Martha Stocker
Othmar Seehauser
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salto Gespräch

Das unwiderrufliche Nein

Die Historikerin Martha Stocker im Gespräch über das erste „Los von Trient“ und Südtirols vergessene Möglichkeits-Zeit vor hundert Jahren.
Di
Ritratto di Patrick Rina
Patrick Rina28.02.2021
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Hätte es auch anders kommen können? Im Zeitfenster zwischen November 1918 (Kriegsende) und Oktober 1922 (Machtergreifung des Faschismus) hielten die Zeitläufte in Südtirol gewissermaßen den Atem an: Österreich-Ungarn brach auseinander, Italien war entschlossen, sich seine „Kriegsbeute“ zu sichern. Der Übergang Südtirols an das Königreich war längst ausgehandelt, doch bis 1922 gab es besonnene Ansätze, das traumatisierte Land behutsam in die neue Herrschaft zu überführen. Auch eine tragbare Autonomie-Lösung war im Gespräch: Die Zeit war zu kurz, um die Weichen anders zu stellen. Südtirols Geschichte nahm ihren Lauf, die tief gespaltenen Sprachgruppen leben bis heute nebeneinander her, gefangen in einem grundsätzlichen „Unbehagen“ am Narrativ des jeweils anderen.


„Die Zeit dazwischen | Il tempo sospeso“, herausgegeben von Ulrike Kindl und Hannes Obermair, beleuchtet die Zeit von 1918 bis 1922 in Südtirol. salto.bz veröffentlicht drei Gespräche, die der ORF-Journalist Patrick Rina dafür geführt hat.


Patrick Rina: Frau Dr. Stocker, der Einmarsch italienischer Truppen in Südtirol im November 1918 mutete für viele Menschen im Lande befremdlich und unwirklich an. Wie groß war die Hoffnung, es handle sich nur um eine zeitweilige Okkupation?

Martha Stocker: Die italienischen Truppen und die militärisch wie politisch Verantwortlichen ließen keinen Zweifel daran, dass man nicht mehr willens war, dieses Land zu verlassen. Trotzdem konnten die (Süd-)Tiroler das Unfassbare nicht glauben. Dass der Abschied kein endgültiger sein sollte, kommt auch noch beim Aufruf aller Parteien zur Annexion 1920 zum Ausdruck, mit welchem man dazu auffordert, Ruhe und Würde auch in der Hoffnung zu bewahren, „dass der Tag kommen wird, an welchem uns Gerechtigkeit und weitschauende Politik die nationale Befreiung bringen werden“.

„Südtirol“ gab es vor 1918 nicht – dieser Terminus der österreichischen Amtssprache bezeichnete in habsburgischer Zeit das Trentino. War das heutige Südtirol eine politische „Sturzgeburt“ (Hannes Obermair), ja nachgerade ein Kollateralschaden des Ersten Weltkrieges?

Wie auch immer es bezeichnet werden will, Tatsache ist, dass es nach dem Ersten Weltkrieg ja um nichts Geringeres ging als um die Neuordnung Europas und Südtirol war nur ein Teil davon. Das neue Südtirol war bereits im Londoner Geheimvertrag Italien für dessen Kriegseintritt an der Seite der Entente versprochen worden und hatte im weltpolitischen Puzzlespiel nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich nichts anderes in die Waagschale zu werfen – wenn es auch viel schien – als die Wilson’schen Erklärungen zur Nordgrenze Italiens und zum Selbstbestimmungsrecht. Diese galten bei den fünf Pariser Vorort-Verträgen schon bald nichts mehr, da es statt idealistischer Ansätze letztlich um einen Ausgleich der Interessen der vier Siegermächte ging. Es gab auch niemanden von politischem Gewicht, der helfen konnte und wollte. Zudem wurden Italien nicht alle Wünsche im Osten – wie im Londoner Geheimvertrag versprochen – erfüllt. Hier wollten vor allem die Amerikaner den SHS-Staat – den Staat der Serben, Kroaten und Slowenen – als Ordnungsmacht am Balkan stärken. Die Entscheidung war eine machtpolitische, im Ausgleich der Interessen getroffene, ein Unrecht wie auch andere in dieser europäischen Neuordnung.

