Mutter mit Kleinkind - Stockfoto
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Pädagogik

Corona-Virus: Mit Kindern sprechen

Die Einkaufstüten der Eltern sind voll, die Spielplätze leer. Kinder bemerken überall Veränderungen in ihrem Alltag wegen des Coronavirus. Wie Eltern ihre Kinder in dieser besonderen Zeit begleiten und unterstützen können, erklärt Iris Nentwig-Gesemann.
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Ritratto di unibzone .
unibzone .18.04.2020
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salto.bz: Frau Nentwig-Gesemann, wovor haben Kinder - im Vergleich zu Erwachsenen - Angst bezüglich des Coronavirus?

Iris Nentwig-Gesemann: Kinder sind sehr feine Seismographen dafür, was in ihrer Umgebung passiert und wie die Menschen reagieren. Um einzuordnen, welche Informationen in Bezug auf die aktuelle Corona-Situation für ihre Kinder angemessen sind, sind die Eltern sehr wichtig. Es wird viel gesendet und geschrieben, auch Falsches und Unsinniges, und das sollte Kinder weder vollkommen ungefiltert noch unbegleitet treffen. Kinder brauchen Menschen, mit denen sie ihre Eindrücke verarbeiten und reflektieren können. Das ist übrigens bei uns Erwachsenen nicht anders. Es ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe zu lernen, die eigenen Emotionen zu regulieren – ganz besonders in solch einer Ausnahmesituation.

Letztlich haben Kinder davor Angst, wovor sich ihre Eltern fürchten. Wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass seine Eltern panisch oder verzweifelt auf die Corona-Lage reagieren und sich über die soziale Distanzierung hinaus aus Beziehungen zurückziehen, dann lernen sie: Offenbar ist das Coronavirus etwas, vor dem man Angst haben und verzweifelt sein muss und über das man nicht offen miteinander spricht. Was Kindern Angst macht, ist die teils martialische Sprache in den Medien, etwa, dass es sich um ein per se tödliches Virus handelt und dass wir uns im Krieg befinden würden und eine Schlacht gewinnen müssten. Das hilft nicht bei der Bewältigung!

Was Kindern hilft, ist, dass wir ehrlich zu ihnen sind, weder dramatisieren noch verharmlosen. Man kann und sollte natürlich mit Kindern besprechen, dass der Virus insbesondere für ältere oder kranke Menschen gefährlich ist.

Nentwig Gesemann Iris
An der Universität Bozen lehrt und forscht die Professorin zu Allgemeiner Pädagogik und Frühpädagogik. | Foto: unibz

 

Wie kann ich mein Kind seelisch unterstützen in dieser Phase, die nicht nur durch den Tagesablauf anders ist als sonst, sondern in der es sich auch nicht mit seinen engsten Freunden treffen, geschweige denn nach draußen kann?

Die aktuellen Einschränkungen sind für die Kinder ebenso eine Herausforderung, wie für die Erwachsenen. Wann und wo immer es möglich ist, sollten Kinder draußen an der frischen Luft sein. Kinder müssen sich bewegen und zwar lange und ausgiebig. Können sie das für längere Zeit nicht, kann das ganz fatale Folgen für ihren psychischen Gesamtzustand haben. Das gilt im Übrigen auch für Erwachsene.

Genauso wichtig ist ein geregelter Tagesablauf, das vermittelt Sicherheit. Dazu gehört es auch, im Alltag immer wieder Kommunikationsgelegenheiten zu schaffen: Zusammenkommen und Miteinander-Sprechen, das ist aktuell wichtiger denn je! Die Vier- bis Sechsjährigen haben vor dem Computer nichts zu suchen, auch Spiele-Apps sind nicht das, was Kinder brauchen. Denn vor dem Bildschirm muss ein Kind noch mehr Reize verarbeiten, als es dies aufgrund der aktuellen Situation ohnehin schon muss. Viel besser tut es Kindern, wenn sie sich bewegen und spielen können und wenn sie das einbezogen werden, in das, was die Eltern Zuhause machen, wenn sie bei den alltäglichen Aufgaben mithelfen können, auch wenn es dann länger dauert.

