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Vom Verschwinden des Ichs

In Jesolo beschreibt Tanja Raich, wie eine Frau allmählich in den ihr zugeschriebenen Rollen als „Frau von“ und „Mutter von“ untergeht. Ein schmerzhafter, aktueller Roman
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Foto: Foto: Kurt Fleisch

Eine ungeschriebene Regel lautet, ein Debüt darf man nicht verreißen. Glück gehabt, wenn man das gar nicht muss, weil das Debüt mit so einer bedrückenden Intensität daherkommt wie Tanja Raichs Roman „Jesolo“. Auf den ersten Seiten noch etwas zaghaft, wird der Stil der Südtiroler Autorin mit jedem Bild sicherer, durch jede Seite tropft eine feine Melancholie.

„Jesolo“ ist kein Roman gegen Familie und Mutterschaft, aber sehr wohl ein Roman gegen eine festgefahrene gesellschaftliche Vorstellung von Familien- und Lebensglück

Andi und Georg, Mitte dreißig und seit Jugendtagen ein Paar, liegen in Jesolo am Strand. So wie jedes Jahr – Georg mag Sicherheit und Beständigkeit. In kurzen Momentaufnahmen lässt uns die Ich-Erzählerin in ihre Beziehung blicken. Eine tiefe Vertrautheit wechselt sich ab mit der Schwere dessen, was zwischen ihnen steht. Georg möchte, dass Andi zu ihm zieht, ins Haus seiner Eltern im Dorf. Sie könnten dort eine Wohnung ausbauen, den Grundstein für die „1 Haus, 2 Autos, 1 Kind“-Idylle legen. Andi aber möchte sich nicht festlegen, möchte keinen Kredit, kein Leben auf dem Land, weniger Gewissheiten und damit einhergehende Festgefahrenheit. Weniger Ernst des Lebens, den sie in Georg überall erkennt: „Dieser Ernst des Lebens, der sich in den Mundwinkeln versteckt und seine Spuren auf der Stirn, zwischen den Augen hinterlässt, der sich in der Farbe der Augen festsetzt und darin eine Mattheit erzeugt, sich auch in den Gesten niederschlägt, wie die Hand fällt beim Sprechen der Sätze, die den Ernst des Lebens beim Wort nehmen.“

Doch nach dem Urlaub ist sie unerwartet schwanger. Georg ist begeistert, nun können (müssen?) sie endlich zusammenziehen. Endlich werden sie ein Wir. Dieses von ihm mantragleich beschworene Wir steht in krassem Gegensatz zu Andis „sage ich“/“sagst du“, das Raich gekonnt und konsequent durchzieht. Ebenso krass ist die Diskrepanz zwischen dem Außen und dem Innen. Außen steht die Gesellschaft, die anderen, mit ihren Erwartungen und Zuschreibungen. Innen ist anfangs ein Genervtsein, das sich im Laufe des Romans in ein bis zur Unerträglichkeit anschwellendes Unbehagen steigert und sich einem beim Lesen schwer auf die Brust legt. Dieser unentwegt von allen Seiten forcierte Abgleich zwischen dem Ich und den gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen kann nur in einem Nichtgerechtwerden und einem Gefühl der Unzulänglichkeit enden. Sehr oft formuliert Tanja Raich diesen Abgleich nicht aus und entgeht so dem Plakativen. Stattdessen sind es Aufzählungen von hundertmal vorgekauten Phrasen, immer gleichen Begriffen um das vermeintliche Lebensglück, von Kalendersprüchen und Binsenweisheiten, die sich zu einer Plattitüden-Polyphonie verdichten, die mit jeder Seite erdrückender wird. Alle wissen es besser als Andi: Georg und der Schwiegervater, wie man richtig renoviert, die Schwiegermutter, wie man die richtige Einrichtung auswählt, und alle anderen Frauen, wie eine richtige Mutter zu sein und sich zu fühlen hat. Andis lakonische Einsicht: „Was weiß ich schon von diesem neuen Leben.“ Etwas überflüssig in der Vielstimmigkeit des Romans sind die Liedtitel und -zeilen, die sich wie ein Soundtrack durch die Handlung winden. Raichs Sprache allein ist – bis auf ein paar wenige Stellen – stark genug, um Stimmungen und feine Kontraste zu erzeugen, da braucht es im Grunde nicht auch noch Musik als Stimmungsmacherin.

Tanja Raich über „Jesolo“ / Quelle: Blessing Verlag

Im Laufe des Romans muss Andi zusehen, wie sie als Individuum im Pärchen-Wir und in der ihr aufgedrückten Rolle als zukünftige „Mutter von“ verschwindet. Jeder Versuch, sich dagegen zu wehren, wird mit einem verständnislosen „Was hast du denn, du solltest doch glücklich sein.“ abgetan. Ist sie nicht glücklich, wird ihr vorgeworfen, sie solle sich doch zusammenreißen, das Kind in ihrem Leib spüre ihre Stimmungen und sie würde ihm schaden. Mit diesem Verschwinden des Ichs einher geht vor allem auch die Angst, ihre Identität als Grafikerin und Künstlerin zu verlieren. Ihre Projekte im Büro werden auf die Kolleg*innen verteilt, ihre Stelle quasi getilgt – wird sie nach dem Mutterschutz zurückkommen können? Und wie lange wird das dauern? Wer wird auf das Kind aufpassen? Das Kind ist noch gar nicht geboren, schon sitzt ihr der Rabenmutter-Vorwurf im Nacken. Georg ein Rabenvater, weil er weiter Vollzeit arbeiten will? Natürlich nicht, er verdient ja auch mehr und schließlich ist da noch der Kredit für das herbeirenovierte Lebensglück, den sie abzahlen müssen.

„Jesolo“ ist kein Roman gegen Familie und Mutterschaft, aber sehr wohl ein Roman gegen eine festgefahrene gesellschaftliche Vorstellung von Familien- und Lebensglück und vor allem ein Roman, der in einem leise-melancholischen Ton die Erwartung der vollkommenen Selbstaufgabe der Frau zu Gunsten der Mutterrolle in Frage stellt. Tanja Raichs Debüt skizziert eine überaus subtile und schmerzhaft aktuelle Gesellschaftskritik und ist damit ein wichtiger literarischer Beitrag zu einer alten, aber leider immer noch nicht veralteten Debatte. Lesen Sie „Jesolo“. Es tut weh, aber es wird schön sein.

 

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Stereo Typ Tue, 03/12/2019 - 14:46

Klingt vielversprechend. Als männlicher Leser interessiert mich natürlich die Figur von Georg, der in den Konventionen gefangen zu sein scheint und nicht merkt, wie Andi immer mehr unter der Situation leidet. Leider auf dem Land mit den ausgebauten Elternhäusern eine traurige Realität ...

Tue, 03/12/2019 - 14:46 Permalink