Das Drama Südtirols war vor und nach der Annexion vor allem auch die Entlassung vieler Menschen aus dem öffentlichen Dienst und die erste Option

Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Welchen Niederschlag fand diese historische Zäsur in Südtirols Politik und Presse?

Es war teils ein recht nüchternes Zur-Kenntnis-Nehmen einer nicht mehr abwendbaren Konsequenz aus dem Ersten Weltkrieg, wenn auch Bozens Bürgermeister Julius Perathoner sich ursprünglich weigerte, die Bilder des Kaisers abzuhängen, was nicht nur die Ablehnung der neuen Herrscher bedeutet, sondern auch zum Ausdruck bringt, wie sehr man sich „Gott, Kaiser und Vaterland“ verbunden fühlte. Jedenfalls wollte man auch dazugehören.

Perathoner verkündete am 16. November 1918 die „Unteilbare Republik Südtirol“. Ist diese Geste als reine Trotzreaktion und Hilferuf zu verstehen oder handelte es sich tatsächlich um das Aufzeigen eines politisch gangbaren Weges?

Dass Perathoner die „Unteilbare Republik Südtirol“ ausrief, ist wohl den Zeitumständen und politischen Opportunitätsüberlegungen zuzuschreiben. Vieles, was damals in Südtirol und Gesamttirol gedacht und getan wurde, hat auch damit zu tun, dass die Republik Deutschösterreich sich den Anschluss an Deutschland als wichtiges Ziel gesetzt hatte. Angesichts dieser Situation war es politisch und verwaltungstechnisch durchaus nachvollziehbar, dass man sofort nach Ende des Krieges am 4. November die Nationalversammlung Deutsch-Südtirols bildete, vor allem auch um eine eigene Ordnungsmacht in jenem Teil Deutsch-Tirols zu haben, der im Londoner Geheimvertrag Italien zugesprochen worden war, aber wohl auch, um nicht nur zuzuschauen, wie andere Macht ausübten. Dies geschah auch in Absprache mit der Tiroler Nationalversammlung. Die Nationalversammlung Deutsch-Südtirol wurde dann allerdings bald verboten.

Südtirols „neue Zeitrechnung“ begann unter der militärischen Verwaltung des Generals Guglielmo Pecori Giraldi. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit von alten und neuen Führungskräften in Politik und Administration?

General Guglielmo Pecori Giraldi musste auch Bedacht darauf nehmen, dass Südtirol ja noch nicht italienisches Staatsgebiet war, den internationalen Waffenstillstandsbestimmungen unterlag. Es war daher auch diplomatisch geboten, Rücksicht zu nehmen. Seine Zielsetzung war die „friedliche Durchdringung“, wobei festzustellen ist, dass Regierung und Militärverwaltung nicht einheitlich vorgingen. Dies führte unter anderem dazu, dass es zum Beispiel bei den Gemeindeverwaltungen wenige Eingriffe, wenn auch Kontrollen durch die Zivilkommissare gab, bei der Eisenbahn aber viele Beamte entlassen wurden. Im Sinne der „friedlichen Durchdringung“ waren auch die Überlegungen und Maßnahmen im Bereich der Schulen. Auch wenn nur weniges umgesetzt werden konnte – wegen der schon beschriebenen Rücksichtnahme, aber auch wegen der Kürze der Zeit – muss bewusst sein, welche Überlegungen Pecori Giraldi diesbezüglich anstellte. Die Schulen in den ladinischen Tälern müssen nach seiner Vorstellung ausschließlich italienisch sein und im „Gebiet zwischen Salurn und St. Jakob bei Bozen muss man energisch den Deutsch- durch Italienischunterricht ersetzen“. Von Seiten der Südtiroler Vertreter versuchte man zwar einen Modus vivendi zu finden, aber zumeist mit größter Vorsicht und teilweise auch mit bewusster Vermeidung von Kontakten, man wollte ja nicht den Anschein erwecken, man habe die neuen Machthaber in irgendeiner Weise akzeptiert.

