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Naturschutz

Rettet den Lebensraum des Kleinspechts

Der Auwald in der Industriezone Brixen ist Lebensraum des Kleinspechts und die Art ist in Südtirol stark gefährdet.
Community-Beitrag von Biodiversität und Naturschutz27.11.2019
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Der Kleinspecht ist die kleinste heimische Spechtart und im Frühjahr macht er mit Trommelwirbel und Rufen zur Balzzeit auf sich aufmerksam. Unters Jahr ist er nicht so einfach zu Gesicht zu bekommen, denn im dichten Geäst der Bäume und Sträucher ist er schwer ausfindig zu machen. Er ruft auch nicht so laut wie etwa der Grünspecht, welchen man nur schwer überhören kann.

Kleinspechte kommen in fast ganz Europa vor und der Bestand in der ganzen Schweiz umfasst 1500 bis 3000 Tiere. Die Art ist in der Schweiz nicht gefährdet und zeigt auch keinen negativen Populationstrend. Die Population des Spechtes nimmt in der Schweiz nicht ab (Brutvogelbestandsindx Schweiz).

Die Population des Kleinspechtes in Italien umfasst 6000 bis 10.000 Tiere bzw. 3000 bis 6000 Paare. In Italien ist die Art auch nicht in einer Gefährdungskategorie der Roten Liste eingetragen worden, da es keine Abnahme der Population von 30% innerhalb drei Generationen gab. Hätte die Population abgenommen, gäbe es nur wenige Individuen und Paare oder wäre das Vorkommen in Italien sehr eingeschränkt, wäre die Art in eine Gefärhdungskategorie aufgenommen worden. Da dies in Italien aber nicht der Fall ist, steht der Kleinspecht nicht in der Roten Liste Italiens und ist kaum gefährdet (LC least concern)

Die Art ist gemäß Einstufung nach der Vogelschutzrichtlinie der Europäischen Union in einem guten Erhaltungszustand in Italien (Valutazione dello stato di conservazione dell'avifauna italiana, 2010).

Jedoch in Teilen Nordostitaliens ist die Art selten und kein Brutvogel. Auch in Südtirol bietet sich ein gänzlich anderes Bild für den Kleinspecht als auf nationaler Ebene. Der Bestand ist extrem klein und auf kleine Flächen beschränkt. Von Südtirols Vogelkundlern wurde die Art erst in den 1970er und 1980er Jahren an mehreren Stellen beobachtet und in Auwäldern bei Brixen und Bruneck wurde die Art als Brutvogel nachgewiesen. Er brütet regelmäßig in den Auwäldern bei Bruneck an der Ahr und am Eisack im Brixner Raum. Der Kleinspecht ist ein sehr seltener Brutvogel Südtirols und in einer der höchsten Gefährdungskategorie der Roten Liste Südtiols, er ist stark gefährdet.

Beim Projket Stadtlandfluss Mittleres Eisacktal wurde auf das Vorkommen des Kleinspechtes im Brixner Raum hingewiesen und festgestellt:

- Es sind noch Reste ehemaliger Flusslebensräume vorhanden, durch welche sich ein relativ hohes ökologisches Potenzial ergibt. Allerdings werden die für das Überleben von Populationen notwendigen Mindestflächen bereits vielfach unterschritten.

- Die Auwaldreste des Eisacks stellen einen wichtigen Lebensraum für den in Südtirol selten vorkommenden Kleinspecht dar.

Der Kleinspecht ist wie andere Spechtarten auf alte Bäume und absterbende Bäume angewiesen, in welchen er Bruthöhlen errichten kann und nach Nahrung sucht. Viele Auwaldtypen, wie z.B. Tamarisken Weidengebüsche kommen als Brutgebiet für den Kleinspecht nicht in Frage, da es dort keine großen Bäume gibt. Der Auwald in der Industriezone Brixen mit den vielen verschiedenen Laubbaumarten ist kein junger Auwald, sondern eben ein alter Auwaldrest, ähnlich der Millander Au, in welchem alte Auwaldbäume stehen, die teilweise absterben oder auch bereits abgestorben sind (Millander Au vor allem Silberweiden, Au in Industriezone viele alte Schwarzerlen). Spechte sind auf derartige Bäume angewiesen und die verschiedenen Spechtarten bevorzugen verschiedene Baumarten. Der Dreizehenspecht ist auf Fichten spezialisiert und der Kleinspecht auf einige Laubbaumarten.

