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Globalisierung

Gottes Rache

Da sei sie nun, Gottes Rache, die die Menschheit in Form der Corona-Pandemie heimsucht. Strafe für die Globalisierung. Lasst uns zurückkehren zu den Nationalismen.
Community-Beitrag von Benno Kusstatscher04.04.2020
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Gib uns unsere täglichen, in möglichst bunten Grafiken präsentierten Statistiken, diese exponentiellen Kurven, die wir täglich mit Sensationslust konsumieren. Hah! Südtirol früher abgeflacht als Italien. Die Deutschen, die arroganten, voll auf unserer normalisierten Kurve, Schwankungsbreite beiseite, vielleicht sogar etwas steiler. Erleichterung bei der Kurve blau. Häme bei der Kurve grün. Die Spanier, die unfähigen. Hüstelnd verhaltende Schadenfreude bei der sich erst andeutenden gelben Kurve der Brexit-Briten. Wann geht denn die Kurve der Schweden endlich nach oben; und die der USA? Was will man denn erwarten, bei diesen depperten Amerikanern, die Trump wählen?

Grenzbäume herunter. Wir müssen uns schützen. Das Böse, der Feind, dem wir mit Kriegsjargon den Kampf ansagen, sitzt draußen. Den müssen wir bekämpfen. Hier ist die heile Heimat. Witze, dass es die Nordtiroler mit der Ischgl-Geschichte peinlich derwischt hat. Grad ein paar Wochen her, da hatten sie noch lustig über uns gemacht, dass bei uns die Skigebiete mitten in der Hauptsaison schließen mussten. Und doch wieder empörte Solidarität, sobald die Deutschen, der gemeinsame Feind, der immer wieder seine Grenzen vor unserer Schnauze schließt, in Ischgl einen Corona-Herd orten und lokale Politik dafür mit verantwortlich machen. Dieselben Deutschen, deren RKI kurz vorher Südtirol zum Risikogebiet erklärte. Südtirol. Nicht Gröden. Italien ganz explizit inklusive Südtirol. Mitgehangen. Mitgefangen.

Und wieder komplett desinteressiert, wenn Nordtiroler Politiker türkiser noch im Gesicht als im Parteibuch, um ihre Verantwortung drucksend versuchen, staatsmännisch aufzutreten und dabei in bester Trumpscher Manier Medienvertreter der bundesdeutschen Todfreunde ausschließen. Abstand haltend zu überfällig gesellschaftlichen Debatten, die dort von Piefkesaga-Veteranen angezettelt wurden, damit sie auch ja nicht zu uns überspringen. Lieber folgen wir da den Lippen „unseres“ Lanz', der täglich die Frage stellt, warum denn die deutschen Bundesländer nicht endlich geeint vorgehen könnten, innerhalb der hochgezogenen Grenzen. Als ob die Frage nicht schon längst wäre: Warum kann nicht Europa, warum kann nicht die ganze Welt geeint gegen die Pandemie vorgehen?

Warum kann nicht Europa, warum kann nicht die ganze Welt geeint gegen die Pandemie vorgehen?

Die Stunde der Globalisierungsgegner schlägt. Wir müssen uns in unseren Nationen verriegeln. Wir müssen uns von internationalen Handelskreisläufen unabhängig machen. Wir müssen die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Ost und West rückgängig machen. Friedenssichere Überlegungen, die einst zur Gründung der Montanunion führten, werden pervertiert. Ungestraft pervertiert und applaudiert.

Wir müssen die Grenzen dicht halten. Den Feind draußen halten. Denn was wir nicht sehen, das gibt es nicht. Nicht die globalisierte Weltgemeinschaft soll sich drum kümmern, sondern die lieb gewordenen Nationen treten in einen Wettstreit in der Beschaffung von Gesundheitsmaterial und Personal. In unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen dürfen natürlich weiterhin auswärtige, wenn nur gut ausgebildete Pflegekräfte ihre Gesundheit für unsere Gesellschaft riskieren. Ob dann Material und Personal in Moldawien oder am Balkan fehlen, scheiß egal. Hinter den hochgezogenen Grenzen sehen wir nichts, tut uns nichts so weh, wie diese undemokratische Ausgangssperre.