Wilson opferte das Selbstbestimmungsrecht relativ schnell den machtpolitischen Ansprüchen der anderen drei Großen

Im Februar 1919 wurde die konstituierende Nationalversammlung der neuen Republik Österreich gewählt. Die Südtiroler durften nicht mitwählen, entsandten dennoch ihre Vertreter nach Wien. Welche Stimmung herrschte unter den Abgeordneten? War der im Grunde schon im Herbst 1918 geschaffene fait accompli der Teilung Tirols aufzuhalten?

Die entsandten Abgeordneten in die österreichische Nationalversammlung hofften wohl nach wie vor, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson „unserem Volkstum, unserem Lande der gerechte Richter“ sein würde. Dies hatte man auch in einer Denkschrift der Südtiroler Bürgermeister zur gleichen Zeit zum Ausdruck gebracht. Die Entscheidung, Südtirol Italien zuzuschlagen, ist sicher schon recht früh gefallen, zum ersten Mal öffentlich versteht man dies bei Wilsons Erklärungen zur Adriafrage am 24. April 1919.

Wilson hatte betont, Italiens Grenzen müssten nach klar erkennbaren Grenzen der Volkszugehörigkeit gezogen werden. Mit dieser Zusicherung im Hinterkopf verfolgten die Südtiroler im Frühjahr 1919 die Friedensverhandlungen in Saint-Germain. Warum kam dieser Punkt aus Wilsons 14-Punkte-Programm im Falle Südtirols nicht zur Anwendung?

Im Grunde opferte Wilson diesen Anspruch wie auch das Selbstbestimmungsrecht relativ schnell den machtpolitischen Ansprüchen der anderen drei Großen. Von seinen großen Anliegen blieb schließlich nur der Völkerbund übrig. Für dieses für ihn zentrale Anliegen brauchte er die Zustimmung der anderen. Zudem wollte er unbedingt den SHS-Staat stärken und dabei kam er italienischen Ansprüchen im Osten in die Quere. Und dies bedeutet, dass Wilson seine hehren Wertvorstellungen gegenüber den realpolitischen Überlegungen zurückstellte und Südtirol damit opferte.

Wie reagierte Südtirols Öffentlichkeit auf die „Zeitmarke“ Saint-Germain?

Vom Empfinden her bringt meines Erachtens Eduard Reut-Nicolussi am besten zum Ausdruck, wie sich diese „Zeitmarke“ anfühlte. Er sagte dazu in der österreichischen Nationalversammlung, von der er im September 1919 Abschied nehmen musste, unter anderem Folgendes: „Gegenüber diesem Vertrage haben wir mit jeder Fiber unseres Herzens, in Zorn und Schmerz nur ein Nein! Ein ewiges, unwiderrufliches Nein!“

Nicht alle italienischen Parteien sprachen sich für die Annexion Südtirols aus. Gab es in Rom eine einheitliche Linie zur Südtirol-Politik?

Es sprachen sich schließlich 48 Abgeordnete der sozialistischen Partei gegen die Annexion aus, ein großer Teil von ihnen und auch von anderen Parteien waren der Abstimmung ferngeblieben. Eigentlich ein Armutszeugnis für eine so wichtige Abstimmung. Einheitliche Linie gab es keine, sie ging letztlich von dem Recht auf Selbstbestimmung, über Autonomievorstellungen bis hin zu „wohlwollenden“ Überlegungen und Aussagen, die durchaus als faschistische Vorboten gelten können.

Martha Stocker
Historikerin, Pädagogin, Politikerin: Martha Stocker im November 2020 (Foto: Othmar Seehauser)

 

Hannes Obermair ortet im „Südtiroler Schwebezustand“ nach 1918 eine „Wagenburgmentalität“ der deutschen Sprachgruppe. Pflichten Sie ihm bei? War diese Denkweise und politische Praxis der Grund für die Bildung des Deutschen Verbandes?

