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Gerald Mair (l.) und Walter Dorfmann mit dem Wimpel der Hochtourengruppe Bozen
Bergsport und Alpin

Grönlandabenteuer 1967

Mit dem Hundeschlitten zur Erstbesteigung
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Text: Evi Brigl
Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein Südtirol
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Vor über 50 Jahren sind Gerald Mair, Günther Gasser, Walter Dorfmann und Aldo Daz zu einer Grönlandexpedition aufgebrochen. Zweieinhalb Monate waren die vier Bergsteiger unterwegs, davon verbrachten sie einen Monat im grönländischen Inlandeis. Gerald Mair hat uns von diesem Abenteuer erzählt, von den vielen Erstbegehungen und von seinen persönlichen Eindrücken vom Leben der Inuit.

1965 war eine Gruppe junger Bergsteiger aus Meran in den Hindukusch aufgebrochen, es war damals die erste Südtiroler Expedition, die Bergsteiger in entfernte Gebirgsregionen führte. Deren Erlebnisse waren der eigentliche Ansporn für eine eigene Unternehmung, erzählt Gerald. Als junger Kletterer hatte der heute 77-jährige Bozner damals schon einige schwierige Felstouren bis zum 6. Schwierigkeitsgrad auf dem Buckel; geklettert war er viel mit Günther Gasser vom Ritten, der in Bergsteigerkreisen als „Gams“ bekannt war. Die beiden fassten den ersten Gedanken einer eigenen Expedition, mit dem Kletterer Walter Dorfmann aus Klausen waren sie bald schon zu dritt.

Grönland: unbekanntes Terrain

Die Entscheidung für Grönland bzw. Ostgrönland fiel eher spontan, Gerald kann sich eigentlich nicht mehr genau erinnern. Es war wohl ein Bekannter, der berichtet hat, dass es dort noch unberührt und alpin unbekannt sei. Erste Recherchen brachten die Ernüchterung: Bis auf ein paar Luftaufnahmen waren kaum Informationen aufzutreiben, auch die Logistik schien eine Nummer zu groß. Um das Eiland zu bereisen, bedurfte es einer eigenen Genehmigung. Gams kannte aus seiner Militärzeit einen Offizier der Alpini, Aldo Daz, der seine Hilfe anbot, welche die Gruppe dankend annahm. Schon bald kristallisierte sich heraus, dass der Mittvierziger vom Nonsberg der Vierte in der Gruppe der um 20 Jahre jüngeren Bergsteigerkollegen werden würde.

Vorbereitung und Kosten

Grönland gehört zu Dänemark, also liefen alle Vorbereitungen über Kopenhagen. Die Gruppe musste mehrere Unterlagen einreichen, darunter eine Bescheinigung – ausgestellt von Alpenverein und CAI –, dass es sich bei den Vieren um durchwegs erfahrene, selbständige Bergsteiger handelte. Die Expedition selbst sollte die Bergsteiger rund 800.000 Lire kosten. Wenn man bedenkt, dass sich damals ein Monatsgehalt auf 120.000 Lire belief, war dies eine beachtliche Stange Geld. Bereits die Ausrüstung war mit Investitionen verbunden: Gerald erinnert sich, dass er sich besonders dicke Lodenhosen schneidern und eigens Schuhe mit einem Filz-Innenschuh fertigen hat lassen. Aldo Daz beschaffte über das italienische Heer neue Tourenski, Zelte, und Lebensmittelrationen und organisierte auch den Transport der Ausrüstung ab Meran. So startete die Gruppe in den letzten Junitagen 1967 Richtung Kopenhagen. Gams reiste bereits einen Monat vorher hin, um in Grönland organisatorische Vorarbeit zu leisten.

