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Gleichberechtigung

Equal pay - equal inheritance

Groß gefeiert wurde er nun, der "equal pay day". Wie wäre es mit gleichen Erbrechten für Mann und Frau in Südtirol?
Un contributo della community di magda baur22.04.2022
Ritratto di magda baur
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Salbungsvolle Worte hörten wir, vielfach von hochbezahlten BerufspolitikerInnen im Niedriglohnland Südtirol. Kein Zweifel, ein handfestes Problem, wenngleich viel komplexer als in den Sonntagsreden regelmäßig dargestellt. Insbesondere in einem Land, in dem das Reallohnniveau ständig zurückgeht, auch für Männer.

Die Herausforderung aber, die wirklich lösbar wäre, die Südtirol in ganz besonders negativer Weise hervorhebt, die Diskriminierung von Mann und Frau im Erbrecht im Bereich des geschlossenen Hofes, wird totgeschwiegen. In private Arbeitsverträge kann die Politik nur schwer eingreifen, die Regelung zum geschlossenen Hof könnte die Politik hingegen unmittelbar angehen. Sie tut es aber nicht, weil sie sich dann mit den mächtigen Bauernvertretern anlegen müsste, das könnte Stimmen kosten.

Formal werden Hofübernehmer (regelmäßig männlich) und "weichende Erben" (regelmäßig weiblich, bzw. auch weitere männliche Erben) gleich behandelt, tatsächlich ist der "Ertragswert", auf den die Auszahlungen für die weichenden Erben berechnet werden, ein Euphemismus für "nahezu gar nichts". So kann der Sohn einen Hof im Wert von 5 Millionen € bekommen, die Tochter (bzw. sonstige weichende Erben) vielleicht 100.000 €, die nicht einmal für eine Einzimmerwohnung reichen.

Wo gibt es in Europa noch eine solche Diskriminierung? Ja, wo gibt es weltweit noch eine solche Ungleichbehandlung? Indien zeigt den Weg, den Südtirol noch gehen muss:

https://ohrh.law.ox.ac.uk/one-step-closer-to-gender-justice-equal-inheritance-rights-to-hindu-daughters/

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Ritratto di Claudia Oberhauser
Claudia Oberhauser 28 Aprile, 2022 - 21:21

Liebe Magda Baur, ich stimme Ihnen vollinhaltlich zu. Als weichende Erbin, gewollt oder ungewollt (oder: halt einfach weiblich), hat man keine Möglichkeit seinen Pflichtteil einzufordern, wenn der Vater den Hof als Schenkung übergibt. Sprich: Die weichende Erbin geht erst mal leer aus, was einer Enterbung gleich kommt, zumindest bis der Vater stirbt. Handhabe dagegen? Gleich null. Lobby der weichenden Erbinnen? Gleich null. Der Bauernbund als Rechtsberater, der eine „faire“ Übergabe regelt? Naja, ich sag mal so: Wer mal im Bauernbund was zu tun hatte, der weiß, hier in diesem nach tiefstem patriarchat-müffelnden Laden kann der Chef nur ein Mann und die Sekretärin nur eine Frau sein. Und geredet wird erst hinter verschlossenen Türen, unter Männern, dann wenn die richtigen Dinge „geregelt“ werden. Wehe aber dem, der das ganze kritisiert, dann kommt einem schon fast vor, man könne dem Hofübernehmer gar nichts zumuten. Der geschlossene Hof ist ein mittelalterliches Instrument zur Enterbung von primär der Frauen (und auch sonst der weichenden Erben). Die Auszahlungen gegenüber der weichenden Erben ist ein schlechter Scherz, wenn es gut geht, dann bekommen die weichenden Erben 1/20-stel dem gegenüber was der Hofübernehmer bekommt. Wenn nicht noch weniger! Weder in Italien noch in der gesamten EU gibt es ein ähnliches Gesetz wie das des geschlossenen Hofes, das dermaßen zum Nachteil der weichenden Erben ist. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und dann kann man als Jungbauer erstmals Mal gscheid abkassieren (Jungbauernförderung und diverse andere etliche Förderungen) OHNE die Hofübergabe wirklich durchgeführt zu haben, sprich nicht mal die weichenden Erben ausbezahlt zu haben (Weil: Weiblich und zu wenig devot gegenüber diesem allerheiligsten Heiligtum von Bauernhof). Als Hofübernehmer kann man machen was man will, Banken geben eh fleißig, und die weichenden Erben können wenn sie Pech haben erstmal 10, 20 vielleicht sogar 30 Jahre ohne einen Euro gesehen zu haben vom Hof abmarschieren. In einer solchen Situation sind viele Frauen völlig abhängig und machtlos.