Der Kleinspecht ist eine Art der Feuchtgebiete und Auen und siedelt gerne in der Nähe von Flüssen. Jedoch nutzt er nicht die Gewässer selbst, wie den Eisack bei Brixen oder die Ahr in den Ahrauen, sondern er braucht die dortigen Auwälder zum Leben, für den Nahrungserwerb und zur Fortpflanzung. Auwälder (Weichholz- und Hartholzauen) mit Totholz, alten Bäumen und hohen Bäumen sind Kleinspechtlebensräume. Pappeln, Silberweiden, Erlen und Birken sind die bevorzugten Bäume, in denen er Höhlen anlegt und stehendes Totholz ist für seine Lebensweise essentiell. Nach Einschätzung von H. Pfleger sind alte Silberweidenauwälder die idealen Bruthabitete in den Donauauen Ostösterreichs (Untersuchungen zur Brutvogeldichte in Auwäldern Österreichs z.B. https://www.zobodat.at/pdf/VNO_023_0067-0072.pdf). In Südtirol brütet er in den Ahrauen, das sind Grauerlenauen und dort legt er Bruthöhlen in Grauerlen an. Im Brixner Raum gibt es flussbegleitende Auwälder als Ufergehölze und einige Auwaldreste (z.B. Millander Au, Auwald Industriezone, Schrambacher Au), Weiden und Pappeln herrschen vor.

    Andreas Hilpold von der UG Eisacktal hat 2018 in einem offenen Brief auf die Beobachtung des Kleinspechts im Auwald aufmerksam gemacht, er wurde dort nachgewiesen. Über das Totholz im Wald und den Wald selbst hat er dort aber nichts geschrieben.

    Die Schutzwürdigkeit des Auwaldes in der Industriezone basiert vor allem auch darauf, dass der Auwald eben alt ist und damit viele ökologische Nischen für hochspezialisierte Tiere bereitstellt. Der Kleinspecht kann mit dynamischen Lebensräumen an Gewässern wie Sandbänken oder Schlammfluren nichts anfangen, er braucht alte Auwälder. Der Auwald in Brixen bietet gerade für den Kleinspecht mit seinem Totholz und den hohen Bäumen eine ökologische Nische, welche nur solche alte Auwälder mit ihren charakteristischen Auwaldbaumarten wie Pappeln, Erlen, Weiden, Ulmen usw. erbringen können.

    Bei der Waldtypisierung Südtirols wurden alle Wälder Südtirols (ausgenommen flussbegleitende Auwälder als Ufergehölze) systematisch erfasst und Waldtypen zugeordnet. Der Auwald wurde als Auwald der Tallagen eingetragen, wobei in diese Kategorie auch die Ulmen- Eschen Hartholzau fällt, welche außerhalb des Hochwasserregimes von Flüssen liegt. Auch die Schwarzerlenauen im Vinschgau sind keine Auwälder, welche regelmäßig überschwemmt werden.

    Der Auwald in der Industriezone ist ein Stück Natur, das sich dort erhalten hat und er braucht keine Anbindung den Eisack. Er braucht nichts, denn er hat alles, was ein alter Auwald hat. Er bietet Vogelarten wie dem Kleinspecht ein ganz großes und wunderbares Zuhause.

    Wollen wir dem Kleinspecht diesen Lebensraum nehmen? Wollen wir, dass der Kleinspecht im Mittleren Eisacktal vielleicht ausstribt? Nein, wir wollen, dass der Lebensraum des Kleinspechts erhalten wird und der Kleinspecht weiter in den Baumkronen des Auwaldes herumflattert und im stehenden Totholz nach Insekten stochern kann.

    Und alle Brixner, die sich um das Ökosystem der Gewässer im Brixner Raum Gedanken machen, sollten sich den Bericht Projekt Stadtlandfluss Mittleres Eisacktal anschauen und die dort aufgelisteten gewässerökologischen Defizite für das Mittlere Eisacktal.

    Kein Defizit ist der Auwald in der Industriezone. Zum Reichtum und zum Schatz des Mittleren Eisacktales gehört der Kleinspecht und der Auwald in der Industriezone Brixen. Diesen Schatz müssen wir schützen und erhalten. Lassen wir nicht zu, dass der Auwald unter Zement begraben wird und sagen wir Ja zum Erhalt des Auwaldes in der Industriezone Brixen.

