Lukas Gatterer
Privat
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Interview

Gegen den Kollaps anessen

Keine Zeit verlieren – lieber Pflanzen essen. Das Rezept von Medizinstudent Lukas Gatterer gegen den Klimawandel.
Von
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Anna Luther03.07.2021
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Der Medizinstudent Lukas Gatterer aus dem Pustertal weiß: Wir brauchen wirksame Maßnahmen, die rechtzeitig greifen, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Deshalb unterstützt er die Initiative Zukunftspakt für Südtirol, um durch die Partizipation der Gesellschaft die nachhaltige Transformation zu ermöglichen. Ein besonders wichtiger Schritt dafür ist für ihn die vegane Ernährung. 

Lukas, wieso unterstützt du den Zukunftspakt?

Lukas Gatterer: Nachhaltigkeit liegt mir am Herzen, und ich bin überzeugt, dass wir auf unseren Planeten aufpassen müssen, um seine Schönheit langfristig für unsere Nachkommen zu bewahren. Die Lösung vieler Probleme liegt jedoch weder allein auf politischer noch individueller Ebene. Auch wenn jeder für sich einen Unterschied bewirken kann, muss auch auf politischer Ebene Druck ausgeübt werden, um auf Probleme aufmerksam zu machen. So kann ein gesellschaftlicher Wandel beschleunigt werden. Als Individuum gegen den Klimawandel arbeiten, beispielsweise durch eine nachhaltige Ernährung, und Bewegungen wie Fridays for Future gehen also Hand in Hand. Genau deshalb unterstütze ich den Südtiroler Zukunftspakt.

Jeder Mensch sollte sich Gedanken über eine gesunde Ernährung machen, egal, ob er sich vegan ernähren will oder nicht

Schaffen wir es nicht, den Klimawandel auszubremsen, werden in den nächsten Jahren nicht nur zahlreiche Ökosysteme kollabieren und extreme Wetterereignisse zunehmen. Wir werden auch mit humanitären Katastrophen, Massenmigration und Ressourcenknappheit konfrontiert werden. Zudem steigt das Risiko von Infektionskrankheiten, welche normalerweise nur in tropischen Regionen vorkommen. Die Behandlung dieser Krankheiten würde auch finanziell sehr teuer werden.

Nachhaltig ist ein so häufig verwendeter Begriff. Konkret: Wie setzt du in deinem Alltag Nachhaltigkeit um?

Ich kaufe selten neue Kleidung und fahre viel mit dem Rad – vor allem aber lebe ich seit eineinhalb Jahren rein vegan. Dadurch reduziere ich meinen Ressourcenverbrauch und meine Treibhausgasemissionen. Unsere Ernährung hat einen immensen Einfluss darauf, wie unsere Erde in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird – sie ist außerdem für unglaubliches Tierleid verantwortlich. Jedes Jahr sterben 70 Milliarden Nutztiere, um auf unseren Tellern zu landen. Davor müssen diese natürlich auch versorgt werden, was einen enormen Land- und Wasserverbrauch nach sich zieht. Trotzdem stammen nur 18 Prozent der Kalorien, die wir Menschen weltweit zu uns nehmen, aus tierischen Produkten. Und gleichzeitig leiden rund 700 Millionen Menschen an Hunger. Im Grunde genommen also eine desaströse Bilanz.

Aus gesundheitlicher Sicht sollte man auf verarbeitete Produkte verzichten

Was würdest du jemandem raten, der anfangen möchte, Klimaschutz im eigenen Leben zu integrieren?

Unnötigen Konsum vermeiden und beim Einkaufen auf Bio setzen. Viel mit dem Rad fahren und lieber den Zug als das Auto oder Flugzeug nehmen. Den größten Einfluss hat man auf individueller Ebene aber mit einer Ernährungsumstellung – Stichwort vegan. Auch wenn eine rein pflanzenbasierte Ernährung am Anfang vielleicht aufwändig und schwer umsetzbar klingt, ist es tatsächlich gar nicht so kompliziert. Ohnehin sollte sich jeder Mensch Gedanken über eine gesunde Ernährung machen, egal, ob er sich vegan ernähren will oder nicht. Ein guter Einstieg sind die Dokumentationen "Cowspiracy", "Seaspiracy" und "What the Health". Sie zeigen die Folgen des Konsums tierischer Produkte auf unseren Planeten auf und geben Einblicke wie eine nachhaltige und gesunde Ernährung aussehen sollte.