Außerdem hilft es Kindern natürlich, da nah zusammen zu rücken, wo körperliche Nähe möglich ist. Zum Beispiel können sich Eltern mit ihren Kindern abends auf dem Sofa eine oder zwei

Stunden Zeit nehmen, um sich gemeinsam Bücher anzuschauen oder sich gegenseitig vorzulesen. Das ‚Gegenmittel‘ gegen soziale Distanz ist soziale Nähe!

 

Kann ich meinem Kind die Corona-Krise nahebringen, obwohl ich selbst Angst habe?

Wichtig ist, dass Angst eine gesunde menschliche Reaktion ist. Es gehört also dazu, als Eltern zu reflektieren – vielleicht gemeinsam mit den Kindern – wovor wir Angst haben. Kinder müssen die Angst berühren, um zu lernen, mit ihr umzugehen und die Erfahrung zu machen, dass sie das schaffen. Nur dann kann ein Kind Bewältigungsstrategien entwickeln, Ängste überwinden und sich wieder entspannen.

Ebenso wie den Erwachsenen hilft es Kindern, sich nicht von dem Thema überwältigen zu lassen, sondern sich ihm einerseits aktiv zu stellen, aber andererseits auch Themen und Aktivitäten Raum zu geben, die zum eigenen Wohlbefinden beitragen.

 

Wie bereite ich die Nachrichten und Geschichten zum Virus für mein Kind verständlich auf, ohne es zu verunsichern?

Mir erscheint es wichtig, dass mit Kindergarten- und Grundschulkindern – wohldosierte - Informationen möglichst zeitnah zusammen besprochen werden können. Ein Kind erst am Abend zu fragen, ob ihm etwas, was es am Tag im Fernsehen oder Internet gesehen hat, Angst gemacht hat, ist zu spät. Eltern spüren sehr gut, ob ihr Kind etwas nicht versteht, ob ihm etwas Angst macht oder es traurig wird. Sie sollten ihr Kind dann fragen, wie es ihm geht, worüber es nachdenkt, ihm ein Gespräch anbieten.

 

Frau Nentwig-Gesemann, Sie schreiben, dass Kindern Helden- und Heldinnengeschichten gerade in so einer Ausnahmesituation helfen können. Inwiefern?

Kinder erleben sich selbst oft als schwach und abhängig, weil sie der Macht der Erwachsenen ausgesetzt sind. Deswegen ist das spielerische Hineinschlüpfen in Rollen und die Identifikation mit starken Figuren wichtig. Wenn Kinder im Spielen zu starken und wilden Heldinnen und Helden werden, dann hilft ihnen das dabei, Stress und Herausforderungen zu verarbeiten und Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen. So können Kinder etwas „durch- und wegspielen“.
Es gibt auch einige Studien, die zeigen, dass Kinder häufig ihre Eltern als ihre Heldinnen und Helden nennen. Das ist ein wunderbares Ergebnis, denn es zeigt, dass Kinder sich vor allem auf ihre Eltern verlassen, dass sie sie als ihre Beschützer wahrnehmen und sich im Alltag mit ihnen sicher und geborgen fühlen.

Insbesondere wenn Kinder zurzeit nicht nach Draußen gehen können, ist es wichtig, dass sie in der Wohnung die Möglichkeit haben, sich zu verkleiden, ein Zimmer umzuräumen, sich zu bewegen und auch mal Lärm zu machen. Das brauchen sie, um in ihre Fantasiewelten abtauchen zu können! Spielen hat immer auch Selbstheilungskräfte und es fördert die seelische Widerstandskraft. Und natürlich kann man Kindern auch die Geschichten von Menschen erzählen, die sich zurzeit, zum Beispiel in Krankenhäusern oder Supermärkten, unermüdlich und erfolgreich für andere Menschen einsetzen. Wie auch uns Erwachsenen, gibt es auch Kindern Kraft, wenn sie von solchen ‚Alltagsheldinnen und -helden‘ hören, die uns zeigen, dass wir auch in schweren Zeiten etwas tun und einander beistehen können.

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