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Aus Berlin

Dr. Nawlo sucht Asyl

Was bedeutet es, ein Flüchtling zu sein? Wie fühlt es sich an, Asyl in Europa zu suchen? Dies ist die Geschichte eines syrischen Arztes, der in Deutschland Asyl sucht.
Community-Beitrag von salt & pepe05.04.2015
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Doktor Jamil Nawlo kann sich Verzweiflung nicht leisten.

Aus dem syrischen Bürgerkrieg ist er geflohen, seine Praxis hat er aufgegeben, seine Familie zurücklassen, der größeren Hoffnung wegen: Um in Deutschland arbeiten zu können. Doktor Nawlo ist Herzchirurg.

Er hat sich für Deutschland entschieden. Deutschland überlegt noch, ob es ihn aufnehmen soll. Und lässt ihn warten.

Seit zwei Wochen wohnt Nawlo in einem Flüchtlingsheim in Brandenburg an der Havel. Er ist in einem Provisorium angekommen, dem er sich anvertraut hat, und Gegenstand eines bürokratischen Prozesses geworden, dem er ohnmächtig ausgeliefert ist: dem Asylverfahren. Er hofft, dass es schnell gehen wird, er vertraut, dass die Beamten, deren Briefe er nicht ganz versteht, einsehen werden, dass er Asyl verdient, dass Deutschland ihn brauchen kann.

Doktor Nawlo ist fest entschlossen, alles zum Besten zu finden; sonst hätte sich seine Flucht nicht gelohnt.

Im syrischen Bürgerkrieg war er zwischen die Fronten geraten: Sowohl Regime als auch Rebellen wollten seine chirurgischen Fähigkeiten für die Feldlazarette ihrer Verwundeten einspannen. „Das erste Mal, als die Rebellen mich ‚einluden’, für sie zu arbeiten,“ erzählt er, „habe ich mich noch herausgeredet, aber als das Regime das gleiche wollte, wusste ich, dass ich ihnen das nicht abschlagen konnte. Also habe ich gesagt, ich werde mich melden, nach den Ferien, in ein paar Wochen.“

„Dann habe ich mich abgesetzt.“

Auf seinem Handy hat Nawlo Dutzende Fotos von dem letzten Wochenende, das er mit seiner Familie vor seiner Flucht verbracht hat. Ein Restaurant am Meer in Tartus im Norden Syriens. Man sieht seine Söhne herumalbern, seine Frau lächelt. Nawlo ist blass, übernächtigt, er versucht in die Kamera zu blicken, aber seine Mund sieht steif aus, verspannt. Am Tag drauf flieht er nach Beirut im Libanon, von Beirut im Flieger nach Serbien (mit einem Pass, „nicht echt, aber auch nicht wirklich gefälscht“), dann zu Fuß über die Grenze zu Ungarn, und endlich nach Deutschland.

Nawlo spricht italienisch, er hat in Turin in den 1990ern seinen Facharzt als Herzchirurg gemacht. Trotzdem hat er sich für Deutschland entschieden. Weil die Zerstörung seiner Stadt, Aleppo, der Berlins im Jahr 1945 gleiche. „Es gibt in Aleppo kein Essen, kein Benzin. All die Geschichten, die wir aus dem Zweiten Weltkrieg kennen, haben wir wiedererlebt“, sagt er. Weil die Deutschen ihr Land wiederaufgebaut hätten. Weil hier gearbeitet werde. Und arbeiten will auch Nawlo, operieren, an Deutschlands Herzen. Deutschland aber lässt sich Zeit und überlegt.

Auch Zweifel kann Doktor Nawlo sich nicht leisten. In wenigen Monaten wird er als Flüchtling anerkannt werden, so sagt er, seine Familie nachholen dürfen, die er im Krieg in Aleppo zurücklassen musste. Was, wenn das nicht klappt? Was, wenn sein Antrag auf Asyl abgelehnt wird? Er ist über Ungarn nach Deutschland gekommen, und in Ungarn von der Polizei zuerst aufgegriffen, dann wieder laufen gelassen worden. All das hat er im Asylverfahren auch angegeben, er wollte nichts verbergen, sondern sich so korrekt verhalten, wie er es von seiner zukünftigen Heimat erwartet.

Hat er damit seine Chance vertan? Die EU-Asylregeln, festgelegt im Dublin III Abkommen, sehen vor, dass Flüchtlingen ihren Asylantrag in jenem EU-Land stellen müssen, in das sie zuerst eingereist sind.[1] Es kann also sein, dass Doktor Nawlo nach Ungarn abgeschoben wird, wo Flüchtlingen, nach Angaben der Menschenrechtsorganisation ProAsyl, „Inhaftierung, Obdachlosigkeit und rassistische Übergriffe“ drohen.[2] Nawlo mag nicht daran denken, weil er ohnehin nichts tun kann, nichts beeinflussen, bloß warten. Und hoffen.

