Advertisement
Doppelpass

Milde Sorte macht Türkis-Blau net bleich

Ein Doppelpass für alle kann in letzter Konsequenz Nationalität ad absurdum führen, ...wenn bloß die Progressisten es nicht verhindern.
Advertisement

Die Doppelpass-Debatte kommt als retropervertierte Posse daher. Gern wird es so dargestellt, als wäre diese vielstrapazierte „tiefe Verbundenheit dem Vaterland Österreich“ Exklusivanspruch reaktionärer Ewiggestriger. Dieser Sager, wie auch die vielseitigen, emotionsgeladenen Reaktionen darauf bedürfen wohl noch eines Seziermessers, um der Debatte mit klarem Kopf begegnen zu können.

Leichtfertigt wird die südtiroler Verbundenheit mit den österreichischen Menschen, Ländern, Bergen, Tälern und Seen ins Lächerliche gezogen. Geschichtlich, kulturell und auch im Sinne einer Zukunftsgestaltung, der ein gewisses alpenländisches Gemeinwesen zu Grunde liegen könnte, wirkt jede Relativierung dieser Verbundenheit als unreflektierte Selbstverleugnung, auch als ein Verkennen, dass ohne die bis heute nachwirkende Schutzmachtfunktion unsere Autonomie, unser heutiger Wohlstand ohne jegliches Fundament implodieren würden.

Über Südtirol lacht die Sonne. Über Österreich die ganze Welt.

Dahingestellt, ob jetzt Wiener Sportmoderatoren oder erfolgreich (un)bewusster Propaganda geschuldet, jeder mag für sich analysieren, warum uns solche Sätze ein überhebliches Lächeln auf die Lippen pressen. Tatsache ist vielmehr, dass ganz Europa besorgt auf dieses Österreich schaut, nur Südtirols Junior-Visegrad-Politik sich türkis-bis-ganz-rechts anbiedert. Opportunistisch, den Doppelpass mal schnell wie ein Blümlein am Wegesrand einheimsen, ganz wie es der alte Magnago gelehrt. Aber ganz anders, als es der alte Kreisky und seine niedergestimmten Nachfolger sich wohl vorgestellt hatten und auch schamlos gegen die Vorstellungen der heutigen Tiroler SPÖ. Man muss halt schauen, wo man bleibt. 2018 wird gewählt.

Da vergisst man gerne, dass man grad eben noch die Euregio hochleben lassen hatte wollen. Wenn der Platter rechts ausschwenkt, können wir das auch. Ein ius-sanguinis-Doppelpass passt da schon. Da können wir uns leicht hinter verstecken: Es ist schließlich Österreichs Hohheits-Entscheidung, wer denn doppelpassen darf und wer nicht. Die seit 1920 Zugereisten nicht, vielleicht die schon damals hier verwurzelten Italienischsprachigen, aber auf keinen Fall die südlich von Salurn, auch nicht die dortigen Deutsch- und Ladinischsprachigen. Denen zimmern wir schnell ein ausgrenzendes ius soli. „Doppelpass“ hat eben auch seine sportliche Bedeutung, und mit einem sportlich-eleganten Zickzack schleimt man sich bei türkis-bis-ganz-rechts ein und lässt neben dem gepflückten Blümlein halt ein paar Leichen am Wegesrand zurück. Im „europäischen Sinne“,  wie es der Landeshauptmann betont.

Keiner der 17 Landtagsabgeordneten wäre es im europäischen Sinne eingefallen, Doppelbürgerschaft für alle EVTZler und EVTZlerinnen zu fordern. Einen österreichischen Zweitpass für Südtirol und Trentino. Einen italienischen für Nord- und Osttirol. So simpel. So symmetrisch. Aber halt zu europäisch für Türkis. Beschämend, wie ich finde.

Immer wieder der selbe alte Kas, Blut und Boden, Volk und Rass

Und so ist sonnenklar: Es geht nicht um die Verbundenheit mit österreichischen Menschen, Ländern, Bergen, Tälern und Seen, sondern ums Vaterland – in der reaktionärsten aller Definitionen. Gegenposition wird zur Pflicht der Progressisten. Die lautesten Doppelpasskritikerinnen sind bestimmt nicht jene, die Transvestiten zwingen wollen, sich bipolar zu erklären, bevor sie ein Damen- oder Herrenklo benutzen. Aber in Passfragen sollen alle sitzpinkeln. Sich als Männlein oder Weiblein zu erklären, sich der Sprachgruppe zu erklären, kann demütigend sein - ist unzeitgemäß. Sich der Nationserklärung passiv zu ergeben, soll es nicht sein?

