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Arbeitsausbeutung

Dem Caporalato Einhalt gebieten

Die Vereinigung NO CAP setzt sich für die Erntehelfer*innen ein, die im Süden Italiens durch illegale und unmenschliche Strukturen massiv ausgebeutet werden.
Von
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Maria Detering29.04.2021
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2011 beginnt Yvan Sagnet – geboren in Kamerun, damals Student in Turin, in diesem Sommer Erntehelfer in Apulien – einen Streik. Er will auf die Missachtung der Rechte der ausländischen Arbeitnehmer*innen aufmerksam machen, zu denen er in diesem Sommer selbst zählt. Er hat gesehen, was es bedeutet, einer von ihnen zu sein, einer von denen, die auf den Feldern in Apulien, Kalabrien, Sizilien oder in der Basilikata Gemüse und Obst ernten. Und ganz besonders die wohl wichtigsten Pflanzen aus Süditalien: Tomaten, die anschließend nach ganz Europa exportiert werden.  

 

Unmenschliche Verhältnisse

 

Die von Sagnet gegründete Organisation heißt „NO CAP. Der Name bezieht sich auf die Bezeichnung „Caporalato“, also Vorarbeiter, die für die Bauern arbeiten, die eine illegale Anwerbung von Landarbeitern vollziehen, damit legale Anstellungsverhältnisse unterwandert und den Arbeitnehmer*innen jegliche Form von vertraglicher oder sozialer Absicherung versagt. Diese Art der Anwerbung ist in der Agrar-Nahrungswirtschaft üblich. Seit 2016 ist sie dank der Bemühung der Organisation in Italien gesetzlich verboten, trotzdem fände sie häufig nach wie vor noch statt.

Seit Jahren setzt sich Sagnet für Arbeiter*innen aus Italien, Rumänien, Bulgarien und Polen und aus Drittstaatenländern ein. Seit 2017 ist NO CAP eine offizielle Vereinigung, die von Aktivist*innen geleitet und vor allem von Spenden und Crowdfunding finanziert wird. Neben zahlreichen Projekten, in deren Mittelpunkt die Befähigung und die Achtung der Rechte von Erntehelfer*innen stehen, ist wohl eines der wichtigsten die Vergabe des „Bollino Etico“, der die Einhaltung ethischer und umweltschützenden Standards innerhalb des Agrarsektors, und die Produkte, die daraus hervorgehen, kennzeichnet.

Laut Daten der NO CAP sind 1,3 Millionen Menschen in Italien im Agrarsektor tätig. Davon seien 28% Prozent Ausländer*innen, von denen wiederum laut Schätzungen 430 000 in der Arbeit ausgebeutet würden, 80 Prozent von ihnen Ausländer*innen aus dem EU-Ausland und aus Drittstaaten. Das Caporalato und die Schwarzarbeit würden in der Landwirtschaft einen Verdienst von 4,8 Millionen Euro im Jahr generieren.

Sagnet berichtete bereits im Süddeutschen Zeitung Magazin von seiner eigenen Zeit als Erntehelfer. Er sei in dieser Zeit massiv ausgebeutet worden. Er habe 16 Stunden täglich gearbeitet, und am Abend in einer Unterkunft von wenigen Quadratmetern mit 50 Menschen geschlafen, ohne Licht und Wasser. Und: abends sei von seinem Verdienst oft nichts mehr übriggeblieben, wenn er sich Transport und etwas zu essen kaufen wollte. Für eine volle Kiste (300-400 Kilo Tomaten) habe er einen Lohn von 3,50 Euro bekommen. „Wenn du das erlebst, weinst du. Ich habe abends geweint.“, sagte er der Süddeutschen Zeitung.

So entschließt er sich, einen Protest zu organisieren, der sich schnell in einen langanhaltenden Streik gegen die unmenschliche Arbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben verwandeln sollte. Der Gewinn, der sich mit dieser Form der Ausbeutung generiert wird, zeigt, dass es Interesse daran gibt, gewisse Strukturen und Arbeitsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Sagnet sei in dieser Zeit und auch später häufig von Vorarbeitern und Landwirten, sowie anderen Involvierten bedroht und eingeschüchtert worden, auch von der Mafia.