Ritratto di magda baur
magda baur 29 Aprile, 2022 - 13:11

Vielen Dank, liebe Claudia, für Deine mutige Äußerung. Du hast völlig recht: Diese eklatante Diskriminierung konnte nur deshalb so lange fortbestehen, weil sich die vielen Opfer dieser Regelung nicht zusammentun und die wenigsten sich an die Öffentlichkeit trauen. Leider ist das wohl typisch für Südtirol. Und die Politik in Südtirol hört auf die Hofübernehmer, die sehr gut organisiert sind und ist im Übrigen - wie die aktuellen Entwicklungen zeigen - in erster Linie mit sich selber beschäftigt.

Ritratto di gorgias
gorgias 28 Aprile, 2022 - 21:57

>die Diskriminierung von Mann und Frau im Erbrecht<
Die Bevorzugung von männlichen Erben ist abgeschafft worden. Es gibt keine Diskriminierung nach Geschlechter im Erbrecht.

http://lexbrowser.provinz.bz.it/doc/de/lp-2001-17/landesgesetz_vom_28_no...

Es geht um das Verhältnis Hofübernehmer/Weichende Erben. Wenn man in der Diskussion davon abweicht kann man das nur noch eingeschränkt ernst nehmen.

Ritratto di magda baur
magda baur 29 Aprile, 2022 - 13:07

Dass sich auch Männer unter den diskriminierten "weichenden Erben" befinden, habe ich in meinem Beitrag auch ausgeführt. Der weitaus überwiegende Teil der Hofübernehmer sind aber nach wie vor Männer, wie die Statistiken zeigen.
Die rein formale Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Höfegesetz ändert nichts an der fortbestehenden strukturellen Diskriminierung.
Was mir aber ganz besonders wichtig ist: Die Regelung zum geschlossenen Hof ist an sich diskriminierend und völlig inakzeptabel für einen modernen Rechtsstaat (auch und logischerweise in Bezug auf die männlichen weichenden Erben). Ein Relikt aus einer längst überwunden geglaubten Zeit, dass nur deshalb fortbesteht, weil man dieses Institut in Rom nicht wirklich versteht oder sich von einem aus Südtirol übermittelten folkloristischen Trugbild täuschen lässt (bzw. ist diese Diskriminierung vielen in Italien egal, betrifft sie ja nicht).

Ritratto di Manfred Gasser
Manfred Gasser 29 Aprile, 2022 - 15:03

Sie werden Recht haben, aber wie würden Sie dann dieses Problem lösen?
Solange aufteilen, bis nichts mehr übrig bleibt?
Eine Art "Lebensrente" für den/die weichenden Erben - und innen?
Den Erben dazu verdonnern nach Wert auszuzahlen?
Haben Sie vielleicht noch andere, bessere Vorschläge?

Ritratto di magda baur
magda baur 29 Aprile, 2022 - 16:12

Ich glaube, zumindest bei den Talbauern ist die Erbfrage grundsätzlich gleich zu lösen wie bei jeder anderen Kategorie auch. Auch ein Handwerksbetrieb wird ja nicht "so lange aufgeteilt, bis nichts mehr übrig bleibt" (das ist ein Mär der Bauernvertreter aus dem Mittelalter als 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitete und die Familie im Durchschnitt 8 - 12 Kinder umfasste), sondern man wird eben einen gerechten Ausgleich finden und rechtzeitig Vorsorge betreiben müssen, so wie dies eben alle Familien tun müssen.
Und wenn ein Obstbauer mal von den acht Hektar einen verkaufen muss, um die weichenden Erben auszuzahlen, dann werden die Landwirte damit nicht arm, ganz im Gegenteil. Es kommen dann mehr Grundstücke auf den Markt, wodurch Jungbauern und Jungbäuerinnen, die tüchtig sind, zu erschwinglichen Preisen Grund hinzukaufen können. Eine Kleinstparzellierung der Landwirtschaft mit Bauern, die am Verhungern sind, ist ein absurdes Bild, das in dreister demagogischer Absicht gezeichnet wird.
Leider haben wir aber Spitzenpolitiker und -politikerinnen, die durchaus ein persönliches Interesse an der Fortführung der jetzigen Situation haben könnten.