Ob dann Material und Personal in Moldawien oder am Balkan fehlen, scheiß egal.

Nicht sehenden Auges, sondern wissenden Herzens warten wir tatenlos drauf, dass das Virus die Flüchtlingslager in Nahost erreicht, oder die ausreisefreudigen, ausgepowerten Gebiete in Afrika. Die große Krise der letzten fünf Jahre wäre hinweggefegt, un male scaccia l’altro, wenn Covid-19 Kriegsflüchtlinge und andere Migranten in den Lagern hinwegfegen würde. Gut, dass die Grenzen schon oben sind, damit die Überlebenden und wahrscheinlich Infizierten nicht auf die Idee kommen würden, sich abendländisch christliche Hilfe zu erhoffen. Gottes Rache freilich wäre ein sich in genau diesen Lagern mutierendes Corona-Virus und ein Mittelmeer, das sich wie im Exodus österlich besungen teilen würde, damit Hilfesuchende und Todgeweihte trockenen Fußes die mutierten Viren einschleppen und sie kein Salvinischer Erlass vor den Häfen verrecken lassen könnte.

Den Globalisierungsgegnern, die sich schon auf den Eisernen Vorhang zwischen China und dem Westen freuen, die Huawei und Konsorten mit gläsernem Stinkefinger in Schranken weisen, die Handelsverträge mit Füßen treten, die den friedenssichernden Charakter weltweiter Vernetzung leugnen, die noch an den Erfolg von multi-lateraler Politik der My-Nation-First glauben, ihnen sei ins Geschichtsbuch geschrieben: Eine globalisierte Weltgemeinschaft hätte damals, 2020, die Krise bewältigen können, aber leider war der ersehnte Impfstoff nur jenseits der von euch geschlossenen Grenzen verfügbar. Gottes Rache eben.

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Kommentare

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Georg Lechner 04.04.2020, 17:56

Auch wenn ich mir Gott nicht mehr als Person vorstelle (sondern in Fortschreibung der Bergpredigt als die Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft aller interpretiere), konnte ich mir bei der Paraphrase der Flucht durch das Rote Meer ein zustimmendes Grinsen nicht verkneifen.
Europa hat längst jene Kooperation über Bord geworfen, die für die Montanunion Pate gestanden ist. Damals (lang, lang ist's her) wurden die Überkapazitäten bei Kohle und Stahl in gegenseitiger Abstimmung (heute würde man Kartellbildung dazu sagen) mit begleitender sozialer Abfederung abgebaut. Heutzutage regiert das Konkurrenzdenken, wer nicht mehr mithalten kann, den beseitigen die "Selbstreinigungskräfte" des Marktes. Dass es indes nicht ganz so marktwirtschaftlich zugeht in der realen politischen Situation, zeigte etwa das Lizitieren um die Industrieführerschaft für das Satellitennavigationsprojekt GALILEO zwischen Deutschland und Italien. Das bekam, wer das meiste Geld dafür versprach - letztlich eben Deutschland (obwohl Schröder dafür anno 2003 genauso die Maastricht-Kriterien verletzte wie Berlusconi). Manche erinnern sich vielleicht noch an die gegenseitigen Beflegungen damals ("Mistgstätten" vs. "Nazis"), die die Versteifung nationalstaatlichen Denkens infolge des vergötzten Konkurrenzprinzips deutlich machten.
Jörg Huffschmid wies in seinem Artikel zum 50-Jahr-Jubiläum der Römischen Verträge "Die neoliberale Deformation Europas" (März-Ausgabe 2007 der "Blätter für deutsche und internationale Politik") auf die treibende Rolle deutscher Industrieller bei der Etablierung des Konkurrenzprinzips hin.

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Benno Kusstatscher 07.04.2020, 10:52

"Heutzutage regiert das Konkurrenzdenken" das kann man hinnehmen, oder dagegen anstinken. Ich denke, wir beide haben uns fürs letztere entschieden.

