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Matteo Salvini und seine Lega populär wie noch nie. Was finden die Wähler am starken Mann aus Mailand?
Lega im Höhenflug

Der Wähler macht keine Fehler

Matteo Salvini scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, seine Partei ist nach zwei gewonnenen Wahlen weiter im Aufwind. Was finden die Wähler an ihm und seiner Lega?
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In der Menschenmenge ist Matteo Salvini in seinem Element.
Er schüttelt Hände, winkt begeisterten Zuschauern fröhlich zu, Menschen stellen sich zu ihm für ein Selfie – ein Bild, das einen daran erinnern soll, dass man ihn tatsächlich getroffen hat, den selbsternannten Beschützer des Italienischen Volkes, vor den Bürokraten in Europa, den gierigen Wirtschaftsbossen und natürlich vor den Migranten, die das Land seit Jahren „überrennen“.

Diese Bürgernähe scheint dem Innenminister zu gefallen, eigentlich scheint es nichts zu geben, was ihm in diesen Tagen die Laune verderben könnte. Seine Lega liegt laut Umfragen als stärkste Partei bei über 30 Prozent, manche trauen ihr inzwischen sogar zu, dass mehr als ein Drittel der Italiener das Symbol mit dem Schriftzug „Salvini Premier“ ankreuzen würde, außerdem kann man auf zwei gerade erfolgreich gewonnene Landtagswahlen zurückblicken.

Das Trentino, seit jeher in fester Hand der autonomistischen und linken Kräfte wird von nun an seine Partei regieren und in der Nachbarprovinz Bozen können seine Leute bereits auf Posten in der neuen Landesregierung spitzen – es scheint einfach zu laufen, wie man so schön und gut sagt.

Überraschend ist der Höhenflug seiner Meinung nach nicht, die Menschen hätten nur endlich die Chance bekommen, etwas zu ändern, und diese Möglichkeit auch als solche wahrgenommen.
Ob er selbst seinen eigenen Worten glauben schenkt, das bleibt ein Geheimnis, Fakt ist jedoch, dass Matteo Salvini das Land im Sturm erobert hat, dass er in den Augen unzähliger Menschen bereits als Volksheld gilt, der das Land vor dem Sturz in den Abgrund rettet.

Auf verzweifelte Menschen folgen irrationale Taten.

Ob dahinter eine konkrete Strategie steckt oder nicht, seiner Meinung nach sei es nach wie vor nur besagter Wille des Volkes, das eine Chance ergriffen hat, sei dahingestellt.
Egal nun ob Strategie oder nicht, ihr Erfolg ist unbestreitbar, wo er doch bis weit über die Landesgrenzen hinaus wahrzunehemen ist. Wien, Berlin, Brüssel. Die Auswirkungen sind bis dorthin zu spüren, bis in das Zentrum der Europäischen Union, wo man sich schon wie seit Langem nicht mehr versucht auf einen aufziehenden Sturm vorzubereiten.

Populismus und Anti-EU-Sprüche, das kennt man in Brüssel schon lange, aber dass ein Gründerland der ehemaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl und eine der wichtigsten Volkswirtschaften der Europäischen Union so tief ins politische Abseits driftet, sich so gegen die Gemeinschaft wendet, die sie doch selbst mit erschaffen und aufgebaut hat, ist eine neue, beängstigende Situation für alle, die in dem Projekt der Europäischen Integration die Zukunft sahen und immer noch sehen.

Wenn Europa heute als Beispiel für friedliches Zusammenleben, gegenseitigen Respekt und harmonievolle Zusammenarbeit steht, warum werden dann noch Menschen gewählt, die dieses vermeintlich wunderbare Projekt zerstören wollen?

