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Die Freiheitlichen

Rassismus? Gibts hier nicht! Oder doch?

“Ich habe in Südtirol wirklich niemanden erlebt, der effektiv rassistisch ist”, so Ulli Mair auf Rai Südtirol. Aber gibt es das wirklich nicht, Rassismus in Südtirol?
Un contributo della community di Olaf Borghi04.08.2020
Ritratto di Olaf Borghi
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"Ich habe in Südtirol wirklich niemanden erlebt, der effektiv rassistisch ist”, so Ulli Mair im Sommergespräch mit Zeno Braitenberg, der dies unkommentiert so stehen lässt. Bei dieser Aussage frage ich mich, ob die Landtagsabgeordnete der Freiheitlichen überhaupt schon einmal Fuß auf Südtiroler Boden gesetzt, oder den Mauszeiger durch ihre Timeline auf Facebook bewegt hat. Vielleicht ist aber auch meine Wahrnehmung verzerrt und es gibt tatsächlich keinen Rassismus in Südtirol?

Denn möglicherweise bin ich bloß zu streng mit der Frau Landtagsabgeordneten. Daher habe ich mir die Arbeit gemacht, ein paar Perlen der Toleranz aus dem Ozean der Weltoffenheit Südtirols zu fischen, damit Ulli Mair für das nächste Sommergespräch besser vorbereitet ist, wenn sie für die Nichtexistenz eines Rassismus in Südtirol plädieren möchte. Doch bevor wir uns diesen Perlen widmen wollen, möchte ich eine Definition von Rassismus ausführen, so ganz allgemein, um mögliche Missverständnisse zu vermeiden.

Einer der führenden Sozialwissenschaftler im Themenbereich Rassismus, Thomas Pettigrow, Professor für Sozialpsychologie an der University of California, unterscheidet in einer Studie zu Rassismus in Westeuropa zwischen zwei Arten von Rassismus. Zum einen gibt es den traditionellen Rassismus, dessen Kern sich aus zwei wesentlichen Komponenten zusammensetzt: 
Erstens aus der Annahme der Existenz angeborener interethnischer Differenzen, und zweitens aus der Annahme der Überlegenheit der eigenen Rasse.
Neben diesem klassischen Rassismus gibt es noch eine neuere Form von Rassismus, den subtilen Rassismus. Dieser neue Rassismus zeigt sich nicht durch direkte Verbote und Diskriminierungen, wie z.B. ein Verbot zum Zugang von Schulen für bestimmte Ethnien, sondern, wie der Name impliziert, auf eine subtile und sozial akzeptierte Art und Weise. Dabei werden vor allem soziale Rechtfertigungsstrategien gewählt, indem den benachteiligten Minoritäten die Schuld an ihrer Situation selbst zugewiesen wird. Ein klassische Beispiel für subtilen Rassismus wäre es zu sagen, dass Migrant*innen dieselben Chancen hätten, wenn sie nur härter arbeiten würden. Dass viele Arbeitgeber*innen Migrant*innen erst gar nicht die Chance geben sich zu beweisen, wird dabei außen vor gelassen und letztendlich sogar noch bestärkt.

In beiden Formen basiert Rassismus auf Stereotypen und Vorurteilen. Beides nutzen in einem gewissen Ausmaß alle Menschen, da dies uns dabei helfen kann, eine komplexe Welt, die unglaubliche Anforderungen an unsere Wahrnehmung und kognitive sowie emotionale Verarbeitung stellt, etwas einfacher verarbeiten zu können.

Sind uns unsere eigenen Vorurteile und Stereotype allerdings nicht bewusst, so kann dies dazu führen, dass wir uns in eine Rassismusfalle locken lassen. Im Normalfall erfordert es viel Arbeit und die Bereitschaft, sich mit den eigenen, möglicherweise nicht immer bewussten, rassistischen Tendenzen auseinanderzusetzen, um nicht in diese Falle zu tappen (Lesetipp: Exit Racism). Dies impliziert aber auch, dass wir anerkennen müssen, dass es noch immer Rassismus in der westlichen Gesellschaft gibt, um diesen überhaupt erkennen und verhindern zu können.