In Zeiten der Not zeigt sich eigentlich immer, dass eine Gruppe, die zusammenhält, die größten Überlebenschancen hat. Das sagt auch die Soziologie. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war aus mehreren Gründen unzweifelhaft eine solche. Der Deutsche Verband entstand aus dieser Denkweise. Gleichzeitig war das kein Verbarrikadieren nach außen, die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten war gegeben und selbstverständlich mit Innsbruck und Wien. Dass man sich den Italienern gegenüber vorsichtig gab, kann damit erklärt werden, dass man ja nicht einer Interpretation Vorschub leisten wollte, man habe sich schon arrangiert.

Die Sozialdemokraten traten dem Deutschen Verband aber nicht bei, sie arbeiteten mit den italienischen Sozialisten zusammen. Wurzelt in diesem Bruch zwischen christlich-liberalen und links-progressiven Kräften die ideologische DNA der Südtiroler Volkspartei? Wie sehr beeinflusste das Fehlen einer souveränen Sozialdemokratie Südtirols Politik im 20. Jahrhundert?

Das Drama Südtirols war vor und nach der Annexion vor allem auch die Entlassung vieler Menschen aus dem öffentlichen Dienst und die erste Option. Mit der Entlassung von Eisenbahnern, Lehrpersonen, Beamten, Druckern und dem Wegziehen derselben – teilweise auch, weil sie kein Heimatrecht besaßen – ging die Südtiroler Volksgruppe derjenigen verlustig, die eine starke sozialdemokratische Basis in Südtirol bildeten. Dass danach in der zweiten Option zuerst auch jene abwanderten, die nicht viel besaßen, hat das Ganze noch verstärkt. Dieses Fehlen hat seine Auswirkungen gehabt, auch auf die Südtiroler Volkspartei.

Sie haben die erste oder „kleine“ Option erwähnt. Warum wird deren Tragweite für die gesellschaftliche Entwicklung Südtirols bis heute verkannt?

Die Verkennung erklärt sich wohl auch dadurch, dass es 1939 die große Option gab. Durch die „kleine“ und „große“ Option ging für das Land jener Bevölkerungsteil verloren, der die Sozialdemokratie ausmachte und in Teilen hätte verstärken können. Dieser Verlust hat das Land geprägt, auch wenn man sich der Tragweite in der Regel weder bewusst ist noch dies wohl als solchen versteht.

Am 9. Mai 1920 forderten 15.000 Menschen in Meran lautstark das „Los von Trient“ und damit eine Autonomie für Südtirol. Wie war es vor hundert Jahren um das Verhältnis zwischen dem „neuen“ und dem „alten“ Südtirol (also Welschtirol) bestellt?

Die Autonomieforderungen des Trentino und auch Forderungen nach einer eigenen Universität waren in der Zeit der Monarchie vom „neuen“ Südtirol genauso mehrheitlich abgelehnt worden wie von ganz Deutsch-Tirol. Das bedeutete aber nicht, dass es nicht im täglichen Miteinander ein angemessenes Auskommen gegeben hat. Im Zusammenhang mit dem „Los von Trient“ von 1920 und jenem Silvius Magnagos von 1957 geht es nicht darum, nicht vernünftig zusammenarbeiten zu wollen, sondern darum, eigenständig entscheiden zu können – was 1957 noch wichtiger ist, denn da ist die Situation ja durch die zuziehenden Italiener noch verschärft. Die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler machen nur mehr etwa ein Drittel in der Region aus. 1920 ist für die Deutsch-Südtiroler, die sich bis dahin in einer besseren Position befunden hatten, auch ein paritätisches Miteinander ein Problem.

Halten wir uns nur vor Augen, wie lange Italien auch nach dem Zweiten Weltkrieg gebraucht hat, bis es zu einer wirklichen Autonomie für Südtirol bereit war

Der Deutsche Verband hatte der Regierung Nitti einen eigenen Autonomie-Entwurf vorgelegt, den viele Historiker als maßlos übertrieben einstufen. Pokerte der „deutsche Block“ zu hoch?

