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Montessori.Coop

Elternzeit

Thea Unteregger spricht über ihre Arbeit im Montessorihaus in Kohlern, dessen besonderes pädagogisches Konzept, und die Seminare für Eltern, die sie organisiert.
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Thea Unteregger ist verantwortlich für die Elternbildung der Genossenschaft Montessori.coop, die eine Kita, einen Kindergarten und eine Schule in Kohlern leitet. Sie organisiert Seminare für Eltern und gestaltet halbjährlich eine Broschüre, in der sie die Veranstaltungen präsentiert und diese thematisch mit Artikeln rahmt.

salto.bz: Was steht hinter der Genossenschaft Montessori.coop und wie gestalten sich Schule, Kita und Kindergarten in Kohlern?

Thea Unteregger: Solche Projekte starten meistens mit einem Kindergarten, wenn Eltern gemeinsam etwas Neues schaffen wollen. Dieses Projekt ist ebenfalls vor 20 Jahren so gestartet. Mehrere Eltern haben gemeinsam einen alternativen Kindergarten für ihre Kinder gegründet. Dann wurden die Kinder sechs Jahre alt und da haben die Eltern gemerkt, dass es eigentlich auch eine Schule bräuchte… So hat sich das Ganze entwickelt.

Es ging von Anfang an darum, dass die Kinder ihrem eigenen Rhythmus folgen. In vielen herkömmlichen Kindergärten ist es beispielsweise so, dass es für jede Aktivität, der alle Kinder gemeinsam nachgehen, einen festgelegten Zeitplan gibt. Das Montessori-Konzept hingegen beruht auf der freien Wahl des Kindes. Am Abschluss des Tages, gibt es einen Kreis, in dem etwas vorgelesen wird, aber der Rest des Tages ist zur freien Gestaltung gedacht. Die Kinder können spielen, basteln, die Sachen machen, die ihnen gerade gefallen. Wer gerade Lust hat, bastelt dann beispielsweise ein Muttertags-Geschenk. Wer überhaupt kein Muttertags-Geschenk basteln will, bastelt keines.

Das alles ohne äußere Einwirkung?

Es gibt Situationen, in denen Begleiter*innen schon auf die Kinder einwirken, zum Beispiel, wenn sie sehen, dass ein Kind das über lange Zeit nur das macht, was die anderen machen ohne den eigenen Interessen zu folgen. Prinzipiell ist die Teilnahme an allen Aktivitäten aber freiwillig.

Da es eine ganz besondere Art des Kindergartens ist, braucht es auch einen höheren Betreuungsschlüssel. Für 18 Kinder gibt es zwei Begleitpersonen (Kindergärtner*innen), meist kommt auch noch ein Zivildiener oder eine Zivildienerin hinzu. Es gibt dadurch genug Zeit, um Konflikte zu begleiten. Begleiter*innen suchen in Konfliktsituationen das Gespräch mit den Kindern, die anschließend gemeinsam eine Lösung finden, die für alle Beteiligten passt. Das sind manchmal Lösungen, auf die wir Erwachsenen nie gekommen wären, weil sie uns absurd erscheinen, aber die Kinder sind glücklich damit. Die Kinder lernen zu verhandeln und ihren Standpunkt darzulegen, sie lernen zuzuhören, und auch kreative Lösungen zu finden. Das geht in einem Gemeindekindergarten nicht so leicht, weil es einfach zu wenig Personal gibt.

Außerdem haben die Verhandlungsfähigkeiten dann wiederum eine Auswirkung auf die Eltern, wenn die Kinder dann zu ihnen sagen: „Ich mag es nicht, wenn du das machst.“. Das muss man aushalten.

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Thea Unteregger

Der Kindergarten hat einen starken Naturbezug, was hat das für ein Potenzial?

Unser Kindergarten hat sich dahin entwickelt, dass die Kinder immer mehr draußen sind. Ingrid Sinn, die den Kindergarten leitet, hat immer mehr entdeckt, dass der Wald ein idealer Kindergartenplatz ist. Der Wald unterstützt die pädagogische Arbeit, die Kinder gehen viel weniger in Konflikte, sie sind heiterer, ausgeglichener.

