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kulturelle Vielfalt

Papa grenzenlos

Die Sozialgenossenschaft väter aktiv hat sich im Auftrag der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt ein Jahr lang mit dem Thema Väter aus anderen Kulturen beschäftigt.
Community-Beitrag von Michael Bockhorni29.10.2019
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Die Notwendigkeit Familien- bzw. Väterarbeit auch auf Familien mit Migrationshintergrund auszurichten bzw. zugänglich zu machen, ergibt sich aus der demografischen Entwicklung sowie der Situation am Arbeitsmarkt in Südtirol. Bei einem Viertel der Geburten in Südtirol haben die Eltern einen Migrationshintergrund. Ebenso hat jedes vierte Kinder im Kindergarten einen Elternteil mit ausländischem Hintergrund, Tendenz steigend. Familien aus anderen Kulturen sind sehr häufig in ökonomisch schwierigen Verhältnissen und sie haben kein informelles Netz aus Familie bzw. Nachbarschaft. Aus den Herkunftsländern sowie ihrer eigenen Familiengeschichte sind Angebote wie Kita bzw. Kindergarten, Familienberatung oder Jugendwohlfahrt oft unbekannt. Die bisherigen Familienbildungsangebote richten sich vorwiegend an Frauen / Mütter und beziehen Väter gar nicht oder zu wenig mit ein. Leonhard Voltmer von der Caritas berichtet aus der Erfahrungen der Dienststelle „Moca – Migrations-beratung Meran“, dass gerade die Rolle der Väter für den Grad der Inklusion der gesamten Familie entscheidend ist. Väter in allen Kulturen fühlen sich für die positive Entwicklung, den sozialen Aufstieg der Familie bzw. der Kinder verantwortlich. Die unterschiedliche Ausprägung ist stärker abhängig von Bildungsstand, sozialer Schicht, religiöser Orientierung und regionaler Herkunft (Stadt/Land) als von Nationalität bzw. kultureller Herkunft.

Aus den verschiedenen Diensten im Burggrafenamt wurden unterschiedliche Situationen genannt, wo es interkulturell sensible Familienarbeit braucht: z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Erziehungskonflikte in der Pubertät Väter sind im traditionellen Rollenverständnis jene, die Regeln und Werte in einer Familie durchsetzen. Sie müssen dabei einen Weg zwischen jenen der Herkunftskultur und der Südtiroler Alltagskultur finden, was oft nicht einfach ist.  Väter sind durch verschiedene Erfahrungen in Beruf und Familie unter Druck: ein Beschäftigungsniveau das die niedriger als ihre Ausbildung oder Berufserfahrung ist, prekäre Verträge und geringes Einkommen, Diskrimierungs-erfahrungen bei der Wohnungssuche, der Arbeit oder bei Behörden, … Entsteht durch den einen späten Familiennachzug eine lange Trennung von den Kindern oder sind umgekehrt die Sprachkenntnise der Kinder besser als jene der Eltern kann die Beziehung zu den Kindern und die Rolle des Vaters in eine Krise geraten. Dies kann manchmal dazu führen durch Festhalten an traditionellen Verhalten wieder an Wert und Identität gewinnen zu wollen. 

Das Projekt „papa grenzenlos – papá senza confini“, welches väter aktiv im Auftrag der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt durchführte, hatte zum Ziel Väter mit Migrations-hintergrund zu unterstützen und zu stärken, damit sie ihre Rolle in der Familie und der Südtiroler Gesellschaft besser wahrzunehmen können. Die Väter sollten ermutigt werden, die eigenen kulturellen Wurzeln sowie die Werte der Gastkultur in Südtirol in der Ausgestaltung der Vaterrolle und die Erziehung der Kinder zu integrieren. Damit sollen Konflikte und Gewalt in der Familie verringert bzw. Kooperation mit Institutionen (Kindergarten, Schule, Sanität, Soziales) verbessert werden. Zuerst wurden intensive Gespräche mit den verschiedenen Diensten, mit interkulturellen Mediator_innen aber auch mit Familien mit Migrationshintergrund geführt, um die Situation von „beiden Seiten“ besser zu verstehen: Was bedeutet Vater sein in den Herkunftskulturen, welche Bedürfnisse und Schwierigkeiten haben Väter aus anderen Kulturen in Südtirol. In den Balkanländern ist die Aufteilung der Familienaufgaben ähnlich wie in Westeuropa. Der Vater gibt moralische Werte weiter (jemand anderen helfen, sich gut benehmen, pünktlich nach Hause kommen) und achtet darauf, dass sich niemand von außen in die Familie einmischt. In manchen afrikanischen Ländern wachsen die Kinder in der Dorfgemeinschaft auf und werden von ihr auch erzogen.

Aus den Gesprächen und Erfahrungen ähnlicher Projekte ergab sich folgender Bedarf an Elternbildungsangebote: Informationen zum Angebot an Kinderbetreuung und damit an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, rechtl. Informationen zu Arbeit, Wohnen, Konsum. Hilfestellung zu Erziehungsthemen wie gewaltfreie Erziehung und Kinderschutz, Sexualerziehung und Verhütung, Gesundheitserziehung und Prävention, Mediengebrauch und pädagogisch wertvolles Spielzeug, … Bei den Veranstaltungen soll immer ein_e interkulturelle _r Mediator_in bzw. Person aus einem anderen Kulturkreis die Einladung und Informationsvermittlung übernehmen. Sie kennen ausreichend Sprache, Kultur und Traditionen sowie die wirtschaftliche Situation. Die Inhalte müssen in der Muttersprache vermittelt werden. Auf Grund der historisch späteren Einwanderungsentwicklung im Vergleich zu den anderen deutschsprachigen Regionen, fehlen in Südtirol großteils noch Menschen der zweiten Generation mit entsprechender fachlicher Ausbildung. Es ist daher wichtig, im Bereich Bildung, Jugendarbeit, Sozialarbeit, aber auch Sanität und anderen einerseits offensiv (männliches) Personal mit Migrationshintergrund anzuwerben bzw. zu qualifizieren. 

Die Pädagogik, die soziale Arbeit und die beratenden Dienste ist gefordert, gleichzeitig eine Haltung von Kritik und Anerkennung im Umgang mit ethnisch-kulturellen Selbstverständnissen zu praktizieren. Es ist wichtig sich bei jeder Familie aber auch in jeder Situation immer wieder gewissenhaft und vorurteilsfrei ein Bild zu verschaffen, ohne gewohnte „Selbstverständlichkeiten“ unhinterfragt für die Analyse bzw. Lösung einer schwierigen Situation anzuwenden. Dies braucht Zeit, entsprechende personelle Ressourcen sowie dementsprechende Weiterbildungen.

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Kommentare

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 30.10.2019, 08:36

Großes Kompliment an die väter aktiv und an Michael Bockhorni! Väter aktiv haben diese Sensibilität für Väter grenzenlos entwickelt, wahrscheinlich aus den persönlichen negativen Erfahrung als Trennungs- und Scheidungsväter heraus? Sie wurden ja auch mit ihrer neuen Situation von der Gesellschaft, von der Erwachsenenbildung und von den Sozialdiensten allein gelassen.
Übrigens: Gibt es inzwischen auch stützende Angebote für genannte Väter?

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