Die Antwort findet man wie so oft in der vielschichtigen und bewegten Vergangenheit des europäischen Kontinents, die bereits zeigte, dass auf verzweifelte Menschen irrationale Taten folgen.
Wurde Hitler von einem Großteil der Deutschen gewählt? Die Antwort ist ja.
Waren all diese Wähler bedingungslose Anhänger des Nationalsozialismus? Wir wissen es nicht, aber die wahrscheinlichste und auch logischste Antwort ist nein. Vielleicht fanden viele dieser Menschen in Hitlers Propaganda einen Halt in einer unsicheren und destabilisierten Welt, in der niemand bereit war, sich ihrer Sorgen anzunehmen.

Hinter den Erfolgen von Populismus und Rechtsnationalismus in Italien steht keine besondere Strategie. Matteo Salvini ist möglicherweise nur der richtige Mann, am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt. Jemand, der nur Zuspruch findet, weil sich niemand um die Menschen in diesem Land kümmert, niemand ihre Sorgen ernstnimmt, die sich um mehr drehen, als nur um Einwanderungspolitik, sondern um Armutsbekämpfung, Gesundheitsversorgung, faire Bezahlung, Unterstützung von Familien und Rentnern.

Egal aus welchen Gründen ein Drittel der Italiener heute die Lega wählen würde, dass über 15 Millionen von ihnen dies aus rassistischen und fremdenfeindlichen Überzeugungen täten, ist ebenso unrealistisch wie unlogisch für ein Land, dass vor wenigen Jahren noch als so weltoffen, liberal und gastfreundlich galt.

Die, die nun aufgrund des Höhenfluges des Innenministers zittern, sind genau die, die dazu beigetragen haben, dass dieser überhaupt möglich wurde, dass Menschen sich aus purer Verzweiflung denjenigen zuwenden, die all diese Probleme in einem gemeinsamen Feind vereinen.
Sie sind es, die dazu beigetragen haben, dass nun irrationale Taten auf verzweifelte Menschen folgen.
Denn eines sei gesagt: Der Wähler macht keine Fehler.

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Kommentare

Bild des Benutzers Karl Trojer

Ich finde diese Analyse von Herrn Gufler beachtenswert , die Schlussfolgerung "der Wähler macht keine Fehler" aber widersprüchlich und gefährlich. Haben denn die deutschen Wähler mit der Wahl Hitlers keinen Fehler gemacht ??? Ist die Verursachung von Millionen von Toten und Verzweifelten "kein Fehler" ? Es genügte, die ersten 50 Seiten aus "Mein Kampf" gelesen zu haben, um erkennen zu können, wohin die Reise mit Hitler gehen würde. Kritik am Bestand ist einfach, der Aufbau einer friedfertigen Zivilgesellschaft aber bedarf über längere Zeit engageirter Arbeit Vieler. Es ist, so meine ich, unser Konsumrausch, unser Zwang zu "immer schneller, immer mehr ", die Narrenfreiheit der Großfinanz, die die Schere zwischen den Über-Satten und den Bedürftigen weiter spreizt und Angst macht und die es zu verändern gilt. Dazu ist Zusammenhalt und Aktionsfähigkeit eines geeinten Europa unerlässlich. Ganz nebenbei : die Weigerung der österreichischen Regierung das Konsenspapier über Migaration und Flüchtlingsprobleme zu unterzeichnen, ist ein Beispiel dafür, wie man dazu beiträgt, Gemeinschaft kaputt zu machen .

+1-12
Bild des Benutzers Martin B.

