Cannabis Tropfen
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Cannabis

„Es kommt darauf an WIE man lebt“

Medizinisches Cannabis als Alternative zur konventionellen Therapie könnte die Lebensqualität vieler chronischer Schmerzpatienten verbessern. Wie bei Birgit Ploner.
Di
Ritratto di Lucia de Paulis
Lucia de Paulis21.01.2020
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Birgit Ploner aus Olang ist eine Frohnatur. Trotz allem.

Ein kecker Filzhut auf dem Kopf, unter der Krempe lugt ein kurzer roter Schopf hervor. Sie spricht mit einem leisen Lächeln auf den Lippen. Die ausgebildete Sozialpädagogin lächelt sogar während sie von der Multiplen Sklerose erzählt. Diese neurologische Erkrankung greift die isolierende äußere Schicht der Nervenfasern im Rückenmark und im Gehirn an. Je nach Verlaufsform führt die Krankheit zu Sprech-, Schluck und Sehstörungen, Taubheitsgefühlen, Spasmen, chronischen Schmerzen bis hin zur Gehbehinderung. Die Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Die Betroffenen sind ein Leben lang auf entzündungshemmende Medikamente und starke Schmerzmittel angewiesen und haben oft mit schweren Nebenwirkungen zu kämpfen.

Durch Zufall erfuhr Birgit Ploner im April letzten Jahres von der Möglichkeit einer alternativen Schmerztherapie und seit Oktober 2019 verschreibt ihre behandelnde Ärztin ihr medizinisches Cannabis, anstatt konventioneller Schmerzmittel. Birgit Ploner ist seitdem schmerzfreier und kann wieder lächeln.

Salto.bz: Frau Ploner, bei Ihnen wurde 2011 Multiple Sklerose festgestellt. Welche Symptome haben Sie?

Birgit Ploner: Ich habe eine aggressive Form von Multipler Sklerose. Bei mir konzentrieren sich die Symptome der Krankheit auf den Oberkörper, auf die Arme und die Luftröhre. Ich konnte durch die Muskelspasmen meine Hände nicht mehr aufmachen, meine gesamte linke Seite fühlte sich wie eine schwere, steife Ritterrüstung aus Eisen an, jede Bewegung war eine Herausforderung. Aber am schlimmsten waren die Schmerzen. Es geht ja nicht nur darum, dass man lebt, sondern auch WIE man lebt. Und mit andauernden Schmerzen hat man keine Lebensqualität.

Die Schmerzen wurden in den ersten Jahren mit Schmerzmitteln behandelt?

Ja, ich wurde ab 2011 vom Neurologen mit Kortison und Schmerzmitteln behandelt. Die Symptome waren aber nicht komplett weg und ich hatte von den Medikamenten starke Nebenwirkungen wie Magen-Darm Probleme, Müdigkeit und Schlaflosigkeit.

Birgit Ploner
Birgit Ploner: "Mit andauernden Schmerzen hat man keine Lebensqualität" (Foto: privat)

 

Wie kamen Sie auf medizinisches Cannabis?

Der damalige Neurologe wollte ein neues  konventionelles Medikament ausprobieren, dass erst seit kurzem auf dem Markt war. Ich las mir den Beipackzettel durch und war von den angegebenen Nebenwirkungen sehr beunruhigt. Eine Freundin ging an dem Abend mit mir aus und um mich zu beruhigen brachte sie mir eine Packung Hanf-Tee mit und sagte: „Es ist nur ein Tee, schaden kann es nicht.“ Ich kann mich noch gut an meine skeptische Reaktion erinnern. Ich kannte mich mit Hanf überhaupt nicht aus und war überzeugt, dass das alles nur Humbug ist. Der Freundin zuliebe habe ich abends vor dem Schlafengehen doch einen Aufguss davon getrunken und habe dabei noch gewitzelt: „Prost, nachher!“

Wie ist die Nacht verlaufen?

