denen ich am Tag meiner Ankunft von einer besorgten Bürgerin gewarnt wurde. Weshalb ich mich gleich wie zuhause gefühlt habe, weil  „alle Asylanten ein Smartphone und 40 € am Tag vom Staat erhalten“. Aber Zynismus beiseite. Die Plurikulturalität habe ich im quirligen Treiben der Cafés und Straßen erlebt und an den historischen Bauten und Villen gesehen. Wie auch im wunderbaren Ost-West-Club, der diese kulturelle Vielfalt in seinem einzigartigen Programm und Miteinander vereint. Und nicht zuletzt beim DaDaGelage in Bozen, anlässlich von 100 Jahren Dada.

In deinem 2011 erschienenen Debütroman Mutterkorn wird die soziale Unruhe unserer Tage spürbar. Unter anderem werden die menschlichen Abgründe in Pflegeheimen thematisiert. Dann nimmt die Handlung jedoch eine unerwartete Wendung. Der grassierende Wunsch nach einfachen Lösungen in einer überschaubaren Welt gerät in Konflikt mit der komplexen Lebensrealität unserer Zeit.

Gerade im Alter wird man auf das Existenzielle zurückgeworfen. Da geht es nicht mehr darum, ob man gut aussieht, sondern, ob man jemanden hat, der sich um einen auf eine menschliche Art und Weise kümmert. Dies ist entweder durch ein intaktes familiäres Umfeld möglich, wobei das ab einem bestimmten Punkt erfahrungsgemäß an seine Grenzen gerät. Oder durch ausreichend Kapital, um sich einen erträglichen Lebensabend gestalten zu können. Ansonsten bleiben häufig nur Schmerz, Schmach und Einsamkeit, wie ich während meiner Arbeit im Pflegeheim erfahren musste. Diese Tatsache versuchen derzeit europaweit Rechte für sich zu vereinnahmen, in dem sie die eine benachteiligte Gruppe, nämlich Senior*innen, gegen Geflüchtete ausspielen. Dabei wäre die soziale Frage nach der weltweiten, ungerechten Verteilung von Reichtum und Ressourcen die einzige, fortschrittliche Antwort.

Womit werden wir in deinem nächsten Roman konfrontiert, der aller Voraussicht nach 2017 bei Nautilus erscheinen wird? 

Mein neuer Roman mit dem Titel Fronten lehnt sich an reale Ereignisse in der oberbayerischen Kleinstadt Dorfen an, in deren Umgebung ich aufgewachsen bin. 1988 erschoss dort ein psychisch kranker Waffennarr aus Jugoslawien drei Polizisten. Worauf fremdenfeindliche Übergriffe folgten. Einen Monat später überfiel ein 26-jähriger Mann, der sich selbst als „Nazi“ titulierte und den ich persönlich kannte, eine Bank und forderte drei „Ausländer“ um die Polizisten zu rächen. Ich habe versucht, diesen Fall im Zuge zweier weiterer Stipendien, im Literaturhaus München und im Brecht-Haus Berlin an das zeitgenössische Geschehen anzupassen. Leider hat die Realität den Roman mittlerweile eingeholt, weswegen ich u. a. aktuelle Tweets zu dem rechtsradikal motivierten Anschlag von München in diesem Jahr einbauen konnte. In Fronten spiele ich mit der Ungewissheit der Leser*innen. Meines Erachtens ist diese stark von der medialen Öffentlichkeit, der berühmten „German Angst“, Existenzängsten, Patriotismus und der damit häufig einhergehenden persönlichen Aufwertung und Abwertung anderer beeinflusst. Gewissheiten lösen sich auf, die Unordnung soll durch eine Ordnung, durch Altbewährtes wieder hergestellt werden. Sehr deutlich war das erst kürzlich in Deutschland, in Bautzen zu beobachten nach der Neonazi-Hatz auf Geflüchtete. Vor allem Konservative zeigten insgeheim oder offen Verständnis für die Gewalt der Rechten, weil durch sie die Ordnung vermeintlich wieder hergestellt wurde. In meinem Roman ist es bis zum Schluss unklar, ob es sich um einen religiös motivierten Anschlag oder um das Werk eines psychisch kranken Waffennarren handelt.

Mutterkorn
(Romanauszug)

Auf dem Weg zum Essenraum musste Albin daran denken, wie er vor etlichen Jahren nach Rostock gefahren war, um Corinnas Eltern und Freunde zu besuchen. Von dem anonymen Anruf, der am selben Tag bei den Norddeutschen Neuesten Nachrichten eingegangen war, wussten sie nichts. Dabei ging es um die Roma aus Rumänien, die auf ihrer Flucht vorläufig in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock unterkommen sollten. Hier allerdings kamen sie nicht weiter, als bis zur Tür. Nicht mal auf die Toilette ließ man sie. Die ZASt war völlig überbelegt worden. Weil die Stadt sich weigerte, Dixi-Klos aufzustellen, erleichterten sich die Flüchtlinge in ihrer Not auf die Wiese zwischen den Wohnblocks, die gleiche Wiese, die nun ihre Bleibe geworden war. Bewohner der umliegenden Wohnblöcke warfen Kleidung als Spenden von ihren Balkonen. Nach Monaten kroch der Gestank an den Fassaden der Plattenbauten entlang über die Balkone in die Wohnungen. Der anonyme Anrufer hatte mit einer gewaltsamen Lösung für dieses Problem gedroht, wenn die Stadt nicht bis zum Wochenende Ordnung geschaffen haben würde.

Am nächsten Tag reagierte die Stadt auf den anonymen Anruf. Während Albin und Corinna die Schiffe im Rostocker Hafen beobachteten, wurden nicht weit entfernt die Flüchtlinge in die Aufnahmestelle gelassen. Trotzdem begannen am Abend Jugendliche, mit Steinen auf Asylbewerber zu werfen, die vor der Aufnahmestelle standen.

Auf der Mecklenburger Allee herrschte ausgelassene Volksfeststimmung. Laut knallend flitzte Leuchtspurmunition gegen den Wohnblock, hinter dessen Fenstern sich Menschen duckten. Das lila Licht verzerrte ihre Gesichter, in denen sich Todesangst spiegelte. Die Menge jubelte. Molotow-Cocktails flogen in hohem Bogen auf die Hauswand, zerbarsten unter noch größerem Jubel und leckten, hungrig in ihrem Hass, durch die Fensterrahmen in die Wohnungen und an den Vorhängen. Rhythmische Rufe forderten mehr: „Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los!“. Jugendliche parkten mit ihren Fahrrädern und Mopeds auf der Straße, genossen die Sommernacht, das Schauspiel und den Hass. Ein Hund kläffte. Bier floss durch heisere Kehlen. Plötzlich streifte Blaulicht die Häuserwände, erst ganz schwach, dann vertrieb es die Nacht. Sirenengeheul prallte von den Mauern ab, wurde verstärkt. Eine verzerrte Lautsprecherstimme brüllte: „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei!“

Die kurz darauf folgende Aufforderung den Platz zu verlassen ging unter in der Antwort: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“

Holzlatten wurden vom Boden aufgehoben, Steinplatten zertrümmert, die Steine in die Taschen gesteckt, um sie später auf Flüchtlinge und Polizisten zu werfen. Der Wasserwerfer spie seinen noch weitläufigen Strahl.

„Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“, hallte es noch lange hinter Albin und Corinna, auch als sie schon sehr weit vom Sonnenblumenhaus entfernt waren.