Titane
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TITANE

Der Sieger der letztjährigen Filmfestspiele von Cannes ist der radikalste Gewinner seit Jahren – Julia Ducournau weiß gleichermaßen zu verstören wie zu berühren.
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Wer sich auch nur im Ansatz mit diesem Film beschäftigt, dem oder der wird recht schnell einer der Schlüsselmomente der Erzählung nähergebracht. Nämlich dass sich die Protagonistin von „Titane“, genannt Alexia, auf sonderbare Art und Weise zu Autos hingezogen fühlt. Das geht über die bloße Faszination hinaus, einer Faszination, die man traditionell eher dem männlichen Geschlecht zuschreibt, und geht so weit, dass Alexia Geschlechtsverkehr mit einem jungen, geilen Cadillac hat. Die Frau, etwa 30 Jahre alt und als Erotik-Tänzerin arbeitend, blickt auf eine schwierige Kindheit zurück, auf fehlende Liebe der Eltern, einen schweren Autounfall, infolgedessen ihr eine Titanplatte in den Kopf eingebaut wurde, und ja, der Titel des Films bezieht sich (nicht nur, aber auch) auf jene stets sichtbare Platte. So ist Alexia dem Metall in gewisser Weise seit ihrer Kindheit verbunden, was sich im Erwachsenenalter auf hocherotische Art und Weise äußert. Doch das Glück währt nicht lange, denn Alexia wird vom Cadillac schwanger. Noch dazu ist sie plötzlich gezwungen, zu fliehen, unterzutauchen, warum dem so ist, soll nicht verraten werden. Nur so viel: Alexia sieht sich gezwungen, ihr altes Ich aufzugeben, um so dem suchenden Blick der Behörden zu entfliehen, sie wird in einem aufwändigen, schmerzvollen Prozess zu einem jungen Mann, der seit Jahren verschwunden ist und gesucht wird, und stellt sich als eben jener bei dessen Vater vor. Alexia erhält so zweierlei Dinge: Ein Versteck und einen Vater.



Möchte man „Titane“ verstehen, so führt nichts an einer intensiven, möglicherweise unangenehmen Denkarbeit vorbei. Und schon die Sichtung selbst ist höchst unangenehm. Die französische Filmemacherin Julia Ducournau („Raw“, 2016) versteht es auf meisterliche Art und Weise, ihrer ungewöhnlichen Erzählung einen verstörenden Unterton zu geben, ein Gefühl des Unwohlseins wird im Publikum ausgelöst, und es ist gekommen, um zu bleiben, selbst dann, wenn der Film im zweiten Akt das Maß an physischer Gewalt zurückfährt, um psychologischeren Themen Platz zu machen, selbst dann, wenn es gar zärtlich wird. Denn zunächst mutet „Titane“ wie ein Film an, der durch detaillierte Darstellung von Gewalt schockieren möchte, zwar geschickt inszeniert, doch wenig originell. Ein ums andere Mal wird getötet, auf höchst brutale Weise, und ungeniert blickt die Kamera in solchen Momenten auf das Geschehen. „Titane“ weiß jedoch vor allem im zwischenmenschlichen Verhältnis von Alexia und ihrem neuen Ziehvater zu punkten. Nachdem die junge Frau ihr weibliches Geschlecht auflöst, um zumindest äußerlich, aus Gründen der Täuschung, zum Mann zu werden, gelingt das nur bedingt. Der Prozess der Verwandlung als solcher ist mit großen Schmerzen und Leid verbunden, und er führt weniger zur Mann-Werdung, sondern vielmehr zu einer Auflösung der Geschlechter. Wenn Alexia ihren Namen ablegt und sich fortan als der vermisste, und doch wiedergefundene Sohn Adrien ausgibt, ist sie weder Frau noch Mann, und doch beides gleichzeitig. Ducournau überwindet diese läppischen Begriffe, und damit auch die Vorstellung der Menschen, ein Individuum in eine Kategorie stecken zu können. Gut zeigt sich dies am Umstand, dass der Ziehvater sehr an seinem heimgekommenen Sohn hängt, als jedoch Zweifel laut werden, ob es sich wirklich um den Verlorenen handelt, und nicht vielleicht doch um einen Betrüger, respektive eine BetrügerIN, tut der Vater alles, um dies zu überspielen. Ihm geht es nicht darum, einen Sohn oder eine Tochter zu haben, es geht einzig allein darum, ein KIND zu haben. Der Vater fürchtet um seinen Status als Vater, es ist eine Angst, die ihn antreibt, genauso jedoch wie die ihm von der patriarchalen Tradition eingepflanzte Angst, alt und schwach zu werden, ihn zum Steroid-Junkie werden lässt. Alexia hingegen erkennt im Ziehvater jenen Menschen, den sie selbst nie hatte – nämlich das liebende Individuum, das sich kümmert und sorgt – bis zum Äußersten.

Titane
Julia Ducournau (mittig) mit den Hauptdarsteller*innen und der gewonnenen Goldenen Palme.

 

So ist „Titane“ ein hervorragend inszenierter Film, mit einer Hauptdarstellerin (Agathe Rousselle), die eine Tour de Force durchlebt und beeindruckend lebensnah spielt. Die Geschichte bietet einigen Spielraum für Interpretation und untermauert so ihren Status als großes Kunstwerk. Es ist ein Film, der Anleihen an die Bibel und die griechische Mythologie nimmt, der keine Antworten gibt, sondern lediglich Fragen stellt – an die Gesellschaft mit ihren veralteten Konventionen hinsichtlich Gendernormen, Sexualität und Familie, er dekonstruiert Sexualität und hinterfragt ihre Wirkung (im Film oftmals beeindruckend anti-erotisch), es ist ein Film, der provoziert und sich in kein Genre einordnen lässt. „Titane“ ist hart anzusehen, unangenehm und brutal, sowohl in der Darstellung der physischen als auch psychischen Gewalt. Es ist jedoch auch ein sehr feinfühliger Film, zart und klug im Porträtieren des allzu Menschlichen, friedlich in seiner Conclusio, originell und innovativ in der Handhabung seiner Themen, der Film ist ein, verzeihen Sie das Wortspiel, hochaufragender Titan im gleichförmigen Kino der Gegenwart. Ein(e) würdige(r) Sieger(in) der Goldenden Palme von Cannes.

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