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Genossenschaften

Mit beiden Daumen - Kinder und Digitale Medien

Experteninterview mit Prof. Dr. Gerald Lembke im Rahmen einer Veranstaltung der Sozialgenossenschaft montessori.coop.
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„Mama, komm schon, lass mich noch 10 Minuten länger mit Peter spielen!“ Darum ging es früher, wenn Eltern Ihre Kinder dazu auffordern mussten, endlich zum Abendessen an den Tisch zu kommen. Bei heutigen Eltern-Kind Streitfragen heißt es: „Mama, lass mich noch 10 Minuten länger Pokémon Go spielen“. Der Umgang von Kindern mit Digitalen Medien ist ein Thema, das viele Eltern heute beschäftigt. Darum soll es im heurigen Herbstprogramm der Sozialgenossenschaft montessori.coop gehen. Einer der Gastreferenten im Interview.

Gerald Lembke unterrichtet an der Hochschule Mannheim im Bereich Digitale Medien. Seit Jahren beschäftigt er sich damit, wie die Mediennutzung unser Leben beeinflusst. Zu unserem Leben gehören auch unsere Kinder. Und diese haben mittlerweile leichteren und verstärkten Zugang zu Medien. Die Sozialgenossenschaft montessori.coop ist ein Zusammenschluss von Eltern aus Südtirol, die versuchen, andere Eltern in ihrer Erziehung beiseite zu stehen. Mit hilfreichen Tipps, Veranstaltungen und Seminaren will die Genossenschaft damit einen Beitrag zur Bildungsarbeit leisten. Da Eltern immer schon als Vorbild für die Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung waren, organisiert die Sozialgenossenschaft kommenden Herbst verschiedene Vorlesungen, in denen den Eltern vermittelt werden soll, wie sie ihre Kinder zu einem bewussteren Medienkonsum animieren können. Wie wichtig dabei das Bewusstsein über die eigene Mediennutzung ist, erklärt Experte Gerald Lembke  im Interview. Sein Abendvortrag findet am 13. Oktober um 20.00 Uhr im Waltherhaus in Bozen statt. Das gesamte Programmheft ist online verfügbar.

Der Aufmacher ihrer Veranstaltung ist eine Frage, die viele Eltern beschäftigt: Wie viel Zeit sollten Kinder mit digitalen Medien verbringen? Was ist ihr Rat?

Die Nutzung sollte kontrolliert und gesteuert werden. Auf keinen Fall sollte sie den freien Kräften der digitalen Medien und der Kinder überlassen werden. Je jünger die Kinder, desto geringer sollte der tägliche Nutzungszeitraum sein. Im ansteigenden Alter von 8-12 Jahren sollten bis zu einer halben Stunde täglich genügen, um von dem digitalen Medienanbieter zu profitieren.

Um welche Medien geht es in ihrem Vortrag genau? Hat ein Fernseher z.B. andere Effekte auf Kinder wie das Internet? Gibt es da Unterschiede zwischen interaktiven Medien und passiv konsumierten Massenmedien?

Ich spreche über digitale Medien, die wir im Internet  konsumieren. Diese werden ebenso passiv konsumiert wie bei TV. Die Interaktion ist Trugschluss, denn die meiste Zeit werden Videos und Bilder konsumiert, die von dritten eingestellt werden.

Wie sieht es mit Smartphones aus, ab welchem Alter sollten Eltern Ihren Kindern eines zulegen?

Ein Kind benötigt bis 10 Jahren meiner Überzeugung nach und auf Grund wissenschaftlicher Daten und Erkenntnissen kein Smartphone. Stattdessen sind reale Lebenserfahrungen zu initiieren und zu begleiten, die die körperliche und geistige Entwicklung, sowie die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern am stärksten fördern.

Wie hoch ist das Risiko, dass der Inhalt ein Kind verstört bzw. es nicht damit umgehen kann? Was können Eltern dagegen tun?

Das Risiko ist wie bei anderen substanzlosen Suchtstoffen immer und latent vorhanden. Und das nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern. Denken Sie an die Wisch-Orgien in Restaurants und zu Hause am Abendbrottisch. Eltern könnten sich ihrer Vorbildfunktion für die kindliche Erziehung häufiger bewusst werden und ein Leben mit Smartphone vorleben, das nicht von dauernder Ablenkung und Wischerei beherrscht wird.

Und wie können Medien hingegen das Kind fördern? Gibt es auch positive Effekte?

Gezielt heran geführt, vor allem an die Risiken des ungebremsten Digitalkonsums ist der erste positive Effekt, den es zu fördern gilt.

Welche Art digitaler Medien ist für Kinder am förderlichsten, gibt es da vielleicht altersbedingte Unterschiede?

Wer fehlerfrei lesen, schreiben, rechnen, analysieren und Inhalte zielgerichtet kritisieren kann, kann sich auf die Vielfalt der digitalen Medien einlassen und für sich selber entscheiden, was für das tägliche lernen unterstützend hilfreich sein kann. Das können Kinder erst ab einem Alter, abhängig von der eigenen persönlichen Entwicklung, von 10-12 Jahren.

Haben sie einen Tipp für Eltern, worauf sie beim Heranführen ihrer Kinder an die Medienwelt besonders achten müssen?

Vorbild sein, eigenen Konsum reduzieren, bis 10 Jahre brauchen Kinder kein Tablet oder Smartphone, kritische Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen und persönlichen  Risiken ist notwendig. Ansonsten: eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.

Kann man in der heutigen digitalisierten Welt seine Kinder ganz den Medien entziehen? Geht damit keine soziale Ausgrenzung etwa in der Schule einher?

Mussten die Kinder in den 70er Jahren auch alle Levi's-Jeans tragen, nur weil viele diese trugen? Haben diese Nachteile für ihr Leben erfahren? Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für bewusste Enthaltsamkeit in der kindlichen Entwicklung.

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