Der Hoffnung wegen hat er, der Fünzigjährige, seine komfortable Wohnung und weitläufige Praxis im syrischen Aleppo mit der Enge eines Drei-Mann-Zimmers im „Übergangswohnheim“ des Deutschen Roten Kreuzes in Brandenburg an der Havel getauscht. Doktor Nawlo nennt es „das Lager“, das Heim, das aussieht wie ein Übrigbleibsel aus der DDR der 1970er. Heute ist es ein Floß der Hoffnung, an das sich die Verzweifelten klammern.

Zu Ostzeiten lebten hier „Vertragsarbeiter“ aus Vietnam und Mosambik, die im VEB Getriebewerk Brandenburg, dem größten Zulieferer von Getrieben der DDR, beschäftigt waren.[3] Wenig ist seitdem erneuert worden. In den Küchen steht der Schmutz, die Gemeinschaftsduschen haben keinen Vorhang, keine abschließbare Tür. Die Flüchtlingen schlafen auf dreißig Jahre alten Matratzen. Selbst der Betreiber des Heims, das Deutsche Rote Kreuz, findet, die Wohnsituation sei katastrophal, und hat gedroht, den Betreibervertrag zu kündigen, wenn nicht Gelder zur Renovierung bereit gestellt werden.[4]

Auch Doktor Nawlo findet die Zustände unwürdig, aber er deutet nur wortlos auf die zerschundenen Böden, die kaputte Küche, weil er hier nicht lange bleiben will. Er hat es eilig, seine Frau, seine Söhne warten darauf, ihm nach Deutschland folgen zu können. Dafür muss allerdings zuerst sein Asylantrag angenommen werden.

Nawlo hat ein beschleunigtes Verfahren gewählt, auf eine Anhörung verzichtet, damit Deutschland ihn schneller aufnehmen kann.[5] Aber Deutschland lässt sich Zeit und überlegt.

Dabei mangelt es Doktor Nawlo nicht an Qualifikationen: Deutschland bekäme mit ihm ein Medizinstudium gratis dazu, obendrauf eine in Italien absolvierte Facharztausbildung zum Herzchirurgen. Dort hat er sich eigentlich ausbilden lassen, weil er die ärztliche Versorgung in Syrien verbessern wollte.

„Ich bin nach Syrien zurück, weil ich die fixe Idee hatte, dort was aufzubauen“, sagt Nawlo. “Und das habe ich dann auch getan: Im Jahr 2000 haben wir begonnen, ein Institut für Kardiochirurgie an der Universtität Aleppo zu planen, 2005 wurde es eröffnet. Sobald alles lief, hat sich das Regime die Institutsleitung unter den Nagel gerissen hat, weil ich nicht in der Partei war, aber das war mir egal, ich wollte mich nicht vereinnahmen lassen.“

Nawlo ist stolz, dass vor einem Jahr der erste Jahrgang von Chirurgen seine Ausbildung abgeschlossen hat. Er hat einen Zeitungsartikel dabei, aus seinem Fluchtgepäck, in dem davon berichtet wird, wie er an der ersten Nierentransplantation in Aleppo mitgewirkt hat.

Nawlo wäre gerne in Syrien geblieben. Er versuchte sich aus allem Politischen herauszuhalten, so lange dies möglich war. Aber Neutralität gibt es nicht mehr.

„Man wusste irgendwann nicht mehr, woran man mit wem war: Eine Fraktion des Geheimdienstes nimmt dich mit, dann musst du bezahlen, Kooperation vortäuschen, und sie lassen dich gehen, aber sie verkaufen deine Akte an eine andere Gruppe, also kommen die, wieder musst du dich freikaufen, und so geht es reihum. Freunde von mir wurden mitgenommen, dann mussten sie zwei, drei Monate arbeiten, und am Ende hat man ihre Leichen gefunden.“

„Also musste ich weg, ich hatte keine andere Wahl.“

Zuerst floh Nawlo von Aleppo in den Libanon. Ein Busfahrer erklärte sich bereit, ihn für 200 Dollar nach Beirut zu bringen. Er warnte ihn, niemandem zu sagen, dass er Arzt sei, das bringe nur Schwierigkeiten. Doch schon der erste Fahrgast, der den Bus besteigt, grüßte freudig: „Hallo, Herr Doktor, kennen Sie mich nicht mehr, Sie haben mich doch vor zwei Jahren am Herzen operiert?“ Auch der nächste Fahrgast ist ein Ex-Patient, von einer geheimen Flucht kann keine Rede mehr sein, aber sie glückt doch.

Nach Serbien schafft er es mit einem Visum, das ihm ein Bekannter besorgt hat; dann beginnt der abenteuerliche Teil der Reise: „Nach drei, vier Tagen sind wir von Belgrad zu Fuß über die Grenze nach Ungarn gegangen“, erzählt Nawlo, „wir waren zu fünfzehn. Wir sind in der Nacht durch die Wälder marschiert, hatten keine Ahnung wo wir waren. Die Schmuggler zählten uns immer wieder ab wie die Schafe.“

In Ungarn wird Nawlo von der Polizei geschnappt, doch er hat Glück im Unglück. Eigentlich will ihn die ungarische Polizei in Auffanglager bringen, aber irgendetwas funktioniert nicht, entweder ist die Maschine zur Abnahme der Fingerabdrücke außer Betrieb, oder die Beamten sind an dem Tag mit den mehr als zweihundert aufgegriffenen Flüchtlingen so überlastet, jedenfalls setzen sie Nawlo einfach wieder auf die Straße.

