Kultur | Ämterhäufung

Heute Journalist, morgen Kurator – Rollenhäufung im Kreuzfeuer

Interessenskonflikte und Ämterhäufung stehen auch in Südtirols Kulturszene im Kreuzfeuer. Über eine „Kultur des Verdachts“ diskutierte man im Südtiroler Künstlerbund.

Zur Diskussion mit der Kulturjournalistin Susanne Barta waren Kulturschaffende, Künstler und Journalisten geladen: Georg Mair von der ff, Heinrich Schwazer von der Südtiroler Tageszeitung, Andreas Schett,  Musiker und Komponist (Musicbanda Franui), Kommunikationsdesigner, Herausgeber der Kulturzeitschrift Quart, Veranstalter, Peter Paul Kainrath, Veranstalter, Kulturvermittler, Kulturmanager, Klavierdozent, TV-Produzent, Viktor Matic, Designer, Künstler, Kulturmanager, Kurator und Künstler Thomas Sterna.

Die Diskussion stand im Zeichen „Puristen kontra Alleskönner“: Wer wie Georg Mair oder Thomas Sterna sich darauf beruft, nur eine Sache machen zu wollen, diese dafür gut, fand sich einer leichten Überzahl an Multitaskern gegenüber, inklusive der Moderatorin selbst, Susanne Barta, die ebenfalls Ausstellungen kuratiert und Kultursendungen gestaltet. 

"Überschneidungen schaffen Rollenkonflikte und Machtanhäufung"

Darf sie das? Oder darf Peter Paul Kainrath seine Kulturzeit für die RAI Südtirol gestalten, also selbst als Kulturjournalist auftreten und dabei seine von ihm organisierten Veranstaltungen wie Transart oder den Bozner Musiksommer besprechen? Auch Andreas Schett, Begründer des Nordtiroler Festivals Klangspuren zählt zur Kategorie der Multimedialen, er arbeitet als Musiker, Komponist und Artdirektor mit der Kulturszene halb Europas zusammen und ist gleichzeitig Herausgeber des Kulturmagazins Quart.

Überschneidungen schaffen Rollenkonflikte,“ meint ff-Vizechefredakteur Georg Mair, „ich halte mich an das Eine das ich kann, nämlich schreiben, und das passt mir gut so.“ Schützenhilfe gibt Thomas Sterna, der Ämterhäufungen in allen professionellen Bereichen scharf kritisiert. Er selbst sei zwar auch im Vorstand des Südtiroler Künstlerbundes, doch sei er sich bewusst, dass er dabei nicht interessenfrei agiert: „Wichtig ist, dass man kenntlich macht, in welcher Rolle man auftritt, trotzdem hab ich Bauchweh, wenn ich Arbeiten von Künstlerkollegen beurteilen soll.“

Heinrich Schwazer, Kulturkritiker der Südtiroler Tageszeitung sieht sich selbst keineswegs als professioneller Kurator, „den Titel hat man mir gegeben und ich habe mir gedacht, probieren wir es mal.“ Hauptsache, so Schwazer, man will als Kurator nicht klüger sein als die Künstler selbst, und seine Arbeit als Kulturjournalist tangiere seine Kuratortätigkeit keineswegs.

Auch Andreas Schett ist sich sicher: Künstlerfreundschaften und -netzwerke sind eines, die Qualität der Arbeit eine andere, und das müsse man auseinanderhalten. Auch wenn ihm diesbezüglich immer wieder mal kritisch auf den Zahn gefühlt wird, wie im Standard-Interview mit Andrea Schurian.

Gilt der Satz des deutschen Journalisten Hans-Joachim Friedrichs noch? "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten."

Das könnte ein Kriterium sein, eine Haltung, doch ist das noch gefragt? Viktor Matic, eingeladen als „Vertreter der jüngeren Künstlergeneration“ sieht den Perspektivenwechsel seiner verschiedenen Tätigkeiten positiv. Rollenzuschreibungen taugten in der modernen Kunstszene kaum mehr, die komplexen Projekte erforderten eben komplexes vielfaches Können. Auch Peter Paul Kainrath sieht seine Rolle als Kulturvermittler nicht gefährdet durch die verschiedenen Tätigkeiten, „im Gegenteil, durch die Vielstimmigkeit von Personen oder Konstellationen entsteht erst so etwas wie kultureller Mehrwert. Als Serviceleister bediene ich die Kulturzeit von RAI Südtirol, denn wer öffentliches Geld beansprucht, muss über den eigenen Geschmack hinausdenken.“ 

Was ist also ein Interessenskonflikt? „Einen Interessenskonflikt sehe ich nicht, wenn ich über die Künstler schreibe, die ich auch kuratiere,“ meint Heinrich Schwazer. „Aber ich missbrauche meine verschiedenen Rollen und Tätigkeiten auch nicht, meine journalistische Lauterkeit ist nach wie vor gegeben.“

Schwazer sieht sich einer Kultur des Verdachts ausgesetzt, in den Medien wie in der Kultur werde viel vermutet und wenig wirklich klar beim Namen benannt.