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Klaus Griesser 04.04.2020, 18:14

Globalisierungsgegner, -befürworter? Soll sich das auf einen solidarisch handelnden Globe beziehen? Da herrscht m.E. begriffliche Verwirrung!
Globalisierung ist ein Begriff, eine Ideologie, eine Devise der freien Marktwirtschaft aus der Zeit von Reagan, Thatcher, die sich mächtig international durchgesetzt hat. Demnach werden dem Kapital alle Grenzen offen gehalten, weil sich mit dem Prinzip "Der Markt regelt alles!" ein großes, irdisches Weltparadies verwirklichen ließe ohne Krisen. Diese Versprechen hatte prompt Robert Stiglitz als falsch entlarvt und er hat dafür sogar den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen.
Die derzeitige Coronakrise und der Crash der Börsen zeigt aber wie falsch dieser eingeschlagen Weg war, zeigt wie die verheißene internationale Solidarität mit Füßen getreten wird. Allerdings, ein Paradies für die allerreichsten Finanziers ist der Globe realiter geworden, während die UNO, gegründet als Harmoniestifterin zwischen den Nationen, machtlos dasteht. Analog auch die EU.
Offensichtlich fehlt es an Internationaler Solidarität bei den meisten Regierungen, nicht aber am Festhalten zur Globalisierung!

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Benno Kusstatscher 04.04.2020, 18:40

Begriffsverwirrung? Vielleicht hilft Wikipedia, Klaus:

"Der Begriff Globalisierung bezeichnet den Vorgang, dass weltweite Verflechtungen in vielen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation) zunehmen, und zwar zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten."

Wenn wir das mit einem Kampfbegriff gegen verfehlte, neoliberale Politik, bzw. mit der Unfähigkeit von Nationalregierungen weltweite Dynamiken zu kontrollieren, verwechseln, dann gibt es tatsächlich eine Begriffsverwirrung.

Übrigens, kein Konzern dieser Welt hat in der Uno oder im Weltsicherheitsrat ein Vetorecht. Gewisse Staaten schon.

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Georg Lechner 04.04.2020, 19:52

Manche Staaten setzten sich auch zwecks militärischer Durchsetzung des Neoliberalismus über ein Veto hinweg (1999, 2003) und missachteten so Artikel 42 der UNO-Charta. Wegen ihres Veto-Rechts kam es auch zu keinen Sanktionen für diese völkerrechtswidrigen Kriege.

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Klaus Griesser 05.04.2020, 11:58

Die Quelle für Wikipedias "Definition" der Globalisierung stammt aus dem Propagandamaterial für die Ideologie "Der Markt regelt alles! Drum freie Marktwirtschaft = Demokratie!", ist also eine Sammlung der Verheißung der Lösung aller Probleme. Sie ist in die Praxis des Neoliberalismus umgesetzt worden und wurde von Jan Ziegler im Ergebnis als Raubtierkapitalismus beschrieben. Dazu ein paar aktuelle Momentaufnahmen:
1, CV-Krise: die US- Regierung schnappt sich in Singapore mittels höherer Preisangebote die Sanitärcontainer aus China, die eigentlich schon an ein europäisches Land verkauft worden waren.
2, Flüchtlinge: eine Familie mit Kind u schwangerer Frau flüchtet vom Hunger in ihrem Land mit DEM Symbol der Globalisierung, einem Smartphone
3, Demokratie: die Ukrainische Regierung gibt die ehemals sozialistischen Felder zum Verkauf an die internationale Konzerne frei.

Ich habe nirgendwo behauptet, Benno, dass in der UNO/ Weltsicherheitsrat einzelne Konzerne Vetos eingelegt hätten, das stünde ihnen sicher nicht zu. Wahr bleibt aber, dass hinter den meisten Regierungsvorlagen konkrete Konzerninteressen stecken.

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Benno Kusstatscher 05.04.2020, 13:24

Klaus, wir können doch Ideologie nicht mit Ideologie begegnen, verschwörerisch hinter Wikipedia Propaganda vermuten und alles Schlechte dieser Welt über einen falsch benutzten Begriff stülpen. Punkt 1: das ist Nationalegoismus. Punkt 2: Smartphones sind DAS Symbol der Digitalisierung. Punkt 3: Das ist Kapitalismus, nenn es meinetwegen Neoliberalismus.
"Wahr bleibt aber, dass hinter den meisten Regierungsvorlagen konkrete Konzerninteressen stecken." Eben das führt zu My-Nation-First Protektionismus, manchmal auch zu Imperialismus. Einziges Gegenmittel ist eine globalisierte Weltgemeinschaft.

