Tomatenfeld
Pixabay
Advertisement
Advertisement
Erntehelfer

Kampf im Tomatenfeld

Die Pandemie schreckt viele Erntehelfer aus Osteuropa von der Fahrt nach Italien ab.
Kolumne von
Bild des Benutzers Gerhard Mumelter
Gerhard Mumelter30.04.2020
Advertisement
"30 bis 35 Euro am Tag bekommen sie für diese zermürbende Arbeit in der sengenden Hitze. Sie leben in Hütten und Verschlägen auf den Feldern, weitab von jeder Stadt, ohne Kanalisation, ohne Wasseranschluss, ohne jegliche Infrastruktur. Italien will sie als Arbeiter haben, aber sie sollen möglichst unsichtbar bleiben. Zehntausende leben in solchen Slums. Sie ernten Tomaten, Melonen, Orangen. Sie ziehen immer dorthin, wo gerade die nächste Frucht abgeerntet werden soll. In den vergangenen Jahren sind Zehntausende dazugekommen, es sind die Männer, die es über das Mittelmeer nach Italien geschafft haben. Gelandet sind sie in diesem Elend, in der modernen Sklaverei". 
 
So beschreibt der Meraner Journalist Ulrich Ladurner in einer ZEIT-Reportage das Los ausländischer Erntehelfer in Süditalien, das sich in den letzten Jahren kaum gebessert hat – zumindest im Süden der Halbinsel. In diesem Jahr ist die Lage aus anderen Gründen besonders dramatisch. Denn das Heer der Erntehelfer kommt fast ausschliesslich aus Osteuropa: aus Ungarn, Polen, Bulgarien, Albanien und der Slowakei. Wegen der Pandemie ist ihre Einreise in diesem Jahr gefährdet. Für sie bleiben die Grenzen weitgehend zu. Viele verzichten auch wegen der Ansteckungsgefahr auf die Arbeit in Italien. Die beginnt mit der Spargelernte im Frühjahr in Norditalien und wird dann mit der Pfirsichernte in Piemont fortgesetzt – bis zur Tomaten- und Orangenernte in Süditalien. Dort drohen den Helfern freilich Ausbeutung und Kontrolle durch die Caporali.  
Über ihre Zahl gibt es unterschiedliche Spekulationen. Ein Viertel der in der Landwirtschaft anfallenden Arbeit wird von Ausländern verrichtet - rund 350.000.  
Die Bauernverbände schätzen die Zahl auf eine Grössenordung zwischen 270- und 350.000. Ihre Forderung, die Erntehelfer zumindest vorübergehend zu legalisieren, hat heftige Diskussionen ausgelöst.
 
Zu denen, die den Notruf der Bauernverbände aufgreifen, gehört Bergamos Bürgermeister Giorgio Gori: "Nell'agricoltura italiana lavorano 400 mila lavoratori stranieri regolari, il 36% del totale, la maggior parte dei quali rumeni. Quest'anno non arriveranno. Chi raccoglierà gli ortaggi e la frutta? Servono almeno 200 mila lavoratori extracomunitari. Serve subito un decreto flussi". Lega-Chef Matteo Salvini kontert umgehend:" Nessuna maxi-sanatoria per 600.000 clandestini da far lavorare nei campi." Salvinis Vorschlag: "Ci vogliono voucher per il tempo necessario a disoccupati, studenti e pensionati italiani."
Deren potentielle Zahl freilich wird von Experten als relativ niedrig eingestuft. Landwirtsschaftsministerin Teresa Bellanova lancierte einen Gegenvorschlag: "Regolarizziamo i braccianti che ricevono offerte di lavoro." Ein Vorschlag, den wiederum Salvini als "scandalosa sanatoria" anprangert. Jetzt soll Bellanova zusammen mit Innenministerin Luciana Lamorgese eine brauchbare Lösung suchen. Lamorgese will dabei auch das Problem der colf und badanti einer Lösung zuführen. Von zwei Millionen dieser meist aus Osteuropa kommenden Betreuerinnen seien nur 850.000 legalisiert. 
Für Salvini stellt auch das eine "ungeheuere Provokation" dar.
Italiens Bauernverband Coldiretti schlägt auch wegen einer andere Invasion Alarm, die nicht aus  dem Ausland kommt: "Nelle campagne mancano stagionali per i raccolti che sono facile preda di oltre un milione di cinghiali che scorrazzano liberamente nei terreni coltivati causano gravi danni a frutta, ortaggi e vigneti minacciando gli animali delle fattorie. La situazione è drammatica".
 