Aktivist Yvan Sagnet

Aktivist Yvan Sagnet , von (c) Facebook, NoCap

 

Yvan Sagnet und sein Engagement

 

Er ist einer der wichtigsten Aktivist*innen in der Verteidigung der Menschenrechte der Erntehelfer*innen. Im Jahr 2016 wird das „Caporalato“ dank seines Engagements gesetzlich verboten. Nach dem Protest in Nardò arbeitet Sagnet kurze Zeit als Gewerkschafter für die CGIL. Er hat zahlreiche Preise für sein soziales Engagement und seinen Mut verliehen bekommen, 2016 auch das italienische Ritterkreuz. Er hat an mehreren Universitäten Vorträge zum Thema „Caporalato“ und zur Ausbeutung in der Arbeit und über gute Praxis in der Agrikultur gehalten.

Der Verband befindet sich inzwischen in einem anhaltenden Dialog mit den Institutionen, mit den Firmen, und allen, die in den landwirtschaftlichen Sektor eingebunden sind. Er will ein neues Modell für die Lieferkette für Obst und Gemüse vorschlagen. Ein Modell, in dem die Achtung der Arbeitnehmer*innen durch faire Löhne, Kollektivverträge und soziale Leistungen gewährleistet wird, ebenso wie den Landwirten ein fairer Preis für ihre Ware gezahlt werden soll. Ein großes Augenmerk liegt auch auf nachhaltigen Kultivierungs- und Produktionsprozessen. Aus der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Beteiligten der Lieferketten gehe hervor, dass sich theoretisch viel ändern könne: es gebe immer mehr Firmen, die mit NO CAP zusammenarbeiten wollten, sowie Konsument*innen, die Produkte mit ihrem Siegel kaufen. Allerdings muss noch viel getan werden.

 

Arbeitsausbeutung mitten in Europa

 

Schwere Arbeitsausbeutung ist in der Europäischen Union theoretisch eine Straftat. In der Praxis finde man sie allerdings doch häufig, gerade in Sektoren wir der Landwirtschaft oder der Pflege. Die Faktoren der Ausbeutung sind im aktuellen wirtschaftlichen System verankert. Durch die Aufrechterhaltung einer Wettbewerbsfähigkeit sind Marktteilnehmer häufig gezwungen, die Preise für ihre Güter zu senken, und damit schließlich auch den Lohn. Laut der Fundamental Rights Agency der Europäischen Union (FRA) würden massive globale Ungleichgewichte dafür sorgen, dass sich mehr und mehr Menschen gezwungen sähen, im Ausland zu arbeiten. Dabei sähen sie sich oft Arbeitsbedingungen gegenüber, die rechtlichen Standards nicht entsprechen, die sie aber in der Abwägung gegen Armut und Arbeitslosigkeit oder anderen Faktoren, akzeptieren würden.

Ebenso befänden sich diese Arbeitnehmer*innen aus dem Ausland häufig in sozialer Isolation, beispielweise durch mangelnde Sprachkenntnisse oder Kontakte außerhalb des Arbeitsplatzes. Sie hätten oftmals nicht genügend Informationen zur Verfügung, um sich über die Standards gesetzlicher und moralischer Arbeitsverhältnisse im Klaren zu sein. Die Verträge, wenn überhaupt vorhanden, würden häufig nur in der Landessprache ausgestellt, sodass viele Arbeitnehmer*innen sie nur teilweise verstehen könnten. Auch könnten sie kaum gegen prekäre Arbeitsverhältnisse vorgehen, da ihnen häufig der Zugang zur Justiz oder zur Polizei fehle. Dies sei besonders bei irregulären Migrant*innen der Fall, die Angst hätten, durch ihre Meldung bei der entsprechenden Behörde das Land verlassen zu müssen. Laut der Studie der FRA sei es von erheblichem Vorteil, die Aufenthalte der Arbeitnehmer*innen zu legalisieren, wenn man die Ausbeutung ausbremsen wolle.

