Krankenhausflur
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Sanitätssumpf

Sanität am Ende des Stiefels

Das Gesundheitswesen in Kalabrien versinkt in Schulden und Skandalen. Die kommissarischen Verwalter geben sich die Klinke in die Hand.
Kolumne von
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Gerhard Mumelter30.11.2020
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In keiner anderen italienischen Region hat sich der Kampf gegen die Covid-Pandemie zu einem so surrealen Polit-Theater entwickelt wie in Kalabrien. Das begann damit, dass der kommissarische Verwalter des Gesundheitssprengels, Saverio Cotticelli in einem TV-Gespräch mit der RAI-SendungTitolo quinto eingestehen musste, nicht gewusst  zu haben, dass die Erstellung eines Covid-Eisatzplanes in seine Kompetenz falle: "Non sapevo di dover fare il piano", erklärte er irritiert vor laufender TV-Kamera. Das sorgte italienweit für Spott und bissige Kommentare. Doch muss dabei berücksichtigt werden, dass Cotticelli als ehemaliger Carabinieri-General über keine medizinische Ausbildung verfügt. Er war 2018 von der damaligen Gesundheitsministerin Giulia Grillo ernannt worden. Ihm wurde der aus dem Südtiroler Gesungeitssprengel ausgeschiedene Thomas Schael zur Seite gestellt. 

Nach seinem Ausrutscher über den Covid-Einsatzplan bestimmte die Regierung den scheidenden Rektor der römischen Universität La Sapienza, Eugenio Gaudio zum Nachfolger Cotticellis. Dieser zog sich am nächsten Tag mit der Begründung aus der Affäre, seine Frau habe keine Lust, nach Kalabrien zu übersiedeln. Als Ersatz schlug die Regierung den bekannten Emergency-Gründer Gino Strada vor, der sich bereit erklärte, in Notstandssituationen einige Feldlazarette zu errichten.

Der unerbittliche Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri legte den Finger in  die Wunde: "Il problema in Calabria non sono gli ospedali da campo, ma le ruberie e l'acquisto dei materiali medici. C'è bisogno di un manager, non di un medico." 

Um dem Sanitäts-Krimi noch grössere Brisanz zu verleihen, wurde fast gleichzeitig der Präsident des kalabresischen Regionalrats, Mimmo Tallini festgenommen. Die Anklage gegen den 68-jährigen Forza Italia-Politiker lautet auf concorso in associazione mafiosa e voto di scambio.  Er wird beschuldigt, den N´Drangheta-Clan Grande Aracridi Cutro bevorteilt zu haben. 

In der misslichen Lage zog die Regierung einen weiteren Ex-Carabiniere aus dem Hut: Guido Nicolò Longo, zuletzt Präfekt von Vibo Valentia – jener Stadt, die in den Ranglisten der Lebensqualiät italienischer Provinzen seit Jahren als Schlusslicht glänzt. "Ho acettato come atto d'amore." so der 67-jährige ehemalige Mitarbeiter des ermordeten Anti-Mafia-Staatsanwalts Giovanni Falcone.

Einer seiner wichtigsten Aufgabenereiche ist die razionalizzazione della spesa sanitaria. Auf diesem Gebiet Klarheit zu schafen, ist freilich eine Herkules-Aufgabe. Laut Il Sole 24 Ore hat sich im Sanitätswesen Kalabriens ein Fehlbetrag von über 300 Millionen Euro angehäuft.

Das Policlinico Catanzaro bezahlt seine Rechnungen nach 946 Tagen, allein der Schuldenberg der ASL Cosenza soll sich auf 243 Millionen belaufen. Der Corriere-Journalist Gian Antonio Stella, der sich mehrmals mit dem Thema beschäftigt hat, schätzt allein den Schuldenberg der ASL Reggio auf über eine Milliarde Euro. Die Schulden des ospedale metropolitano Reggio gegenüber seinen Lieferanten betragen mittlerweile über 40 Millionen.

Kann es da verwundern, wenn viele Kalabresen es vorziehen, sich in Südtiroler Krankenhäusern behandeln lassen?

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