Für den Bauernverband Coldiretti ist ein weiterer Aufschub nicht tragbar, Allein in Foggia, der Hochburg des Tomatenanbaus in italien, fehlen trotz fortschreitender Mechanisierung der Ernte Tausende von Arbeitern. Marino Pilatti, Coldiretti-Vorsitzender der Provinz Foggia setzt einen Notruf ab: "Qui mancano almeno 10.000 braccianti".
Woher die angesichts der Covid-Krise kommen sollen, weiss freilich niemand.

Die Krise hält an. Mit einem salto-Abo unterstützen Sie unabhängigen und kritischen Journalismus und helfen mit, salto.bz langfristig zu sichern!

Advertisement
Advertisement

Kommentare

"un milione di cinghiali che scorrazzano liberamente nei terreni coltivati "
https://scienze.fanpage.it/linvasione-dei-cinghiali-e-colpa-dei-cacciato...
In Italien wurden großwüchsige Wildschweine aus Osteuropa ausgesetzt und die relativ kleinen Wildschweine Italiens wurden dadurch größer und sie wurden auch mehr. Warum die nicht geschossen werden- am gesetzlichen Schutz liegt das sicher nicht. Wölfe jagen Wildschweine, in reinen Agrarlandschaften freilich nicht, dort gibt es keine Wölfe.

Bild des Benutzers Johann Georg Bernhart
Johann Georg Bernhart 30.04.2020, 12:16

Meine Grünen Freunde,eingekreuzte Wildschweine sind nicht das Problem, es sind die Erntehelfer,welche dringend gebraucht werden. wenn die Ernte nicht eingebracht wird oder werden kann,steigen die Preise, finanzschwache Familien hätten ein Problem,sie sicher nicht.Wenn Ihr helfen wollt schickt Erntehelfer.
Es wäre an der Zeit Einwanderer zur Ernte bereitstellen.

Bild des Benutzers gorgias
gorgias 30.04.2020, 12:26

Es wäre an der Zeit solche Arbeiten anständig zu bezahlen, so dass man auf Lohndumping verzichten kann, dann finden sich auch genug einheimische Arbeitskräfte, Dann steigen vieleicht auch die Preise der Lebensmittel, aber das wäre ja gerade die Wunderwaffe gegen Lebensmittelverschwendung über die ja immer wieder beanstandert wird.

Was es braucht sind anständige Löhne und Kostenwahrheit.

Bild des Benutzers Manfred Gasser
Manfred Gasser 30.04.2020, 13:07

Ds will ich mich anschließen. Dass die Bauern mit einem Stundenlohn um die 4€ keine einheimischen Arbeiter finden, ist wirklich kein Wunder.

Bild des Benutzers Johann Georg Bernhart
Johann Georg Bernhart 30.04.2020, 13:23

Was verdient heute ein kleiner Bergbauer??? auch der arbeitet um 4 Euro.
Alle wollen schöne günstige Lebensmittel und keiner will bezahlen.
Lebensmittel müssen für jeden bezahlbar sein.

Bild des Benutzers gorgias
gorgias 30.04.2020, 14:02

Lebensmittel sind für jeden bezahlbar, wenn es für alle Arbeiten anständige Löhne gibt.

Was dem kleinen Bergbauer angeht, so gibt es verschiedene Ansätze.

