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Salto Weekend

Text vom Nichtstun

…und was das mit dem Konsum zu tun hat. Ein Gastbeitrag von Horst Moser.
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Heute hat sich nichts zugetragen. Nichts, worüber ich berichten könnte. Außer über den Zustand des Nichtstun selbst, und darüber, welche Gedanken einem (mir) dabei durch den Kopf rauschen. Das Nichtstun ist im Grunde ein eigenartiges Empfinden, bei dem es einer gewissen Anstrengung bedarf, die Unruhe, die in einem aufbegehrt, nicht zu beachten oder ihr Herr zu werden. Aus der Gewohnheit heraus, sich ständig mit irgendetwas zu beschäftigen. Daran denke ich, während ich versuche, Ballast abzuwerfen, durch das bewusste Wahrnehmen der Atmung. Davon liest man ja ständig. Sich auf eine andere Ebene begeben, das Körperliche spüren. Vermutlich sollte ich noch eine Yoga-Übung einfließen lassen, aber all das, stelle ich fest, ist ja wieder das Gegenteil von Nichtstun.

Als Produzenten des Streifens fungieren seine übelsten Mittäter und direkt Interessierte: Die Werbung und das Marketing. 

Also lass ich es bleiben und atme aus, was eher nach einem Seufzer klingt, wobei mir bewusst wird, dass die von mir vorgesehene Zeit für das Nichtstun sich bald dem Ende neigt. Nachher wartet ein Termin. Plötzlich fühlt es sich so an, als bestimme dieser über mich, nicht ich über ihn. Bemüht, Ruhe einkehren zu lassen, geschieht das Gegenteil. Immer neue Gedanken überschwemmen meinen Kopf: Der Mensch verfolgt das Ziel, eine Leistung zu erbringen, aus der ein Nutzen generiert wird. Läuft ab wie ein Programm. Letztendlich verdient er damit Geld (meistens), das er ausgibt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Grundlage für jenen Kreislauf, von dem behauptet wird, er halte alles am Laufen, was auch immer das sein mag, dieses alles. Heißt, wir verdienen Geld, um es für Dinge auszugeben, für deren Produktion wir Geld bekommen. Oder wir erbringen eine Dienstleistung für Menschen, die damit ihr Geld erwirtschaften, für andere eine Dienstleistung zu erbringen oder etwas zu produzieren. Würden folglich alle augenblicklich damit aufhören, etwas zu produzieren oder irgendwelche Leistungen zu erbringen, gäbe es nichts mehr, was man für sein Geld bekommen würde. Wobei es andererseits sowieso kein Geld mehr gäbe, weil ja keine Leistung erbracht werden würde. Spätestens da fragt man sich, welcher Sinn dem Ganzen beizumessen ist. Weil einem die Spirale der Abhängigkeit plötzlich bewusst wird, die man selbst ankurbelt, während der tragische Untertitel vor dem inneren Auge wie ein Filmtrailer vorbeischwirrt: Ein Leben für den Konsum. Als Produzenten des Streifens fungieren seine übelsten Mittäter und direkt Interessierte: Die Werbung und das Marketing. Die Branche der Verführung sozusagen, mit ihren Einflüsterern und ihrer an Hypnose erinnernden Strategie, die in letzter Konsequenz Abhängigkeit schaffen soll. Einen bedeutenden Teil der Lebenszeit verbringt man mit der Arbeit, also einer den Regeln der Wertschöpfung gehorchenden Tätigkeit. Einen nicht unbedeutenden Rest mit dem Ausgeben des Verdienten. Es drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, ob das Nichtstun vielleicht deshalb nicht gelingen will. Weil das Programm es nicht vorsieht. Wir sind, was wir leisten. Wir sind aber auch, was wir konsumieren. Kauf dich glücklich, das hab ich neulich gelesen. Sind wir so gepolt? Ist das nicht das Ende unserer zivilisierten Entwicklung?

Es wird immer hipper, mit Dingen anzugeben, die man nicht hat. 

Andererseits: Weniger ist der neue Luxus. Es wird immer hipper, mit Dingen anzugeben, die man nicht hat. Fernseher zum Beispiel, oder das neueste Smartphone. Braucht man nicht mehr. Selbst das Besitzen eines Autos verliert gerade in größeren Städten zunehmend an Bedeutung. Zu teuer, umweltschädlich sowieso. Als Statussymbol taugt es längst nicht mehr. Entsteht da gerade eine Gegenbewegung, eine neue Strömung, die sich aus der Abhängigkeit manövrieren möchte? Oder ist das Weniger-Haben auch nur ein Trend, dem sich zu unterwerfen schick ist? Ich fliege nicht mehr in Urlaub, wir haben das gestrichen heuer, der negativen co2 Bilanz wegen. Vielleicht gibt es wirklich welche, die hinterfragen, ob es nicht anders geht, als mit dem Luxusliner durch Venedig zu schippern, auf dass das fragile Fundament der Stadt erzittert. Ist der Bewusst-Leben-Kult nur ein schicker Trend? Was früher verpönt war, ist jetzt salonfähig. Offenbar ein Geschäftszweig mit steigenden Erlösen, und nicht selten stellt sich im Nachhinein heraus, dass es keine Besserung, sondern vielleicht sogar eine Verschlechterung mit sich bringt. Biodiesel, Elektrobatterien und so. Selbst die Trendwende kommt also nicht ohne jene aus, die daraus Profit schlagen. Was uns letztendlich fehlt, ist Emanzipation. Die Emanzipation des Konsumenten. Er muss sich erheben aus seiner unterwürfigen Position, aus den Niederungen der lähmenden Ablenkungen und verführerischen Scheinwelten. Er ist mächtig. Auch, wenn er nicht kauft. Die Wahl, ob und wofür das Geld ausgegeben wird, entscheidet auch darüber, welcher Wert der Produktion, der Herkunft, der Werbung, der Verpackung, der Nachhaltigkeit und all dem beigemessen wird, was wir für unser Überleben benötigen. Oder wovon wir glauben, es für unser Überleben zu benötigen. Und weil ich jetzt weiter muss zu meinem Termin, das Nichtstun also nicht gelingen will, soll das Tun wenigstens überlegt sein.

Horst Moser über sich selbst "Zwischen mir und der Realität ist eine dünne Glasscheibe, auf die ich meine Geschichten schreibe."
Bücher: "Etwas bleibt immer" (Raetia Verlag). 2018 erscheint ein neuer Roman.

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Horst Moser / Foto: Privat

 

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