Die Lösung vieler Probleme liegt jedoch weder allein auf politischer noch individueller Ebene

Kurz zusammengefasst sollte eine vegane Ernährung auf Hülsenfrüchten, Vollkorngetreide, reichlich Obst und Gemüse, Samen und Nüssen basieren. Auch wenn das Angebot rund um Käse- und Fleischersatzprodukte stetig wächst, sollte man aus gesundheitlicher Sicht auf verarbeitete Produkte verzichten. Natürlich darf man auch bei solchen Produkten mal zugreifen – aber dabei auf jeden Fall auf Inhaltsstoffe wie Palmöl achten, denn diese haben eine katastrophale Umweltbilanz. Wichtig ist es, bei einer pflanzenbasierten Ernährung auf Vitamin B12 zu schauen. In der industriellen Massentierhaltung wird den Tieren Vitamin B12 oft als Zusatzmittel verabreicht – bei einer pflanzlichen Ernährung umgehen wir das Tier als Mittelsmann und substituieren B12 direkt als Öl oder Kapsel. Mit etwas Planung ist eine vegane Ernährung also in jeder Lebensphase nicht nur möglich, sondern kann auch gesundheitliche Vorteile mit sich bringen.

 

Dieses Interview ist im Austausch mit der Bürgerinitiative Zukunftspakt Südtirol entstanden, die im Sommer 2020 ins Leben gerufen wurde.


Über den Zukunftspakt

Die Initiative Zukunftspakt Südtirol ist eine unabhängige Allianz von Bürgerinnen und Bürgern, die dafür kämpft, dass die Transformation zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft in partizipativen Prozessen gestaltet wird. Bis heute haben 1.700 Menschen das Manifest unterschrieben. Vielleicht gehörst bald auch du dazu?

 

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Kommentare

△rtim ୍℘୍stロ 03.07.2021, 12:21

Spätestens seit dem Bericht des Club oft Rome in den Anfang der 70-er Jahre ist das und vieles andere was hier gesagt wir ja alles hinlänglich bekannt. Woran liegt es dann, dass daraus nicht die Konsequenzen gezogen worden sind — insbesondere da oben die These aufgestellt wird:
"Die Lösung vieler Probleme liegt jedoch weder allein auf politischer noch individueller Ebene."?

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Silke Raffeiner 03.07.2021, 23:37

Auf der individuellen Ebene tut sich ja was - immer mehr Menschen, vor allem junge, ernähren sich vegetarisch oder vegan. Auch Fridays for Future haben dazu beigetragen, mehr Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Klimawandel zu schaffen.
Dass trotzdem weit und breit noch kein Systemwandel in Sicht ist, liegt meiner Ansicht nach an der Macht der verschiedenen Lobbies und den Verflechtungen der politischen Parteien sowie Verantwortungsträgern und -trägerinnen mit ebendiesen Lobbies. Es ist allemal einfacher und bequemer, die Verantwortung auf die Verbraucher und Verbraucherinnen abzuschieben und ihnen weiszumachen, sie könnten den Unterschied machen, indem sie "nachhaltig" konsumieren, als mit mutigen Maßnahmen die Weichen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem zu stellen.

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Peter Gasser 06.07.2021, 13:41

die Verknüpfung der Ernährung von einseitig “vegan” mit “nachhaltig und klimagerecht“ und von artgerecht vielfältig mit nicht zukunftsfähig, entbehrt jeder Grundlage.

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Peter Gasser 06.07.2021, 13:56

Die Antwort auf die Frage “Was würdest du jemandem raten, der anfangen möchte, Klimaschutz im eigenen Leben zu integrieren?”:
“Den größten Einfluss hat man auf individueller Ebene aber mit einer Ernährungsumstellung – Stichwort vegan”, ist meiner Erfahrung anch unsachlich und offensichtlich auch falsch - artfremde Ernährungs-Ideologie statt faktischer Analyse, welche vielleicht mehr weh tun würde.

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