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Martin Rausch
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Medien & Bergsport

Auf der Suche nach dem ultimativen Clip

Neue Medien und Risikoverhalten im Bergsport.
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Interview mit Manuel Oberkalmsteiner in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein Südtirol

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Neue Medien und Risikoverhalten im Bergsport

Wow, geniale Abfahrt und mein Kumpel hat meinen „Ride“ mit der Kameragenau so eingefangen, wie ich es wollte! Während sich mein Puls und Adrenalinspiegel langsam senken, poste ich das Video sofort auf Facebook. Und auf Instagram. Aber hat es wirklich genug Action, damit nicht nur zehn Leute es liken und teilen, sondern doch 50, 100, 1000?

Die Bilderflut in den sozialen Netzwerken, die täglich auf uns zurollt und der wir beinahe nicht mehr ausweichen können (oder wollen?), schwemmt uns unzählige Fotos und Videoclips aus dem Alpinsportbereich entgegen. Nicht nur Gipfel-Selfies mit glücklichen Gesichtern oder idyllische Berglandschaften, sondern auch echt toughe Shots von waghalsigen Manövern in Fels, Schnee und Eis. Wer auf dieser Welle ganz oben schwimmen und gesehen werden will, braucht nun einmal Bilder oder Videos, die sich von den anderen abheben. Verleitet uns diese Jagd nach ultimativen Bildern und möglichst vielen Likes auch dazu, ein größeres Risiko einzugehen? Wir haben uns mit dem Sozialpädagogen Manuel Oberkalmsteiner unterhalten.

Woher kommt dieser aktuelle Hype um die Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken?

Ich denke nicht, dass wir von einem Hype sprechen können. Vielmehr müssen wir die sozialen Medien als eine mögliche Antwort auf unsere menschlichen Bedürfnisse betrachten. Die Auseinandersetzung beginnt deshalb bereits im Kindesalter, umfasst aber alle Altersgruppen. Für junge Menschen sind die digitalen Lebenswelten besonders interessant. Sie helfen ihnen, mit dem Erwachsenwerden zurechtzukommen. Einerseits ist in dieser Zeit der Kontakt mit den Freunden enorm wichtig, sowie Zugehörigkeit und Anerkennung zu erfahren. Andererseits bieten die sozialen Medien eine Orientierungshilfe bei den Fragen: Wer bin ich? Was mag ich? Was möchte ich in meinem Leben tun? Ich kann mit wenig Aufwand zeigen, wer und was ich bin und dafür Bestätigung durch Kommentare und Likes erhalten. Im Trend liegen daher jene Apps und Medien, die auf diese Bedürfnisse eingehen. Aktuell sind es Instagram, Snapchat, WhatsApp, aber auch YouTube. Facebook ist für ganz junge Nutzer weniger interessant, da sich dort mittlerweile vorwiegend Erwachsene aufhalten.

Wie funktioniert diese Selbstdarstellung?

Vor allem bei Jugendlichen kann sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden eine Form von Selbstbestimmung sein. Sie zeigt den anderen, dass ich nun alt genug bin, um selbst über mich und meinen Körper zu bestimmen. Ich präsentiere nicht nur mein Aussehen, sondern auch meine Fähigkeiten, wer ich bin und was mich ausmacht, es geht also um Identität und Individualität. Als begeisterter Kletterer zeige ich zum Beispiel, was ich alles draufhabe, gleichzeitig aber auch meine Zugehörigkeit zu dieser Szene. Das Besondere ist, dass ich dank der neuen Medien sehr gut steuern kann, wie ich von den anderen gesehen werden möchte. Kommentare und Likes von Freunden und Bekannten geben mir schließlich Anerkennung und Zugehörigkeit, sie bestätigen mein Sein und mein Tun. Und dies wiederum sind positive Rückmeldungen, die mich in meiner Entwicklung unterstützen. In der Realität ist es aber eher so, dass nur ein kleiner Teil der Internetnutzer so viel über sich preisgibt. Der Großteil der Leute ist im Internet eher passiv, sie haben eher eine Beobachterrolle, sie zeigen und schreiben nur wenig über sich selbst. Dabei ist der Grat zwischen echter und beschönigter Selbstdarstellung ziemlich schmal. Eine Untersuchung hat festgestellt, dass unwahre Selbstinszenierungen schnell entlarvt werden und mit negativen Rückmeldungen beantwortet werden. Nutzer zeigen deshalb zwar gerne die Schokoladenseite von sich, extreme Übertreibungen oder Unwahrheiten werden aber eher vermieden. Die meisten von uns haben selbst oder durch andere erfahren, dass Beiträge im Internet auch unangenehme Auswirkungen haben können. Auch das ist ein Grund, warum man mit der Zeit immer weniger von sich preisgibt. Die Nutzer sind nicht mehr so freizügig mit ihren persönlichen Daten wie noch vor einigen Jahren.

