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A Star Is Born

Das Regiedebüt des Schauspielers Bradley Cooper kramt eine verstaubte Geschichte aus der Mottenkiste und transportiert ein amerikanisches Märchen in die Gegenwart.
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Foto: Warner Bros.

Wahnsinn ist, wenn man dieselbe Sache immer und immer wieder macht und dabei erwartet, dass sich etwas ändert. So gesehen ist „A Star is born“ das Werk eines Wahnsinnigen. Die Geschichte wurde mit der 2018er Fassung nämlich bereits zum vierten Mal verfilmt.

„A Star is born“ ist von der ersten bis zur letzten Minute Schein. Doch auch hinter jeder noch so kalkulierten Inszenierung steckt ein Funken Ehrlichkeit.

Klar, die Figuren haben sich seit der ersten Inkarnation aus dem Jahr 1937 ziemlich gewandelt, die Grundprämisse ist jedoch die selbe geblieben. Und die lautet wie folgt: Jackson Maine (Cooper) ist Country-bzw. Folk-Rock-Sänger und lebt dieses Leben auch recht erfolgreich. Doch er wird nicht jünger, sein Gehör lässt aufgrund der dauernden Konzerte nach und sein Stern droht langsam aber sicher zu sinken. Außerdem ist er Alkoholiker und drogenabhängig, ein Umstand, der ihm sein chaotisches Leben nicht besonders erleichtert. Als er eines Tages die junge Dame mit dem Namen Ally (Lady Gaga) kennenlernt, glaubt er, großes musikalisches Potenzial in der schüchternen Frau zu sehen. Er nimmt sie mit auf seine Bühne und spielt einen ihrer eigenen Songs. So kommt eins zum anderen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich zwischen Ally und Jack mehr als nur eine professionelle Beziehung entwickelt. Doch der Druck auf Ally steigt, sie wird unter Vertrag genommen und kommt groß raus. Ein Umstand, mit dem der von seinen Exzessen gezeichnete Jack nicht umzugehen weiß...
„A Star is born“ ist das klassische Hollywood-Märchen. Das Drehbuch versucht erst gar nicht den Eindruck zu erwecken, hier neue erzählerische Ebenen zu aufzubereiten, vielmehr funktioniert es nach Schema F und ist dadurch extrem vorhersehbar. Die einzige Ausnahme stellt das Ende dar, welches überraschend konsequent ist und eigentlich nicht so wirklich in den durchweg lebensbejahenden Ton des Films passen will. Dennoch stellt es eine mutige Entscheidung dar, besonders im heutigen, möglichst auf Wohlfühlkino bedachten Hollywood. Aber das ändert nichts daran, dass „A Star is Born“ ein ziemlich altbackenes Märchen ist. Jack ist natürlich der Prinz auf seinem Thron, er wird von allen bewundert und jeder möchte ein Foto mit ihm machen. Seine Prinzessin muss er erst finden, und er tut es. Er befreit sie aus ihrem hohen Turm, in dem sie weggesperrt ist und erst von ihrem Retter gefunden werden muss. Erst durch ihn kann sie zur Erfüllung gelangen, erst durch ihn wird Ally zur Musikerin. Und auch weiterhin hängt sie ihrem Jack an den Lippen, es ist, kurz gesagt, die große Bradley Cooper-Show.
Der Regisseur und Schauspieler hat sich ganz bewusst selbst in der Rolle gecastet und mimt den alkoholkranken Mann auch durchweg überzeugend. An seiner Seite spielt die Sängerin Lady Gaga, die hier in ihrer ersten Filmrolle zu sehen ist und aktuell von vielen Seiten viel Lob für ihre Darstellung erhält. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass ihre Rolle kaum Raum für große Momente erhält. Lady Gaga spielt dabei nicht schlecht, sondern schafft es wunderbar, den Bogen und die Verwandlung vom Mauerblümchen zum Musikstar glaubwürdig zu transportieren. Wenn es dann aber Zeit wird, ihre schauspielerischen Zwischentöne und Details zu zeigen, grätscht ihr leider das ein oder andere Mal die Inszenierung dazwischen.

A STAR IS BORN - Official Trailer 

„A Star is born“ arbeitet mit Kameraeinstellungen, die in einem modernen Film eigentlich nichts mehr verloren haben. Lady Gaga hat das schauspielerische Talent, eine traurige Frau zu spielen, dazu braucht es kein extremes Close-Up einer einzelnen Träne, die wie in Zeitlupe die Wange hinabrollt. Ein Relikt aus den 80er Jahren, das hier das eine oder andere Mal zum Einsatz kommt.
Wirklich glänzen kann der Film in den vereinzelten Musikszenen. Nämlich dann, wenn Lady Gaga in ihrer Kerndisziplin zeigt, was sie kann. Fast möchte man bedauern, dass die Sängerin ihre Stimme in der Realität für vergleichsweise plumpe und austauschbare Popsongs hergibt. Auch Cooper singt selbst und fühlt sich in der Rolle als rauer Country-Sänger auch sichtlich wohl. Interessant ist, wie der Film mit seiner weiblichen Hauptrolle umgeht. Denn Ally ist sichtlich selbstreferenziell angelegt, Lady Gaga tritt hier, anders als in ihrer wahren Karriere mit ihrer Naturhaarfarbe auf und schminkt sich nur wenig. Sie wirkt echter als in der wahren Welt, und als der Moment kommt, an dem ihr Manager ihr das Tragen einer blonden Perücke vorschlägt, ist das ein klarer Verweis auf die echte Lady Gaga. Ob sie selbst mit dem Gedanken spielt, „echter“ zu werden, ist fraglich.
In der Glitzer-und Glamourwelt funktioniert der Schein eben immer noch besser als die Wahrheit. Im Jahr 2018 mehr denn je. „A Star is born“ ist von der ersten bis zur letzten Minute Schein. Doch auch hinter jeder noch so kalkulierten Inszenierung steckt ein Funken Ehrlichkeit. In diesem Fall in Form zweier talentierter Schauspieler, deren Potenzial von einem standardisierten Drehbuch gebremst wird. Der Funke Ehrlichkeit steckt hilfeschreiend unter der Oberfläche, und nur wer tief gräbt, kann ihn am Ende auch finden.