Er muss einen neuen Menschenschleuser finden, es scheint ein Leichtes, in Budapest die papierlose Einreise nach Deutschland zu buchen. Für 700 Euro wird er im Auto in der Nacht über die Grenze gebracht und abgesetzt. Schnurstracks begibt er sich in die Obhut des Asylverfahrens, er will vor allem nichts mehr mit der Polizei zu tun haben.

Es folgt seine bürokratische Odyssee durch das Dickicht des Asylverfahrensamtsdschungels, er nennt es seinen „Asyltourismus“: In Chemnitz die Fingerabdrücke abnehmen lassen, Fotos machen, in Eisenhüttenstadt zu zweihundert auf einem Basketballfeld übernachten, Asylantrag stellen, dann Frankfurt/Oder, noch eine Zwischenstation in Schönefeld, Befragungen, endlich Brandenburg an der Havel.[6]

Genau wie die anderen Syrer im Flüchtlingsheim lässt Nawlo auf seine neue Heimat Brandenburg a.d.H. nichts kommen: Alles sei wunderbar, bis jetzt, auch wenn die Unterkunft schäbig und verdreckt ist, auch wenn es bitterkalt ist, die Kommunikation mit den Brandenburgern schwierig. Nawlo findet die Stadt prima, die Kanäle, Wasserarme, „es ist wie Venedig, aber ohne den Gestank des Meeres!“

Und er setzt alles drauf, dazu zu gehören: Er geht zum Deutschkurs, zum Adventskalender-Öffnen, selbst zur Lichtgrenze am 25. Jahrestages des Mauerfalls. Er bemüht sich darum, im Krankenhaus hospitieren zu dürfen. Er gehört jetzt schon ein bisschen dazu.

Deutschland aber überlegt noch, ob es ihn aufnehmen soll.

Dann bekommt er einen Brief, eine „Ladung zur erkennungsdienstlichen Behandlung“ in Eisenhüttenstadt. Schon zweimal wurden Nawlos Fingerabdrücke aufgenommen, aber etwas hat nicht geklappt, die Maschine kann keinen brauchbaren Fingerabdruck aerkennen.

Vielleicht ist das Nawlos Rettung? Wenn die in Ungarn aufgenommenen Fingerabdrücke auch nicht verwertbar sind, dann gibt es keinen Treffer in der EURODAC-Datenbank, und Nawlo kann nicht abgeschoben werden. Er weiß es nicht, er kann nichts machen, nur warten. Und hoffen.

Doktor Nawlo wird einen Brief bekommen, schnell wird er ihn aufreißen. Der Brief wird entscheiden, ob seine Flucht aus Syrien, sein großer Sprung ins Leere, geglückt ist.

 

Dieser Text ist die erste Folge einer Serie, in der ich Dr. Nawlo begleiten werde; der Text wurde zuerst auf Krautreporter veröffentlicht.

 

[1] https://www.wir-treten-ein.de/hintergrund/

[2]http://www.proasyl.de/de/news/detail/news/systemische_maengel_gericht_stoppt_abschiebung_von_fluechtling_nach_ungarn/

[3] http://www.ddr89.de/ddr89/betriebe/triebrad.html und http://userpage.fu-berlin.de/~fupresse/FUN/1996/1-96/t6.htm

[4] http://www.maz-online.de/Lokales/Brandenburg-Havel/DRK-Brandenburg-Chef-kuendigt-Betreibervertrag-zum-Asyl-Uebergangswohnheim und http://www.havelstadt.de/4-polizeimeldungen/2130-2130-brandenburg-an-der-havel-hakenkreuze-nahe-des-fluchtlingsheimes-aufgefunden Bei unserem letzen Treffen hat Doktor Nawlo berichtet, dass nun Renovierungsarbeiten im vierten, noch unbewohnten Stock stattfinden.

[5] Die Frage auf dem Formular lautet: „Sind Sie bereit, Ihren Antrag zu beschränken, wenn das Bundesamt Ihnen aufgrund Ihrer Stellungnahme auch ohne persönliche Anhörung den Flüchtlingsstatus zugestehen kann? Ihnen entstehen dadurch kein Nachteil.“

[6] Nawlo hat sich für ein beschleunigtes Verfahren entschieden, er hat es eilig, weil er seine Familie möglichst rasch nach Deutschland bringen will. Auf einem Formular steht: „Sind Sie bereit, Ihren Antrag zu beschränken, wenn das Bundesamt Ihnen aufgrund Ihrer Stellungnahme auch ohne persönliche Anhörung den Flüchtlingsstatus zugestehen kann? Ihnen entstehen dadurch kein Nachteil.“ Das beschleunigt das Verfahren, aber es ist Nawlo nicht klar, was das eigentlich heißt. Niemand wisse das. Aber er habe von keinen Syrern gehört, die nach Syrien zurückgeschickt werden, deshalb vertraue er dem Verfahren.

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