Sie lernen die Natur kennen, erfahren sie mit den Sinnen, erleben sie. Daraus ergibt sich eine Haltung und eine Achtsamkeit gegenüber der Natur. Ingrid Sinn nimmt das Montessori-Material mit hinaus und ergänzt es auch durch Naturmaterial. Das ist eine sehr freie Art, mit der Montessori-Pädagogik umzugehen. Montessori-Pädagogik ist nämlich kein geschützter Begriff: Dieser Titel kann ganz viel beinhalten, es gibt verschiedene Abstufungen. Wir in Kohlern berufen uns auf eine besonders freie Interpretation.

Könnte man die Ausprägung von Montessori-Pädagogik in Ihrer Schule näher beschreiben?

Die Montessori-Pädagogik ist von sich aus ein fließender Begriff. Je nachdem was die Leute für Erfahrungen haben, haben sie einen ganz unterschiedlichen Eindruck davon. Im Kindergarten sind die Eltern noch relativ entspannt. Interessant wird es dann, wenn es um Schule und Leistung und die Vorstellung geht, was die Kinder wann zu können haben, wie zum Beispiel Lesen und Schreiben. Es gibt Montessori-Schulen, in denen das Material im Regal steht, aber abgesehen davon alles wie in einer normalen Schule abläuft. In unserer Montessori-Schule hingegen gibt es keinen Unterricht, keine Fächer, keine Klassen, keine Noten. Erst wenn die Kinder die staatliche Mittelschulprüfung zu machen, werden sie für ein Jahr konkret und schulisch vorbereitet. Mit Aufgaben und allem was dazu gehört. Vorher allerdings wählen die Kinder sich morgens eine Tätigkeit aus, die ihnen passt. Sie können im Garten sein, sich im Haus in den verschiedenen Räumen sein, der Werkstatt, dem Raum für kosmische Erziehung, dem für Mathematik und Sprachen, mit den Montessori-Materialien. Ein Kind kann aber theoretisch auch ein ganzes Jahr lang im Garten sein.

Haben all diese Tätigkeiten den gleichen Lerneffekt?

Die montessorische Idee ist die, dass das Kind alles was es braucht, in sich hat, und dass es sich aus sich heraus entfaltet. Was wir Erwachsenen tun müssen, ist, das Kind zu beobachten und ihm die Materialien zur Verfügung zu stellen, ihm also eine Umgebung zu schaffen, wo es sich erfahren, ausprobieren und entfalten kann. Das ist der Punkt, wo die Eltern Unterstützung brauchen. Meistens macht es die Eltern nervös, wenn die Kinder nach Hause kommen, und die Eltern es fragen: „Was hast du denn heute gelernt?“; und das Kind sagt: „Ich hab’ gespielt“. So ist die Elternbildung entstanden, wir haben die ersten Referent*innen für Seminare herangeholt und dann überlegt, dass das ja für alle Eltern interessant sein könnte.

Das heißt für alle Eltern, auch diejenigen von außerhalb, die nicht in Verbindung zur Schule in Kohlern stehen?

Genau. Und da haben wir um eine Förderung von der Familienagentur angesucht und haben die auch seit Beginn bekommen. Ich kümmere mich seit acht Jahren um die Elternbildung, die sich in den letzten Jahren rund um die Broschüre, die wir herausgeben, herauskristallisiert hat: Das heißt ich konzipiere unter anderem die Veranstaltungen und Seminare, ich wähle die Themen aus und schlage sie dem Verwaltungsrat vor, ich suche die Referent*innen heraus.

Seit wann gibt es die Elternbildung?

Die Elternbildung an sich gibt es seit 2008. Damals hat die Genossenschaft mit ganz vielen Kursen und Referent*innen gestartet, weil die Situation damals noch eine andere war: Da sind Eltern wirklich noch zu Fortbildungen gegangen, haben Kurse und Vorträge besucht. Wir hatten zum Beispiel damals einen Montessori-Kurs für Eltern, der war an 6 Wochenenden und war immer voll mit 30 Leuten. Das wäre so heute nicht mehr denkbar.

Und wieso heute nicht mehr?

Weil die Eltern keine Zeit mehr haben. Es ist schon so, dass vor 15 Jahren weniger Mütter Vollzeit gearbeitet haben. Jetzt ist es schon schwierig, die Eltern dazu zu bringen, dass sie auch nur einen Tag lang auf ein Seminar oder einen Vortrag kommen, weil alle so beschäftigt sind.

Das heißt, dass die Veränderung der letzten Jahre tatsächlich so deutlich spürbar ist?