Dass man einen umfassenden Entwurf vorlegte, der teilweise auch Zuständigkeiten der ehemaligen österreichischen Kronländer entsprach, ist nachvollziehbar und maßlos übertrieben wohl nur, wenn man davon ausgeht, dass man von vornherein nur etwas vorlegen sollte, was nachher als Kompromiss durchgehen kann.

Auch die Sozialdemokraten präsentierten ein Autonomieprojekt für Südtirol. Worin unterschied sich dieses von jenem des Deutschen Verbandes?

Es unterschied sich wohl wesentlich in dem, dass im Entwurf des Deutschen Verbandes vorgesehen war, dass zwar die Militärhoheit beim Staat verbleiben sollte, aber gleichwohl die Südtiroler vom Militärdienst befreit sein und diesen bei den Schützen ableisten sollten und damit über eine eigene Miliz verfügen sollten.

Obwohl König Viktor Emanuel III. schon 1919 die „vollste Achtung der lokalen autonomen Einrichtungen“ versprochen hatte, erhielt Südtirol in der „Zeit dazwischen“ keine Autonomie. Warum tat sich Italien mit Zugeständnissen an die neuen Staatsbürger so schwer?

Erstens hatte Italien keine Tradition im Anerkennen anderer Volksgruppen, dann war auch die Zeit zu kurz, schließlich aber ging es doch bei allen schönen Worten zumindest um die „friedliche Durchdringung“, auch in der „Zeit dazwischen“.

Eine wichtige und dennoch in Vergessenheit geratene Persönlichkeit jener Jahre des Übergangs war Luigi Credaro. Der Generalzivilkommissar galt als liberal und als Kenner der deutschen Kultur, doch der Historiker Stefan Lechner unterstreicht, Credaro habe auch Maßnahmen getroffen, „die einer Entnationalisierung schon sehr nahe kamen“. Schwankt Credaros Charakterbild in der Geschichte?

Luigi Credaro war zwiespältig: wenn es um Anliegen der Kultur und Bildung ging, dann agierte er durchaus auch minderheitenfreundlich, ging es aber um Angelegenheiten der öffentlichen Verwaltung und deren Angestellten sowie der Polizei traf er Maßnahmen, die tatsächlich „einer Entnationalisierung schon sehr nahe kamen“.

Zeiten des Umbruchs prägen ein Land und seine Menschen oft weitaus mehr als Zeiten, in denen vieles seinen gewohnten Lauf nimmt

Nach 1921 war das öffentliche Leben im Lande von faschistischen Provokationen und Terror überschattet. War mit dem Bozner Blutsonntag und der Ermordung des Lehrers Franz Innerhofer (24. April 1921) Südtirols „Leidensweg“ durch die Jahre des Mussolini-Regimes vorgezeichnet?

Er war vorgezeichnet, aber es war den meisten sicher nicht vorstellbar, was das alles noch bedeuten sollte.

1921 kam es auch zur Lex Corbino. Diese sah vor, dass italienischsprachige Kinder Schulen mit italienischer Muttersprache besuchen mussten. War dieses Gesetz in Wirklichkeit der Türöffner der forcierten Italianisierung der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler?

Es war ein Schritt dazu, vor allem aber griff das Gesetz entscheidend in das Elternrecht ein, weshalb es der Südtiroler Volkspartei später dann auch so wichtig war, dieses Elternrecht klar zu verankern. Es sollte nie mehr die politische Macht sein, welche entschied, wer in welche Schule geht.

Die „Zeit dazwischen“ führt in Südtirols Geschichtsschreibung ein Schattendasein. Für die meisten Südtiroler folgt auf der Zeitleiste nach dem Ende des Ersten Weltkriegs „boll amol“ das faschistische Regime. Wie wichtig ist es, die Übergangsjahre zwischen 1918 und 1922 zu thematisieren? Kann das heutige Südtirol aus den damaligen Erfahrungen lernen?