Vielleicht ist es somit ja doch die Frau Landtagsabgeordnete, die blind auf einem Auge ist, wenn sie derartige Aussagen tätigt. Dies offenbart sich vor allem dann, wenn man sich mit den Inhalten der blauen Partei befasst, die durch das von ihnen propagierte Weltbild ständig Rassismus befeuert. 
Konstant wird sowohl auf den Social Media Kanälen von Ulli Mair als auch diesem der Freiheitlichen ein Bild von rein kriminellen, illegalen und arbeitsunwilligen Migranten generiert. Dieses Bild, das durch teils subtile, teils traditionellen rassistische Komponenten aufrechterhalten wird, fördert weitere direkte rassistische und diskriminierende Verhaltensweisen zu Tage. Diese sind nicht nur auf die Seiten von rechten Parteien beschränkt, sondern finden sich in Form von tendenziöser und reißerischer Berichterstattung in verschiedenen Südtiroler-Onlinemedien und auch seit eh und je über die digitale Welt ihren Weg an den Küchentisch, Arbeitsplatz oder andere öffentliche Orte (und umgekehrt). Der subtile Rassismus in diesen Inhalten kann wiederum dazu führen, dass die Hemmschwelle für traditionellen Rassismus sinkt, wie er sich immer wieder in den Kommentarbereichen unter den Posts der Freiheitlichen, Südtirolnews oder UnserTirol24 findet.

Von keinem Rassismus in Südtirol - keine Spur.

In aufwendigster investigativjournalistischer Arbeit, bei der ich mich ganze fünf (!) Minuten durch die Facebook-Timeline der Frau Landtagsabgeordneten sowie den Kommentarbereich verschiedener bekannter Südtiroler-Onlinemedien geklickt habe, stieß ich so auf eine breite Auswahl menschlicher Abgründe (Triggerwarnung!). Das dabei einzige konsistente Bild: 
Von keinem Rassismus in Südtirol - keine Spur. 

Einige dieser Abgründe (wörtlich zitiert, inklusive Rechtschreibfehler) möchte ich hier anführen, so dass die Leser*innen und vielleicht auch Ulli Mair den Vergleich zu geläufigen Definitionen von Rassismus selbst anstellen können:

"Ich wundere mich, dass es immer wieder solche Dummköpfe gibt, welche diese angeblichen Flüchtlinge unterstützen obwohl sie nur Terror, Mord, Rauschgift usw. Verbreiten. Von ihrer Terrorreligion ganz zu schweigen.”
- W.W. im Kommentarbereich direkt unter einem Post der Freiheitlichen zum Thema der illegalen Migration auf Facebook.

"Bombe an Bord, und sprängen…"
-D.P. unter einem Artikel von UnserTirol24 zu einem Flüchtlingsboot in Lampedusa auf Facebook.

"olle ob dei schworzn fockn"
-W.M. unter einem Artikel von UnserTirol24 über zwei kriminelle Migranten auf Facebook.

"Megn se la dahuame bleibn,Inso uas mog s gonze Lebn Bugl . Na bikimsche a kluana Rente,dei hom olle itz schu mea boll se dou sein!! Und orbatn kuan Struach .Ib mit den Gsinndle ,soll dahuam bleib.Ba ins hom sich die Mando giewehrt boll Krieg wor,und san net durch girent und hom Frau und Kind im stich gilot. Die Feigen Schweine"
-M.H. unter einem Artikel von UnserTirol24 über tausende Flüchtlinge, die in der Sahara in Lebensgefahr schweben.

"Also dei N****stootnprof. konn mi amol. Ober als N**** verkleid i mi decht net! Weil es Verkleidn isch irgendwo a a Wunschvorstellung wos man gearn sein tat und N**** willi beim beschtn Willn kuander sein, miar reicht schun wenni dei Afrikanischn nichtstuenden Stuiergeldfressnden möchtegern Fochkräfte sieg!"
-H.A. unter einem Facebookpost der Frau Landtagsabgeordneten hochstpersönlich über rassismuskritische Sprache (Anm. die Sterne im N-Wort wurden von mir eingefügt und sind so nicht im Originalpost enthalten).

Nun kann man natürlich nicht erwarten, dass jede*r Politiker*in jegliche Kommentare auf Facebook kennt. Doch man muss von Personen in der Öffentlichkeit erwarten, dass diese Rassismus nicht bagatellisieren oder gar seine Existenz infrage stellen, vor allem dann, wenn sich dieser nicht einmal hinter verschlossenen Türen am Mittagstisch versteckt.

Gleichzeitig sollte man erwarten können, dass Politiker*innen derartige Kommentare auf der eigenen Seite nicht unkommentiert stehen lassen, wenn man davon ausgehen möchte, dass sie ein Problem mit den darin enthaltenen Aussagen haben. Dass die Kommentare unter eigenen Posts nicht gelesen werden, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Denn wenn Ulli Maier sagt, sie habe in Südtirol noch niemanden erlebt, der effektiv rassistisch sei, so ist entweder das der Fall, im schlimmsten Fall aber sagt sie damit, dass Kommentare wie die oben dargestellten für sie nicht rassistisch sind. 

Ein*e Freiheitliche*r, der*die behauptet, dass es Rassismus gar nicht gibt, liegt auf derselben Niveauebene wie ein*e Verschwörungstheoretiker*in, der*die behauptet, es würde keine Viren geben.