Ja sehr, das sagen Menschen im Bildungssystem allgemein. Bei uns sind die Anmeldungen für die Seminare zurückgegangen. Mit der Zeit habe ich gesehen, dass die Eltern etwas Anderes brauchen, weil sie sich nicht die Zeit nehmen, zu einem Seminar zu gehen. Daher haben wir versucht, die Broschüre zu verteilen, die anfangs eher ein Programmheft war, und mit der Zeit sind dann kleine Artikel hinzugekommen. Sie erscheint zwei Mal im Jahr und immer wieder neue Themen. Eltern können darin lesen, wann sie gerade Zeit haben, und wir haben eine neue Art gefunden, um Eltern zu unterstützen. Ich habe auch das Gefühl, dass die Eltern die Broschüre wertschätzen. Wir machen aber nach wie vor Veranstaltungen, so vier bis sechs im Jahr.

Die Broschüre gibt einen gewissen Leitfaden und ein Thema für die bevorstehenden Seminare vor. Welche Thematik wird denn in der aktuellen Broschüre behandelt?

Die Broschüre heißt „Gebt mir Zeit“. Was mir dazu einfällt: bei Seminaren der Pädagogen Rebeca und Mauricio Wild, die eine Montessori-Schule in Ecuador gegründet haben, wurde über die vorbereitete Umgebung, Möglichkeiten der Erkundung und Inspiration, und die Freiheit in einem geschützten Raum als Schlüssel in der Pädagogik geredet. Dort haben wir einmal gefragt, was eine solche vorbereitete Umgebung für Erwachsene und Eltern wäre. Die Antwort lautete: ein Grundeinkommen.

Man kann also die Montessori-Pädagogik auch wirklich grundsätzlich betrachten. Eltern bräuchten in erster Linie Zeit, die sie den Kindern dann geben können. In der aktuellen Broschüre geht es konkret viel um kleinere Kinder. Deswegen habe ich zwei Pikler-Pädagoginnen eingeladen, Anna Czimmek, die auch unsere Kitabegleiter*innen ausbildet, hat einen Artikel geschrieben, und Christine Rainer, hält am 22. Oktober einen Vortrag, „Jede Begegnung hat Bedeutung“.

Was genau beinhaltet die Pikler-Pädagogik?

Emmi Pikler war Ärztin und hat ein Waisenhaus geführt und hat versucht, einen Weg zu finden, diese Waisenkinder gut zu betreuen. Sie hat viel Wert auf die alltäglichen Dinge gelegt wie Wickeln, Füttern, bei Babys, und sich für jedes Baby individuell Zeit zu nehmen. Das sind die einzigen Waisenkinder, die als Erwachsene keinen Hospitalismus aufweisen. Für uns Eltern ist es wichtig sich daran zu erinnern, aufmerksam zu sein. Wie gehen wir in den alltäglichen Momenten mit unseren Kindern um? Wir glauben oft, dass wir und unsere Kinder funktionieren müssen. Aber mit reinem Funktionieren können wir diese Welt nicht retten, wir müssen aus dem Funktionieren aussteigen. Das wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Wir Eltern müssen uns fragen, was wir unserem eigenen Funktionieren und dem der Kinder geopfert haben. Es ist nicht so, dass Kinder immer ihren Kopf durchsetzen müssen, aber es ist wichtig, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Ich muss mein Kind beobachten, die Bedürfnisse kennen, und dann ausgleichen. Den Auslauf meines Kindes nach einer langen Autofahrt muss ich in meine Planung miteinbeziehen. Ich denke, das ist auch der schmerzhafte Standpunkt, den wir als Eltern haben, weil wir dauernd zwischen den Bedürfnissen der Kinder und dieser Welt vermitteln. Das ist die schwierige Arbeit die wir haben.

Wenn man den Eltern so den Spiegel vorhält, ist das bestimmt auch für sie nicht einfach. 

Mich fragen manchmal Leute: „Ist die Montessori-Schule etwas für jedes Kind?“ – „Da sage ich immer: ja, aber das ist nicht etwas für jede Eltern.“ Das muss man aushalten können. Meine Kinder haben erst mit 11, 12, 13 Jahren lesen und schreiben gelernt. Das muss man aushalten. Das ist an sich kein Problem: Meine älteste Tochter studiert, die Jüngeren sind in der Oberschule, sie kommen alle gut zurecht. Aber für sie war Lesen und Schreiben lange kein großes Thema, bei ihnen ging vieles über das Hören. Sie haben sich außerdem viele Sachen gemerkt, anstatt diese aufzuschreiben. Genauso gut habe ich Kinder an unserer Schule erlebt, die mit fünf Jahren laut vorlesen konnten.