Es ist schon deshalb wichtig, weil solche Zeiten des Umbruchs ein Land und seine Menschen oft weitaus mehr prägen als Zeiten, in denen vieles seinen gewohnten Lauf nimmt. Es sind auch Möglichkeits-Zeiten, Zeiten des Abschiednehmens von Gewohntem, des Sich-Einstellen-Müssen auf Neues, des Hinnehmen-Müssen von Unabwendbarem. Es ist auch wichtig, weil vieles von dem, was wir aus
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kennen, um 1920 schon grundgelegt wurde, dazu gehören auch die Autonomie-Entwürfe, die Diskussion darüber, das „Los von Trient“. Und: Lernen aus der Geschichte wäre ein Gebot, nur muss auch bewusst sein, dass nichts deckungsgleich vergleichbar ist und natürlich auch jede Generation mit den Gegebenheiten des Jetzt ihre eigenen Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen muss.

Teilen Sie Ulrike Kindls Einschätzung, wonach die Weichen für Südtirols Geschichte vor hundert Jahren anders gestellt werden hätten können?

Wenn, dann hätte vieles anders sein müssen. Und ich vermute, dass nur in der Nachbetrachtung diese Möglichkeit aufleuchtet, weil erstens schlicht und ergreifend die Zeit gefehlt hat. Halten wir uns nur vor Augen, wie lange Italien auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem klaren internationalen Auftrag gebraucht hat, bis es zu einer wirklichen Autonomie für Südtirol bereit war. Das Zeitfenster war – wenn überhaupt – wahrscheinlich nur in der Zeit von Regierungschef Francesco Nitti (23. Juni 1919 bis 15. Juni 1920) gegeben und dies war noch vor der Annexion. In dieser auch kurzen Zeit wäre es für die Südtiroler Vertreter undenkbar gewesen, so nachgiebig zu sein, damit es zu einer realen Weichenstellung hätte kommen können. Und mit dem Faschismus wäre dann sowieso alles obsolet gewesen.

 


 

MARTHA STOCKER
Geboren 1954. Promotion an der Universität Innsbruck über die Geschichte der Stadt Trient während des Ersten Weltkrieges. Langjährige Oberschullehrerin für Deutsch und Geschichte. Maßgebliche Mitarbeit an der Organisation der Optionsausstellung 1989. Von 1998 bis 2018 Abgeordnete der Südtiroler Volkspartei im Südtiroler Landtag, von 2004 bis 2013 Regionalassessorin für Sozialfürsorge und Familienpaket, von 2014 bis 2018 Landesrätin für Gesundheit, Soziales, Arbeit und Sport. Seit 2019 Präsidentin der Dr.-Silvius-Magnago-Stiftung. Publikationen (u. a.): Unsere Geschichte. Südtirol 1914–1992 in Streiflichtern (2006), Die Paketschlacht. Ringen um die richtige Entscheidung in der Südtirolfrage (2019).

 

Ulrike Kindl, Hannes Obermair (Hrsg.)
Die Zeit dazwischen. Südtirol 1918-1922. Vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum faschistischen Regime
Il tempo sospeso. L’Alto Adige tra la fine della Grande Guerra e l’ascesa del fascismo (1918-1922)
© Edizioni alphabeta Verlag 2020, 464 S., 14,0 x 21,0 cm
Euro 18,00
ISBN 978-88-7223-365-8

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Harry Dierstein 28 Febbraio, 2021 - 19:13

Schade, dass in Südtirol immer nur die Frage behandelt wird:

"Warum endete der Erste Weltkrieg so, wie er nun leider einmal endete." anstatt mit einzubeziehen: "Warum begann der Erste Weltkrieg eigentlich überhaupt?"

Der Blick auf den Herbst 1918 etc. mag statthaft sein, aber weshalb Historiker die Entwicklung seit 1890 hierzu ausblenden, ist kaum verständlich.

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