Advertisement
Advertisement
Gewässerschutz

Gewässerschutzplan ohne Biodiversität

2015 wurde für Südtirols Bäche ein Gewässerschutzplan erstellt. Wertvollen Lebensräumen wurde darin kein besonderer Wert zugesprochen.
Un contributo della community di Biodiversität und Naturschutz08.01.2020
Ritratto di Biodiversität und Naturschutz
Advertisement

Südtirols Landesregierung ist dabei, einen weiteren Gewässerschutzplan zu beschließen und für Flüsse und Bäche hat sie bereits 2015 einen Gewässerschutzplan vorgelegt, in dem sensible Gewässer ausgewiesen wurden. Dort wurde der Fokus auf die hydroelektrische Nutzung mit Wasserkraftanlagen gelegt.

Wasserkraftanlagen verändern das Ökosystem und wirken sich in vielfacher Weise negativ auf Arten aus, sei es durch die direkte Tötung von Fischen in Turbinen oder die Unterbrechung der Druchgängkeit für Wasserlebewesen. Andere Belastungen des Gewässerökosystems, wie etwa der Eintrag von diffusen Stoffen (z.B. Nährstoffe oder Pestizide) und die damit einhergehende Verschmutzung der Gewässer oder auch die genetische Verschmutzung der Gewässer mit nicht heimischen Fischarten behandelt der Gewässerschutzplan für Fließgewässer 2015 nicht.

Die Hauptbeeinträchtigungen der Oberflächengewässer Europas setzen sich wie folgt zusammen: hydromorphologische Beeinträchtigungen betreffen 40% der Gewässer gefolgt von diffusen Einträgen mit 38%, welche vor allem aus der Landwirtschaft stammen.

Die Wasserkraftnutzung verändert auch die Hydromorphologie, die Struktur eines Gewässers. Bei Stausseen wird Wasser aufgestaut und der Geschiebetransport wird vollkommen unterbunden, welcher jedoch für die Ausbildung von dynamischen Sand- und Kiesbänken in den Bächen notwendig ist, welche Lebensraum spezialisierter und gefährdeter Arten sind.

Zum Schutz der Arten und ihrer Lebensräume wurden in Südtirol Naturschutzgebiete ausgewiesen, wie das Biotop Schludernser Au. Dieses ist auch Natura 2000 Gebiet, ein Schutzgebiet von europäisch-gemeinschafltichem Interesse. Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen für solche Schutzgebiete sind in Plänen ausgearbeitet und für die Schludernser Au gelten folgende Hauptgefährdungsfaktoren:

  1. Intensivierung der Landwirtschaft
  2. intensive Beweidung
  3. Sport, Freizeit, Erholung
  4. Veränderung der hydraulischen Bedingungen durch den Menschen

http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/downloads/ZSC-BSG_IT3110002.pdf

In der Schludernser Au sind drei größere Fließgewässer vorhanden, die Etsch, der Saldurbach und die Puni, welche den größten Auwald Südtirols mit Wasser versorgen und selbst Lebensraum für Wasserorganismen sind.

Viele Arten und Lebensräume sind direkt vom Wasser abhängig oder an das Wasser der Fließgewässer gebunden. Fließgewässer und die dazugehörigen Feuchtgebiete beherbergen zahlreiche biotopspezifische Arten und im Gewässerschutzplan wurden einige Gewässer als Gewässer von hoher naturkundlicher Bedeutung eingetragen und beschrieben:

„Gewässer mit floristischen und/ oder faunistischen Besonderheiten: beherbergen Gewässer eine Biozönose, die aufgrund ihrer Seltenheit, ihrer Bedeutung als Zeigerorganismen, Relevanz für die typische Ausprägung des Lebensraums und ihres Beitrages zur Biodiversität unter besonderem Schutz stehen oder für deren Erhalt Förderprogramme durchgeführt worden sind, sind diese als Gewässer mit hoher naturkundlicher Bedeutung einzustufen. Einige Beispiele sind Gewässer, die für den Erhalt der Fischarten wie der marmorierten Forelle, der Äsche, der Mühlkoppe oder des Neunauges oder für den Erhalt der Deutschen Tamariske (Myrikaria germanica) besonders wichtig sind.“

(Anmerkung zur Schreibweise im Gesetz: marmorierte Forelle müsste richtig Marmorierte Forelle geschrieben werden)

Mit den obigen Ausführungen wurden die Gewässer mit hoher naturkundlicher Bedeutung definiert und in einer Karte eingezeichnet. Naturkundlich non hoher Bedeutung sind:

  • ein Teil der Gader
  • die untere Ahr
  • der Eisack von Sterzing bis Franzensfeste,
  • die Passer von St. Leonhard bis Meran
  • der Schalderer Bach

und 5 weitere kleine Bäche bzw. Bachabschnitte.

Im ganzen Vinschgau wurde kein einziges Gewässer mit hoher naturkundlicher Bedeutung eingetragen, der ganze Nationalpark Stilfser Joch hat kein einziges Gewässer oder auch das ganze Sarntal. 

Doch gibt es in in Südirol durchaus bedeutende Gewässer in Bezug auf die definierten Kriterien der hohen naturkundlichen Bedeutung, wie z.B. im Vinschgau oder an der Talfer im Sarntal. Dort gibt es u.a. Tamarisken im Prader Sand bzw. der Gissener Au. Die Pflanzenart wurde zwar in der Definition aufgezählt, in der Karte fehlen jedoch die wenigen Gewässer, an denen sie natürlich wächst.