Hat sich dadurch, dass Sie Ihren eigenen Kindern Zeit gegeben haben und durch Ihre Arbeit mit dem Montessori-Konzept Ihr Zeitgefühl verändert?

Bei mir selber merke ich, dass es Tage gibt, an denen ich nicht weiterkomme. Dann lasse ich es sein, weil ich weiß, dass es andere Tage gibt, an denen ich konzentrierter bin und an denen viel passiert. Nicht jeder Tag ist gleich und ich bin auch nicht an jedem Tag gleich. Was ich durch meine Kinder am meisten gelernt habe, ist das Verhandeln, das so lange geht, bis wirklich alle einverstanden sind. Das ist am Anfang mühsam und ungewohnt und zeitaufwändig, aber auf lange Sicht zahlt es sich aus.

Was sind noch für Veranstaltungen geplant?

Wir haben zwei sehr erprobte Referentinnen, eine ist Susanne Ernst, die wir seit ganz langer Zeit mit im Programm mit Seminaren hatten, sie eine sehr bodenständige, weitblickende Frau, die tiefgehende Themen gut ansprechen und aus einem anderen Blickwinkel zeigen kann. Ihr Vortrag am 19. November heißt „Herz zu Herz“, und es geht um die Verbindung mit den eigenen Kindern, aber beispielsweise auch mit Partnern. Dann gibt es am 21. November noch einen Waldnachmittag mit Ingrid Sinn, bei dem sie die Eltern in die Wildnis-Pädagogik eingeführt werden und diese direkt erleben können.

Viele Erwachsene gehen gerne wandern, aber meine Erfahrung ist, dass Kinder gerne an einem Ort sind draußen. Das ist für die Eltern vielleicht eine Umstellung, aber es bietet ganz neue Möglichkeiten, wenn man einmal ausharrt und sich nicht schnell durch den Wald bewegt, sondern stehen bleibt und schaut, was dann passiert.

Sie sind ja nun für die Referent*innen für Seminare zuständig. Was ist Ihnen bei der Auswahl wichtig?

Seit sieben Jahren gibt es ein Halbjahres-Thema, auch um die Artikel besser zu gruppieren. Bei den Themen ist es so, dass ich mich umhöre, bei Online-Kongressen, bei Eltern, mit denen ich zu tun habe, beim Austausch mit Familienorganisationen. So bekomme ich mit, welche Themen momentan für Kinder und Eltern relevant sind. Für mich war immer wichtig, das etwas für Eltern von kleinen Kinder dabei ist, aber auch für Eltern mit größeren Kindern und Jugendlichen. Für mich war es auch immer wichtig, dass Frauen als Referentinnen und Autorinnen dabei waren. Prinzipiell ist es mir immer darum gegangen, die Eltern in dem zu unterstützen, was sie tun. Und darum, Menschen zu inspirieren, ein abwechslungsreiches Programm zu schaffen.

Wie geht es in Zukunft mit den Seminaren weiter?

Was die Seminare anbetrifft, ist es gerade eine schwierige Phase, weil wir zu wenig Teilnehmer*innen haben. Die Familienagentur fördert uns, was sehr großzügig ist, aber wir schaffen es nicht, genug hereinzubekommen. Jetzt bin ich gerade am Tüfteln, was wir nächstes Jahr anbieten könnten. Die aktuelle Broschüre wird die letzte sein, die es gibt, weil das nicht mehr leistbar ist. Für das nächste Jahr möchten wir zusammen mit Jutta Wieser eine Dialogreihe ausprobieren. Das heißt: Eltern in einem Dialog versammeln und über ein bestimmtes Thema reden, wie Konflikte zwischen Geschwistern, der Umgang von Jugendlichen mit Medien… Wenn es gut bei den Eltern ankommt, wäre das vielleicht ein neues Format, um sie zu unterstützen und zu begleiten und die Ressourcen der Community zu nutzen. Ich bin auf jeden Fall offen für neue Ideen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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