Es greift eben der übliche Mechanismus: Sämtliche Gegenreaktionen sind, wenn überhaupt, höchst indirekt in „europäischerem Sinne“, sondern dienen gewollt oder ungewollt erst einmal der Position der italienischen Nation. Der natürlich wünschenswerte EU-Pass, wie ihn die Grünen zahnlos fordern (immer dann, und nur dann, wenn er der Verhinderung des Doppelpasses dient) tut das genauso, wie unser Vorzeigebergsteiger, der einst unbändig sein Taschentuch zur einzig wahren Fahne erklärte, um sich heutzutage mit dem einen Pass vollständig einordnen zu lassen. Lei net rogln!

Schon gut, mit Option vergleichen wir hier gar nichts, aber: Immerhin wissen wir seit der Option, wie deppert man da steht, wenn man plötzlich gar keine Staatsbürgerschaft mehr hat, und wie viel lieber die „falsche“ ist, als gar keine. Auch mit Katalonien wird nicht verglichen, aber von dort gelernt: Wer die „falsche“ Staatsbürgerschaft verliert, steht schneller ohne jede EU-Bürgerschaft da, als eine gesellschaftliche Debatte Dinge wieder ins Lot bringen könnte. Und ja, bestimmt hätte sich Puigdemont in Tagen wie diesen (anno 2017) über einen belgischen Zweitpass gefreut. Pässe und Staatsbürgerschaften sind eben (noch) keine Nebensache. Notiert!

Europäischer Mehrfachpass

Der Begriff der Nation hat schlicht keinen Platz für Mehrfachzugehörigkeiten. Wer den österreichen Zweitpass emotional herbeisehnt, hat sich emotional gegen Italien entschieden. Auch gegen das Trentino. Ein Herz kann nur für eine Herzensangelegenheit schlagen. All jene, die zwischen den Stühlen stehen, sind bekanntlich Verlierer dieses Konzeptes der Nation. In Südtirol sind wir derer viele. Perfide, wer emotional motiviert rational argumentiert, wie modern und zeitgemäß ein Doppelpass denn wäre, um uns in technisch anmutendem Nebel zu verschleieren. Umso überfälliger ist deshalb ein Perspektivenwechsel. Beleuchten wir den Doppelpass aus der Perspektive derer, für die eine echte Weltbürgerschaft die Herzensangelegenheit ist.

Man mag sich daran stören, in eine Schublade gesteckt worden zu sein, Männlein, Weiblein, Sprachgruppe, Nation, oder auch nicht. Es muss doch für alle Platz sein. Wie sollen wir Grenzen abbauen, wenn wir die Passvergabe nach alten, nationalen Mustern weiterpflegen? Ein echter EU-Pass würde das Schubladendenken auf dem Kontinent überwinden. Der Doppelpass aber gäbe uns wenigstens die Möglichkeit, uns in mehreren Schubladen zu beheimaten, Grenzen weiter aufzuweichen. Auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, mag opportunitisch klingen. Es geht aber nicht darum, zwei Stühle zu beanspruchen, sondern nur darum, dass es sich zwischen zwei Stühlen manchmal nicht gut sitzt. Je genauer wir hinschauen, umso mehr Menschen werden wir erkennen, die zwischen Stühlen sitzen – in dieser bunten, sich globalisierenden Welt umso mehr. Aufzubegehren, zu rogln und laut „Ich will hier raus!“ zu schreien, kann seine Emotion nicht verleugnen, hat aber – feinseziert – mit obiger Emotion fürs Vaterland wenig zu tun.   