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Klaus Griesser 05.04.2020, 20:34

Benno, dein Zitat von Wikipedia fasst doch nur begeistert zusammen, was zur Einführung der globalisierten Marktwirtschaft (Reagan, Thatcher) versprochen wurde: Entwicklung, Wohlstand und Reichtum für die ganze Welt und Krisenfreiheit. Dafür kann Wikipedia nichts und ich plane dabei keine Verschwörung. Wie von mir erwähnt hat Stiglitz nachgewiesen, dieses System werde Krisen auf höherer Ebene erzeugen. Diese Globalisierung ist durchgezogen worden wie eine "unaufhaltsame Lokomotive" (Obama) und hat sich in der Welt breitgemacht, aber nicht nur wunderbar wohlig, - im Gegenteil! In erster Linie hat sie die Nationalgrenzen weltweit zugunsten der großen Konzerne niedergewalzt, ihre Macht und ihren Reichtum in den meisten Ländern der Welt vermehrt. Das ist die Ideologie der kapitalistischen Globalisierung alias Neoliberalismus in seiner ganzen Pracht.
Unabhängig von dieser Realität hoffe ich wie du auf eine andere, bessere Weltgemeinschaft, in welcher Solidarität, Einfühlsamkeit und Zusammenarbeit herrschen.

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Georg Lechner 07.04.2020, 20:06

"Wahr bleibt aber, dass hinter den meisten Regierungsvorlagen konkrete Konzerninteressen stecken." Eben das führt zu My-Nation-First Protektionismus, manchmal auch zu Imperialismus. Einziges Gegenmittel ist eine globalisierte Weltgemeinschaft.
Den ersten Satz (den in Anführungszeichen) unterstreiche ich voll und ganz. Das ist das Kernproblem der EU, dass alle Initiativen der Kommission die große Hürde der Mehrheit der Staaten UND die Mehrheit des Stimmgewichts im EU-Rat schaffen müssen, um rechtsverbindlich zu werden. Dem zweiten Satz stimme ich auch weitgehend zu, wobei die Regierungen im Konzerninteresse häufig auch die internationalen Verflechtungen und die damit einhergehende Wettbewerbssituation als Argument zum Abbau sozialer und ökologischer Standards einsetzen. Darum ist das Wort Globalisierung so negativ besetzt und die Kritik von Klaus Griesser durchaus ernst zu nehmen.
Als Gegenmittel zu diesen Fehlentwicklungen sehe ich nur einen massiven Druck der Öffentlichkeit, die Parteien zu weitgehenden Beschränkungen der Wahlkampfausgaben zu zwingen. Freilich müssten auch die Wähler_innen ihren Teil beitragen und den Medien durch ein anderes Verhalten bei der täglichen Abstimmung am Kiosk verunmöglichen, als Sprachrohr der politischen Handlanger der Reichen zu fungieren.

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Erwin Demichiel 07.04.2020, 00:34

Mir fällt da immer nur ein total altmodisches Wort ein, wenn ich die blechkratzige und leicht gruselige Buchstabenkombination „Globalisierung“ höre. Es ist so altmodisch, dass ich mich fast nicht getraue es auszusprechen, weil ich mich geniere und schon das schallende Gelächter höre und schon jetzt genau weiß, dass ich dann darauf nichts mehr zu sagen weiß ….
Also ich sag es zuerst auf Italienisch: „fratellanza tra i popoli“ - „Brüderlichkeit zwischen den Völkern“. Wenn ihr mögt, könnt ihr es hier hören. https://www.youtube.com/watch?v=lnl4GmXBok0

Ich weiß, ich weiß …. aber ich mag daran glauben, dass dies etwas anderes bedeutet, als das, was wir im Glaubensbekenntnis „Globalisierung“ gelernt haben. Und ich mag sogar daran glauben, dass der Satz des Comandante „Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ etwas ist, das wir alle, du und ich und alle alten Zyniker und alle Enttäuschten dieser Welt – dass wir diesen Satz verstehen.
Hasta la victoria siempre. Ja? Ja. Bis zu unserem allen gemeinsamen Sieg. Bleibt mutig.