Die Studie zeigt weiterhin, dass es für die europäische Allgemeingesellschaft tolerierbar sei, Menschen aus anderen Ländern in ihrer Arbeit auszubeuten. Dahinter steckt der Gedanke, dass Arbeitnehmer*innen sich freiwillig in gewissen Arbeitsverhältnissen anstellen ließen. Umso wichtiger sei der Einsatz von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen in der Sensibilisierung in diesem Bereich, um sowohl weitreichende Informationen für Konsument*innen, als auch für Arbeitnehmer*innen bereitzustellen.

 

Landwirtschaft und Ernte im Fokus

 

Gerade der landwirtschaftliche Sektor habe in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Veränderungen erlebt, die sich besonders in der Veränderung von Vertragslängen sehen ließen, die inzwischen auf kürzeste Zeiträume befristet sind, sowie in der Auswahl der Arbeitskraft und der Herkunft dieser. Der Agri-Food-Sektor ist einer der führenden in Italien, 2019 machte er 6,9 Prozent des PIL aus, und 28% der eingestellten Arbeiter*innen kämen dabei aus dem Ausland. Phänomene wie Ausbeutung und auch des Menschenhandels seien in den letzten Jahren verstärkt aufgetaucht.

Die Ausbeutung in der Landwirtschaft beruhe zunächst auf illegalen Formen der Intermediation, Anwerbung und Organisation der Arbeitskraft. Die legalen Arbeitsstunden würden häufig überschritten, die Löhne seien viel zu niedrig, es gäbe keinerlei Beachtung von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz, keine Absicherung, keinen Krankenlohn, keinen Urlaub, oftmals würde schwarz bezahlt. Hinzu kämen massive Gefährdungen wie Gewalt und auch sexuelle Übergriffe gegen weibliche Arbeitnehmer*innen. Die saisonale Arbeit und die damit verbundene recht kurze Arbeitsperiode würden das Phänomen der Ausbeutung nur noch verstärken.

Realisiert würde diese Ausbeutung von den „Caporali“, von den Vorarbeitern. Im Jahr 2018 wurden bei Kontrollen des INL (Ispettorato Nazionale del Lavoro) eine irreguläre Anstellung von fast 55 Prozent von 7.000 Erntehelfer*innen festgestellt. Das Phänomen des „Caporalato“ sei nicht nur auf Italien beschränkt: in mehreren europäischen Ländern gebe es eine illegale Intermediation in der Arbeitsvermittlung, die oft im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität stehe, und das vor allem in Ländern, in denen der Einsatz von Migrant*innen in der Landwirtschaft besonders hoch ist – wie Dänemark, Spanien und Italien.

In einigen Ländern gebe es über den EU-Grundsatz der Freizügigkeit von Arbeitnehmer*innen, der Interpretationsspielräume lasse, legale Grauzonen, durch die die Ausbeutung legalisiert würde. Somit würde in Europa moderne Sklaverei möglich gemacht, während sie sich die Werte der Freizügigkeit und auch des Schutzes der Menschenrechte auf die Fahnen schreibe. Allerdings sollte mit einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2018 offiziell dem sozialem und Lohndumping Einhalt geboten werden, die Realität und Umsetzung sehe allerdings anders aus.

NO CAP beweist in Italien Engagement: Die Vereinigung handelt mit Produzenten des Sektors festgelegte Verkaufspreise aus, auch in Absprache mit Vertreibern wie Supermärkten oder Großhändlern. Dieser Preis solle den Anteil der eingesetzten Arbeitskraft auf der Basis von nationalen Kollektivverträgen wiederspiegeln, solle aber auch für Konsument*innen noch tragbar sein.