Derzeitige Protagonisten aparte, ist ein Doppelpass also das genaue Gegenteil von Renationalisierung, sondern ein Schritt zur Überwindung von Nationen. Vielleicht sogar europäischer als Ulrike Guérots 15-Millionen-Regionen-Schubladen oder der selbstbestimmten Verwaltungsgrenzen alà Brennerbasisdemokratie. Mehrfachzugehörigkeit ist ein spannender Zauberbegriff von zentraler Relevanz. Je mehr Mitbürger sich mit Doppel- und Tripelpässen ausstatten, umso absurder wird der nationale Gedanke. Umso freier wird der Weg zu einem postnationalen EU-Pass. Versuchen sich seit Marx die Linken zur angestrebten Weltverbesserung mit transnationaler Verbrüderung, laufen die heutigen Linken Gefahr, die neuen Konservativen zu werden. Die Bewahrer des traditionellen Monopasses. Zementierer der Nation. Sie haben die Themenhoheit verloren, sind getrieben von den einpeitschenden Slogans der Rechten, die immer mehr Themen besetzen und sie so wie die Doppelstaatsbürgerschaft in die denkbar schlechteste Richtung treiben. Was bleibt anderes übrig, als auf die Bremse zu steigen, möglich interessante Ansätze als kategorisch uneuropäisch schlecht zu reden? Dabei böte gerade die Doppelpassthematik dermaßen viel Gelegenheit, die inkonsistenten, unausgegorenen Populismen zu entlarven und – sie mit den eigenen Waffen schlagend – den europäischen Weg neu zu justieren. Man kann die Welle auch reiten, anstatt sich ihr entgegen zu stemmen.

Niemand muss sich dem Pathos von Fendrichs „I am from Austria“ entziehen, um bei De Gregoris „Viva l’Italia“ textsicher mitzugrölen. Solche Zeiten haben wir hinter uns. Was heute Not tut, ist keineswegs die Verhinderung der Doppelpässe, sondern dass die „Wilde Sorte, da werd‘n Braune bleich“, so wie von Schiffkowitz (STS) in „I bin aus Österreich“ besungen, endlich wieder konstruktiv mit Visionen im Gepäck die Bühne betritt. Dann sähe ich der Doppelpassdebatte gelassen entgegen und könnte mich gar an beiden Positionen erfreuen.

 

Advertisement

Commenti

Ritratto di Harald Knoflach

danke benno, für die leuchtrakete der intelligenz in dieser saudummen deppate (sic).

+1-11
Ritratto di Christian Mair

"Vielleicht hat das Ganze ja auch mit einer linken Leerstelle zu tun, dem Fehlen überzeugender Ideen und Narrative.
Es hat nie an Ideen gemangelt. Was es gab, wie um 1930: eine sozialdemokratische Partei, die allzu sehr darauf bedacht war, sich ins Establishment zu integrieren. Und tiefe Spaltung inmitten guter, anständiger Leute: Liberale, Marxisten, Feministinnen, Grüne. Während sich die Fanatiker hinter gefährlichen Vereinfachungen sammeln, neigen die Progressiven dazu, gegeneinander zu kämpfen und damit jener nationalistischen Internationalen zum Opfer zu fallen." Y. Varoufakis https://www.freitag.de/autoren/sebastianpuschner/fake-news-sind-nicht-de...

+1-12
Ritratto di Benno Kusstatscher

Nur weil sich zum Beispiel in Italien die Linke komplett zerstreitet, heißt das noch lange nicht, dass Ideen und Narrative überzeugen würden. In Deutschland hielt man sie während des Wahlkampfs hinter der Hand. In Österreich verfing sich die SPÖ in der Defensive, aber nicht gegen das Establishment. Wenn ein Begriff die europäische Linke zusammenfasst, ist es Lethargie, Christian.

+1-11
Ritratto di gorgias

Der Artikel klingt wie eine Exegese eines meiner Kommentare. :-)

Ritratto di Benno Kusstatscher

Schön, wenn sich Meinungen überschneiden. Bin zwar nicht bibelfest, aber ein Link zu besagtem Kommentar wäre ein erster Schritt :-)

Ritratto di gorgias

https://www.salto.bz/de/comment/44645#comment-44645

Ich muss sagen, du hast ziehmlich ausgeholt. :-)

Ritratto di Benno Kusstatscher

Je kürzer der Psalm um so exzessiver die Exegese. Wobei man im konkreten Fall (vergleiche Datumsstempel) auch von Destillation sprechen könnte. Aber ja, die Frage steht im Raum.

