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Halb ländlich

Über eine Kindheit im „Semirurali“-Viertel: Eine Rezension zum neuen Buch von Sandro Ottoni. Am Mittwoch wird es in Meran vorgestellt.
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Foto: Stadtarchiv Bozen

Halb ländlich: was ist das? Eine erste, allerdings nur angedeutete Antwort, gibt der Untertitel des Kurzromans von Sandro Ottoni, soeben in einer Übersetzung aus dem Italienischen bei edizioni alphabeta verlag und Drava Verlag erschienen: Bozen 1966. Eine Kindheit im „Semirurali“-Viertel.
Halb ländlich
war eine Welt, die es in Bozen, und nur in Bozen, zwischen Ende der Dreißiger- und den frühen Achtziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts gab: bescheidene, zweistöckige Häuser mit vier winzigen Wohnungen, und dazu noch eine kleine Portion Garten für den Anbau von etwas Obst und Gemüse. Die meisten deutschsprachigen Leser wissen wenig über dieses Stadtviertel – und dieses Wenige genügt ihnen auch. Die Semirurali wurden vom Faschismus für die zugewanderten Italiener erbaut und allein dies macht sie verdächtig. So lange es sie gab, wohnten dort kaum Südtiroler, und das Interesse von Seiten der Publizistik und der Berichterstattung in deutscher Sprache war dementsprechend gering. Die Geschichte ihrer Heimat kennen die Südtiroler genau, denn sie wird ihnen sehr oft in den unterschiedlichsten Formen und aus den unterschiedlichsten Blickpunkten erzählt; die Geschichte ihrer Nachbarn wird dabei kaum mit einbezogen – und ähnlich geht der italienische Nachbar vor. Deshalb ist der Verleger zu loben, der dieses und andere literarische Werke in die jeweils andere Landessprache übersetzt. Es ist doch unabdingbar, die Erzählungen des Anderen zu kennen, wenn wir ihn verstehen und mit ihm zusammenleben wollen.

Wer nun etwas mehr über das Innenleben dieses halb ländlichen Stadtviertels in den Sechziger-Jahren erfahren möchte, kann sich mit den Abenteuern des zehnjährigen Kindes Giacomo Chiodi vergnügen, die ein mit scharfen Zügen gezeichnetes Bild der semirurali und seiner Einwohner vermitteln.
Dominikus Andergassen hat beim Übersetzen sehr gute Arbeit geleistet, angefangen mit dem Titels Halb ländlich. Mit Intelligenz und Kreativität hat er die Schwierigkeiten eines Textes gelöst, in dem sehr viele dialektale Ausdrücke und immer wieder Sprachspiele vorkommen. Die ersten hat er meistens beibehalten und mit wenigen Worten erklärt; die zweiten hat er neu erfunden, wie im Falle von “esclogitare”, das zu “auskundforschen” wird.
Wir folgen dem Jungen, wie er ausgehend von seinem Garten die Welt „auskundforscht“ und hören ihm gerne zu, wenn er sich Fragen stellt und Antworten gibt. Seine Bemerkungen sind immer echt, oft naiv, oft überhaupt nicht kindisch, meistens lustig und nicht selten bewegend. Die Worte, die ihm Sandro Ottoni in den Mund legt, die Versuche, die er ihn unternehmen und die Streiche, die er ihn spielt lässt, machen aus ihm eine Persönlichkeit, von der wir uns alles vorstellen können; selbst das, worüber der Autor nichts sagt: und dies ist wohl ein grundlegender Beweis, dass die Figur gelungen ist.

Die Abenteuer spielen im Jahre 1966, eine inzwischen weit zurückliegende und vergessene Epoche. Die Semirurali und das Bozen von damals gibt es nicht mehr; wahrscheinlich wissen selbst die jungen Italiener von heute wenig über jene Jahre, während ihre Eltern jenen Lebensabschnitt verdrängt haben. Das Buch ist deshalb für die Leser beider Sprachgruppen wertvoll. Wenn man der Südtiroler-Gesellschaft mit etwas Recht vorwerfen kann, Nabelschau zu betreiben, kann man der italienischen Sprachgruppe ebenfalls mit etwas Recht das Entgegengesetzte vorwerfen: sich zu wenig mit den Besonderheiten dieses Landes auseinandergesetzt zu haben. Giacomo Chiodi hingegen schaut sich die Welt von damals sehr genau an und weiß, sie mitreißend zu erzählen.
Schön wäre es, ihm wieder zu begegnen, in einem neuen Buch, um das zu hören, was er als erwachsener Mann über die heutige Stadt zu sagen hat.

Halb ländlich. Bozen 1966.
Eine Kindheit im “Semirurali”-Viertel
Aus dem Italienischen von Dominikus Andergassen
edizioni alphabeta verlag + Drava Verlag, 2018