Tricolore
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Bröckelnder Staat

Eingestürzte Brücken, bankrotte Alitalia

In Italien sind über 20 Viadukte gefährdet, Alitalia verliert eine Million Euro pro Tag. Ein Land in Schieflage
Colonna di
Ritratto di Gerhard Mumelter
Gerhard Mumelter27.11.2019
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Dass ein Autobahnviadukt auf eine Grosstadt stürzen kann, gehört eher zum Sujet eines Horrorfilms. Doch die schaurigen Bilder des Ponte Morandi gingen im August 2018 um die Welt und lösten Fassungslosigkeit aus. Niemand konnte damals freilich ahnen, dass 15 Monate später in Ligurien erneut ein Viadukt einstürzen könnte. Und dass die Staatsanwaltschaft von Genua die Betreibergesellschaft wenig später auffordern könnte, zwei weitere Viadukte für den Verkehr zu sperren. Staatsanwalt Francesco Cozzi: "Sono viadotti a rischio rovina." Offenbar sind es nicht die einzigen, die Bedenken auslösen. Auf der A26 und der A10 untersuchen Fachleute jetzt gleich ein Dutzend Brücken. Auf der zunächst geschlossenen Autostrada dei Fiori A10 wurde nach heftigen Protesten eine Fahrbahn in jede Richtung wieder geöffnet. Nach Überzeugung von Experten sind 20 Autobahnbrücken im östlichen Piemont und Ligurien akut gefährdet. Premier Conte droht der Betreibergesellschaft Atlantia jetzt mit revoca delle concessioni. Die Zahl der gefährdeten Brücken auf den Staats- und Regionalstrassen wird auf über 200 geschätzt. Die Angehörigen der Morandi-Opfer nehmen die Regierung in einem eindringlichen Appell in die Pflicht:
"Vogliamo un impegno serio del nostro governo e del parlamento affinché il nostro paese sia messo in sicurezza e ogni viaggio non diventi una roulette russa."  
Die Antwort kam postwendend aus dem Parlament. Bei der Diskussion über das decreto sisma und die emergenza climatica e ambientale herrschte im Sitzungssaal der Abgeordnetenkammer gähnende Leere. Drei Jahre nach dem Erdbeben in Mittelitalien sind Orte wie Amatrice und Accumoli von einem Wiederaufbau weit entfernt. Bürokratische Exzesse, schleppende Verwaltungsabläufe und die Verzögerung wesentlicher Entscheidungen sind an der Tagesordnung. Zehn Jahre nach dem Erdbeen in L'Aquila drehen sich über den Dächern der Stadt noch immer weit über 250 Baukräne, die Wiederbesiedlung der historische Altstadt wird von einer entnervenden Bürokratie verzögert. Die Politik geht indessen wie immer mit gutem Beispiel voran: Zu dem von der Regierung endlich hinterlegten Haushaltsgesetz wurden bereits 4550 Abänderungsanträge eingereicht - die meisten von den Regierungsparteien.
 
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Abgeordnetenkammer am Montag: Kein Fake, sondern die Anwesenheit der Abgeordneten bei der Diskussion über das decreto sisma. (Foto:Twitter)
 
Die politische Schizophrenie kennt keine Grenzen. Die Rettung der maroden Fluggesellschaft Alitalia ist ein Lehrstück in Sachen politischer Irrsinn. 
Alitalia verliert eine Million Euro pro Tag, aber stellt gleichzeitig 50 neue dirigenti ein – die meisten sind Ausländer. Monatsgehalt 300.000 Euro, Dienstwagen, Schulgeld für die Kinder und 12 Monatsgehälter im Fall einer Entlassung. Auf jeden beförderten Passagier verliert die Fluggeselschaft 16 Euro.
Alitalia hat in den letzten 10 Jahren 9,5 Milliarden Euro in den Sand gesetzt – mit tatkräftiger Unterstützung der Gewerkschaften, deren Lieblingsspielplatz sie war: Frühpensionierungen, Beförderungen, Versetzungen in gewünschte Städte, Einflussnahme auf die Auswahl der Verwaltungsräte. Regierungschef Berlusconi hatte sich 2008 hartnäckig geweigert, das günstige Angebot von Air France und KLM zur Übernahme der maroden Alitalia anzunehmen: "L'Italia ha bisogno di una compagnia di bandiera."
Die dramatischen Folgen zeigen sich jetzt. Am Dienstagabend wartete Minister Stefano Patuanelli plötzlich mit der Nachricht auf, ein Einvernehmen mit der Lufthansa und anderen Partnern sei gescheitert. "Ovviamente in questo momento una soluzione di mercato non c´è." Mit anderen Worten: Alitalia fliegt weiter eine Million Verluste pro Tag ein. Die Fluggesellschaft mit ihren 11.500 Beschäftigten blickt einer ungewissen Zukunft entgegen.
 
Szenenwechsel: Die Bilder der überschwemmten Lagunenstadt Venedig weckten in diesen Tagen Erinnerungen an ein weiteres sündteures Unternehmen, bei dem Geldverschwendung eine unrühmliche Rolle spielte: Das Mose-Projekt zur Rettung der Stadt vor dem Hochwasser. 33 Millionen Euro an gefälschte Rechnungen dienten nur der Kaschierung üppiger Schmiergelder. Einer der Verurteilten war neben Venedigs Bürgermeister der langjährige Präsident Venetiens, Giancarlo Galan, der beim jüngsten Hochwasser mit seinem ebenfalls verurteilten Freund Silvio Berlusconi in Stiefeln über den Markusplatz spazierte, um sich fotografieren zu lassen. Unter dem sattsam bekannten Motto: L'Italia non cambia mai. 
Die für 2018 vorgesehene Inbetriebnahme des Mose ist mitterlweile auf 2021 verschoben worden. Erst dann wird man feststellen können, ob das System überhaupt funktioniert.

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Ritratto di Karl Egger
Karl Egger 27 Novembre, 2019 - 15:23

Die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen... Wäre es ein Nachbarland müsste man schmunzeln.

Ritratto di Daniele Menestrina
Daniele Menestrina 27 Novembre, 2019 - 15:52

Alitalia schrieb im ersten Semester 2 und nicht eine Million Verlust pro Tag.
Aber Conte hat im Parlament gesagt, wenn man beim Ebitda der Gesellschaft die Treibstoffkosten nicht berücksichtigen würde, wäre dieser positiv. Echt, kein Witz !

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