Gesellschaft | Zweitsprache

Achammers Eiertanz

Dreisprachige Schulen im Trentino und was passiert bei uns? Festigung der Muttersprache und Förderung der Zweitsprache sind kein Widerspruch, sagt Landesrat Achammer.

„Dal 2020 tutte le scuole trilingui in Trentino“, heißt es aus unserer Nachbarprovinz. „Ich spreche kein Italienisch“ in Südtirol. 36 Millionen Euro investiert das Trentino in den kommenden fünf Jahren in Lehrerfortbildungen und Austauschprogramme, ab 2020 soll sich die Dreisprachigkeit vom Kindergarten bis zur Oberschule durchziehen. Sprachannäherung an Deutsch und Italienisch bereits für die Kleinsten im Kinderhort, mindestens vier Stunden in einer oder beiden Fremdsprachen im Kindergarten, Niveau A1 in Deutsch und Englisch am Ende der Volksschule, Fachunterricht in beiden Sprachen (CLIL) bereits ab der Mittelschule und Anreize, das vierte Oberschuljahr im Ausland zu verbringen: Es ist ein ehrgeiziges Programm, dass Trentinos Landeshauptmann und Bildungslandesrat Ugo Rossi Mitte November mit Bildungsministerin Stefania Giannini besiegelt hat.

Vor allem wenn es mit jenem der tatsächlich dreisprachigen Nachbarprovinz verglichen wird, in der insbesondere die deutschsprachige Schule blass aussieht. Hier kann als große Neuerung vorerst nur das CLIL-Experiment in der 4. und 5. Oberstufe hergezeigt werden. Darüber hinaus: Unzufriedene Eltern, die über schlechte Qualität und häufige Lehrerwechsel im Zweitsprachen- und Englischunterricht klagen, aber auch der  KOLIPSI-Test oder Lernstandserhebungen, die aufzeigen, dass die Zweitsprache nicht in dem Ausmaß beherrscht wird wie es die Unterrichtsstundenanzahl nahe legen würde.  „Abbiamo una marcia in più e non la sfruttiamo”,  erklärte die Brunecker PD-Gemeinderätin Cornelia Brugger erst kürzlich auf salto.bz. Für sie ist „absolut auf die Politik zurückzuführen, wenn Kinder im Pustertal oder Eisacktal trotz ausdrücklichem Wunsch der Eltern keine Chance haben, gut Italienisch zu lernen.“ Als hauptveranwortlich sieht die PD-Politikerin dabei vor allem das rechte deutschsprachige Lager, meint Brugger. „Italienisch zu lernen wird dort keinesfalls ermutigt.“  

"Deutscher Kindergarten ist nicht gleich deutsche Sprache"

Auch das trägt zum wahren Eiertanz bei, den der Landesrat für die deutsche Schule Philipp Achammer vollziehen muss. Er signalisierte zwar von Anfang an klar, dass er dem Thema Mehrsprachigkeit weit offener gegenüber steht als viele seiner VorgängerInnen und ParteigenossInnen. Dennoch unterstreicht der SVP-Obmann mittlerweile ausdrücklich die Wichtigkeit der Festigung des Sprachniveaus in der Muttersprache. Wohl nicht nur des parteiinternen Friedens zuliebe, sondern auch wegen seiner Teilnahme an Veranstaltungen wie sie beispielweise der Schützenbund in Leifers abhielt: „Deutscher Kindergarten ist nicht gleich deutsche Sprache“, lautete der Titel, der mehr als 400 Eltern anzog. Auch ihre Befürchtungen und Ängste muss der Schul- und Integrationslandesrat ernst nehmen. Aber eben nicht so ernst, um die Bemühungen um eine gesellschaftliche Öffnung auf diesem politischen Spiegelparkett zu zerstören. „Gerade aufgrund der steigenden Heterogenität in der deutschen Schule ist die Festigung der Muttersprache mittlerweile wieder ein sehr stark gespürter Wunsch vieler Eltern geworden“, lautet die vorsichtige Formulierung zu diesem Thema.  