Diese Nacht war ich das erste Mal seit sieben Jahren fast schmerz- und symptomfrei und habe 7,5 Stunden am Stück durchgeschlafen. Das war damals eine solche Erlösung, dass ich heute noch das genaue Datum weiß: es war die Nacht vom 7. auf den 8. April 2019.

Das war damals eine solche Erlösung, dass ich heute noch das genaue Datum weiß.

Was passierte dann?

Ich war wie gesagt total überrascht, da der Hanf-Tee ja frei verkäuflich ist, also kein Arzneimittel. Aber anscheinend schlug der krampflösende Wirkstoff CBD (Cannabidiol) auch schon in solch geringer Menge bei mir an. Der Neurologe war zwar erstaunt, ist aber nicht weiter darauf eingegangen. Ich habe daraufhin bis Oktober 2019 nur den Hanf-Tee eingenommen und mir ging es wunderbar, denn ich war mit einem Teebeutel 23 Stunden beinah schmerzfrei, die Spasmen in den Händen waren weg und ich hatte auch keinerlei Nebenwirkungen.

Hat die Wirkung angehalten?

Die Multiple Sklerose verläuft leider in Schüben. Im Oktober machte ich eine lange und anstrengende Wanderung und das löste eine Verschlechterung aus. Als die Symptome stärker wurden, reichte der Hanf-Tee nicht mehr aus. Aber ich wusste jetzt, dass mir der Cannabis Wirkstoff hilft und wandte mich daraufhin an eine Ärztin in Marling. Sie verschrieb mir ein rezeptpflichtiges Medikament auf Cannabis Basis. Wir fingen mit ganz wenig an und tasteten uns ganz langsam an die richtige Dosis heran.

In welcher Form nehmen Sie das Cannabis ein?

Ich nehme drei Mal am Tag eine Kombination aus wenigen Tropfen eines verschreibungspflichtigen Medikaments mit dem Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) und ein paar weitere Tropfen mit dem Wirkstoff CBD (Cannabidiol), der nicht verschreibungspflichtig ist. Die nicht verschreibungspflichtigen Tropfen beziehe ich vom Cannabis Social Club in Bozen.
Meine Symptome sind mit dieser Kombination sehr gut unter Kontrolle.

Ich wandte mich an eine Ärztin in Marling, wir tasteten uns ganz langsam an die richtige Dosis heran.

Welche Beschwerden lindert es bei Ihnen?

Ich habe viel weniger Schmerzen und bin schon allein dadurch gelassener und ausgeglichener. Ich bin wieder mobiler, kann wieder arbeiten, ich schlafe bestens, habe keine Verdauungsprobleme mehr. Meine Lebensqualität hat sich insgesamt enorm verbessert. Das hat auch meine Familie gemerkt. Meine Mutter, die zuerst sehr skeptisch gegenüber der Behandlung mit Cannabis war, weil sie dachte man würde dadurch wie bekifft rumlaufen, sagte kurz nach Therapiebeginn zu mir: „Du bist durch die Therapie wirklich fitter, gesünder geworden.“ Sie und die Familie mussten erst ihre Vorurteile abbauen, aber das ging schnell als sie sahen wie viel besser es mir geht.

Hat es Schwierigkeiten bei der Verschreibung gegeben?

Mit der Verschreibung hatte ich zum Glück keine Probleme. Ich sage zum Glück, denn ich kenne auch Fälle, wo der Facharzt eine eindeutige Therapieempfehlung mit Cannabis verschrieben hat, aber der Allgemeinarzt dann das entsprechende Rezept dafür verweigert. Allerdings habe ich Schwierigkeiten das rezeptpflichtige Medikament zu besorgen, denn ich muss es extra bei einem spezialisierten Apotheker in der Emilia Romagna bestellen. Die lokalen Apotheken im Pustertal sind noch nicht soweit. Ich muss also mein Rezept per Post nach Reggio Emilia schicken und die schicken mir per Post das Medikament zurück. Das dauert aber insgesamt recht lang und ich muss alles rechtzeitig planen, bevor das alte Fläschchen leer ist. Als im November Schneechaos war und der Verkehr liegengeblieben ist, war ich dann leider auch ohne Medikamente, weil das Paket sehr verspätet ankam. Das verschreibungspflichtige Cannabis ist also eine Marktlücke in Südtirol und die hiesigen Apotheken müssten eigentlich aufhorchen und diesen neuen Markt nutzen.