Und dennoch finden wir Videos von echt waghalsigen und leichtsinnigen Geschichten. Solche Beiträge erfahren eben doch ein um Welten größeres Echo wie ein Filmchen über einen Jugendlichen, der über eine Almwiese schlendert?

Sensationsnachrichten, fantastische Geschichten und reißerische Überschriften hat es immer schon gegeben. Traditionelle Medien versuchen dadurch mehr Sichtbarkeit zu erhalten. Diese Mechanismen lassen sich auch ins Internet übertragen, mit dem Unterschied, dass nun auch die Nutzer selbst Produzenten von Bildern und Videos geworden sind. Insbesondere im Jugendalter spielt dabei ein gewisses Risikoverhalten eine Rolle; wenn ich mich in einer Entwicklungsphase befinde, wo es um Ausprobieren und Experimentieren mit der eigenen Identität geht, dann ist das eben auch mit Risiken verbunden. In dieser Zeit übt auch das Verbotene und Gefährliche einen besonderen Reiz aus. Wenn dann eine Gesellschaft hinzukommt, die Spiel- und Experimentierräume immer stärker reguliert und einschränkt, dann kann man die Suche nach Extremen auch als Aufschrei interpretieren – was durch Verbote weggenommen wird, holen sich Jugendliche auf andere Art und Weise zurück. Die neuen Medien erweitern letztlich die eigenen Erfahrungs- und Erlebnisräume. Sie stillen unsere Sensationslust und unser Bedürfnis nach riskantem Verhalten.

Welche Bergsportdisziplinen gehören dazu, weil sie sich besonders spektakulär zeigen lassen?

Für Südtirol kann ich keine explizite Sportart ausmachen, aber wenn ich den Schulen unterwegs bin, merke ich ein gewisses Interesse fürs Downhillen, Freestyle beim Skifahren und Snowboarden, aber auch für junge Sportarten wie den Parkourlauf im urbanen oder natürlichen Gelände. Sportarten, die ein Prickeln und starke Emotionen auslösen. Auch wenn es in einem zweiten Moment weniger um den Kick geht, sondern um die Kontrolle des eigenen Körpers, um Konzentration und Verbesserung der eigenen Leistungsfähigkeit.

Gibt es in Südtirol unter den Aktiven dieser Sportarten auch eine verbreitete Onlineszene?

Mir persönlich ist keine größere Onlineszene bekannt. Ich kenne aber einige Jugendliche, die Parkour betreiben und auch etwas davon ins Netz stellen. Die sind aber alle sehr gut trainiert und wissen genau, was sie können. Auch bei dieser Gruppe geht es ganz klar darum, Risiken durch Training abzubauen, anstatt Risiken einzugehen. Auch wenn solche Sportarten sehr gefährlich auf die Zuseher wirken, so steckt ein hartes Training und absolute Körperbeherrschung dahinter. Mein Eindruck ist, dass junge Menschen, darunter auch junge Sportler, zwar viel mit den neuen Medien experimentieren, es aber selten nur um die reine Medienpräsenz geht. Erst wenn Personen eine Karriere im Sportbereich anstreben, werden verstärkt diese neuen Kanäle genutzt als Instrument für die Selbstvermarktung.

Also ist es gar nicht so, dass vor allem jene, die ihre Aktivitäten auch intensiv auf den digitalen Netzwerken teilen, ständig mehr wollen bzw. riskieren?

Jugendliche sind heute nicht risikobereiter als früher. Es hat immer schon zum Erwachsenwerden gehört, Grenzen auszuloten, sich Gefahren aussetzen und manchmal auch den Schutzengel herauszufordern. Durch das Internet ist ein Lebensbereich hinzugekommen, der neue Möglichkeiten für Erfahrungen, Erlebnisse und eben auch Risikoverhalten bietet. Natürlich gibt es auch Nutzer, die ein erhöhtes Bedürfnis nach Anerkennung haben, Diese sind dann auch bereit, mehr Aufwand für die Pflege der Onlineidentität zu leisten. Problematisch wird es dann, wenn soziale Anerkennung und positive Bestärkung im Leben außerhalb des Internets nicht gelingen und dadurch diese Anerkennung zunehmend im Netz geholt werden muss. Viele Blogger oder YouTuber, wie die neuen Stars genannt werden, sind auf Clicks auf ihre Beiträge angewiesen. Denn erst dadurch können Einnahmen durch Werbung generiert werden. Auch gewisse Marken und Sponsoren im Sportbereich treiben ihre Werbeträger zu immer extremeren Herausforderungen und Leistungen. Und hier wird auch das Bild vermittelt, dass, wer erfolgreich sein will, höhere Risiken eingehen muss. Aber hier sprechen wir von professionelle Sportlern.