 „Uns ist absolut bewusst, dass das Sprachniveau auch in der Zweit- und Fremdsprache weiter zu unterstützen und zu fördern ist.“

Doch muss die Bemühung um eine gelebte Mehrsprachigkeit tatsächlich eingebremst werden, weil immer mehr italienische Eltern beschließen, die Mehrsprachigkeit ihrer Kinder durch den Besuch der deutschen Schule zu fördern bzw. Südtirol durch die steigende Migration generell mehrsprachiger wird? Nein, sagt Philipp Achammer. Die Festigung der Muttersprache stehe nicht im Widerspruch zur Förderung der Zweit- und Fremdsprache. „Uns ist absolut bewusst, dass das Sprachniveau auch in der Zweit- und Fremdsprache weiter zu unterstützen und zu fördern ist.“

Ansätze dafür finden sich laut Achammer unter anderem im neuen Bildungsgesetz. Mehr unbefristete Verträge, neue Möglichkeiten für mehrere Jahre an einer Schule zu bleiben: die Maßnahmen im Paket zur didaktischen Kontinuität sollen auch der Mehrsprachigkeit dienen, indem das Problem der starken Fluktuation von ZweitsprachenlehrerInnen beschränkt wird. Noch wichtiger sei aber ein Sprachpaket, an dem derzeit im Schulassessorat gearbeitet wird. Ob es tatsächlich noch für einige Diskussionen sorgen wird, wie es dort heißt, will Achammer derzeit nicht kommentieren. „Doch Sie können sicher sein, dass wir in den kommenden Jahren noch einige Schritte setzen werden.“ Ob dazu auch ein Ausbau des Fachunterrichts in der Zweitsprache gehört, werde von den Auswertungen der aktuellen Erfahrungen abhängen, sagt Achammer. „Auch Sprachwissenschafter plädieren jedoch vor allem im Umfeld einer sprachlichen Minderheit dafür, den Fachunterricht in Zweit- oder Fremdsprachen erst in den oberen Schulstufen einzusetzen, wo das Sprachniveau in der Muttersprache schon gefestigt ist.“ 

„Ich würde keinesfalls alles auf den Artikel 19 reduzieren“

Wie weit aber können die Bemühungen um bessere Sprachkenntnisse der heranwachsenden Generation überhaupt führen, wenn eine Hälfte der Region aufgrund des Artikels 19 im Autonomiestatut auf den Unterricht in der Muttersprache festgelegt wird? „Ich würde keinesfalls alles auf den Artikel 19 reduzieren“, antwortet der Bildungslandesrat. Auch innerhalb dieses Rahmens gebe es eine Vielzahl von ungenutzten Möglichkeiten, den Gebrauch von Italienisch zu fördern. „Doch wir müssen sie auch nutzen“, sagt er. Nicht mehr Stunden, sondern mehr Freude an der Sprache, lautet eines der ersten Initiativen, die Achammer dabei in Zusammenarbeit mit Partnern wie Wirtschaftsverbänden setzt. „Es geht darum, an der Sensibilität und der Einstellung gegenüber der Mehrsprachigkeit zu arbeiten“, sagt er. „Denn dort wo das Bewusstsein für ihren Reichtum vorhanden ist, sind auch die Kenntnisse höher.“

Ein Eiertanz wird der Weg dorthin allemal bleiben. Doch vielleicht erleichtert ihn auch der Turbo, den die Nachbarprovinz nun einlegt. „Ich werde mich demnächst mit Landeshauptmann Rossi in seiner Funktion als Bildungslandesrat zusammensetzen, um auch im sprachlichen Bereich die Projekte innerhalb der Euregio zu konkretisieren“, kündigt Philipp Achammer an. Was hat der Zukunftsforscher Matthias Horx schon 2009 vorausgesagt? Er sehe die Entwicklung der Euregio stark von der Dreisprachigkeit der drei Provinzen in den Alpen bestimmt. Zumindest das Trentino beginnt den Karren nun in die Richtung zu ziehen. 

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Michael Bockhorni Fr., 05.12.2014 - 08:59

nach der logik müssten ja die trentiner_innen ihr italienisch "entfestigen", ebenso müsste jedes sprachengymnasium für sprachverwirrung unter seinen schüler_innen führen.