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    Kommentare

    Bild des Benutzers Lukas Neuwirth
    Lukas Neuwirth 28.11.2019, 12:04

    Vielen Dank für die fundierte Recherche und die ausführlichen Informationen! Sie haben natürlich Recht, was den Lebensraum und die Bedürfnisse des Kleinspechts und auch anderer Vogelarten im Auwaldrest angeht. Es ist auch wahr, dass es praktisch unmöglich ist einen zeitlich unmittelbaren, gleichwertigen Ersatz bereitzustellen. Der Grundsatz „Erhalten was noch da ist“ hat einen hohen Stellenwert, aber es gibt Situationen in denen man einen Moment weiter in die Zukunft denken muss. Der Umwelt- und Biodiversitätsschutz soll meines Erachtens -wie alle Aspekte der Entwicklung- dem Prinzip der Nachhaltigkeit unterliegen. Wenn der betreffende Auwaldrest so erhalten bleibt wie er sich aktuell präsentiert, wird die natürliche Sukzession stetig weiter voranschreiten. Man kann diesen Prozess verlangsamen, indem man immer wieder Pflegemaßnahmen durchführt und z. B. standortfremde Arten entnimmt, doch dies kann nicht das Ziel sein. Die Natur soll vielmehr in die Lage versetzt werden sich selbst zu erhalten. Dem Auwaldrest in Brixen wurde diese Möglichkeit aber schon vor langer Zeit genommen. Momentan finden sich noch vitale, abgestorbene und absterbende Auengehölze die u. a. dem Kleinspecht zu Gute kommen - aber längerfristig werden sie verschwinden und durch anderer, dem Standort eher entsprechende Arten ersetzt. Damit verschwindet dann auch der Kleinspecht. Die Schaffung einer neuen, tatsächlich vitalen und dynamischen Aue z. B. in Form einer Erweiterung der Millander Au wäre indes eine nachhaltige Investition in den langfristigen Biodiversitätsschutz, dessen ökologisches Potenzial weit über jenes des aktuellen Auwaldrestes hinausgeht.

    Der Auwald ist, so wie er sich heute präsentiert, ein naturnaher Auwald, der sich in Entwicklung befindet. Die Entwicklung (Sukzession) des Waldes wird weitergehen bis zu einen echten Hartholzauwald, sofern man ihn nicht vorher zubetoniert. Wenn der Auwald einmal ein Hartholzauwald sein wird, dann wird er noch wertvoller sein als heute, weil es so gut wie keine echten Hartholzauwälder (Ulmenion) in Südtirol gibt. Um die Arten im Auwald, ob Nachtigall oder Grauspecht muss man sich keine Sorgen machen, sie finden auch in naturnah strukturierten Hartholzauwälder einen Lebensraum.
    Wer glaubt, mit der Schaffung neuer Auen, würde die Biodiversität zunehmen, sollte sich mal schnell auf Wikipedia über Renaturierungen informieren- die Biodiversität nimmt nicht zu.
    Darüberhinaus darf man das Thema invasive Neophyten nicht unterschlagen. "Maßnahmen zum Schutz vor invasiven Neophyten müssen also in erster Linie den Erhalt natürlicher Lebensräume beinhalten. Das gilt insbesondere für sensible Schutzgebiete wie z.B. den Auwaldresten in den Talböden." https://www.salto.bz/de/article/26102016/invasive-pflanzenarten-verkannt... und dass viele invasive Neophyten auf renaturierten Flächen wachsen, ist doch nicht schwer zu übersehen- gerade in Brixen beim Eisack.
    In der Millander Au wurde übrigens eine Feuchtwiese angelegt- https://www.dervinschger.it/de/news/wildkraeuter-und-wildblumen-regional... wenn man dort eine Au anlegen will, die vom Eisack überschwemmt wird, dann ist das für die Feuchtwiese nicht ideal.
    Die Schaffung einer neuen vitalen dynamischen Au ist am Eisack schwer möglich, auch weil das Geschiebe und die Hochwasserdynamik im Eisack fehlt (Stauseen, Hochwasserschutz). Der Eisack ist nicht mehr der dynamische Eisack, wie er vor hundert Jahren mal war und sogar die Laubfrösche sterben in Milland aus, trotz des Baus zahlreicher Laichgewässer.

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