Überrascht mich das? Nein. Ein*e Freiheitliche*r, der*die behauptet, dass es Rassismus gar nicht gibt, liegt auf derselben Niveauebene wie ein*e Verschwörungstheoretiker*in, der*die behauptet, es würde keine Viren geben.

Im Sinne der demokratischen Parteienlandschaft kann man es der blauen Partei deshalb nur wünschen, dass sie sich auf ihren liberalen Ursprung rückbesinnen und sich von derartigen Aussagen distanzieren würde. Doch bei ihrer jetzigen Substanz würde die Partei dann wahrscheinlich auch noch die letzten blauen Wähler*innen verlieren - nämlich jene, die solche Kommentare für gut befinden.

Anmerkung: Die zitierten Kommentare sind als Screenshot für den Fall einer Löschung gesichert und können gerne auf Anfrage weitergeleitet werden. Sollten Sie inhaltlich etwas auszusetzen haben, so freue ich mich auf eine zivilisierte Diskussion unter Einhaltung der Netiquette im Kommentarbereich. 

Zum nach- und weiterlesen:
https://www.researchgate.net/publication/229733458_Subtle_and_Blatant_Prejudice_in_Western_Europe
https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/rassismus/12448
https://www.salto.bz/de/article/08062020/nicht-mehr-wegschauen
https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/video/2020/08/tag-Sommergespraech-2020-Ulli-Mair-44be8d23-1b33-4a62-b76e-1dc6007c5c32.html?wt_mc=2.www.tw.undefined_ContentItem-44be8d23-1b33-4a62-b76e-1dc6007c5c32.&wt&fbclid=IwAR2NVICoJg6NoxOxklDgAXtIw8j8nN5bid_cxqNeBXnK8sGl7owpzesPvJE
https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/223738/rassismus
https://www.exitracism.de/
https://www.forum-p.it/de/rassismus--1-1817.html
https://www.salto.bz/de/article/03082020/oh-rai-ma-dai

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Ritratto di Olaf Borghi
Olaf Borghi 5 Agosto, 2020 - 12:55

Toller Beitrag dazu auch von der Straßenzeitung ZEBRA (veröffentlicht auf BARFUSS): https://www.barfuss.it/leben/der-rassismus-unter-uns

Ritratto di Sepp Bacher
Sepp Bacher 5 Agosto, 2020 - 14:36

Rassismus: was versteht man darunter genau? Wo grenzt er sich ab z. B. von der generellen Ablehnung von Zuwanderung? Wir wissen ja, dass Südtiroler, die im Rahmen der Option ausgewandert sind, in ihren deutschsprachigen Zuzugs-Orten oder -Gebieten auch nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden. Ebenso erging es den deutschen Kriegsflüchtlingen, die aus Ostpreußen, Polen oder Tschechien nach dem heutigen Deutschland kamen. Es gibt eben viele, vor allem in der Unterschicht, die Angst haben, dass sie Arbeitsplätze und Wohnungen mit den neuen teilen müssen bzw. sie an diese verlieren. Also Angst und z. T. auch berechtigter Neid! In diesem Zusammenhang würde ich nicht von Rassismus sprechen!

Diesen Zwiespalt mache ich in einigen oben zitierten Kommentaren aus. Sicher kommt die besondere Ablehnung der Schwarzafrikaner sehr deutlich zum Ausdruck und das ist Rassismus. Auch Frau Uli Maier äußert sich dauernd rassistisch, daran ist nicht zu rütteln. Man könnte auch sagen, Rassismus ist ein Teil ihrer Politik.
Ich würden den Rassismus bei uns und in Mitteleuropa aber deutlich vom "System"-Rassismus in den USA abgrenzen. Der hat eine Geschichte mit Apartheit, die immer noch nachschwingt. Man kann nicht die Rassismusdebatte in den USA 1:1 auf unsere Situation übertragen.
Außerdem muss man auch berücksichtigen, dass die Integration nicht so leicht ist, wie oft gefordert wird. Integration ist ein langer und Mühe-voller Prozess. Auch mit vielen Enttäuschungen und Ressentiments auf beiden Seiten und diese werden uns auch länger begleiten!

Ritratto di Stefan S
Stefan S 8 Agosto, 2020 - 10:16

"deutschen Kriegsflüchtlingen, die aus Ostpreußen, Polen oder Tschechien"
Die kamen nicht aus Polen oder Tschechien sondern aus Preußen, Pommern, Posen und Schlesien. Und plötzlich waren sie Fremde im eigenen Land.
"dass Südtiroler, die im Rahmen der Option ausgewandert"
Aus dieser Zeit sind auch in Südtirol Ressentiments gegenüber diesem Teil der Bevölkerung geblieben welche sich noch heute in den Begrifflichkeiten "drinnen oder draußen" ausdrücken

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