Vielfach gehen Videoclips von extremen Abfahrten beispielsweise nicht gut aus. Können genau solche Videos nicht sogar eine abschreckende Wirkung haben und uns daran hindern, uns in ähnliche Gefahrensituationen zu bringen?

Davon kann man ausgehen. Solche Clips dienen zwar der Unterhaltung, aber es schwingt auch immer ein gewisser Grad an Informationsgehalt mit. Es hängt dann vom Einzelnen ab, inwieweit diese Informationen genutzt werden können, um das eigene Verhalten im Schnee oder auf dem Trail anzupassen.

Glaubst du, dass die Aktivität draußen an sich oft nicht mehr im Mittelpunkt steht und für manche die Reaktionen auf ihren Post mehr Emotionen auslöst als das Erlebnis selbst?

Vor allem bei der jüngeren Generation lässt sich online und offline nicht trennen, alles ist Teil der ganzen Persönlichkeit. Die Aktivitäten, die bereits stattfinden, werden durch Mediennutzung begleitet. Zum Beispiel, wenn man sich beim Bouldern oder beim Freestyle-Skifahren filmt, um im Anschluss die eigene Technik analysieren zu können, oder das Video mit Freunden und Bekannten zur reinen Unterhaltung teilt. Ich glaube auch, dass diese neuen technischen Möglichkeiten die Aktivitäten außerhalb des Internets eher fördern können. Der Parkourlauf z. B. hat sich, auch in Südtirol, durch Videoclips im Internet verbreitet. Und dass sich Leute ihr Verlangen nach ein wenig Action und Gänsehaut über die vielen Beiträge auf den sozialen Onlinemedien bequem auf der Couch holen, anstatt selbst das Erlebnis zu suchen? Es gibt eine aktuelle Studie, die interessanterweise das Gegenteil behauptet. Sie sagt, dass Jugendliche mit schnellerem Internetzugang aktiver in der Offline-Freizeitgestaltung sind, weil dadurch das Freizeitleben mit Freunden leichter organisiert werden kann. Wenn jemand eine echte Begeisterung für etwas hat, dann reichen Ersatzerlebnisse am Smartphone nicht aus. Digitale Medien funktionieren dann eher als eine Erweiterung, um der Leidenschaft auch dann nachgehen zu können, wenn dies nicht möglich ist. Allerdings kann eine Leidenschaft natürlich auch rein im Internet erfolgen – Videospiele zum Beispiel sind mittlerweile zu einem Kulturgut geworden, mit internationalen Wettbewerben und riesigen Spielgemeinschaften. Posten und konsumieren junge Burschen eigentlich anders Fotos oder Videos in den sozialen Onlinenetzwerken als Mädchen? Auch wenn sich Geschlechtergrenzen immer mehr aufheben und sich das Verhalten von Mädchen und Jungs immer mehr ähnelt, belegen Studien, dass Jungs öfter risikoreiche Verhaltensweisen zeigen als Mädchen. Jungs sind auch anfälliger für Gruppenzwang und Anerkennung durch andere. Insbesondere im frühen Jugendalter werden Risikosport, Technik und Actionspiele eher von Jungs interessant gefunden, bei Mädchen geht es eher um Unterhaltung, Beauty und Fotobearbeitung, vor allem aber um das Kommunizieren mit Freundinnen. Letzteres sind aber nur meine persönlichen Erfahrungswerte aus den Südtiroler Schulklassen. Wird sich dieser Siegeszug der Sozialen Medien ungebremst fortsetzen? Wo stehen wir in zehn Jahren? Eher wird es so sein, dass sich die Nutzung des Smartphones und der aktuellen digitalen Medien auf ein normales Niveau einpendeln wird, denn eine gewisse Sättigung ist bereits zu erkennen. Wir befinden uns derzeit in einer Übergangsphase und sind gerade dabei, den Umgang mit den neuen Möglichkeiten zu erlernen. Es werden aber auch einige Bereiche im Internet besser reguliert werden müssen wie der Umgang mit Falschnachrichten oder mit unseren Daten.

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©AVS










Manuel Oberkalmsteiner (*1981) ist Sozialpädagoge, Klangkünstler und Mitarbeiter in der Fachstelle Sucht im Forum Prävention und beschäftigt sich mit digitalen Lebenswelten und mit einem achtsamen und kreativen Umgang mit Medien.  

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