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Salto Weekend

Gespräch

Ein literarisches Zwischenspiel mit einem Textbeitrag von Lorena Pircher.
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Ich blicke auf gelbe Zaunlatten und sage nichts. Ich betrachte alles aus eckenden Augen und denke: Die Weisheiten legen sich immer ans Ende der Nacht.

Ich denke daran, wie du später sein wirst. Wie du sein wirst, wenn du entweder zu schalen Erinnerungen geworden bist, die sich von meinen rötenden Augen schälen oder –

Ich sage nichts und denke es liegt alles an den kollektiven Versuchen des Nicht-Auseinanderbrechens.

Draußen, unter warmen Mondblumen sagtest du nicht, wir sind wir und leben in einer kalten Blase des Vergessens. Du sagst: Man muss jeden Tag das Gehen wieder lernen. Ich sage: Es ist sowieso wie es ist. Und wenn es nicht wäre, würde der Regen auch sauer schmecken.

Ich stehe am Fenster. Ich rauche Schwefel auf schielenden Asphalt. Ich warte im Fall. Ich denke:

 

Gebrochene Gesichter

warm wie Steine wenn ich

wenn

ein leerendes

Ich

sich in schichtenden Warten bewegt

 

Du sagst: Wie weint der Ozean? Ich blicke auf die blanke Brust der Asphaltschilder und denke:

 

Die Bäume sind orange Zähne

gelb im Mund des Abends

der Horizont lächelt an seidenen Fäden

und

die einzelnen Teile fallen langsam

über dich hinweg

sie durchziehen mich

wie Fasern eines anderen Lebens

 

Du denkst an nichts. Ich sage:

 

Zeilenfetzen meiner Gedichte

schälen sich von kantigen Augen

der Mond hängt an Wolken

wie an bauchigen Augenkelchen

und: Meine Träume bleiben wach wie magere Sonnenblumen.

 

Du sagst: Ich kann nicht einen Tag erleben, an dem es mir nicht scheint, als würden tausende unsichtbare Hände sich tief in mein Fleisch graben und an mir ziehen, bis ich mich in eine Milliarde flirrender und wandernder Splitter auflöse. Ich sage: Welcher Pathos! Du sagst: Wie soll man leben, ohne für andere zu leben? Ich frage mich, wie man in dieser Welt als menschliches Wesen überleben kann.

Aber ich weiß sowieso:

Meine Worte sind ausgelaugte, bleiche Quallen, die modrig im Brackwasser schwimmen.

Du sagst: Wie große, aufgeblähte Traumkugeln fallen dem Menschen oft die Gedanken zu und wenn man sie nicht früh genug zuschnürt, dann säen sie Sehnsucht nach etwas Bestimmten im Inneren der Körper, schwelend und langsam verdunstend. Und der Schmerz fällt dann wie Schneeflocken.

Ich nicke und denke nach. Vielleicht sind die Sterne auch Rostnägel, die das Himmelstuch fest anspannen und es kalten lassen. Dann sage ich: Wahrscheinlich zieht jeder und jede an seinen eigenen Weltenenden und hofft, dass die Erdendecke nicht über uns zusammenfällt. Denn wenn die Luft silberner Dunst ist, dann biege ich mich immer in verschiedene Richtungen.

Die Falken jagen verblasste Erinnerungen von Regenbögen aus gelber Melancholie.

Ich warte und blicke auf gelbe Zaunlatten.

 

Salto in Zusammenarbeit mit SAAV

 

 

Lorena Pircher wurde am 5. Juli 1994 in Schlanders geboren. Nach dem Besuch des Humanistischen Gymnasiums in Meran zog sie nach Wien um Anglistik und Romanistik sowie Vergleichende Literaturwissenschaften zu studieren. In dieser Zeit und nach ihrem Auslandsaufenthalt in Besançon, Frankreich, entdeckte sie ihr großes Interesse an Kunstgeschichte und den verschiedenen Bereichen der interkulturellen Zusammenarbeit, wo sie nach Abschluss der Studien gerne tätig sein würde.

lorena_pircher
Foto: Marcel Fliri

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