 

Dalla protesta alla proposta

 

Ausgehend von diesem Verkaufspreis soll eine ganze Fair-Trade-Lieferkette ermöglicht werden. Denn wenn die Supermarkt-Ketten den Landwirten ihr Obst und Gemüse nur für wenig Geld abnehmen würden, dann wirke sich das entsprechend auf die ganze Kette und letztlich auch massiv auf die Löhne der Erntehelfer*innen aus. Die Aktivitäten von NO CAP werden auch von der Kooperative CREI (Coop Rete Etica Internazionale) betreut. Über die Kooperative werden die Erntehelfer*innen gratis mit grundlegenden Dienstleistungen versorgt: Arztbesuche, Unterstützung im Vertragsabschluss, angemessene Unterkünfte und Transportmittel.

Auf Firmenebene setzt sich NO CAP dafür ein, dass Arbeitnehmer*innen auf reguläre Art und Weise angestellt werden. Ebenfalls plädieren sie für natürliche Anbauprozesse sowie für den Einsatz von erneuerbaren Energien in der Kultivierung von Obst und Gemüse. Sie betonen, dass es oft wenig Transparenz bezüglich der im Supermarkt vorzufindenden Produkte gebe. Die Produktinformationen beschränkten sich zu häufig auf das Herkunftsland, die Nährwerte und Haltbarkeitsdaten, wobei Informationen über den ökologischen oder sozialen Fußabdruck der Waren ausblieben. Sie wollen Konsument*innen aufklären und dabei unterstützen, sich bewusster zu entscheiden, damit auch sie in ihren Kaufentscheidungen nicht für moderne Sklaverei in der Ernte mitverantwortlich sind.

 

Großer Erfolg für die Initiative

 

Daher hat NO CAP sein gleichnamiges Siegel ins Leben gerufen, dessen Einhaltung der festgelegten Grundsetze durch Inspektor*innen der Vereinigung sowie der DQA (Dipartimento Qualità Agroalimentare) regelmäßig kontrolliert würden.

Bollino etico

So sieht das Siegel "NO CAP" aus, das Fair-Trade- und nachhaltiges Obst und Gemüse oder deren verarbeitete Produkte kennzeichnet, von (c) Facebook, NoCap

 

Die Erfolge der Initiative NO CAP sind beachtlich: In weniger als einem Jahr ist es ihnen gelungen, 400 Erntehelfer*innen zu regulären Anstellungsverhältnissen zu verhelfen, sie haben kostenlose Dienstleistungen wie Fahrdienste, das Angebot von Unterkünften und juristischen Beistand geleistet. Und sie haben mehreren Immigranten zu ihrem legalen Status und ihrer Aufenthaltsgenehmigung in Italien verholfen. Sie sagen auch, es gebe jetzt schon ein größeres Bewusstsein unter den Menschen für die Notwendigkeit, zu Solidarität und zu legalen Standards zurückzukehren.

Einige als "NO CAP" gekennzeichnete Produkte (wie Passata und Sughi) gibt es inzwischen auch in mehreren Filialen der Gruppe Despar in Südtirol zu kaufen.

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Kommentare

Bild des Benutzers Karl Trojer
Karl Trojer 04.05.2021, 10:54

Dass innerhalb Europas immer noch schamlose Ausbeutung von Menschen stattfindet ist erschreckend. Dagegen muss seitens der zuständigen Institutionen , wie bei der Mafia-Bekämpfung, rasch, gezielt und hart vorgegangen werden.

Bild des Benutzers Christian I
Christian I 04.05.2021, 12:17

Wird unser nächster Ministerpräsident sicher machen...
"Prima gli Italiani"... schreit er noch immer. Frage mich welche, denn es kommen immer weniger Italiani auf der Welt. Und abgesehen davon, als velina oder influencer verdient man viel mehr Geld. Da bleibt die Frage wer in den nächsten Jahrzehnten noch Obst und Gemüse ernten wird, wer unsere Grosseltern pflegen wird, wer unsere Welt putzen wird...

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