Das hätte der Diskussion gut getan, eine Konkretisierung der Phänomene, beispielsweise im Einbeziehen der Gruppe 30 und ihrer Forderungen nach mehr Transparenz in den öffentlichen Kulturgremien, wie Museion-Stifterrat und Kulturbeirat des Landes. So wäre die in der Diskussion beschworene „kritische Öffentlichkeit“ zum Tragen gekommen, anstelle der drei hastigen Wortmeldungen von Walter Niedermeyr, Christina Busin und Waltraud Staudacher zum Schluss der Diskussion.

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Martin Senoner Do., 27.02.2014 - 20:48

Wer ist Kurator im Hauptberuf, wer kann wirklich davon leben?
Kenne einen Festivalorganisator, der aus Berufung Musiker und zum Leben beim Rundfunk ist.
Solche Biografien gibt es zu Hauf auch in der bildenden Kunst.

Do., 27.02.2014 - 20:48 Permalink
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Hans Knapp Fr., 28.02.2014 - 21:38

Die Auseinandersetzungen rund um den Kunstbetrieb empfinde ich als lästige Notwendigkeit; wirklich begeistern könnte ich mich bei Debatten über Inhalt und Wert von Kunst.
Aber nun zum Thema des Berichtes:
Dass im Kunstbetrieb viele Akteure einander kennen (nicht nur in einem so kleinen Gebiet wie Südtirol), dass es auch Freundschaften gibt, ist eine Tatsache und darin liegt nichts Verwerfliches.
Dass es Menschen gibt, die mehr als eine Fähigkeit in beachtlichem Maß besitzen scheint mir auch eine Tatsache zu sein, und ich sehe keinen Grund, sie zu beargwöhnen.
Vor allem auch: Dass die Beurteilung von Werken der Kunst – in besonderem Maße natürlich bei aktuellen Phänomenen - nicht nur nach klar objektivierbaren Kriterien erfolgt, sondern auch durch subjektive Faktoren beeinflusst und mitbestimmt wird, ist unvermeidlich. Auch dann, wenn Rezensenten oder Jurorinnen die Autoren der Werke oder der Projekte nicht kennen, müssen subjektive Elemente in das Urteil einfließen, weil es keine Kriterien gibt, die genau genug und allgemein anerkannt wären, sodass unterschiedliche Expertinnen zu denselben Ergebnissen kommen müssten.
In diese Quelle von Subjektivität können dann noch Gefühle einfließen, die sich aus der persönlichen Bekanntschaft ergeben oder aus dem, was wir über Menschen wissen: wohl jeder hat bei sich selbst erfahren, dass es oft schwer ist, Wohlwollen oder Abneigung oder frühere Einschätzungen aus dem eigenen Urteil herauszuhalten.
Es geht also darum, professionelle und moralische Kriterien zu definieren, welche die relevanten Gegebenheiten / Tatsachen berücksichtigen, ohne die Freiheit der verschiedenen Akteure mehr als notwendig einzuschränken.
Das grundlegende Kriterium ist die Transparenz: es muss gesagt werden und überprüfbar sein, wer welche Funktionen ausübt und wer welche Entscheidungen trifft. Und natürlich muss es Regeln für einen Wechsel bei den Funktionsträgern im öffentlichen Bereich geben.
Transparenz läuft aber ins Leere, wenn es keine kritische Öffentlichkeit gibt, welche das Geschehen beobachtet und sich dazu in offenen Debatten äußert. Eine solche Öffentlichkeit kann durch kulturpolitische Maßnahmen unterstützt werden, sie kann aber nicht durch Politik erzeugt werden.
Wenn diese beiden Elemente gegeben sind, muss nicht jede Überschneidung von Rollen fragwürdig sein oder der unredlichen Interessenahme verdächtigt werden: in offenen Diskussionen kann darüber geredet werden, ob Urteilen und Entscheidungen Ernsthaftigkeit bescheinigt werden kann. Das muss nicht immer Zustimmung bedeuten.
Darüber, welche Funktionen als vereinbar und welche als unvereinbar angesehen werden sollen, kann man vernünftig reden. Und wenn der Eindruck entsteht, es gehe jemandem mehr um die eigene Macht als um eine wertvolle Sache, kann dies thematisiert werden.
Eine persönliche Hoffnung zum Abschluss: dass nach den gewiss notwendigen Klärungen in Verfahrensfragen auch noch viel Energie für fruchtbare Diskussionen über Inhalt und Wert der Kulturprodukte und über die inhaltlichen Tätigkeiten der kulturellen Institutionen vorhanden sein möge.

Fr., 28.02.2014 - 21:38 Permalink