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Sylvia Rier 07.04.2020, 07:22

Wie darf ich das verstehen? Zukunft ohne Globalisierung? Alle und jede_r für sich "im trauten Heim"? PS. Die Globalisierung hat angefangen, als die ersten Menschen aus Afrika auszogen! Wir haben sie übertrieben, ganz ohne Zweifel und sollten sie zurückschrauben. Aber ohne Globalisierung (sofern ich Sie richtig verstehe)? Nein danke!

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Sepp Bacher 07.04.2020, 09:52

Es braucht immer den Mittelweg!
Globalisierung heißt auch vermehrte Ausbeutung der Natur, vermehrte Industrialisierung der Landwirtschaft (Monokulturen, Spritzmittel,Vernichtung der Artenvielfalt), vermehrte Verschmutzung der Atmosphäre, Beschleunigung der Klimakatastrophe!
Höchste Zeit wieder regionale Kreisläufe und nachhaltige Landwirtschaft zu favorisieren. Damit auch den Verkehr und die Luftverschmutzung zu reduzieren; usw.

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Peter Gasser 07.04.2020, 10:10

... das ist schon gut und richtig.
Aber wie ernähren Sie mit ausschließlich “regionalen Kreisläufen” Ballungsräume mit 30 - 40 Millionen Menschen wie z.B Mexico City, Tokyo, Jakharta, Dehli, Sao Paolo und andere?
Wie bringen Sie den Menschen Verzicht auf Obst und Gemüse im Winter bei? Wie den völligen Verzicht auf Kaffee, Kakao, Schokolade, Tabak, Bananen, Orangen, Mangos, Papayas....? Wie den Verzicht auf Computer, Handy, Elektronik (Rohstoffe aus Afrika und Südamerika)?
... die Liste wird endlos, und führt uns zurück in die Zeit VOR den Segelschiffen...

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Benno Kusstatscher 07.04.2020, 10:48

Mittelweg ist immer gut Sepp, aber dass etwa Deutschland jetzt unbedingt seine eigenes Gesichtsmaskengewerbe großziehen müsste, ist genau so aktionistisch wie zu verlangen, dass sämtliche Schweine, deren Speck wir Bozner konsumieren, auf unserem Gemeindegebiet zu gedeihen hätten. Regionale Kreisläufe sind ökologisch und ökonomisch interessant, aber kein politisches Kampfmittel, bitte.

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Sepp Bacher 07.04.2020, 11:18

Man muss auch hier einen Mittelweg gehen: solange Obst aus den Tropen billiger ist als unseres, braucht man sich nicht wundern.
Jedenfalls Schweine für Speck für den Südtiroler Verzehr kann man leicht auch hier halten und mästen. Am besten in Freilandhaltung, dort wo eh schon zu viel Milch produziert wird usw. Auch statt den Äpfelplantagen kann man teils wieder Äcker machen, teil andere Nahrungsmittel anbauen. Ein- und Ausfuhr außer Italien nur mit den Nachbarregionen.

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Peter Gasser 07.04.2020, 11:25

Natürlich.
Es ist Ihnen aber schon klar, dass dies Zölle bedeutet (damit: geschlossene Grenzen) und das Ende des freien Marktes, d.h. alle derzeit bestehenden nationalen und internationalen Handelsverträge müssen aufgekündigt werden, was eine Auswirkung auf ALLE Güter bedeutet und vorrangig alles wesentlich verteuert? Und wenn bei Lebensmitteln, dann auch bei Urlaub und Fun: nur noch vor der Haustür.

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Erwin Demichiel 07.04.2020, 10:44

"fratellanza tra i popoli" (um beim Bild des alten Fidel C. zu bleiben - helfihmgott) meint "auf Augenhöhe". Globalisierung unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus meint nie "auf Augenhöhe". So würe ich es verstehen.