Ankunft in Grönland

Mit dem Flugzeug ging es von Kopenhagen zunächst nach Sondre Stromfjord (heute Kangerlussuaq) in Westgrönland und von dort mit einem Inlandflug weiter nach Kulusuk im Osten Grönlands, wo Gams die Gruppe erwartete. Mit einem Fischerboot erreichten sie am nächsten Tag das Inuit-Dorf Kungmiut, dem Ausgangspunkt der Expedition. Hier hieß es erstmal Warten, denn die Ausrüstung steckte mit einem Schiff im Packeis vor Grönland fest. Für die vier Bergsteiger war das ein erstes Ankommen im grönländischen Alltag. Voller Tatendrang und Neugier waren sie gelandet und mussten erfahren, dass in Grönland nicht alles nach Zeitplan läuft. Ein Lebensgefühl, das die Grönländer verinnerlicht haben: „Die Grönländer haben kein Gefühl für Zeit und legen sich nicht auf Termine fest“, berichtet Gerald. „Hast du  jemanden gefragt, ob wir morgen zum Fischen fahren, war die Antwort immer dieselbe: Vielleicht!“ Die Inuit leben in den Tag hinein: Zum Fischen oder Jagen geht man erst, sobald man Hunger hat.“ Überaus positiv blieb Gerald die Freundlichkeit und Kontaktfreudigkeit der Bevölkerung in Erinnerung; die Schattenseiten zeigte hingegen der Alkohol. Die Honorare, die Gerald und seine Kameraden den Einheimischen für die Transporte bezahlten, wurden gleich in Alkohol investiert und die Männer lagen schon bald betrunken herum.

Über Kungmiut ins Eis

Nach einer Woche konnte es dann losgehen, die Ausrüstung war angekommen. In der kleinen Siedlung Kungmiut lebte ein Däne als Lehrer, der Deutsch sprach und den Südtirolern sehr hilfreich war. So konnten Gerald und seine Kameraden in Begleitung von zwei Inuithundeführern und von circa 20 Grönlandhunden ins Inlandeis aufbrechen. Um zum geplanten Basislager zu kommen, bedurfte es einer Reise von vier Tagen. Einen Monat später sollte die Gruppe nach einer Überschreitung im Inneren eines Fjordes wieder abgeholt werden. Die mühsame Reise mit schwerem Gepäck über den unebenen Gletscher führte Gerald einmal mehr vor Augen, wie hart das Leben der Inuit ist – eine Härte, die sich auch im Umgang mit den Hunden zeigte, die Ungehorsam mit Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit vergolten bekamen. Eindringlich blieb das Gejaule der Hunde in der Nacht in Erinnerung.

Storebror

Angekommen erwies sich das Basislager auf rund 300 Metern Höhe für die alpinen Unternehmungen als Glücksgriff: ein Gletscherbecken umgeben von wunderschönen Granitfelsen, deren Wandhöhen 1500 Meter erreichten. Unmittelbar gegenüber dem Lager lag das Dreigestirn der Trillingerne (1.965 m), was so viel bedeutet wie Drillinge. Eine erste Erkundungstour führte mit Skiern auf einen nahegelegenen Aussichtsgipfel, von wo Walter und Gerald einen Gipfel erblickten, den sie gleich besteigen wollten, den Storebror (2.069 m), neben den Drillingen einer der wenigen Berge, der damals schon einen Namen besaß. Bei dieser Tour, die die schwerste des gesamten Grönlandaufenthalts werden sollte, waren Walter und Gerald 31 Stunden unterwegs. Bereits der Anmarsch zum Wandfuß erwies sich als trügerisch: Vom Lager aus erschien der Berg durch die trockene Arktisluft zum Greifen nah, dabei mussten die beiden Bergsteiger drei Stunden Fußmarsch mit den Tourenskiern zurücklegen, um überhaupt zum Bergfuß zu gelangen. Um 3 Uhr früh waren sie gestartet und erreichten nach mehrstündiger Kletterei bis zum sechsten Grad, nach einigen Versteigern und Querungen um 10 Uhr abends den Gipfel. Die ganze Nacht über seilten die beiden ab, was dank Mitternachtssonne kein Problem war, und erst um 10 Uhr Vormittag erreichten Gerald und Walter wieder das Lager, wo sie 24 Stunden Schlaf später wieder aus den Zelten gekrochen kamen.