Ritratto di Manfred Gasser
Manfred Gasser 29 Aprile, 2022 - 16:27

Ich bin ja kein Notar, und kenne mich in der Materie zu wenig aus.
Aber wenn ich als theoretischer Talbauer(bin leider kein Bauer) 8 Hektar mit einem Wert X besitze, und Ihnen als meine Schwester der Wert Y zusteht, dann reden wir wahrscheinlich von 3-4 Hektar verkaufen. Und diese Hektar kauft dann höchstwahrscheinlich eine Großbauer-AG oder Gmbh mit den finanziellen Möglichkeiten. Und in zwei Generationen wars das mit den Südtiroler Bauern.
Ich wäre da eher für eine Art Lebensrente, eine bestimmte Menge an Geld in einer bestimmten Zeit ausgezahlt.

Ritratto di magda baur
magda baur 29 Aprile, 2022 - 16:38

Der Altbauer mit 8 ha wird wahrscheinlich etwas angespart haben und damit kann ein Teil der Auszahlung für die weichenden Erben vorgenommen werden.
Aber Sie haben schon recht: Die Praxis in Südtirol ist oft eine andere. Der Altbauer investiert jeden übrigen Cent in den Erwerb von Grund, damit für die weichenden Erben wirklich nichts mehr übrig bleibt.

Und wieso "walzende" Grundstücke von einer "Großbauer-AG" gekauft werden soll, verstehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: Je mehr Grundstücke auf dem Markt sind, desto mehr nähern wir uns einem"vernünftigen" Marktpreis an und die Grundstücke sind dann nicht mehr Investitionsobjekt zur Kapitalvermehrung, sondern landwirtschaftliche Produktionsfläche für Bauern und Bäuerinnen, die von der Landwirtschaft auch etwas verstehen und diese Arbeit aus Leidenschaft machen.

Ritratto di Claudia Oberhauser
Claudia Oberhauser 29 Aprile, 2022 - 15:18

„Die Bevorzugung von männlichen Erben ist abgeschafft worden“ ordne ich persönlich unter die Überschrift ‚Aussagen eines alten, weißen Mannes‘. Sinnvoller wäre es herzugehen und zu schauen, okay, da fühlen sich manche diskriminiert, sind es nur einzelne oder sind es mehr? Ist es nur ein Gefühl oder wie schauen die realen Erfahrungen und Zahlen aus? Den Beleg zu bekommen, dass die Höfe in Südtirol reine Männersache sind, dafür reicht ein Blick auf das Organigramm des Südtiroler Bauernbundes. Ich verrate es hier gleich: 27/8 ist die Geschlechterverteilung von Männern und Frauen. Und die wichtigsten Ämter (Landesobmann, Direktor, Hauptabteilungsleiter) sind allesamt von Vertretern des männlichen Geschlechts besetzt. Die einzigen zwei Frauen in der oberen Ebene sind, wie ich oben schon erwähnt habe, die Direktionsassistentinnen. Warum sollte man hier keinen höheren Frauenanteil anstreben? Frauen sind für die Landwirtschaft gleich wichtig, warum sitzen aber keine Frauen in diesen Ämtern? Warum sind sie deutlich unterrepräsentiert?
Und nicht nur die weichenden Erbinnen werden diskriminiert, sondern auch die Ehefrauen der Hofübergeber, die bei der Hofübergabe keinerlei Mitspracherecht haben. Der Besitz gehört in aller Regel allein ihrem Ehemann, obwohl sie genauso viel Arbeitskraft in den Hof investiert hat. Ja, vielleicht sogar noch mehr: Bäuerinnnen kümmern sich um den Haushalt, um die Erziehung der Kinder, bei „Urlaub auf den Bauernhof“ kommen 2-4 Ferienwohnungen inklusive Gästebetreuung auch noch auf sie zu, zusätzlich gehen viele Bäuerinnen noch zur Heuarbeit oder helfen bei den Stallarbeiten mit. Aber gehören tut ihnen gar nichts und Mitspracherecht bei der Hofübergabe haben sie auch nicht. Angenommen die Bäuerin fordert, die weichenden Erben, sprich alle ihre Kinder, über die Berechnung des Ertragswert bewertet hinaus, fairer zu behandeln: Sie hat keine Chance, weil ihr auf diesem Hof nichts gehört. Einzige Möglichkeit: Sie lässt sich scheiden, damit kann man einen Hofübergeber in den Ruin treiben. Die Tausenden von Stunden geleisteter Arbeit einer Frau am Hof auszubezahlen, kann sich nämlich ein Bauer in der Regel nicht leisten.

Ritratto di Claudia Oberhauser
Claudia Oberhauser 29 Aprile, 2022 - 15:40

„ Solange aufteilen, bis nichts mehr übrig bleibt?“ auch dieses Argument muss ich persönlich in die Sparte ‚Aussagen des letzten Jahrhunderts’ einordnen. Man schaue sich mal die Grundstückspreise an, ob eine Umverteilung des Besitzes gut wäre? Ja, mit Sicherheit sogar. Höfe werden wie Heiligtümer behandelt, weil sie so viele Generationen ernährt haben, aber diese devote Haltung gegenüber dem Besitz ist ziemlich anachronistisch. Ja viel mehr noch: Zerstört in vielen Fällen ganze Familien.

