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Süd-Tiroler Freiheit

So entsteht Propaganda

Die Süd-Tiroler Freiheit "deckt einen Skandal auf", von dem wir in Zukunft vermutlich noch öfter hören werden.
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Vorab: in dieser Geschichte geht es nicht um viel. Aber es geht mir um „Wahrheit“. Und was Rattenfänger draus machen. Und dass man kleinen Männern keine Aufmerksamkeit zuschanzen soll, dass aber manche Dinge gesagt gehören.

26. März 2018

Es erscheinen Artikel auf der Webseite der STF und der FB-Seite der STF, betitelt mit: „Flüchtlingsintegration: Vergeudung öffentlicher Beiträge für unnütze Projekte“. Ich stolpere zufällig über den Eintrag auf FB und wundere mich – Partnervermittlung? Wirklich? Das kann doch nicht sein. Ich klicke auf den Link: „Erstaunliches hat eine Anfrage der Süd-Tiroler Freiheit Meran zu Tage gebracht. Die Stadtgemeinde Meran hat einen Beitrag für die Integration von Flüchtlingen und Migranten in Höhe von 57.000 Euro erhalten. Bisher wurden damit aus Sicht der Süd-Tiroler Freiheit Meran jedoch nur unnütze Projekte gefördert. Anstatt den Flüchtlingen Weiterbildung, Sprachkurse und Unterbringung anzubieten, werden die staatlichen Beiträge für Partnervermittlung, Fotografie und Streetworker ausgegeben. (…) Christoph Mitterhofer, Gemeinderat der Süd-Tiroler Freiheit Meran, sieht darin die Verschwendung öffentlicher Gelder. „Flüchtlinge und Migranten brauchen keine Partnervermittlungs- oder Musikkurse, sondern intensive Sprachkurse und Arbeitsausbildung.“

Das klingt tatsächlich erstaunlich. Aber: Wenn man die verlinkten Scans der Anfrage und deren Beantwortung ansieht, lautet die Passage, die diesbezüglich interpretiert werden kann: „Mit 1.500€ wurde das Projekt „Interculturcal Cafè“ der Urania gefördert. Es handelt sich um mehrere Informationstreffen, die auch dem Kontakteknüpfen zwischen Personen unterschiedlicher Kulturkreise dienen sollen; die Zielgruppe sind insbesondere Frauen.“

Ein „Kontakteknüpfen“, speziell für Frauen: das ist von einer „Partnervermittlung“ weit entfernt. Der erste Impuls war also eh der richtige – kann nicht sein, und ist tatsächlich nicht. Aber was ist da passiert? Hat der tapfere Aufdecker-Gemeinderat die Beantwortung nicht ganz durchgelesen? Ging die Fantasie mit dem jungen Mann durch? Was auch immer, ich finds lächerlich, kommentiere dahingehend den FB-Eintrag und lasse die Sache gut sein.

Einen Artikel zur Causa gibt’s dann auch noch von der Tageszeitung, die aber nur die STF-Aussendung aufgreift.

Und natürlich gibts auch hier einen Artikel, inklusive Gegendarstellung.

6. April 2018

Ich hatte die Sache vergessen. Komplett.

Ich stolpere, wieder auf FB, per Zufall über einen Artikel der FPÖ-Hauspostille ‚Wochenblick’ vom 31. März: „Partner-Vermittlung für Migranten: Jetzt reagiert die Gemeinde Meran!“. Nicht ganz eine Woche alt, als Illustration dazu: Ein Foto, ein sexy schwarzer Mann mit Goldkette in einem Pool, zwei sexy kaukasische Frauen, im Hintergrund ein sexy kaukasischer Mann, beinahe verdeckt von einem Fächer aus 500-€-Scheinen: WTF (man verzeihe mir das Fehlen eines Screenshots). Der folgende Klick aus beinahe morbidem Interesse: „Das lässt viele Einheimische staunen: Eine Anfrage an die Stadtgemeinde Meran (Süd-Tirol) ergab, wofür der dortige Integrationsbeitrag in Höhe von 57.000 Euro bisher wirklich ausgegeben wurde: So etwa für eine Partner-Vermittlung, Streetworker sowie für einen Fotografiekurs. Jetzt hat die Presseabteilung der Stadtgemeinde Meran reagiert und widerspricht dem Vorwurf, es handele sich um eine Partner-Vermittlung! Pikant: Die Beantwortung der Anfrage listet eine Vielzahl an geförderten Aktivitäten auf, die etwa „Integrationsprojekte rund um das Restaurant African Soul“ oder die Finanzierung von Streetworkern, um „Kontakte zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund am Rande der Gesellschaft aufzubauen“, umfasst.“ Auch ein Fotografiekurs wurde angeboten. Besonders aber fällt ein Punkt auf: Das Projekt „Intercultural Cafe“ umfasst mehrere Informationstreffen, aber auch das Kontakte-Knüpfen zwischen Personen unterschiedlicher Kulturkreise. Die Zielgruppe der Treffen sind dabei insbesondere Frauen. Kurz gesagt: Eine Partner-Vermittlung für Asylanten beziehungsweise Einwanderer.“