Fr., 05.12.2014 - 08:59 Permalink
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pérvasion Fr., 05.12.2014 - 12:31

Antwort auf von Michael Bockhorni

Achammer sagt: „Auch Sprachwissenschafter plädieren jedoch vor allem im Umfeld einer sprachlichen Minderheit dafür, den Fachunterricht in Zweit- oder Fremdsprachen erst in den oberen Schulstufen einzusetzen, wo das Sprachniveau in der Muttersprache schon gefestigt ist.“ Meines Wissens gehören Sprachgymnasien doch zur "oberen Schulstufe"...!?

Fr., 05.12.2014 - 12:31 Permalink
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Martin B. Fr., 05.12.2014 - 11:37

I'm sorry, I did learn my third language after I was 25y old. I don't think we help the children to learn a third language, when they don't (yet) communicate actively in this language. Thats also the main reason why the second language is often not well learned IMO. Make it as simple as possible for the children in this complex world.

Fr., 05.12.2014 - 11:37 Permalink
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Christian Mair Fr., 05.12.2014 - 12:45

Das beste für unsere Kinder ist die Erweiterung der Perspektive durch Schaffen von Möglichkeiten mit Orientierung sowohl Richtung Norden als auch Richtung Süden und so den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Territoriums.
Die Kompetenzerweiterung um eine dritte Sprache ist dabei wohl die Beweisführung einer nichtnationalen Intention.

Fr., 05.12.2014 - 12:45 Permalink
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Guntram Bernulf Fr., 05.12.2014 - 13:45

Ich habe mehrere Freunde im Trentino, sogar in Grenznähe zu Südtirol, die hatten Deutsch bis zum Pflichtschuldabschluss. (Sind mittlerweile alle Akademiker)
Sie können heute sämtlich keine zwei Brocken mehr.
Aber bei den anderen ist bekannlich immer alles besser...

Fr., 05.12.2014 - 13:45 Permalink
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Martin B. Sa., 06.12.2014 - 09:38

Antwort auf von Guntram Bernulf

Gutes Beispiel. Sie brauchen Deutsch eben nicht, wozu also das Gelernte merken. Ähnlich bei den Südtioler Ladinern: wer beruflich (Tourismus, Wirtschaft) Deutsch und Italienische brauch, kann darin kommunizieren. Die Deutschkenntnisse der meisten Ladiner (die im Heimat-Tal leben und arbeiten) sind aber sicher nicht außergewöhnlich gut, dafür dass sie so lange Unterricht in dieser Sprache hatten.

Sa., 06.12.2014 - 09:38 Permalink
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Guntram Bernulf Fr., 05.12.2014 - 13:47

Was die generelle sprachliche Ausgangssituation betrifft, kann man Trentino und Südtirol außerdem nicht vergleich.
Aus dem Schoß des Nationalstaates mit seiner Einheitssprache heraus kann man leicht experimentieren.

Fr., 05.12.2014 - 13:47 Permalink
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Harald Knoflach Fr., 05.12.2014 - 19:11

es steht außer frage, dass der sprachunterricht reformbedürftig ist. mehr noch. wir müssen ständig reflektieren und den weg gegebenenfalls sich ändernden umständen und wissenschaftlichen erkenntnissen anpassen.

ausschlaggebend ist dabei jedoch nicht die methode sondern das ziel. ziel ist eine aktive mehrsprachigkeit. im obigen artikel wird die kolipsi studie zitiert und gleichzeitig suggeriert, dass die deutschsprachige schule der italienischen hinterherhinke. zitat: "Vor allem wenn es mit jenem der tatsächlich dreisprachigen Nachbarprovinz verglichen wird, in der INSBESONDERE die deutschsprachige Schule blass aussieht."
nur weil tommasini mit irgendwelchen mehrsprachigkeitsmethoden herumexperimentiert, die nicht auf wissenschaftlichen daten basieren, weil es diese dazu in südtirol kaum gibt und die mit personal umgesetzt werden, das nicht wirklich dafür ausgebildet ist, heißt das doch nicht, dass die auf dem richtigen weg zur mehrsprachigkeit oder gar pädagogisch "modern" sind. wenn schon kann man aus der kolipsi-studie nämlich herauslesen, dass die deutschsprachige schule auf dem gebiet der sprachvermittlung wesentlich erfolgreicher ist als die italienischsprachige. aber bitte nur schön mit den scheuklappen weiterfahren und alle als "reaktionär" abtun, die nicht bereits beim breifüttern einen sprachproporz einhalten.

Fr., 05.12.2014 - 19:11 Permalink