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thomas b.
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Neustart – oder Wiederbelebung?

Seit nunmehr 4 Wochen sind wir in der Arbeits- und Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Frage, die sich stellt: Wie soll es weitergehen?
Un contributo della community di Thomas B.12.04.2020
Ritratto di Thomas B.
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Die aktuelle „Seuchenlage“ betrifft nahezu jeden – mindestens ein Drittel der Menschheit ist arbeitslos. Niemand vermag (öffentlich) die Folgen des Stillstandes abzusehen, klare Aussagen sind Mangelware. Nicht nur wirtschaftliche Fragen bleiben bisher offen, sondern auch Folgen an Körper und Seele sind schwer abzuschätzen. Insbesondere das Gerede von dem, „dass nichts mehr so sei wie vorher“ klärt nicht die Frage, wohin die Reise gehen soll.

Für eine Wiederbelebung spricht die rasche Rückkehr zu den Strukturen, wie wir sie kennen. Die Auftragslage würde sich entspannen, die Arbeit in Produktions- und Dienstleistungsbereich könnte – unter gesundheitlichen Auflagen – beginnen. Staatliche Hilfe wird dort eingesetzt, wo die Produktion beginnt, alles andere regelt „der Markt“. Hotels öffnen mit zunächst geringen Buchungszahlen, die Loslösung vom Eingesperrt-Sein erhöhen jedoch rasch die Ankünfte, so dass trotz „notwendiger Schutzmaßnahmen“ Kapazitäten schnell ausgelastet sind. Die Kaufkraft wird am Anfang weniger sein, aber spätestens nach ein paar Wochen ist der Spuk beim Kaffeetrinken, beim Restaurantbesuch, beim Konzert schon fast vergessen. Ausgesetzte Mietzahlungen werden mit den ersten Einnahmen zurückgezahlt. Die Arbeitslosigkeit fällt auf den Stand von vorher zurück. Steuereinnahmen werden auch in das Gesundheitssystem fließen, die Privatisierung der Krankenhäuser wird eingestellt, Facharzttermine besser geregelt. Fast jeder wird also wieder zu seinem Arbeitsplatz gehen.

Für ein Überdenken der bisherigen Strukturen sprechen dagegen Probleme, die das System mit sich brachte. Da sind in erster Linie die Umweltbelastung und die Verminderung der Lebensqualität zu nennen. Die morgendlichen und abendlichen Staus, die Belastung der Straßen an Wochenenden, an Märkten, der Brenner-Autobahn sind nur eine Kehrseite der Medaille. Alternative Verkehrskonzepte konnten keine Entlastung bringen oder wurden – wie die veraltete Bahnverbindung Bozen-Meran falsch priorisiert. Der Flächenverbrauch seit den 1980er Jahren ist weitestgehend irreparabel, die Folgen – wie die Erwärmung von bebauten Gebieten, die Luft- und Lärmverschmutzung, das Verschwinden von Tierarten – werden eher verschleiert als klar öffentlich gemacht. Das Wohn(ungs)problem konnte nicht annähernd gelöst werden. Der Arbeitsmarkt entfernte sich vom Produktiven hin zu Dienstleistern und Verwaltern. Wir haben erfahren, dass Krankenschwestern, Verkäuferinnen und Friseurinnen, Lehrerinnen, LKW-Fahrer und die Feuerwehr wichtig, während Gleichstellungsbeauftragte, „Marketing/PR“ und Finanzmanager nachranig geworden sind. Die Zentralisierung vieler Prozesse in Wirtschaft und Politik führte zu großen Abhängigkeiten – meist von wenigen Personen oder Orten – und deren unentwirrbare Verflechtung, wie der zuletzt aufgedeckte „Masken-Skandal“. Die aufgebauschte Logistik ist nur Teil dieser fahrlässigen Abhängigkeit. Viele Hotels wurden in den letzten Jahren zu eigenen Dörfern ausgebaut. Jegliche Wertschöpfung wurde darauf ausgelegt; es ging nur in eine Richtung: Weiter, mehr und immer neue Konzepte. Das damit verbundene ständige Beschäftigt-Sein ließ viele nicht zur mehr Ruhe kommen und verhinderte den Blick auf das Naheliegende wie die Familie, Freunde, die Gesundheit... allein die Fähigkeit, Muße zu tun.

Die Erfahrung der Menschheitsgeschichte hat gezeigt, dass bei größeren Katastrophen der Ruf nach Schuldigen und deren „Beseitigung“ selten die Ursachen bekämpfte. Meist wurde nur eine Ideologie ausgetauscht, die Protagonisten im Hintergrund blieben. Der apokalyptische Untergang Pompejis ließ das Römische Weltreich noch hunderte Jahre weiterleben, bis die Germanen kamen. Die französische Revolution 1789 brachte Napoleon hervor; Generationen später das Versailler Diktat, das in ein neues Grauen führte; und man fing an, die Kriege zu zählen und Weltkriege zu nennen. Die Eliminierung Ceaușescus 1989 zum Beispiel änderte nichts daran, Rumänien mit westlichen Hypersaatgut zu überziehen, das alle bäuerlichen Strukturen zerstörte. Die aktuellen geopolitischen Grausamkeiten in der Ukraine, Syrien und Libyen sowie die Hoffnungslosigkeit in vielen Orten Afrikas hat auch Europa auferlegt zu spüren bekommen.

Dahin will ich nicht zurück. Auch möchte ich nicht „Klimaziele erreichen“, oder das „Denken auf eine neue Stufe stellen“. Aus „Müssen“ ist noch nie etwas Gutes entstanden. Vielleicht sollten wir unsere Welt ein wenig von innen besehen. Dabei sollte jeder seine Stärken zur Aufgabe machen (dürfen) und anderer Leistung anerkennen. Wenn jeder seinen Platz hat, braucht es keine Hochglanzversprechungen. All die Probleme, die jetzt plötzlich unwichtig geworden sind, lassen erkennen, dass sie nur ablenken von dem, was wir wirklich tun wollen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt damit zu starten. 

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Ritratto di Georg Lechner
Georg Lechner 13 Aprile, 2020 - 17:32

Die eine Frage ist, wohin die Reise gehen soll (und welchen Druck aus der Bevölkerung es braucht, damit es tatsächlich dazu kommt gegen die bestehenden Machtstrukturen) - die andere Frage ist, wohin die Reise ohne diesen Druck gehen wird (nämlich zum Weiterwursteln plus 3 %, was nach 23 Jahren dazu führen würde, dass wir doppelt so viel arbeiten, doppelt so viel essen und trinken und doppelt so schnell schlafen müssten als bisher).

Ritratto di Thomas B.
Thomas B. 18 Aprile, 2020 - 18:21

Doppelt so schnell schlafen? Gute Idee - vielleicht in einer Zeitkapsel, die man sich erst verdienen muss...
Meinen Sie mit "Druck aus der Bevölkerung" vielleicht "viva la revolución"? Leider hatten diese meist negative Folgen, die den ursprünglichen Zielen der Begründer wenig gemeinsam hatte wie die Geschichte zeigt (einige Beispiele habe ich angesprochen). Daher meine Schlusssätze, alles etwas lockerer zu nehmen und sich nicht gegenseitig überzeugen zu wollen, was nun das Richtige für "unsere" Zukunft sei.

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