1. Einmal die EU-Subventionen zu Deckeln, so dass große Betriebe weniger Subventionen bekommen. Das Hilft den kleineren Betrieben.
2. Die Liberalisierungen des EU-Agrarmarkts sind zurück zu nehmen. Warum müssen wir mit den Weltmärkten konkurrieren? Die Subventionen dienen dazu auch um alle möglichen Produkte auf dem Weltmarkt zu drücken. Gleichzeitig werden kleine Strukturen nicht mehr rentabel, die zwar nicht mit Produktionseffizienz mit großen Strukturen nicht mithalten können, aber indirekte Vorteile für die Allgemeinheit haben.
3. Der kleine Bergbauer kann auf Nischenqualität umstellen. Ein Bauer führt ein Betrieb und hier liegt auch ein Teil Selbsverantwortung. zusätzliche Einnahmequellen durch unterschiedliche Produkte wie Beeren, Honig, Milchveredelung usw. zu erschließen.

"Wildschweine sind nicht das Problem, es sind die Erntehelfer,welche dringend gebraucht werden." Stimmt, Italiens Bauernverband Coldiretti schlägt falschen Alarm.

Bild des Benutzers Johann Georg Bernhart
Johann Georg Bernhart 30.04.2020, 12:18

Produkte welche auf die Felder verrotten gibt Hummus,besser als Gülle, übersäuert auch den Boden.

Bild des Benutzers gorgias
gorgias 30.04.2020, 12:28

In Lebensmittel die auf den Feldern verotten wurde schon viele Ressourcen gesteckt. Diese gehen dann verloren und sind weder wirtschaftlich noch ökologisch sinnvoll. Und die überschüssige Gülle ist man damit auch nicht los.

Bild des Benutzers Manfred Klotz
Manfred Klotz 02.05.2020, 08:04

Hummus ist eine orientalische Spezialität, die aus pürierten Kichererbsen, Sesam-Mus (Tahina), Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Gewürzen hergestellt wird.

Bild des Benutzers Johann Georg Bernhart
Johann Georg Bernhart 02.05.2020, 08:50

Hummus ist für mich immer noch verrotteter vergorener Grünschnitt und Gemüseabfälle, also etwas zum düngen.
Hummus wir auch in der heutigen Küche als eine Vorspeise serviert.

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 02.05.2020, 09:57

Es ist wirklich eigenartig: wenn man auf Google das Wort Humus eingibt, dann erhält man effektiv Beschreibungen und Rezepte zu einer Speise.
Die Herkömmliche Bedeutung ist aber die, welche ich bei Duden gefunden habe: "Bestandteil des Bodens von dunkelbrauner Färbung, der durch mikrobiologische und biochemische Zersetzung abgestorbener tierischer und pflanzlicher Substanz in einem ständigen Prozess entsteht"

Bild des Benutzers Manfred Klotz
Manfred Klotz 04.05.2020, 09:18

Herr Bacher, ich weiß nicht welchen Duden Sie haben, aber in meinem Duden steht unter Hummus "Sesamsoße..." unter Humus hingegen der Verweis auf den Boden um den es hier geht. Die Form "Hummus" wird nicht einmal als möglich zweite BEdeutung für Boden angegeben.

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 04.05.2020, 09:29

Das war die Antwort des Duden auf Google! Sie wollen doch nicht bestreiten, dass diese Antwort ursprünglicher ist? Und Humus als Aufstrich kenne ich gar nicht!

Bild des Benutzers Johann Georg Bernhart
Johann Georg Bernhart 02.05.2020, 09:43

Esc wäre Zeit die Arbeiter ordentlich zu bezahlen.
Es muss ein System gefunden werden,wie man Landwirtschaftliche Arbeiter günstiger melden kann, dann bleibt den Arbeiter mehr.
Die Mehrkosten gehen immer zu Lasten des Konsumenten und das will auch niemand.

Bild des Benutzers Michael Bockhorni
Michael Bockhorni 02.05.2020, 11:57

wieviele Anhänger und Wählerinnen hat Salvini? Da werden doch sicher ein paar darunter sein, die auf den Feldern mithelfen wollen ;-)

Advertisement
Advertisement
Advertisement