Wieder diese „Partner-Vermittlung“. Und zusammen mit der beginnenden Wut über die falsche Darstellung kommt die Angst: Wo hat es diese Version der Geschichte bereits hingeschafft? Der Artikel von Wochenblick ist keine Woche alt, aber wie Mark Twain angeblich sagte: „Eine Lüge ist bereits dreimal um die Welt gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht“. Eine kurze Google-Suche ergibt vorerst nur zwei Resultate (die Bebilderung der reproduzierten Artikel ist mittlerweile teils im semi-pornografischen Bereich angelangt), aber auf FB wurde der Artikel hundertfach geteilt. Den Tenor der Kommentare will ich nicht wiedergeben. Und die recht freie Interpretation der ursprünglichen Anfragebeantwortung wurde mittlerweile zum Fakt: „South Tyrol: Community pays migrants even partner agency (…) The project "Intercultural Cafe" includes several information meetings, but also the matchmaking of people from different cultural backgrounds. The target group of the meetings are women in particular. In short: A partner agency for asylum seekers and immigrants.”

Naja, nein. Aber was tun? Es ist eine Grenzüberschreitung, die von Südtirol ausging. Ich bin kein Politiker; ich vermute, dass der tägliche Kampf um Aufmerksamkeit in Südtirol wirklich ein solcher ist. Aber: Wie weit kann / darf / soll man gehen? Trägt man Verantwortung oder nicht? Existiert ein Begriff wie "politische Verantwortung" überhaupt in Südtirol?

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Commenti

Ritratto di Ludwig Thoma

Ist doch ein Klassiker der neuen Rechten. "Jetzt kommen andere, fremde Männer und nehmen uns unsere Frauen weg."
Lustig ist in diesem Zusammenhang immer wieder, dass sich ebensolche Rechten dann Sorgen über unser Bildungssystem machen. Dabei würde die doch niemand mehr wählen, wenn das funktionieren würde.

+1-13
Ritratto di Manfred Klotz

Hier geht es seitens der STF schon um gezielte Falschmeldungen. Vielleicht sollte jemand in der Gemeinde Meran auch mal die Courage haben gerichtlich vorzugehen.

+1-11
Ritratto di Alfonse Zanardi

Diese Leute lügen wie gedruckt.
Und das Bemühen der sexuellen Komponente zeigt dass sie hoffen ihr Publikum mit irrationalen und triebhaften Reflexen zu motivieren. Ihre bildungsfernen Wähler entscheiden nicht mal mehr mit dem Bauch sondern tiefer.

+1-12
Ritratto di Oliver H.

Ich denke man darf hier nicht vermischen.
Die Kritik an den Maßnahmen ist teilweise gerechtfertigt, denn es handelt sich zum Teil wirklich um fragwürdige Aktionen. Wozu braucht es z.B. Fotografiekurse für Migranten? Die Kritik ist aber überzogen.

Wieso redet man nicht sachlich und sagt es genau so? "Burschen, zum Teil habt ihr Recht, in Zukunft werden wir die Gelder gezielter einsetzen." Das wäre deeskalierend und konstruktiv.
Stattdessen wird wieder martialische Sprache verwendet und dem politischen Gegner "Propaganda" vorgeworfen.

Ist dem Autor schon mal aufgefallen, dass "Propaganda" immer nur von den Anderen betrieben wird? Warum ist die Behauptung "Flüchtlinge sind eine Bereicherung" keine Propaganda? Denn dies ist eine offensichtliche Lüge. Die Versorgung von Flüchtlingen ist eine schwere Aufgabe. Doch sie ist im Sinne der Menschlichkeit angezeigt. Was aber nicht angezeigt ist, ist die Verwechslung von Flucht, legaler Einwanderung und illegaler Einwanderung.

Aber wir sind schon längst darüber hinaus, konstruktiv und sachlich miteinander zu reden, also was verschwende ich hier meine Zeit...