Bild des Benutzers Benno Kusstatscher
Benno Kusstatscher 07.04.2020, 10:42

Erwin, nein, das Kuba-Modell habe ich bestimmt nicht vor Augen. Aus dem Mund des etwas älteren Herren auf dem Video klingt das tatsächlich antiquierter als die noble Idee es wäre, auch wenn man heute wohl von Geschwisterlichkeit sprechen würde, und wir den Begriff der Völker besser in den vergangenen zwei Jahrhunderten belassen. Ohne militant an einen Sieg zu denken: Wir arbeiten dran und ich nenne es blechkratzig Globalisierung. Gruselig ist sie nur, wenn die Gesellschaft nicht mit der vorpreschenden Wirtschaft und Technik Schritt halten kann, um den anderen antiquierten Begriff herüber zu retten: den der Wohlfahrt.

Bild des Benutzers Erwin Demichiel
Erwin Demichiel 07.04.2020, 10:58

Hm ... Benno, mir kommt vor, wir schauen auf jeden Fall in die gleiche Richtung. Schön.

Bild des Benutzers Elisabeth Ladinser
Elisabeth Ladinser 07.04.2020, 18:43

Eine ganze Flut an Gedanken, interessant, lesenswert (endlich einmal alle Denker unter ihrem wahren Namen ...), danke!
Es ist herauszulesen, wie schwer wir uns doch mit dem Begriff "Globalisierung" tun! Was genau verstehen wir darunter? was wollen wir darunter verstehen? weltumspannedes Wirtschaften oder auch umfassendes Wissen über die Welt? Sollen und können wir überhaupt "gegen Globalisierung" sein bzw. dagegen ankämpfen? Wenn, wie?
Als Kind haben mich Globen (= Erdkugeln aus Plastik oder Glas) sehr fasziniert, besonders wenn innen eine Lampe brannte. Ich suchte immer den Punkt zu finden, wo ich lebte: war ja schon der Stiefel klein, geschweige denn Südtirol, gar nicht zu erkennen. Wie unendlich groß und in ihrer Gesamtheit unerreichbar die Welt doch war und schien, und heute ... sie ist so klein geworden! Das kann Globalisierung sein, wertneutral.
Zu hinterfragen ist freilich unser Tun rund um diese Welt, wie gehen wir mit ihr um, die einzelnen Völker (dürfen wir noch sagen!) miteinander in ihren unterschiedlichen Entwicklungen und Historien. Durch die "Globalisierung" sind Verantwortungen füreinander entstanden, die leider nicht wahrgenommen werden, mehr "fratellanza tra i popoli", wie Erwin sie zitiert, und Solidarität wären gefragt! Leider hat sich an deren Stelle - lapidar formuliert - das neokapitlistische Denken weitgehend breit gemacht; und dieses Denken samt seinen Folgen gilt es, zum Wohle der Welt im Globalen, zu überarbeiten, neu zu gestalten, zu verändern!! Vielleicht gibt uns Corona einen Anstoß dazu ...
Würde sich die Welt jedoch weider auf jenen winzigen Punkt am Globus beschränken, mir würde viel fehlen!

Bild des Benutzers Klemens Riegler
Klemens Riegler 08.04.2020, 11:53

Dieser Beitrag hat den Stoff zur echten Diskussion. Da ist viel wahres drin, über das sich streiten lässt. Weniger über Definitionen und fragwürdige Bedeutungen von Wörtern, sondern inhaltlich. ... einfach TOLL!!

Bild des Benutzers Benno Kusstatscher
Benno Kusstatscher 16.04.2020, 20:52

SZ: Viele Menschen machen unsere globalisierte Welt verantwortlich für die Ausbreitung des Virus.

Yuval Noah Harari: Im Gegenteil, die Globalisierung hilft uns, es einzudämmen. Epidemien hat es schon viel länger gegeben, weit vor Beginn der Globalisierung. Als die Pest-Pandemie ausbrach, gab es keine Flugzeuge oder Hochgeschwindigkeitszüge, deren Passagiere die Seuche weitergetragen haben in andere Länder. Die einzige Zeit, in der es keine Epidemien gab, war das Steinzeitalter. Und da wollen wir ja nicht wieder hin. Außerdem gibt es viel weniger Epidemien, seit wir in einer globalisierten Welt leben. Sie sind auch weniger vernichtend, gerade weil die Wissenschaft international kooperiert und man Informationen austauscht.

https://sz.de/1.4878583

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