Symphonie in Granit

Neben dieser Erstbegehung am Storebror führte die Gruppe dank einer kontinuierlich stabilen Wetterlage an die 30 Erstbesteigungen im kombinierten Gelände durch und gab vielen Gipfeln einen Namen. Als Mitglieder der Hochtourengruppe Bozen und der Bergler bekamen natürlich beide Bergsteigergruppen einen Gipfel gewidmet. Als besonders schöne Tour blieb Gerald eine abendliche Besteigung eines unbekannten Gipfels in Erinnerung. Walter und Gerald waren spontan noch am Abend aufgebrochen. Es war bereits Ende August und es dämmerte. Die Tour war eine perfekte Kombination aus passender Schwierigkeit und perfekter Stimmung: „Wir sind buchstäblich nach oben geturnt – über Blöcke, Grate und Wände. Ich war wie in Ekstase, das würde man heute was man heute wohl als Flow bezeichnen. Oben angekommen sprach Walter von einer ‚Symphonie in Granit‘, das hat den Nagel auf dem Kopf getroffen.“

Inspirierende Ruhe, beängstigende Monotonie

Gerald war in diesen Wochen vor allem mit Walter unterwegs, eine Seilschaft, die sich bereits von Beginn an herauskristallisiert hatte; während Gams mit Aldo Daz in die Wände einstieg. „Wir waren meistens einen Tag Bergsteigen und haben dann einen Tag gerastet, gelegentlich haben wir auch biwakiert“, erzählt Gerald begeistert. „Wir waren auf dem Zenit unserer Kräfte. Ich fühlte mich unheimlich stark und war es auch.“ Natürlich gab es auch Grenzsituationen: Nach einigen Tagen im Inlandeis war Gerald direkt neben den Zelten in eine riesige Spalte eingebrochen und hatte unglaubliches Glück, weil er sich am Hundeschlitten festhalten konnte. Auch die Einsamkeit setzte manch einem zu. Während Gerald die Einsamkeit und Ruhe der Umgebung „wahnsinnig inspirierte“, belastete andere Expeditionsmitglieder die Monotonie der Landschaft: „Ein Monat auf dem Eis kann schon eine psychische Belastung sein, dann zeigen sich die verschiedenen Charaktere.“

Abreise mit Hindernissen

Drei Tage vor dem Abholtermin neigten sich die Essenrationen – die hauptsächlich aus Nudeln und Reis bestanden – dem Ende zu. So beschloss die Gruppe, den Schlitten vorzeitig über einen Pass zum Meer zu ziehen und den Fjord hinauszuwandern. Ein Vorhaben, das sich nochmal als richtiges Abenteuer erweisen sollte. Die Anstrengung, den Schlitten auf den Pass oberhalb des Fjords zu ziehen, war bereits groß, der Abstieg mit dem Schlitten über einen Gletscherbruch umso schwieriger. Daz und Gams versuchten den Schlitten durch die Spalten zu lenken, während Walter und Gerald hinten mit Seilen bremsten. Einmal hat sich der Schlitten dermaßen im Eis verkeilt, dass sie ihn mit einem Flaschenzug bergen mussten und in der Folge die Gepäckstücke und den Schlitten getrennt nach unten transportierten. Am Ufer angekommen machten sich Gerald und Walter auf – jeder mit einer letzten Tafel Schokolade im Gepäck – im weglosen Gelände fjordauswärts, immer wieder reißende Gletscherbäche querend. Zum Glück erblickte Walter nach neunstündigem Marsch in einer Bucht ein Boot, das er auf sich aufmerksam machen konnte. Am nächsten Tag kehrten sie mit einem Fischerboot zu den zurückgebliebenen Kameraden zurück, um diese mitsamt der Ausrüstung abzuholen. So konnten sie nach Kungmiut zurückkehren, als zeitgleich zum ersten Mal in der Zeit des gesamten Grönlandaufenthaltes eine Schlechtwetterfront hereinbrach.

Die Rückkehr nach Hause erfolgte – aufgrund des schlechten Wetters – wiederum mit zweiwöchiger Verspätung Mitte September. Gerald hat auch später noch alpine Unternehmungen gemacht, Grönland blieb ihm aber als sein großes Abenteuer in Erinnerung, das geprägt war von der Entdeckung des Unbekannten, von Einsamkeit, Risikofreudigkeit und jugendlichem Optimismus: „Heute würde man sagen, wir waren vielleicht leichtsinnig, aber das Gefühl, ganz auf sich selbst gestellt zu sein und alles erst erkunden zu müssen, ist unbeschreiblich. Das Bewusstsein, als erster Mensch auf einem Gipfel zu stehen, nachdem man vorher eine Anstiegsroute gewählt hat, die Ungewissheit, ob der eingeschlagene Weg auch begehbar ist, die Verantwortung für jede getroffene Entscheidung: Alle diese Dinge machen das wahre Abenteuer aus.“

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