+1-11
Ritratto di Manfred Klotz

Wissen wir überhaupt, ob es Fotografie-Kurse wirklich gegeben hat? Ich konnte keinen Hinweis darauf finden. Und es geht hier übrigens um diese eine Aktion der STF nicht um Propaganda im Allgemeinen. Dass die Behauptung "Flüchtlinge sind eine Bereicherung" in ihrer Verallgemeinerung nicht realistisch ist, stimmt schon, nur hat es eben mit diesem Fall nichts zu tun.

+1-11
Ritratto di Werner Fulterer

ad Fotografierkurs: Laut Anfragebeantwortung: „Bereits vor Erhalt der staatlichen Mittel hat die Gemeindeverwaltung für das Projekt „Noi altri – Anders gleich“ einen Beitrag in Höhe von € 7.942,79 gewährt. Es handelt sich um ein Projekt mit Jugendlichen beider Sprachgruppen, die über einen Fotografiekurs mit dem Thema Integration konfronitiert worden sind. Die Plakataktion mit Bildern von Flüchtlingen, Fotografien der Jugendlichen und den dazu gewählten Texten wurde vor Weihnachten 2017 gestartet.“

Ritratto di Manfred Klotz

Danke für die Aufklärung. Habe ich mir schon gedacht, dass hier einfach Details ausgeblendet wurden damit die Menge mit dem Schaum vor dem Mund sofort darauf anspringt.

+1-11
Ritratto di Werner Fulterer

ad Fotografierkurs: Laut Anfragebeantwortung: „Bereits vor Erhalt der staatlichen Mittel hat die Gemeindeverwaltung für das Projekt „Noi altri – Anders gleich“ einen Beitrag in Höhe von € 7.942,79 gewährt. Es handelt sich um ein Projekt mit Jugendlichen beider Sprachgruppen, die über einen Fotografiekurs mit dem Thema Integration konfronitiert worden sind. Die Plakataktion mit Bildern von Flüchtlingen, Fotografien der Jugendlichen und den dazu gewählten Texten wurde vor Weihnachten 2017 gestartet.“

Also keine Angst, das Geld „wurde eh nicht für Migranten ausgegeben“. Ich hatte ja gehofft, dass die Leute die Anfragebeantwortung ansehen, bevor sie sich wieder künstlich aufregen. Aber schönes Ablenkungsmanöver.

Und inwiefern sollte es „konstruktiv“ sein, offensichtliche Unwahrheiten zumindest als „Teilwahrheit“ zu akzeptieren? Die Punkte, über die sich die STF und in weiterer Folge recht ekelhafte Propagandaschleudern mit zweifelhaften Verbindungen in die Politik echauffieren, sind inkorrekt und werden offensichtlich nur aufgebauscht, um die eigene Klientel damit aufhetzen zu können. Über die Sinnhaftigkeit der Verwendung öffentlicher Gelder lässt sich immer sehr gut streiten, aber hier gehts schon auch um unsre demokratische Öffentlichkeit und das Problem, dass Gefühle immer mehr Fakten ersetzen. Und es geht auch darum, was für eine Arbeit eine rechtspopulistische (ebenfalls mit Steuergeld finanzierte!) Partei mit sehr engem Näheverhältnis zu einer rechtspopulistischen österreichischen Regierungspartei abliefert. In dem Kontext auch der Bezug zur "Propaganda": Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion zum Thema Migration, die sehr viele Teilbereiche berührt - wie gehen wir mit "dem Anderen" um, wie behandeln wir Menschen, die zu uns kommen, wie verändert dies unsre Gesellschaft. Dies noch dazu im Spannungsfeld der sehr lange sehr verschlossenen Gesellschaft in Südtirol, die in den letzten zwei Jahrzehnten ja wirklich mit Gewalt in die Moderne gerissen wurden, mit allen Vorteilen und Nachteilen. Aber diese Diskussion wird auch in Südtirol von bestimmten Interessengruppen offen und verdeckt systematisch mit antidemokratischen Methoden vergiftet oder verunmöglicht.

+1-11
Ritratto di Manfred Klotz

Du siehst: Es hat keine Fotografiekurs für Migranten gegeben, Ich denke die STF hat das auch nicht so geschrieben, aber wie man an deinem Beispiel sieht - und du gehörst sicher nicht zur Schar der geistigen Nichtschwimmer - wird das in einer eindeutigen Weise interpretiert. Also Zweck erreicht, ohne jetzt wirklich etwas Falsches behauptet zu haben.

+1-11
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