Società | Interview

"Nicht nur die Passpflicht ist schuld"

Die Impf- und Green-Pass-Pflicht am Arbeitsplatz sorgt für Engpässe und zeigt strukturelle Probleme auf. Tony Tschenett schlägt Alarm und verlangt nach Lösungen.
Tony Tschenett
Foto: YouTube/Autonomiekonvent

Der Vorsitzende des Autonomen Gewerkschaftsverbands (ASGB) Tony Tschenett schlägt Alarm. In einer Zeit, in der es stiller wird um die Situation im Gesundheitssystem, warnt er vor dessen Zusammenbruch: Das Personal – vor allem jenes im Pflegebereich – stehe am Limit, so Tschenett. Und noch ist die Suspendierung der nicht-geimpften Mitarbeiter nicht zur Gänze erfolgt. Im Interview mit Salto.bz analysiert Tschenett die Folgen der Impf- und der ab heute (15. Oktober) geltenden Green-Pass-Pflicht für den Arbeitsplatz; die dadurch entstehenden Probleme führt er vor allem auf strukturelle Mängel zurück.

 

Salto.bz: Herr Tschenett, Sie warnen vor dem Kollaps des Gesundheitssystems in einer Zeit, in der niemand mehr davon spricht. Warum?

Tony Tschenett: Wir haben in den letzten Wochen viel mit dem Gesundheitspersonal gesprochen, vor allen mit Menschen aus dem Pflegebereich. Viele von ihnen wissen nicht, wann sie in den kommenden Tagen ihren Dienst leisten müssen. Oder sie wissen nicht, welche Betten besetzt und welche Abteilungen geschlossen werden. Es gibt keinen Plan. Die Mitarbeiter werden vor vollendete Tatsachen gestellt; es wird ihnen gesagt: “Das ist jetzt so und ihr müsst es umsetzen.” Das kann nicht sein. Jeder spricht von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber wenn ich nicht weiß, wann mein Dienst beginnt und wann er aufhört, kann das nicht funktionieren. Das drückt sich auch darin aus, dass die Qualität der Pflege abnimmt und viele zur Kündigung tendieren.

Wo arbeiten die Mitarbeiter, mit denen Sie gesprochen haben?

Diese Situation wurde mir von Mitarbeitern im Krankenhaus geschildert, aber anderswo ist die Situation sicher dieselbe.

 

Es muss möglich sein, zu planen, wie der Tag morgen oder übermorgen aussehen wird.

 

Es klingt danach, als sei das Problem nicht Covid-19 oder die Impfpflicht fürs Personal, sondern die fehlende Organisation?

Die Impfpflicht ist sicherlich ein wichtiger Faktor, aber ich erwarte mir von einem Betrieb eine gewisse Planungssicherheit. Natürlich, man weiß nicht genau, wie sich die Covid-Situation entwickeln wird, aber es muss möglich sein, zu planen, wie der Tag morgen oder übermorgen aussehen wird. Es gibt noch immer Mitarbeiter, die nicht geimpft sind, und der Betrieb weiß nicht, wer diese Mitarbeiter sind. Das stimmt. Aber denen, die arbeiten, kann nicht von oben herab gesagt werden, wie und was sie kurzfristig umsetzen müssen.

Dieses Problem wurde vorausgesagt, geriet dann aber in den Hintergrund. Warum schlägt der Gesundheitsbetrieb nicht Alarm?

Man hört sehr wohl von diesem Problem, vor allem vonseiten der Patienten. Im Herbst und im Winter sind die Spitäler zudem überfüllter als im Rest des Jahres. Jetzt sendet das betroffene Personal einen Hilfeschrei: Man schafft es nicht mehr, Familie und Beruf zu vereinen, zum Teil wurden bereits Kündigungen eingereicht. Die Generaldirektion muss sich dieses Thema annehmen und sich fragen, ob es nicht Möglichkeiten gibt, das anders zu planen und auch die Mitarbeiter in die Entscheidungen zu involvieren.

Zu einer anderen Sache: Ab morgen greift die Green-Pass-Pflicht am Arbeitsplatz. Ist Südtirol dafür gerüstet?

Es wird sicher zu Warteschlangen vor den Testzentren und Apotheken kommen, wenn alle versuchen, sich morgens oder abends testen zu lassen. Die nächste Frage ist, ob das Green-Pass-Programm des Ministeriums dem Ansturm gewachsen ist. Ich rate allen, sich eine Bestätigung es negativen Testergebnis geben zu lassen.

 

Das Problem ist in der Vergangenheit zu suchen und nicht erst in der Pass-Pflicht.

 

Ein Sektor, der stark betroffen sein könnte, ist der Versorgungssektor. Viele der LKW Fahrer aus östlich gelegenen Ländern sind mit Sputnik geimpft und haben somit kein Anrecht auf den Green-Pass.

Absolut, hier wird es sicher große Schwierigkeiten geben. Ich erwarte mir, dass hier eine Lösung gefunden wird.

Gleichzeitig zeigt dieses Problem auch unsere Abhängigkeit von billigen Arbeitskräften aus dem Osten auf. Sollten wir nicht die Grundlage stärken, anstatt kurzfristige Lösungen für die Pass-Pflicht zu finden?

Das ist das Um und Auf. Die LKWs sind auch in der Vergangenheit bereits stillgestanden, weil man kein Personal gefunden hat. Ich glaube, es geht in erster Linie darum, das Personal aufzuwerten; finanziell – viele springen deshalb ab – aber auch was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft. Auch die langen Arbeitszeiten zehren. Das Problem ist also in der Vergangenheit zu suchen und nicht in der Pass-Pflicht.

In welchen Sektoren erwarten Sie sich die größten Schwierigkeiten, was die Passpflicht betrifft?

Ich denke, dass es im Handwerk und im Bausektor Probleme geben wird. Wie wir aus den eingegangenen Telefonaten ableiten konnten, gibt es in diesen Sektoren einige, die nicht geimpft sind.