Ja, ein beachtenswerter Beitrag, abseits eigener Überzeugungen reflektiert, der selbst dazu anregt. Viel davon findet man nicht im (lokalen) Newseinerlei oder eben der persönlichen Meinungsverbreiterei.
Obwohl ich viele Beiträge von KT sonst kritisch sehe, stimme ich zu, das überspitzte Formulierungen wie "der Wähler macht keine Fehler" nicht nötig zur Argumentationsführung wären. Ich finde auch das folgender Punkt nicht genug betont und diskutiert werden kann: sowohl rechts-christliche als auch sozial-linke Regierungen in Europa (siehe insbesondere SPD/Grüne) waren die vergangenen Jahrzehnte nicht nur komplett unfähig die Hochfinanz bzw. Großkonzerne ordentlich im Sinne des Gemeinwohls zu zügeln, sondern haben diesen noch allerhand Geschenke und Freiräume verschafft, die gnadenlos ausgenutzt wurden und werden. Zusammenhalt und Aktionsfähigkeit wird m.M. nach nicht durch Moral-Belehrerei und demonstrativer (vermeintlicher) intellektueller Überlegenheit gestärkt, sondern durch konsequentes Handeln und Wirken. Die Populisten schaffen es anscheinend durch charismatisches Reden nicht vorhandenes gutes Wirken und Handeln vorzutäuschen. Die ideologischen Bewegungen/Parteien hingegen werden mehrheitlich als "Nicht-Lösungen" wahrgenommen. Und Landesväter gibt es nicht mehr...

Bild des Benutzers Oliver H.

Bis auf die Gleichsetzung von EU und Europa ein guter Beitrag. Ich finde allerdings folgender Absatz wäre es wert gewesen, weiter diskutiert zu werden:

>>Die, die nun aufgrund des Höhenfluges des Innenministers zittern, sind genau die, die dazu beigetragen haben, dass dieser überhaupt möglich wurde, dass Menschen sich aus purer Verzweiflung denjenigen zuwenden, die all diese Probleme in einem gemeinsamen Feind vereinen.<<

Denn genau das ist der entscheidende Punkt. Wer den sogenannten Rechtspopulismus eindämmen will, muss diesem Punkt ins Gesicht schauen.

Zur Frage der EU-Skepsis ist folgendes zu sagen: Die EU hat immer dann gut funktioniert, wenn die Vorteile die Nachteile deutlich überwogen haben. Das ist so logisch, dass es jedes Kind versteht. Die Machthaber in Brüssel scheinen dies nicht zu verstehen. Die EU hat sich in den letzten 15 Jahren in die falsche Richtung entwickelt. Das zuzugeben und auf die Partnerländer einzugehen, die gerade unzufrieden sind, wäre der einfachste Weg, die Skeptiker wieder von der Sinnhaftigkeit der EU zu überzeugen.

+1-12
Bild des Benutzers rotaderga

@Martin B.

(sowohl rechts-christliche als auch sozial-linke Regierungen in Europa (siehe insbesondere SPD/Grüne) waren die vergangenen Jahrzehnte nicht nur komplett unfähig die Hochfinanz bzw. Großkonzerne ordentlich im Sinne des Gemeinwohls zu zügeln, sondern haben diesen noch allerhand Geschenke und Freiräume verschafft, die gnadenlos ausgenutzt wurden und werden.)

Nach meiner Überzeugung sind diesen Darstellungen falsch , werden aber bewusst immer wieder so in den Medien vermittelt:
die Hochfinanz, die Großkonzerne und die Strukturen der Religionen bestimmen die Weltpolitik aus den befriedeten Machtzentren heraus. ( Siehe die jährlichen Meetings und Geheim-Gipfel der Mächtigen)

Bild des Benutzers Martin B.

@rotaderga: werde aus diesem Kommentar nicht schlau. Soll dieser die demokratisch gewählten Parlamente und Regierungen entlasten und die Schuld geheimen und weniger geheimen Machtseilschaften und deren Lobbyisten alls zentrale Schuldige belasten?

Bild des Benutzers Karl Trojer

ZumThema "Einschränkung der Hochfinanz" wünschte ich mir ein REuropa, das aktiv zumindest innerhalb seines Wirtschaftssraumes folgende Grenzen setzt : 1. Besteuerung aller Fiunanz-Transaktionen mit mindestens 2% des Transaktionswertes, und 2. Ausdehnung der Zeitspanne zum Wiederverkauf von getätigten Transaktionen von derzeit tausendstel Se,kunden auf mindestens 2 Tage. Mit dem "freien Markt" hat dieises derzeitige Speilcasino des Finanzmarktes nichts mehr gemein; fürs Gemeinwohl ist´s weltweit ein Hohn !

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