Die Prader Sand ist zwar der letzte große und unverbaute Bereich eines Fließgewässers in Südtirol, in dem durch die Dynmaik des Wassers grosse Sandbänke gebildet wurden, jedoch ist das Gebiet ohne hohe naturkundliche Bedeutung im Gewässerschutzplan. Im Datenblatt des Prader Sandes steht: „Die Kiesflächen der Prader Sand gehören landesweit zu den größten. Als Lebensraum für spezialisierte Pflanzen- und Tierarten, sowie als Rastplatz für Zugvögel kommt diesem Gebiet deshalb ganz besondere Bedeutung im lokalen, regionalen und sogar internationalen Umfeld zu. Insgesamt beherbergt die Sand 120 Vogelarten. Viele brüten hier, manche ziehen durch. 9 Brutvogelarten gelten in Südtirol als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht.“ Jedoch ist der Suldenbach der diesen einzigartigen Lebensraum formt kein Gewässer von hoher naturkundlicher Bedeutung im Gewässerschutzplan. Die biotoptypische Flora und Fauna, welche es nur an solchen Bächen mit großen Sand- und Kiesbänken gibt, ist es nicht wert, im Gewässerschutzplan als von hoher naturkundlicher Bedeutung eingetragen zu werden.

Auch Teile der Falschauer sind kein Gewässer mit hoher naturkundlche Bedeutung, obwohl deren Mündungsgebiet ein Natura 2000 Gebiet und ebenfalls Vogelschutzgebiet ist und ein zweites Natura 2000 Gebiet in der Gaulschlucht ausgewiesen wurde. Die von der Falschauer gebildeten Auwälder der beiden Natura 2000 Gebiete sind zwar untrennbar mit dem Bach verbunden und hochwertige artenreiche Lebensräume, jedoch im Gewässerschutzplan ohne hohe naturkundliche Bedeutung.

Auch die Etsch im Etschtal zwischen Meran und Salurn, die beim Projekt Lebensraum Etsch mit den nachgewiesenen 249 Arten der Roten Liste und insgesamt 1595 Arten ausgesprochen artenreich ist, ist naturkundlich ohne hohe Bedeutung. Die Fische der Etsch, von der Marmorierten Forelle bis zum Bachneunauge sind es auch nicht wert, die Etsch als ein Gewässer von hohem naturkundlichen Wert einzustufen.

Viele durch die FFH-Richtlinie geschützte Lebensräume und Arten am und im Gewässer sind nicht von hoher naturkundlicher Bedeutung im Gewässerschutzplan.

Die Arten und Lebensräume vieler Schutzgebiete sind von den Fließgewässern abhängig und eine Veränderung der hydrodynamischen Haushaltes der Gewässer beeinträchtig das Ökosystem mit seinen Lebensräumen und Arten. In den Plänen zu Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen für Schutzgebiete wie der Schludernser Au ist festgehalten, dass es keine hydraulische Veränderungen geben soll. Im Gewässcherschutzplan ist das Natura 2000 Gebiet jedoch ohne hohe naturkundliche Bedeutung.

Welchen Stellenwert hat die Biodiverstiät in Südtirols Gewässerschutzplan? Keinen, wäre die richtige Antwort. Das „Land der Artenvielfalt“ kommt sogar im Gewässerschutzplan ohne die bekannte Artenvielfalt wichtiger Naturschutzgebiete aus. Vom neuen Gewässerschutplan, der eigentlich bereits 2003 hätte gemacht werden sollen, wird wahrscheinlich ebenfalls der Großteil der Biodiversität der Gewässer Südtirols nicht weiter Beachtung finden.

Der Gewässerschutzplan von 2015 mit den ausgewiesenen sensiblen Gewässern verzichtet weitgehend auf die Biodiversität und das natürliche Erbe Südtirols. Die Schludernser Au, Südtirols größter Auwald, durchflossen von drei größeren Bächen und Lebensraum einer Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten ist es nicht wert, im Gewässerschutzplan beachtet zu werden.

Advertisement
Advertisement
Ritratto di Peter Gasser
Peter Gasser 8 Gennaio, 2020 - 18:36

„Gewässer mit floristischen und/ oder faunistischen Besonderheiten: beherbergen Gewässer eine Biozönose, die aufgrund ihrer Seltenheit, ihrer Bedeutung als Zeigerorganismen, Relevanz für die typische Ausprägung des Lebensraums und ihres Beitrages zur Biodiversität unter besonderem Schutz stehen oder für deren Erhalt Förderprogramme durchgeführt worden sind, sind diese als Gewässer mit hoher naturkundlicher Bedeutng einzustufen. Einige Beispiele sind Gewässer, die für den Erhalt der Fischarten wie der marmorierten Forelle...“
ja, da fehlen dann in der darunter aufgeführten Aufzählung die Etsch von Meran bis Salurn und der untere Eisack, der Lebensraum der adulten Marmorierten Forellen; zu deren Schutz dürften keine Bachforellen besetzt werden (um die durchgeführten Förderprogramme nicht ab Absurdum zu führen); um den guten Erhaltungszustand der Gewässer zu erhalten, dürften auch keine Regenbogenforellen besetzt werden (was aufgrund geltender Gesetzgebung sowieso verboten wäre - eigentlich ist).
Aber da riskiert man mit konsequenter Haltung („Südtirol ist Marmorata-Land“) schnell seinen seinen Kopf...

Advertisement
Advertisement
Advertisement