+1-11
Ritratto di Michael Thalmann

"Der Begriff der Nation hat schlicht keinen Platz für Mehrfachzugehörigkeiten. Wer den österreichen Zweitpass emotional herbeisehnt, hat sich emotional gegen Italien entschieden."
Man muss schon zwischen den Begriffen "Staatsangehörigkeit" und "Nation" unterscheiden (mit ein bisschen Mühe kann das jeder selber recherchieren). Und grundsätzlich schließt das eine das andere nicht aus.
Ist es vorstellbar, dass es Südtiroler deutscher und ladinischer Muttersprache gibt, die keine Grenzen verschieben wollen und die das friedliche Zusammenleben mit der anderen Sprachgruppe nicht gefährden wollen, aber trotzdem sich nicht der italienischen Nation angehörig fühlen und somit dem Geschenk der österreichischen Staatsbürgerschaft nicht abgeneigt wären? Muss das zwingend zum Problem werden?
Stellt der "doppelte Pass" einen unmittelbaren Vorteil dar? Hat man dadurch in unserem Land irgendwelche besonderen Rechte? Oder umgekehrt, hat man in unserem Land irgendeinen Nachteil wenn man nur einen Pass hat?

+1-12
Ritratto di Ludwig Thoma

Laut einer Festschrift der Burschenschaft bei deren Treffen sich Norbert Gerwald Hofer mit schwarz-rot-goldnen Schleifen schmückt, ist der Begriff einer österreichischen Nation ein geschichtswidriger Begriff, der nach '45 in den Köpfen der Menschen festgepflanzt wurde.
Also wäre man mit dem Pass, trotz aller Herzensangelegenheiten, doch nur Staatsangehöriger in Österreich. Man sollte die Sache daher auf den Tisch der deutschen Koalitionsverhandlungen bringen. Die haben zumindest eine Nation.

+1-11
Ritratto di 456 123

Jede Nation wurde irgendwann in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Nationen sind nur Menschliche Konstrukte, sie sind immer nur das was man dir sagt was sie sind. Dem entsprechend sagst du es gibt eine Deutsche aber keine Österreichische Nation nur weil die eine 50 Jahre älter als die Andere ist...

Ritratto di Ludwig Thoma

Ich komm ganz gut ohne Nation zurecht. Wozu ich mich jetzt noch zu einer zweiten Nation zugehörig fühlen soll, wo ich das schon bei der ersten nicht tu, erschließt sich mir nicht. Lustig ist jedenfalls, dass jene, die uns jetzt das österreichische Nationalgefühl schmackhaft machen wollen (in der Hoffnung auf hunderttausende Wählerstimmen), offensichtlich selbst nicht daran glauben, dass es eine solche Nation gibt.

Ritratto di gorgias

Die Österreichische Identität ist komplex vielschichtig und widersprüchlich:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Österreichische_Identität

Doch auch aus der Sicht eines Deutsch-Nationalen macht es Sinn dass Südtiroler die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Südtiroler sind ein deutsches Volk, Österreich ist ein deutsches Land und außerdem sollte eines Tages ein Staat Deutschland und Österreich vereinen, würden Südtiroler, weil dieser Staat der Rechtsnachfolger Österreichs wäre, automatisch diese Staatsbürgerschaft erhalten.

Ritratto di gorgias

@ Mich Thal
Es wird ja auch von "emotional" gesprochen. So haben wahrscheinlich die meisten Südtiroler Schützen kein Problem zu sagen, sie sind italienische Staatsbürger, dass sich ein südtiroler Schütze als Italiener bezeichnet wäre für mich ein Novum.

Ritratto di Michael Thalmann

Sobald eine Diskussion zum Thema "Doppelpass" ins Emotionale gezogen wird kann es nur Verlierer geben. Hier ausgerechnet die Südtiroler Schützen zu zitieren ist bezeichnend dafür in welche Richtung der Diskurs gehen soll. Es gibt in unserem Land meiner Meinung nach eine große Gruppe von Menschen, die das Thema differenzierter sehen, und die es leid sind einer von linker und rechter Seite emotional geführten Debatte beiwohnen zu müssen.

Ritratto di Benno Kusstatscher

Dass sich ausgerechnet Hofers Geschichtsdeutung hier als Argument aufgeführt wird, spricht Bände. Da kann der kleine Kusstatscher kaum dagegen halten, wenn er nüchtern, ganz ohne zu googlen, feststellt: Der Unterschied zwischen einem technischen Staat und einer Nation ist punktgenau besagte Herzensangelegenheit. Was sich Hofer als Nation vorstellt, sei mir bitte in weiteren Details erspart.

+1-11

Don't evil!
Infame Unterstellungen, politisch -rhetorische Unter- und Übergriffe werden weder dem Thema noch einem zivilgesellschaftlich sachbezogenen Diskurs gerecht.

Ritratto di gorgias

Don't be evil?

Advertisement

Più commentato

più letto

Partecipa!
Registrati o accedi