Das verschreibungspflichtige Cannabis ist eine Marktlücke in Südtirol.

Wo finden Sie Unterstützung?

Der Cannabis Social Club in Bozen ist eine Patientenvereinigung mit inzwischen über 700 eingeschriebenen Mitgliedern. Sie hilft aber allen Menschen, die Cannabis als Therapie einsetzen mit Informationen, Selbsthilfegruppen und individueller Beratung. Außerdem gibt es dort hochwertige Tees und Präparate mit CBD, die nicht verschreibungspflichtig sind.

Was wäre Ihr Wunsch in Bezug auf medizinisches Cannabis an Politik, Ärzte und Gesellschaft?

Extreme sind nie gut, man sollte Cannabis weder als Allheilmittel glorifizieren, noch von vorneherein verdammen. Aber es wäre gut wenn die Ärzte zumindest darüber informiert wären, um es bei Bedarf als Therapie in Erwägung zu ziehen. Insgesamt müssen viele Vorurteile abgebaut werden. Viele Ärzte, Politiker und die Gesellschaft im Allgemeinen, haben immer noch ein falsches Bild von Cannabis und unterscheiden nicht zwischen medizinischem Hanf und dem Subprodukt, das auf der Straße verkauft wird. Die Forschung zum medizinischen Cannabis zeigt eindeutige Ergebnisse, aber kaum ein Arzt oder Apotheker setzt sich damit auseinander. Von den Politikern ganz zu schweigen. Es bräuchte also auf jeden Fall mehr Offenheit für Weiterbildungen auf dem Gebiet und mehr Offenheit den Patienten gegenüber. Es gibt nämlich noch einen ganz praktischen Grund warum sich Ärzte und Politiker nicht gern mit dem Thema auseinandersetzen.

Die Forschung zum medizinischen Cannabis zeigt eindeutige Ergebnisse, aber kaum ein Arzt oder Apotheker setzt sich damit auseinander.

Nämlich?

Eine Therapie mit Cannabis ist zeitaufwendig. Man muss sich langsam an die richtige Dosis ran tasten, denn jeder reagiert anders auf den Wirkstoff; deshalb kann man eben nicht wie bei konventionellen Medikamenten mit standardisierten Formeln „soviel Milligramm Wirkstoff pro Kilo Körpergewicht“ verschreiben. Das heißt, es braucht mehrere Visiten und in den einzelnen Visiten muss der Arzt sich viel ausführlicher und ganzheitlicher mit dem Patienten beschäftigen. Das klingt auf den ersten Blick zu aufwendig für unser System, tatsächlich gibt es aber Berechnungen die belegen, dass die Sanitätsbetriebe mit der Verbreitung von medizinischem Cannabis enorme Kosten in der Schmerztherapie und in der Behandlung der Nebenwirkungen von Schmerzmitteln sparen könnten. Und die Lebensqualität der Patienten würde endlich wieder im Vordergrund stehen.

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Ritratto di Max Benedikter
Max Benedikter 21 Gennaio, 2020 - 13:11

Sehr gut beschrieben.
Es wäre eigentlich nicht schwierig das System für Cannabis-Therapie fit zu machen. Wahrscheinlich würde es genügen, wenn der Assessor Widman ein Pilotprojekt einläuten würde und den Cannabis social club mit der Begleitung beauftragen würde und die Kosten für die Therapie übernehmen würde. Eine Studie über die Kosteneinsparung würde dann den Deckel drauf machen.
Seufffz

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