Ritratto di Manfred Gasser
Manfred Gasser 29 Aprile, 2022 - 16:15

Könnten Sie bitte auch Alternativen aufzeigen? Denn nur die "Aussagen des letzten Jahrhunderts" zu zerlegen, ohne auch nur einen möglichen, in der Praxis anwendbaren Lösungsvorschlag zu unterbreiten, finde ich persönlich doch etwas schwach, oder sollte ich besser sagen, leider eher typisch für dieses Jahrhundert.

Ritratto di magda baur
magda baur 29 Aprile, 2022 - 16:31

Da haben wir jetzt gleichzeitig - und völlig unabhängig voneinander - genau dieselben Argumente (die auf der Hand liegen) vorgetragen.
Ja,wenn ich diese abgedroschenen, allzu billigen Stehsätze höre, wonach eine gerechte Erbteilung existenzgefährdend sei, ob ich lachen oder mich ärgern soll - darüber, dass der Allgemeinheit, den Bürgerinnen und Bürgern solche Absurditäten überhaupt noch zugemutet werden. Will man uns wirklich derart auf den Arm nehmen?

Und zum Bauernbund: Sehr richtig Ihre Betrachtungen. Wo bleiben denn unsere Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung (von denen ich noch nie etwas zum Geschlossenen Hof gehört habe, aber vielleicht habe ich das auch nur überhört), die sich so wortgewaltig und nachhaltig für eine Verschärfung der Regeln im Scheidungsrecht und für die Reservierung von Posten in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten einsetzen, in dieser Sache? Sollten in den hochsubventionierten Bauernvertretungsorganisationen mit hochdotierten Führungspositionen nicht vielleicht auch ein paar Frauen zu finden sein? Oder wird hier die "gläserne Decke" besonders tief angesetzt, also so ab mittlerer Sekretariatsebene?
Vorschlag: 30% der Führungspositionen im Bauernbund für Frauen! Zuviel?
Vorschlag für Neuregelung des Geschlossenes Hofes: Erbteilung laut Zivilgesetzbuch (zumindest für Talbauern - so wie für alle anderen Berufsgruppen auch - auch wenn jetzt der steuerbefreite Hofübernehmer mit 10 ha Obstgrund, Villa, Schwimmbad und Urlaub auf dem Bauernhof aufschreit).

Ritratto di Claudia Oberhauser
Claudia Oberhauser 29 Aprile, 2022 - 17:06

Wie gesagt, Kritik an diesem System des geschlossenen Hofes zu üben, ist nahezu nicht möglich, ohne gleich mit der "Ja, dann muss der Bauer ja aufhausen!"-Keule zu kommen. "Aufhausen" dieses Wort aus dem letzten Jahrhundert steckt manchen Bauern auch noch in Mark und Gliedern. Von "Aufhausen" sind die meisten Bauern wohl alle ganz weit weg. Diese Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Ganz im Gegenteil: Einen Bauernhof vererbt zu bekommen, bedeutet, dass man für sein restliches Leben schon mal ausgesorgt hat. Man hat ausgesorgt! So schlecht wirtschaften, kann man fast gar nicht können, um heutzutage als Bauer "aufzuhausen". Anders als die weichenden Erben, die vielleicht mit 30.000-50.000 Euro, vielleicht auch mehr davonkommen. Das kann man gerade mal als Eigenkapital der Bank geben, um sich dann einen Kredit aufzunehmen für eine 3-Zimmer-Wohnung für 300.000-400.000 Euro. Dass es eine Ungleichbehandlung ist, lässt sich doch nicht in Frage stellen. Wo kann da von einer Gleichbehandlung die Rede sein?
Warum Frauen in den Höfekommissionen und im Bauernbund deutlich unterrepräsentiert sind, ja da müsste man auch mal genauer hinschauen, Hürde abbauen, vielleicht auch mal im 21. Jahrhundert ankommen und eine Quote festlegen.
"Teilen bis nichts mehr da ist", na das könnte man doch bei jedem Betrieb sagen. Man muss das ganze System grundsätzlich in Frage stellen, aber das grenzt ja nahezu an Blasphemie in der Meinung vieler. Da traue ich mich an der Stelle auch nicht weiter aus dem Fenster, sonst ernte ich noch einen Shit-Storm.

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